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Bonn

Geschichte(n) eines Hauptstadtclubs

Peter Steinbach11.01.2013

Rotarier sind nicht selbstgenügsam. Sie sehen in der Geselligkeit um ihrer selbst willen kein Ziel, das sich genügt. Sie wollen dienen und durch freundschaftliche Zusammenkünfte den Blick weiten, Verbindungen festigen und – auch dies ist ein Anspruch – in die Gesellschaft hineinwirken. Das muss nicht immer durch großzügige Spenden geschehen, durch Hands-on-Initiativen, sondern gelingt nicht zuletzt durch das Zusammenwirken im Club selbst. Prägend sollen dabei die Präsidenten sein. Als Glücksfall gilt, wenn sie ihre Chance nutzen und Akzente setzen, an die man sich noch nach Jahren erinnert. Präsidenten wählen einen Leitspruch, entwickeln ein Programm, setzen durch Reisen und Kontakte Akzente.

Im Spiegel der Geschichte

Eine von dem ehemaligen Präsidenten des Bonner Hauses der Geschichte zusammengefügte Festschrift kreist um die Aktiviten der Präsidenten des Rotary Clubs Bonn Süd-Bad Godesberg, der vor 50 Jahren vom bereits 1950 ins Leben getretenen RC Bonn gegründet worden war. Die Geschichte des Godesberger Clubs ermöglicht einen Einblick in den kulturellen Wandel, der in fünf Jahrzehnten die Bundesrepublik verändert hat.

So widmet sich der Club zehn Jahre nach seiner Gründung der „Republik im Umbruch“. 1979 heißt es dann – in der Republik tobt gerade der Streit um den NATO-Doppelbeschluss – „Geschichte ist in“. Zehn Jahre später geht es um „Geldwertstabilität“. Natürlich schlägt sich auch der Epochenumbruch der Jahre 1989 ff. nieder: Nun wird deutlich, wie ein Club, der in der ehemaligen Bundeshauptstadt mit Regierung, Universitäten, Kultureinrichtungen verankert ist, den politischen Wandel begleitet und zugleich auf soziale und kommunale Veränderungen reagiert, die etwa die Bedeutung von „Heimat“, von Dauer und Langsamkeit neu ins das Bewusstsein rücken. „Mitten im Umbruch“ geht es zwei Jahre um „(N)Ostalgisches“. In dieser Zeit wird aus der Bundeshauptstadt die Bundesstadt Bonn. Damit rücken Perspektiven in den Vordergrund, die spüren lassen, wie eine vergehende und sich neu formende Welt von weltoffenen Präsidenten reflektierend begleitet werden kann.

„Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ – das Motto des Herausgebers markiert den Kurs, der Wandel nicht nur aushält, sondern gestaltet. Herausgekommen ist eine Festschrift, die über den engen Rahmen des Clubs hinausweist. Sind rotarische Festschriften auch kaum überschaubar, so stellt sich mit dem Bonner Jubiläumsband die Frage, wie Vereins-, Kultur- und Politikgeschichte in Deckung gebracht werden können. Die Festschrift macht verständlich, dass auch Rotarier politische Kultur verkörpern und nicht zuletzt mitgestalten.

Spannungsvoller Spagat

Mehr noch: In der Bonner Clubgeschichte spiegeln sich säkulare Umbrüche, dramatische politische Ereignisse, ersehnte Neuanfänge, die ihren Preis haben. Es wird deutlich, dass der spannungsvolle Spagat zwischen Tradierung und Infragestellung nicht nur bewältigt werden kann, sondern sich im reflektierten, weltoffenen, aber nicht modischen freundschaftlichen Zusammensein niederschlägt – nicht nur zum Nutzen des Clubs, der zurückschaut, sondern auch zum Nutzen der Gesellschaft, in der er wirkt.

Peter Steinbach
Peter Steinbach (RC Baden-Baden) ist Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in Berlin und Professor für neuere und neuste Geschichte an der Universität Mannheim. Zu seinen Büchern zählen u. a. "Der 20. Juli 1944" (Siedler 2004) und "Franz Schnabel. Der Historiker des freiheitlichen Verfassungsstaates" (Lukas 2010) www.gdw-berlin.de