31.01.2016

Identität der polnischen Stadt Wrocław 

Eine europäische Metropole

Krzysztof Ruchniewicz

In Zeiten, in denen die polnische Regierung einen nationalkonservativen Kurs fährt, hat es einen besonderen Reiz, wenn eine der größten Städte des Landes Europäische Kulturhauptstadt ist. Die Beiträge dieses Titelthemas widmen sich einer Metropole, die auch jenseits der Feierlichkeiten eine Erkundung wert ist.

In den Chroniken großer Städte finden sich nahezu überall Ereignisse, die politische, kulturelle und wirtschaftliche Einschnitte markieren und in Erinnerung rufen. Diese Daten signalisieren Grenzsituationen, die gegenwärtig oder erst nach vielen Dekaden wahrgenommen werden. Die Nennung einer konkreten Zäsur ist die Manifestation eines Endes oder eines Neuanfangs. Es ist ein Übergang von einer Periode in eine andere, ein Überschreiten einer oft unsichtbaren Grenze; ein Meilenstein sowohl auf dem Weg der Stadtentwicklung als auch für die an dieser Entwicklung beteiligten Menschen.

Ein laut verkündeter Neubeginn bedeutet jedoch keine Auslöschung der Vergangenheit. Man kann sich von der Geschichte nicht trennen, nicht von ihrem Erbe und auch nicht von ihrer Last. Die Geschichte kann man übergehen, ignorieren, verschweigen oder auch umschreiben. Trotzdem bleibt sie immer noch präsent, tritt sie an verschiedenen Ecken in Erscheinung: Geschichte erscheint in Gestalt von alten Inschriften an Hauswänden, die hartnäckig durch neue Farbschichten dringen, sie lauert auf heruntergekommenen Friedhöfen oder versteckt sich auf Dachböden, auf denen unbrauchbare Gegenstände jahrzehntelang gesammelt wurden. Die Vergangenheit kann als schöne Erzählung oder in Form von Gewissensbissen zurückkehren – nur auslöschen lässt sie sich nicht.

Piasten statt Hohenzollern und Habsburger

Breslau, die (nieder-)schlesische Metropole, durchlebte in ihrer Geschichte unterschiedliche Phasen und Epochen. Von den Mäandern ihrer 1000-jährigen Entwicklung zeugen die verschiedenen Namen der Stadt, die Zugehörigkeit zu unterschiedlichen Staaten und die divergierende Zusammensetzung ihrer Bevölkerung. Eine der radikalsten Zäsuren in der Geschichte der Stadt war zweifelsohne die des Jahres 1945. Die infolge der Kämpfe um die Festung Breslau enorm zerstörte Oderstadt fand sich in den neuen Grenzen des polnischen Staates wieder. In den Jahren darauf folgte ein nahezu vollständiger Bevölkerungsaustausch. Die bisherigen deutschen Einwohner mussten die Stadt und die Region verlassen; ihren Platz nahmen andere ein: aus allen Teilen Polens stammende Menschen, auch solche aus den Ostgebieten, die Polen im Zuge des Hitler-Stalin-Paktes vom 23. August 1939 und des Potsdamer Protokolls verloren hatte.

Die ersten Jahrzehnte des neuen Zeit­alters waren durch die Ansiedlung und den Wiederaufbau der Stadt sowie den Versuch geprägt, ihrer Geschichte eine neue Interpretation zu geben. Die offiziellen Stichworte dafür  waren „Repolonisierung“ oder „Rückkehr ins Mutterland“. Tatsächlich war und blieb Wrocław, wie Breslau nun hieß, für viele neue Ansiedler lange Zeit eine „fremde Stadt“ (Gregor Thum). Erst im Laufe der Jahre begann sich das Interesse für die Vergangenheit vor 1945 zu entwickeln. Es entstanden erste Initiativen, die sich zum Ziel setzten, die Aufmerksamkeit der neuen Einwohner auf das multinationale, multireligiöse und mäandere Erbe Breslaus zu lenken.

In den 1980er Jahren diskutierte man – u.a. in den Kreisen der Kunsthistoriker – intensiv darüber und suchte nach Lösungen, wie man die Breslauer Einwohner für dieses Erbe sensibilisieren könnte. Diese Diskussionen wären ohne die schrittweise Aufgabe des sogenannten „Piasten-Mythos“, der zuvor von den kommunistischen Machthabern forciert wurde, nicht möglich gewesen. Tausenden von neuen Einwohnern, die freiwillig oder gezwungen ihre Heimat im Osten Polens verlassen hatten, sollte dieser Mythos nach dem Zweiten Weltkrieg helfen, sich an das „postdeutsche“ Erbe zu gewöhnen und den „fremden“ nationalen Charakter des Ortes ausschalten. Die Erzählung über die Vergangenheit von Stadt und Region war der Zugehörigkeit zur Piasten-Herrschaft im Mittelalter untergeordnet worden, die nachfolgenden Epochen sollten zum weißen Fleck auf der „geistigen Landkarte“ der Polen degradiert werden.

Stadt vor Nation

„Im Raume lesen wir die Zeit“. Die Anwendung dieses methodologischen Zugriffs des deutschen Historikers Karl Schlögel auf die Geschichte der Stadt trifft ihre heutige Situation gut. Nach der Wende des Jahres 1989 wurde Wrocław mit seinem jahrhundertalten Erbe als Teil eines gemeinsamen europäischen Kulturerbes (Marek Zybura) gesehen, und immer noch dauern die vor über zwei Jahrzehnten unternommenen Versuche, die Stadt neu zu lesen, an. Eine Bedingung für den Beginn dieses Prozesses war die Überwindung der scharfen nationalen Grenzen und die Lenkung der Aufmerksamkeit auf das multiethnische, reiche Kulturerbe und die daraus resultierenden Konsequenzen für die heutigen Einwohner von Wrocław.

An diesem Werk beteiligen sich derzeit nicht nur Stadtväter und Regionalpolitiker aktiv, sondern auch die Universität sowie viele andere Institutionen. Darüber hinaus engagieren sich die Stadteinwohner sehr stark, für die Wrocław einfach „ihre“ Stadt ist (abgesehen von dem einen oder anderen historischen Zeitabschnitt). Durch ihre wechselvolle Geschichte wirkt die Metropole heute interessant, faszinierend, eben spannend. Zurecht rühmt sich die Stadt ihrer Sehenswürdigkeiten. Es sind stumme, aber tatsächlich sehr vielsagende Denkmäler der vergangenen Epochen. An ihrer Entstehung waren verschiedene Nationen beteiligt. Man kann es als ein Wunder bezeichnen, dass an Stelle der oft stark zerstörten, „fremden“ Denkmale keine Plattenbauten errichtet wurden, sondern das alte Stadtzentrum mit großer Pietät nach alten Plänen wiederaufgebaut wurde. War das ein Verdienst der Deutschen? Die Stadt bauten die Polen auf. Sind es deshalb polnische Sehenswürdigkeiten?

Derartige Fragen führen uns heute nicht mehr weiter. Vielleicht bewirkt der genius loci, dass die Anstrengungen der Einen um die Sehenswürdigkeiten der Anderen einen gemeinsamen Dialog über die nationalen Grenzen hinweg ermöglichen. Ich stimme Andrzej Zawada zu, wenn er in seinem Essay über die deutsche Vergangenheit der Stadt „poniemieckość“ (postdeutsche Gegenwart) schreibt: „‚Poniemieckość‘, als ein Element der heutigen Kultur, löst weder Widerspruch aus noch stört es uns, es wird als gesellschaftlich nicht relevant angesehen. Am Anfang des 21. Jahrhunderts beobachten wir eine Identität mit dem Ort, ohne dass wir die kulturelle Genealogie dieses Ortes neu definieren müssen.“

Erwartungen an das Kulturhauptstadtjahr

Ein guter Anlass zur erneuten Diskussion über die Bedeutung der Stadt im aktuellen Polen und Europa bietet der Status der Stadt als Europäische Kulturhauptstadt 2016 an. In den letzten über zwei Jahrzehnten ist es mit Erfolg gelungen, eine gewisse kulturelle Melange zu erreichen. Die von den Stadtvätern propagierte Politik der Öffnung betraf nicht nur die Vergangenheit, sondern ist auch in die Zukunft gerichtet. Der bei dieser Gelegenheit immer wieder vorgebrachte Leitspruch „Wrocław als Stadt der Begegnung“ gibt diese Politik passend wieder.

Diese Einstellung unterscheidet Wrocław von den anderen Metropolen in Polen, die oft keine so dramatische Geschichte wie die Stadt an der Oder haben. Die Bewohner Wrocławs, die neue und zugezogene Bevölkerung, mussten ihre Verbindung zu ihrer neuen Heimat erst herstellen. Im Laufe der Nachkriegsjahrzehnte begannen sie, die Stadt zu schätzen und sind heute sehr stolz auf sie. Das heißt jedoch nicht, dass eigene Traditionen aus der alten Heimat vergessen wären. Zwar ist Wrocław nach 1945 zu keinem Lemberg, das Polen vor 1945 angehörte, geworden, aber viele Orte hier erinnern an die Stadt in der heutigen Ukraine. Zum Symbol wurde das Denkmal eines polnischen Dramatikers aus dem 19. Jahrhundert, Graf Aleksander Fredro, sowie die Ossolineum-Bibliothek, eine der größten und wichtigsten wissenschaftlichen Bibliotheken Polens. In der Stadt wurden mehrere Denkmäler errichtet, die an das Schicksal der Polen im Osten während des Zweiten Weltkrieges erinnern. Überdies sind hier die Organisationen und Verbände der ehemaligen Bewohner der polnischen Ostgebiete tätig.

Während des Jahres als Europäische Kulturhauptstadt werden in Wrocław zahlreiche Veranstaltungen wie Diskussionen, Ausstellungen, Theatervorstellungen, Konzerte u.a.m. stattfinden. Nach Wrocław kommen viele Touristen, die an diesen Veranstaltungen teilnehmen. Es kommen auch viele Interessenten für die Debatten über die Gegenwart und Zukunft der Metropole an der Oder. Die Wrocławer sind auf die Erfolge ihrer Stadt sehr stolz. Allerdings kämpft Wrocław – wie jede große Metropole in Polen und Europa – mit mehreren Problemen. Eines davon ist die Zunahme an intoleranten und xenophoben Haltungen. Es ist ein schwieriges Problem, das uns zur vertieften Reflexion und zu Gegenreaktionen bewegen sollte, damit das Treiben von einer marginalen Gruppe keinen Schatten auf uns alle werfen kann. Die Hoffnung ist, dass die kulturellen Ereignisse des Jahres 2016 auch dabei eine Abhilfe leisten werden.

 „Wrocław 2016“ zeigt nicht nur die kulturelle Vielfalt Breslaus oder Schlesiens, sondern auch Europas, dessen Teil wir sind, und es ermöglicht uns, diese Vielfalt unseren Gästen zu zeigen. Zugleich belebt es das Interesse und die Wertschätzung der Bewohner für alles, was die Stadt und uns selbst geschaffen hat.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2016

Krzysztof Ruchniewicz
Prof. Dr. Krzysztof Ruchniewicz ist Direktor und Inhaber des Lehrstuhls am Willy-Brandt-Zentrum für Deutschland- und Europastudien der Universität Breslau/Uniwersytet Wrocławski.

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