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Titelthema

Was uns verbindet

Titelthema - Was uns verbindet
Lojze Wieser © Gerhard Maurer

Ein Gedicht, 140 Sprachen und die Sehnsucht nach Frieden. Gedanken zur Frage von Krieg und Poesie

01.04.2022

Hier und Dort /

Hier Sonne / Dort Bomben

Hier Frieden / Dort Tränen

Hier Zukunft? / Dort Graus!

Wohin gehen wir?


I.

Die letzten drei Wochen haben einiges in Bewegung gebracht. Ein Aufschrei in vier Versen beziehungsweise in 18 Worten hat eine ungeahnte Entwicklung genommen und uns vor neue Aufgaben gestellt. Etwas gar nicht Geplantes ist durch die eigene Dynamik zum Taktgeber geworden und fordert unser Denken heraus. Wohin gehen wir? Wohin wollen wir gehen? Wohin sollen wir gehen?

Ungeahnte Weiten und Möglichkeiten tun sich auf und sowohl wir als auch die Öffentlichkeit haben noch nicht wirklich begriffen, welche neue Kraft hier in und mit den Sprachen heranwachsen könnte und sichtbar wird. Vieles, was in den vergangenen Jahrzehnten als unverrückbares politisches Dogma galt, ist ins Wanken gekommen oder wurde über den Haufen geworfen.


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Bisher haben wir über die Möglichkeiten, die den Sprachen innewohnen, im Grunde mehr als weniger theoretisch gesprochen. Die erste Ahnung, dass sie gesellschaftspolitische Sprengkraft haben, hat sich in Kärnten bei der Ortstafellösung angedeutet und ist bisher (auch noch) nicht wirklich im Bewusstsein angekommen und zur Kenntnis genommen worden. Eher wurde der Hinweis darauf zweifelnd beäugt, belächelt oder als übertrieben angesehen. Doch man beginnt umzudenken, seit man nach fast 100 Jahren merkt, dass die einst negativ belastete und verschmähte Sprache positiv konnotiert wird und zum Beispiel die Anmeldungen zum Slowenisch-Unterricht in den Volksschulen nahe an die 50 Prozent herankommen. 40 Jahre haben das Ihre getan. 1980 keine einzige Übersetzung aus dem Slowenischen, heute zur und aus der slowenischen Literatur in die Hunderte gehend („Kärntner Rede“ aus dem Juli 2021 im Blog: lojzewieser.net/2021/07/07/kaerntner-rede-koroski-nagovor).

Auch bei den Innu in Kanada werden von den ersten Sprachen (es waren an die 70) drei wieder zu lehren begonnen. Es sind nur zwei Beispiele von vielen rund um die Welt. Oft wurde das Engagement für die angeschobene Kultur und Sprache als nationalistisch verurteilt und die Angst davor fuhr den bestimmenden und regierenden Staatsnationen in die Knochen, denn sie fürchteten um den Verlust ihrer meist erbeuteten Macht. Daher wurden die zu Minderheiten gemachten Menschen gewaltsam unterdrückt, assimiliert, vertrieben und ermordet, um den Mächtigen ja nicht die politische und ökonomische Dominanz streitig zu machen. Taten sie es doch, waren sie der Propaganda Mittel zum Zweck, um die um ihre Rechte kämpfenden Menschen und den Einsatz für die meist jahrtausendealten Kulturen und Sprachen als rückwärtsgewandt, Fortschritt ablehnend, reaktionär, minderwertig und überholt zu verunglimpfen. Die über weite Teile noch nicht geschriebenen Geschichtsbücher sind voll davon, nur nicht gedruckt, da die Erzählung von den Mächtigen aufrechterhalten und den von den Mächtigen zu Machtlosen gemachten über ihre Vergangenheit gestülpt werden soll – und für sie selbst als Rechtfertigung immer hergenommen werden kann.   

II.

Was erzählen uns das Gedicht und die vielen Übersetzungen und Interpretationen?

Das, was hier mit dem Gedicht in den letzten drei Wochen passiert und was um sich greift und zu einem Selbstläufer wird (mit leichtem Anschub von uns – Henk Scholte, Groningen, NL; durch Milenka Retschke, Bautzen, mich und dann den vielen anderen), ist neu, und Peter Gnaiger mit seinem Essay in den Salzburger Nachrichten vom 12. März hat es in der Einleitung auf den Punkt gebracht:

„Wieser ist – wie man hierzulande sagt – ein Kärntner Minderheitenslowene. Weshalb er die Übersetzung hinzufügte. Er veröffentlichte das Gedicht auf Facebook. Dann ging es rund. Und zwar über den Globus. Wir lernen drei Dinge: Erstens: Facebook hat auch seine guten Seiten. Nach einer Woche gab es Übersetzungen in 118 Sprachen und Dialekte. Sogar ins Gronische. Das wird in den Niederlanden rund um Groningen gesprochen. Zweitens: Es gibt eine weltweite Sehnsucht nach Frieden und Wohlbefinden – einen gemeinsamen Nenner. Warum sollten Menschen in Alaska und Papua-Neuguinea sonst bei einem Witz an der gleichen Stelle lachen?

Heute sinnieren Menschen zu Wiesers Stoßseufzer schon in der Türkei, Griechenland, Vietnam, Südkorea, Japan, Frankreich, Ägypten, Grönland, Kanada, Kamerun, Schweden, in der Antarktis und in Brasilien sowieso. Am Donnerstag waren es schon 140 Übersetzungen, die dem Text hinzugefügt wurden. Ein Ende der Menschenliebe ist also doch noch nicht in Sicht.

Und die dritte Erkenntnis? Bombe heißt wohl in allen Sprachen – Bombe. Auch die Angst dürfte also verbindend sein. Nur nicht für jene, die ihre Befehle vom Schreibtisch aus geben. Womit wir bei einem Philosophen angelangt wären, der vor 2300 Jahren viel in seinem Garten nachgedacht hat: Epikur.“

Der Wunsch nach Frieden ist in einer mir nicht bekannten Weise unideologisch und – das ist neu – stark sichtbar, er regt die verbindende, die Eigenart behaltende und fördernde Fantasie an.

Darin wird aber auch erstmals in der gegenwärtigen Wirklichkeit, in der tagtäglichen Kommunikation, die Wirkung der Übersetzung, die jeder für sich, oft in seine gesprochene Kindheitssprache macht, sichtbar, und man merkt, wie es verzaubert, anzieht, einen selbst verwandelt und das Gesprochene auf einmal ohne den Beigeschmack des Opfermythos auskommt. Ganz selbstverständlich einen öffnend, frei machend.

Und darin liegt zugleich das Mystische, es löst die Zunge und zeigt, wie ausdrucksreich Sprache, ob nun die Hochsprache oder der dialektale Ausdruck, ist, und Schleusen der aufgestauten Missachtung aufstößt und das Angestaute wie von selbst wegzuschwemmen beginnt. Ein weiterer Aspekt, der in den Aktivitäten der Schüler des „Slowenischen Gymnasiums“ in Klagenfurt/Celovec und der 1b der „Renner-Schule“ in Graz sichtbar wird, ist folgender:

Hier im „Slowenischen Gymnasium“ vor allem die Lust, sich im Dialekt der eigenen engeren Heimat und somit der Kindheitssprache zu üben und damit vielleicht seine innere Sicherheit bestätigt zu bekommen; dort in der „Renner-Schule“ die Übertragung in 15 Sprachen der in der Klassengemeinschaft aus aller Welt zusammengewürfelten Kinder, die, so kommt es rüber, erstmals ihre Sprache frei und ohne Einschränkung im Unterreicht anwenden. Im Brief an mich schreiben sie: „So eifrig wie noch nie wurde das Gedicht daraufhin als Hausübung von den Kindern – teils gemeinsam mit den Eltern und Geschwistern – in die unterschiedlichen Herkunftssprachen übersetzt. Rund fünfzehn verschiedensprachige Interpretationen des Gedichts kamen am Ende dabei raus, eine davon mithilfe einer Sprach-App in „Metacom-Symbolen“.

Das sind neue, bemerkenswerte Aspekte, die hier sichtbar werden. Beide weisen in eine Richtung, dass Sprache den Geist frei macht und das Gemeinsame stärkt, gar nicht rückwärtsgewandt, vielmehr sich der Sprache gegenüber öffnend, ihr mit Freude und Neugierde begegnend und damit der einengenden, Furcht verbreitenden Assimilation den Boden entzieht. Die über Jahrzehnte bekannte und die Menschen zum Misstrauen erziehende Funktion, die die Menschen über Jahrzehnte zum Verstummen gebracht hat, zerfällt zu Staub, hat man das Gefühl.

Und noch eine weitere, bisher hochgehalten Norm der gesellschaftlichen Realität des vergangenen Jahrhunderts sehen wir wanken. Es wird immer deutlicher, dass diese auch mit dem derzeitigen sich zunehmend verschärfenden Krieg in Europa in Verbindung gebracht werden kann.

Bisher galt: „Eine Sprache – eine Nation – ein Territorium“. Damit begründeten alle Theoretiker der Macht in den vergangenen 150 Jahren ihre Vorgangsweise – vom Völkerbund über Stalin und Hitler bis zu den heutigen Apologeten des Nationalstaates, die zunehmend den Friedensgedanken des Konzeptes der Europäischen Union mit ihrem Festhalten am Nationalstaat untergraben. Mit dieser oben angeführten These wurden im 20. Jahrhundert Kriege begründet und geführt. Diese Millionen Leben fordernde Staatsprämisse des 20. Jahrhunderts ist nicht nur brüchig geworden. Spätestens beginnend mit dem Krieg um Jugoslawien wurde klar, dass diese geltende Staatsdoktrin bröckelt. Spätestens mit der Fluchtbewegung 2015 wurde es zur Sicherheit, dass diese die Weltpolitik des 20. Jahrhunderts beherrschende, rückwärtsgewandte, kriegsfördernde und den Frieden zerstörende Staatsdoktrin gescheitert ist. Je rascher diese Erkenntnis in die Köpfe einsickert, desto geringer der Schaden, den das absterbende ideologische Gewebe anzurichten imstande ist.

Zur Realität wurde die Tatsache, dass, je mehr man Sprachen assimilieren will, sie umso sehnsüchtiger hervordrängen – nicht immer mit den adäquaten Mitteln. Die Existenz der vielen Sprachen nebeneinander ist Realität, wie Flüsse, die lange Zeit unterirdisch fließen und dann plötzlich an die Oberfläche treten.

III.

Wir öffneten die Tür zu einer neuen Erkenntnis, dass Nation und Staat nicht eins sind, und dass Territorium und Sprache ein sich ausschließender Antagonismus sind.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen und verstehen lernen, dass „Sprache ohne Territorium“ zur gesellschaftlichen Anerkennung drängt und zunehmend zur Leben und Wirklichkeit beherrschenden Tatsache wird. Je früher wir das Anerkennen und Annehmen, desto weniger Schaden werden wir uns selber zufügen und auch in der Organisation des friedlichen zukünftigen Lebens nicht allzu weite Umwege gehen müssen.

Diese Erkenntnis und die Annahme der These von „Sprache ohne Territorium“ trägt die Umsetzung der demokratischen Lebensorganisation für alle auf Augenhöhe in sich und steht einer totalitären und diktatorischen Organisation des Lebens diametral entgegen. Daher wird es zur Notwendigkeit, diese überfällige Plage des 20. Jahrhunderts nicht ins 21. Jahrhundert mitzuschleppen. Durch konsequente demokratischen Lebensorganisation können sich Türen zu Achtung, Würde, den Menschenrechten und zur Gleichheit aller Sprachen öffnen.

IV.

Der Nationalstaat war – und ist es –, der einer positiven friedlichen Veränderung im Wege steht, weil er am laufenden Band Minderheiten produziert, ihnen Sprache und Kultur nimmt, sie gefügig macht, sie assimiliert oder die Menschen zu Opportunisten werden lässt; der die Menschen zum Verstummen zwingt, der vertreibt und Machtterritorien schafft, damit sich seine staatstragende Sprache über alle anderen stellt und sich somit wichtiger nimmt als die anderen.

„Sprache ohne Territorium“ öffnet, hebt die Menschen auf Augenhöhe, lässt die Kultur sich entfalten und frischt das gemeinsame Umgehen in Achtung und Würde auf, nimmt nichts weg, macht neugierig, ermöglicht die Begegnung und lässt die Fantasie sprudeln. Erst recht in Zeiten der digitalen Vernetzung.

V.

Der Aufschrei in vier Versen, der zum Lauffeuer geworden ist, hat den Finger auf die rasant einschneidenden und breit sichtbar gewordenen Notwendigkeiten gelegt. An den Übersetzungen, Interpretationen und Sprachspielen wird der Wunsch nach Frieden sichtbar, die emotionale Verwendung der eigenen Kindheitssprache entwirrt die babylonische Sprachverwirrung und leitet sie in eine Vielstimmigkeit über, die fühlbar verbindet, die Kräfte mobilisiert, einem selbst Halt gibt und Veraltetes und Überholtes hinter sich lässt.

In dem Maße, in dem sich die russischen und ukrainischen Demokraten gegenseitig unterstützen, werden sie gemeinsam und dauerhaft den Aggressor besiegen. Dazu gehört auch, dass jegliche chauvinistischen Bestrebungen in der ukrainischen und russischen Gesellschaft von Anbeginn an klar und eindeutig zurückgewiesen werden. Der Aufruf zum Boykott der russischen Autorinnen und Autoren, ihrer Bücher, wie dies seitens einiger ukrainischer Proponenten wenige Tage nach Beginn des Krieges gefordert wurde, verhindert, dass die Aggression besiegt wird und ein friedlicher Wiederaufbau in Angriff genommen wird. Die Trennung läuft zwischen Demokratie und Reaktion generell und weltweit – auch in Russland und der Ukraine – und nicht zwischen den Sprachen und den Ethnien.


Zur Person
Lojze Wieser baut als Verleger und Autor seit über 40 Jahren Brücken zwischen Ost und West. Sein Verlag in Klagenfurt hat sich auf osteuropäische Literatur spezialisiert.

www.lojzewieser.net

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