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Plötzlich im Rampenlicht

Titelthema - Plötzlich im Rampenlicht
Messinstrumente helfen beim Vor-Ort-Check. Die zentrale Messwarte ist heute bei Rosenheim. © Peter Hinz-Rosin

Gasspeicher sind zum großen Alltagsthema geworden. Aber wie funktionieren die eigentlich? Ein Ortstermin im bayerischen Wolfersberg.

Julia Graven01.09.2022

Das Getreide für den Winter hat der Bauer schon geerntet. Jetzt rumpelt er mit dem gelben Traktor über die staubigen Stoppelfelder unterhalb des Weilers Wolfersberg und bereitet sie für die nächste Aussaat vor. Nur eine Handvoll Häuser stehen auf der kleinen Anhöhe im Südosten von München, daneben die kleine Kapelle St. Ulrich mit ihrem Zwiebelturm. Schon vor 1000 Jahren haben die Bewohner des Gutshofes hier Gottes Beistand für ein friedliches Leben und eine gute Ernte erbeten.

Ein paar Hundert Meter weiter wird ebenfalls für den Winter vorgesorgt. Mitten im Wald im ländlichen Oberbayern liegt der Gasspeicher Wolfersberg. Es ist einer der Orte in Deutschland, an denen sich gerade entscheidet, ob wir in den kommenden Monaten genügend Erdgas haben, um unsere Wohnungen zu heizen, oder ob wir frieren müssen.

Vier Fahnen flattern im Sommerwind, der Besucherparkplatz ist leer. Ein leises Wummern dringt vom weitläufigen, eingezäunten Gelände herüber. Menschen sind auf dem betonierten Gelände zwischen flachen Industriehallen, Rohrleitungen und Tanks nicht zu sehen. Eine Kamera wacht am Eingangstor über den Zutritt. Hier unter der Erde wird das Erdgas gespeichert, das uns über den Winter helfen soll.

Mit 200 bar porentief rein

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Vor dem Verbrauch wird das Gas aus dem Speicher gewärmt, getrocknet und wieder an den Pipeline-Druck angepasst. © Peter Hinz-Rosin 

Seit der Krieg in der Ukraine die Gasversorgung in den Blickpunkt gerückt hat, sind auch die Füllstände der 47 deutschen Speicher ein Thema. Nachdem Nachrichtensendungen zwei Jahre lang Inzidenzen und Impfquoten geliefert haben, werden nun detaillierte Daten über die gespeicherten Gasmengen serviert. Dabei haben vor einem Jahr viele Menschen nicht einmal gewusst, dass es so etwas wie Gasspeicher überhaupt gibt. Auch Bundeskanzler Olaf Scholz zeigte sich verblüfft, als er im Dezember 2021 im Wirtschaftsministerium nachfragte, was eigentlich passiere, wenn plötzlich kein Gas mehr geliefert wird. Seine Erkenntnis: „Diese Frage hat sich offenbar bis dahin niemand richtig gestellt und hat auch niemand zu Ende beantwortet.“

Stimmt nicht ganz. Außerhalb des politischen Berlins schon. Einer von ihnen ist Horst Geier. Der gelernte Messtechniker kümmert sich seit 37 Jahren um den Speicher in Wolfersberg. Er sagt: „Jetzt hat auch der Letzte erkannt, wie sehr wir die Speicher brauchen.“ Als Betriebsleiter bei der Firma Nafta, die die Speicheranlage in Wolfersberg 2019 vom russischen Oligarchen Michail Fridman gekauft hat, kennt er den Füllstand auf die Nachkommastellen genau: 47,96 Prozent waren es am Vorabend. Ziemlich wenig für Mitte August. Die Frage ist nun: Können Horst Geier und seine Kollegen an den anderen Speichern ihre Anlagen so weit füllen, dass es für den Winter reicht?

Heute Abend werden wieder knapp 40 Gigawattstunden mehr Gas unter der Erde sein. Die Befüllung läuft auf Hochtouren. Trotzdem ist Horst Geier sicher, dass der Gasspeicher Wolfersberg an den Vorgaben der Regierung scheitern wird. Laut Gasspeichergesetz vom 30. April müssen die deutschen Gasspeicher zum 1. November zu 90 Prozent befüllt sein. „Das hätten wir noch geschafft“, sagt Geier. Doch dann seien „mitten im Spiel die Regeln geändert worden“. Ende Juli hieß es aus Berlin: Alle Speicher müssen am 1. November zu 95 Prozent gefüllt sein. „Das ist in Wolfersberg unmöglich“, sagt der Betriebsleiter.

Warum 95 Prozent ein unmöglicher Wert ist? Zum einen sei nicht sicher, ob bis zum Ende der Einspeicherphase ausreichend Gas am Speicher ankomme, erklärt Horst Geier. Zum anderen könnten die zehn Bohrlöcher, die 3000 Meter tief unter die Erdschichten ins Gestein führen, nur mit einem bestimmten Druck befüllt werden. „Einen Gasspeicher kann man sich vorstellen wie einen Luftballon“, sagt er. Der Luftballon lasse sich weder beliebig weit noch beliebig schnell aufblasen.

Horst Geier hat einen massiven Gesteinsbrocken vor sich auf dem Tisch liegen. Er stammt aus einer Tiefbohrung und zeigt, wie der Speicher unter der Erde aussieht. Wolfersberg ist kein Kavernenspeicher mit einem großen Hohlraum. Es ist ein Porenspeicher, bei dem das Erdgas mit einem Druck von 200 bar in den porösen Kalkstein gepresst wird. In der Gegend um Wolfersberg hatte sich vor Millionen Jahren ein Erdgasfeld gebildet. In den 60er Jahren wurde das Gas gefördert. Seit 1973 wird das Gasfeld als Speicher genutzt.

Auch wenn die winzigen Poren im Gestein mit bloßem Auge nicht erkennbar sind, finden hier 365 Millionen Kubikmeter Erdgas Platz. Genug, um rund eine Viertelmillion Haushalte zu versorgen. Wenn die Befüllung rechtzeitig begonnen hätte. Das hat sie aber nicht, gibt Thomas Rupprich zu. Er ist Geschäftsführer der Bayernugs GmbH, die für den kaufmännischen Betrieb des Speichers zuständig ist. Sein Unternehmen kauft aber nicht selbst Gas, sondern vermietet Speicherplatz an externe Kunden, ähnlich wie ein Lagerhaus. Rupprich konnte es also nicht ändern, dass der an den Gashändler Bayerngas Energy vermietete Speicher bis weit in den Frühsommer hinein quasi leer stand. Bayerngas Energy gehört zwar zum gleichen Konzern wie Rupprichs Bayernugs GmbH, arbeitet aber unabhängig und hatte angesichts vermutlich extrem hoher Preise und Risiken beschlossen, beim Kauf von Erdgas auf sinkende Preise zu warten.

Auch Horst Geier hat früh erkannt, wie kritisch die Situation war. Gas wird normalerweise in den warmen Monaten von Mai bis Oktober eingefüllt und im Winter nach und nach verbraucht. Doch Ende Juni war immer noch nichts passiert, erzählt Geier und schüttelt den Kopf. Acht Monate lang wurde der Speicher nicht befüllt – und neues Gas war nicht in Sicht.

Gasverdichter: seit 50 Jahren im Dienst

Im größten deutschen Speicher im niedersächsischen Rehden war es ähnlich; auch dort sank der Füllstand immer weiter gegen null. Dann reagierte die Politik. Rehden, bis zum Frühjahr im Besitz einer Tochtergesellschaft der Gazprom Germania, steht seitdem unter Treuhandverwaltung. Außerdem schrieb die Regierung im Energiewirtschaftsgesetz fest, dass ungenutzte Kapazitäten eingezogen werden. In Rehden, Peißen bei Halle und auch in Wolfersberg füllt nun die Trading Hub Europe (THE) im Staatsauftrag diese Kapazitäten auf. Es ist ein teures Unterfangen, doch das Füllen der Reservoirs hat oberste Priorität. Schließlich heizt jeder zweite deutsche Haushalt mit Gas, genauso wichtig ist es für Gaskraftwerke und viele Industrien. Im Schlepptau der Versorgungssicherheit nehmen die fossilen Energien, die eigentlich vor dem Aus stehen sollten, noch einmal mächtig Fahrt auf.

Seit Ende Juni rauscht wieder Erdgas aus der Fernleitung auf das Betriebsgelände in Wolfersberg. „Früher ist das Erdgas überwiegend aus Russland gekommen“, erzählt Thomas Rupprich. Rund eine Woche war es lautlos und unsichtbar in Stahlrohren unter der Erde unterwegs, bis es an der Messstation in Wolfersberg ankam. „Mittlerweile stammt das Gas überwiegend aus anderen Regionen“, so Rupprich, für die Mitarbeiter im Labor an Brennwert und Schwefelgehalt zu erkennen.

Unabhängig von der Herkunft kann das Gas aus der Pipeline nicht direkt in den Speicher geleitet werden. Dafür reichen die 40 bis 50 bar Druck nicht aus, die es in der Fernleitung hat. Horst Geier und sein Team müssen es auf den vierfachen Druck komprimieren. Das geschieht in der größten Halle auf dem Gelände mit einer ganzen Reihe dröhnender Gasverdichter. Altertümlich wirkende, massive Kolosse aus Stahl, die hier seit 1973 ununterbrochen ihren Dienst tun. Wer die Halle durch die schwere Eisentür betritt, fühlt sich wie im Maschinenraum eines Ozeanriesen. Ohrenstöpsel sind Vorschrift. Neben einer Werkbank liegt ein Schraubenschlüssel am Boden, groß wie ein Kindergartenkind und so schwer, dass ein Mensch alleine ihn kaum heben kann.

Staatliche Gasreserve? Leider teuer

Ein Bullauge gibt den Blick ins Innere eines 50 Zentimeter breiten Rohres frei. Kompressoren drücken die Gasmoleküle so weit zusammen, dass sie mit mehr Druck weiterströmen. Ist der Speicher bereits gut gefüllt, muss zusätzlich ein elektrisch angetriebener Nachverdichter ran. „Wie beim Luftballon – wenn der schon fast voll ist, braucht man mehr Puste“, erklärt Horst Geier. Große Deckenventilatoren leiten die stickige Luft ab.

Auch das Gas selbst wird durch die Kompression erwärmt. In einem nächsten Schritt muss es daher auf rund 30 Grad abgekühlt werden. Dann ist das Gas fertig aufbereitet für die Speicherung im Untergrund. Dafür gibt es insgesamt zehn Bohrlöcher in den unterirdischen Kalkstein, sechs davon auf dem Betriebsgelände, vier auf der anderen Seite der Straße im Wald. Zehn kleine Hütten, die aussehen wie Baucontainer, beherbergen jeweils einen Sondenkopf, über den das Gas injiziert oder entnommen wird. Von hier aus reichen die Bohrungen 3000 Meter tief in die Erde, so tief wie nirgendwo sonst in Deutschland.

Doch was passiert, wenn gar kein Gas mehr aus dem Osten kommt? Für Horst Geier ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Lage zuspitzt. „Ich sehe das mit Sorge“, sagt er. Wohler wäre ihm, wenn es wie beim Erdöl eine staatliche Gasreserve gäbe. Auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat bereits darüber nachgedacht. Doch so eine Versicherung für den Notfall ist für den Staat eine teure Angelegenheit, die in Krisenzeiten schon öfter diskutiert und letztendlich immer wieder verworfen wurde.

In Bayern ist die Angst besonders groß. Hier gibt es viel Industrie, aber nur wenige Speicher. Dazu kommt, dass Gas aus dem Speicher im österreichischen Haidach, das normalerweise Bayern versorgt, angesichts der Gaskrise auch von Österreich beansprucht wird. Wenn alle deutschen Gasspeicher gefüllt sind, ist die Versorgung für zwei bis drei durchschnittlich kalte Wintermonate gesichert, sagt Thomas Rupprich. Doch bis dahin ist es noch ein weiter Weg.