29.12.2015

 

Hilfe in Syrien

Karsten Malige

Vier Millionen Syrier sind schon geflüchtet. Doch Hilfe brauchen auch die, die bleiben wollen oder müssen

Als im März 2011 der Konflikt in Syrien ausbrach, ahnte noch niemand, dass daraus die größte humanitäre Katastrophe seit dem Zweiten Weltkrieg entstehen würde. Im März 2012 waren rund 30.000 Syrer in die Anrainerstaaten Jordanien, Libanon und Türkei geflohen; nur ein halbes Jahr später, im September 2012, lebten schon mehr als 278.000 syrische Flüchtlinge im Ausland; und  wieder ein halbes Jahr später, im März 2013, waren es mehr als eine Million. Erste Aufnahmeprogramme wurden angelegt, das Hilfswerk der Vereinten Nationen richtete den bis dahin größten Appell an die Mitgliedstaaten. Denn die Zahl der syrischen Flüchtlinge stieg weiter - im August 2013 auf rund zwei Millionen, darunter das einmillionste Flüchtlingskind.

„Dieses einmillionste Flüchtlingskind ist nicht nur Statistik“, sagte Anthony Lake, Exekutivdirektor von Unicef, dem Kinderhilfswerk der UN. „Es ist ein reales Kind, das aus seiner vertrauten Umgebung gerissen wurde, vielleicht sogar aus seiner Familie, konfrontiert mit schrecklichen Erlebnissen, die wir kaum nachvollziehen können. Wir müssen uns alle schämen“, fuhr Lake fort, „denn während wir daran arbeiten, das durch diesen Krieg verursachte Leid zu mindern, hat die Weltgemeinschaft es versäumt, die Verantwortung für dieses Kind zu übernehmen. Wir sollten innehalten und uns fragen, ob wir weiterhin die Kinder Syriens ihrem Schicksal überlassen können.“

Kinder traumatisiert
UN-Flüchtlingskommissar António Guterres unterstrich: „Worum es geht, ist nichts weniger als das Überleben und Wohlergehen einer Generation von unschuldigen Menschen. Die Jugend Syriens“, so Guterres, „verliert ihre Heimat, ihre Familien, ihre Zukunft. Selbst wenn sie Zuflucht in einem anderen Land gefunden haben, so bleiben sie doch traumatisiert und verzweifelt. Sie brauchen dringend einen Grund, Hoffnung zu haben.“

Die Weltgemeinschaft hat es bisher versäumt, die Verantwortung für die Kinder Syriens zu übernehmen, denn seither ist die offizielle Zahl der im Ausland registrierten Flüchtlinge angestiegen auf knapp 4,3 Millionen, davon sind etwa 51 Prozent Kinder und Jugendliche unter 17 Jahre. Mit anderen Worten: Fast 2,2 Millionen syrische Kinder und Jugendliche sind vor den Grausamkeiten dieses Konflikts ins Ausland geflüchtet. Die Zahl der Inlandsflüchtlinge ist weit höher.

Inzwischen hat die Krise Europa erreicht.Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks haben zwischen 2011 und Oktober 2015 insgesamt 153.665 Syrer in Deutschland Asyl beantragt. Das sind 3,6 Prozent aller Syrer, die ins Ausland geflohen sind. Insgesamt wurden in Europa 681.713 Syrer registriert. Allein zwischen Juni 2015 und Oktober 2015 hat sich die Zahl der Syrer in Europa verdoppelt.  Etwa viereinhalb Jahre nach Ausbruch des Konflikts in Syrien sind also etwa 16 Prozent der Flüchtlinge in Europa gestrandet, die Hälfte davon im fünften Jahr des Konflikts. Vereinhalb Jahre ohne Hoffnung sind eine lange Zeit.

Zum vierten Jahrestag des syrischen Konflikts schreibt das UNHCR: „UN-Flüchtlingskommissar Guterres bekräftigte, weitaus mehr müsse getan werden, um syrische Flüchtlinge aus ihrem albtraumhaften Leid zu befreien. Die schlimmste humanitäre Krise unserer Zeit sollte einen globalen Aufschrei zur Unterstützung hervorrufen, stattdessen schwindet die Hilfe. Finanzierungsaufrufe für humanitäre Hilfsprogramme bleiben systematisch unterfinanziert. Es gibt weder genügend humanitäre Hilfe, um den enormen Bedarf zu decken, noch genügend Entwicklungshilfe für die Aufnahmestaaten, die unter der Belastung so vieler Flüchtlinge ächzen.“

„Immer mehr Syrer verlieren ihre Hoffnung“ beklagt das UN-Flüchtlingswerk. „Tausende haben versucht, unter Lebensgefahr über den Landweg oder übers Meer Europa zu erreichen. Sie müssen dabei ihre ganzen Ersparnisse an Schlepper zahlen. Trotzdem erreichen viele Flüchtlinge nicht ihr Ziel. Wer es jedoch schafft, muss zunehmend mit einer feindseligen Haltung rechnen. Flüchtlinge werden in einem Klima zunehmender Panik mit Sicherheitsproblemen in Zusammenhang gebracht.“

In der Tat sind die humanitären Hilfsprogramme des UNHCR chronisch unterfinanziert. Hatten die Geberstaaten schon 2014 nur einen Teil der zugesagten und dringend benötigten Gelder eingezahlt, so sind Mitte November 2015 erst 45 Prozent der Summe gedeckt, die zur Finanzierung vielfältiger Hilfsprogramme benötigt wird. Was letztlich bedeutet, dass das Hilfswerk der Vereinten Nationen und die unterstellten Hilfsorganisationen viele Programme für Flüchtlinge in Syrien und den Anrainerstaaten streichen müssen. Die Folge ist, dass Kinder ohne Bildung aufwachsen, und Menschen inmitten oder am Rande dieser Katastrophe vor Hunger oder unzureichender Hygiene und medizinischer Betreuung sterben oder dass sie erfrieren. Oder sie machen sich auf den Weg in eine vermeintlich bessere Zukunft.

Was aber ist mit denen, die in Syrien ausharren? Über sie wird kaum noch berichtet, so als ob in Syrien nur noch Kriegsparteien existierten. Dabei gibt es in Syrien noch eine Zivilbevölkerung. Mehr als zwölf Millionen Menschen dort sind schon seit viel zu langer Zeit dringend angewiesen auf humanitäre Hilfe und Nothilfe. Viele leben in sogenannten schwer erreichbaren Regionen.  Was ist mit diesen Menschen? Nur rund 40 Prozent von ihnen haben Zugang zu halbwegs sauberem Trinkwasser. Viele können sich oft nur einmal am Tag Nahrung beschaffen, wenn überhaupt. Sie leiden an chronischen Krankheiten oder müssen sterben, weil Medikamente fehlen. Was ist mit den Kindern, Alten und Behinderten? Was mit den sicher acht Millionen Binnenflüchtlingen, die innerhalb Syriens Schutz suchen und es allein schon mangels Geld niemals ins vermeintlich rettende Ausland schaffen werden?

Pakete mit lebensmitteln verteilt
Der Verein SyrienHilfe versucht, darauf eine Antwort zu geben. Versucht, gemeinsam mit tatkräftigen Syrern und dank Spenden tatkräftiger Unterstützer dort zu helfen, wo Hilfe am meisten gebraucht wird: in Syrien. So erhalten bedürftige Familien seit  2012 jeden Monat Lebensmittelpakete mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln, die übrigens alle in Syrien gekauft werden. Flüchtlingsfamilien werden in Wohnungen untergebracht und mit Dingen des täglichen Bedarfs versorgt, sie werden außerdem durchgehend betreut und erhalten nach Möglichkeit Hilfe, wenn diese nötig wird etwa bei Geburten oder Krankheiten. Oder bekommen wie jetzt im Winter Kleidung. Waisenkinder erhalten eine monatliche Unterstützung, mit Hauptaugenmerk auf Bildungszugang. In Selbsthilfe-Projekten wird Gemüse und Geflügel gezüchtet und verteilt. Dabei ist es allen Beteiligten ein großes Anliegen, die Hilfe mit Würde zu leisten, also Menschen nicht „nur“ satt zu machen, sie in Wohnungen unterzubringen oder sich ihrer Sorgen und Krankheiten anzunehmen, sondern auch sie mit Respekt zu behandeln und ihnen trotz oder gerade wegen ihres Leids mit größter Achtung zu begegnen.

Diese Art zu helfen bedeutet auch, soziale Strukturen zu bewahren, eine Zivilgesellschaft am Leben zu erhalten, in der jeder Mensch mit Respekt behandelt wird, in der gegenseitiges Vertrauen aufbaut wird und in der die Menschen füreinander einstehen.

Das seit etwa einem Jahr bestehende Selbsthilfe-Projekt „Zentrum für Spezialbedürfnisse“ ist gelebtes Hands-on, ganz ohne Anstecknadel, eine Einrichtung, in der Versehrte, Behinderte und Nicht-Behinderte gemeinsam arbeiten und Werkstätten für Rollstühle, Gehhilfen oder Schuhe betreiben, in der Physio- und Psychotherapie-Möglichkeiten bestehen und wo sogar Inklusion eine Rolle spielt. Alle, die in dieser Einrichtung jeden Tag füreinander einstehen, tun dies nach dem Motto „Lieber kostenlos arbeiten als wahnsinnig werden!“.

Auch wenn im Frühjahr 2014 zwei Projekte in der Türkei und im Libanon für dort gestrandete syrische Flüchtlinge dazu gekommen sind: Hauptaugenmerk und Schwerpunkt der Arbeit des Vereins SyrienHilfe ist und bleibt Syrien. Denn die Menschen dort brauchen am dringendsten unsere Hilfe.

Erschienen in Rotary Magazin 1/2016

Karsten Malige
Karsten Malige (Mitglied im Rotary Club Rastatt-Baden-Baden) leitet in zweiter Generation ein Ingenieurbüro für Vermessung in Süddeutschland und betreut damit unter anderem seit 1997 archäologische Ausgrabungen in Syrien. Er ist zudem Gründungsmitglied und Vorsitzender des gemeinnützigen Vereins Syrienhilfe e.V. Homepage des Vereins Syrienhilfe e.V.

Rotary Magazin 5/2016

Rotary Magazin Heft 5/2016

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