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Die Marke Kant

Forum - Die Marke Kant
Im August 2018 wurde das Kant-Haus in dem Dorf Veselovka nach seiner Renovierung eröffnet. Das Museum ist im Haus von Pfarrer Daniel Ernst Anders untergebracht, in dem Immanuel Kant von 1747 bis 1751 lebte. © vitaly nevar/tass/picture alliance/dpa

Im 300. Geburtsjahr des großen Denkers greift die russische Westausdehnung auch auf das Reich der Philosophie über. In Kaliningrad ist Immanuel Kant allgegenwärtig.

Alexei N. Krouglov 01.03.2024

Die Rezeption der Philosophie Kants begann in Russland noch zu dessen Lebzeiten. Von 1758 bis 1762 war Magister Kant ein russischer Untertan. Bei der erfolglosen Bewerbung um eine Professur an der Universität Königsberg schrieb er einen Brief an die russische Kaiserin Elisabeth. 1794 wurde Kant zum auswärtigen Mitglied der Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg gewählt. Noch 1803 erschien die erste kantische Schrift in russischer Übersetzung, nämlich die Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. Seitdem ist Kant im akademischen Bereich Russlands ständig präsent, obwohl diese Rezeptionsgeschichte sowohl ihre Höhe- als auch ihre Tiefpunkte erlebte. Die Wahrnehmung Kants war nie fanatisch, und selbst seine Anhänger versuchten, Kants Ansichten zu verbessern, zu korrigieren, zu erweitern. Die Lektüre Kants war oft sehr leidenschaftlich und emotionsvoll, und es ist kein Zufall, dass vor allem die Ethik und die Religions- und Rechtsphilosophie Kants im Zentrum des Interesses standen.Die Kant-Forschung ist noch vor der Oktoberrevolution 1917 zu einer respektablen philosophischen Disziplin avanciert, und bis heute ist sie eine der entwickeltsten und bedeutendsten Fachrichtungen: Drei russische Werkausgaben Kants, darunter eine deutsch-russische, neun verschiedene Varianten der russischen Übersetzung der Kritik der reinen Vernunft und eine spezielle Zeitschrift, Kantovskij sbornik, die in Kaliningrad seit 1974 herausgegeben wird, sind zu erwähnen.

Selbstmord am Buche Kants

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Titelseite des Buchs „Gedanken Immanuel Kants“, ausgewählt von Lew Tolstoi, Moskau 1906. Im Jahr 2016 erschien das Buch auf Deutsch bei Frommann-Holzboog. © Posrednik Verlag

Aber auch außerhalb der Universitäten ist Kant in Russland präsent. Seit Karamsin, der Kant in Königsberg 1789 besuchte und darüber in seinen Briefen eines reisenden Russen berichtete, ziehen sich das Bild Kants und seine Philosophie wie ein roter Faden durch die schöne russische Literatur. Ob Gogol, Turgenjew, Dostojewski oder Gorki – alle diese und viele andere russische Schriftsteller und Dichter schrieben mal wenige Zeilen, mal mehrere Seiten über Kant in ihren literarischen Werken. So ist Lenksi in Puschkins Versroman Eugen Onegin ein „Anhänger Kants und ein Dichter“. Der Roman Bulgakows Meister und Margarita beginnt mit einem Gespräch über die Gottesbeweise Kants. Und Lew Tolstoi, wohl der ausgeprägteste „Kantianer“ unter den russischen Schriftstellern, gab eine Sammlung von Aphorismen Kants heraus, um dessen Philosophie für ein breites Publikum zugänglich zu machen. Seit einigen Jahren wird in Moskau im Majakowski-Theater das Stück Kant mit großem Erfolg aufgeführt. Noch zu Sowjetzeiten wurden Kants Aphorismen, etwa über den bestirnten Himmel und das moralische Gesetz oder der kategorische Imperativ, in populären Spielfilmen zitiert, und auch im heutigen Russland wird diese Tendenz fortgesetzt.

Diese populäre Seite der kantischen Philosophie ist heute – leider nicht ohne gewisse Vulgarisierung – in Kaliningrad am deutlichsten zu sehen, wo Kant mittlerweile zu einem „Star“ geworden ist. Kant-Tee, Kant-Schokolade, Kant-Münzen und vieles mehr findet man hier praktisch an jeder Ecke. Auch Bänke im Zentrum der Stadt mit Falschzitaten von Kant sind vorhanden. Gelegentlich steht am Wochenende am Dom sogar eine Schlange von Hochzeitspaaren, die ausgerechnet am Grab des Junggesellen Kant ein schönes Foto machen und ihn um seinen Segen bitten wollen.

Aber selbst an den Universitäten oder geistlichen Akademien war das Studium Kants nicht immer rein wissenschaftlich, objektiv und distanziert. Viele entsprechende Studien quellen über vor Enthusiasmus, Angst oder Furcht. Für manche Theologen brachte Kant in seiner Ethik die echte christliche Moral zum Ausdruck, für andere schnitt er dagegen den Menschen vom wahren Sein ab und beförderte ihn ins „Nichts“. In einem Extremfall kam diese Abneigung zu der These, Kant sei ein „Pfeiler des Hasses wider Gott“ (Florenski). Diese Setzung in Verbindung mit dem Teufel war zu Lebzeiten Kants auch für einige Kreise von protestantischen und katholischen Theologen typisch. In Russland erlebten solche Ideen mehrere Jahrzehnte später ihre Entfaltung. Einige literarische Strömungen unterstützen dabei solche Behauptungen russischer Religionsphilosophen. Diejenigen Schriftsteller, die mit Kant polemisierten, taten das sehr bildhaft: Die Gespräche über die kantische Philosophie werden auf einem Friedhof geführt, die Anhänger der kantischen Philosophie werden in russischen Romanen wahnsinnig, Kant selbst tritt als Schädel, Büste und Ähnliches auf.

Eine Reihe von realen Exzessen war ebenfalls vorhanden: Anfang des 20. Jahrhunderts fanden einige gelungene und nicht gelungene Selbstmordversuche vor dem geöffneten Buch Kants statt, Anfang des 21. Jahrhunderts endete in Rostow am Don ein Streit über die Ethik Kants in einer Schießerei. Zu denjenigen, die gegen eine philosophisch-theologische „Verteufelung“ Kants aktiv kämpfen, gehört der heutige Patriarch der Russisch-Orthodoxen Kirche Kyrill, der Kant in seinen Reden regelmäßig erwähnt. Man kann zwar zweifeln, ob seine Deutung der Gottesbeweise Kants in seiner etwas speziellen TV-Sendung ganz korrekt war. Dass er aber wohl das einzige Oberhaupt der großen christlichen Kirchen ist, das sich heute öffentlich auf Kant stützt, ist ohne Zweifel.

Geliebt und gehasst

Auf der politischen Ebene war und bleibt die Wahrnehmung Kants ebenfalls widersprüchlich. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts argumentierten einige Denker, Kant und die deutsche Philosophie seien dem russischen Leben und dem russischen Nationalcharakter völlig fremd. Dieses Narrativ kursiert in manchen konservativen Kreisen bis heute. Als die staatliche Universität Kaliningrad im Jahre 2005 mit der Unterstützung des damaligen Präsidenten Putin und des damaligen Bundeskanzlers Schröder in die Russische Staatliche Kant-Universität umbenannt wurde (heute Baltische Föderale KantUniversität), provozierte das den Widerstand derjenigen in Kaliningrad, die für den Namen eines russischen Patrons für die Universität plädierten, die Ablehnung der kantischen Philosophie in der russischen Kultur vertraten und gegen die sogenannte „schleichende Germanisierung“ kämpften.

Ein junges Beispiel solcher Art stammt aus dem Jahre 2018. Während einer merkwürdigen Kampagne der Umbenennung von russischen Flughäfen hielt der damalige Stabschef der Baltischen Flotte Muchametšin eine kleine Rede vor den Marineoffizieren: „Alle sagen: Kant, Kant … Dieser Mensch hat seine Heimat verraten, sich erniedrigt, ist auf den Knien gekrochen, um einen Lehrstuhl an der Universität zu bekommen – damit er dort unterrichten, irgendwelche unverständlichen Bücher schreiben kann, die keiner von denen, die hier stehen, je gelesen hat und auch nie lesen wird …“ Dennoch blieben und bleiben solche Urteile in der Gesellschaft marginal.

Aber Pro und Contra gehen in der Rezeption Kants immer zusammen. Anfang des 19. Jahrhunderts wurde das kantische Naturrecht von der Regierung aktiv propagiert, Mitte der 1920er Jahre dagegen im Unterricht praktisch verboten. In den Fachzeitschriften polemisiert man heute über die Frage, ob Kant „der Vater“ der Verfassung der Russischen Föderation ist, und in den Urteilen des Verfassungsgerichtes taucht der Name Kants ebenfalls auf. Als 2012 eine spürbare Welle der oppositionellen Kundgebungen standfand, konnte man auf den Plakaten der Protestierenden Kants Zitate lesen. Andererseits betonte das Objekt des Protestes, der russische Präsident Putin, mehrmals, Kant gehöre zu seinen Lieblingsphilosophen.

„Von Kant zu Krupp“

Die Tatsache, dass Kant im 20. Jahrhundert so intensiv studiert wurde, ist nicht selbstverständlich. Nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges hielt Wladimir Ern seinen berüchtigten Vortrag „Von Kant zu Krupp“. Er leitete aus dem Phänomenalismus und der Vergessenheit des Seins bei Kant die Kanonen Krupps und den germanischen Militarismus ab. Einer der führenden russischen Sozialdemokraten Plechanow versuchte gegen den Krieg mit dem Hinweis auf den kategorischen Imperativ zu argumentieren. Dafür wurde er von den meisten Parteigenossen für den Verrat des Klassenkampfes zugunsten der Bourgeoisie und ihrer Stimme Kant scharf verurteilt. Lenin begründete das Studium der sogenannten „klassischen deutschen Philosophie“ (Engels) einschließlich Kants als eine der „drei Quellen und drei Bestandteile des Marxismus“. Doch während des Großen Vaterländischen Krieges war das zu wenig, als die Frage nach der Verantwortung der klassischen deutschen Philosophie für die faschistischen Verbrechen des Dritten Reiches in der Sowjetunion gestellt wurde. Die Diskussion war 1944 zugespitzt: Der verliehene Stalin-Preis für das Lehrbuch der Geschichte der deutschen Philosophie wurde aberkannt, weil die Autoren die gestellte Frage nicht beantworteten.

Jedenfalls hatte diese konstruierte und heute praktisch verschwundene Verbindung zwischen der kantischen und der marxistischen Philosophie eine ungewöhnliche Folge für unsere Tage. Bei der Eroberung Königsbergs durch die Sowjetarmee 1945 rief ein Divisionskommissar den Stab des Militärverbandes an, der unmittelbar vor dem Königsberger Dom kämpfte. Er befahl Leutnant Belyj, alle Maßnahmen zu unternehmen, um das Grab Kants am Dom zu retten. Auf die Verwirrung Belyjs antwortete er kurz: „Kant war ein großer Freund von Karl Marx.“ Es ist sehr wahrscheinlich, dass Kants Grab ohne diese List des unbekannten Offiziers noch 1945 auf immer verloren gegangen wäre.

Alexei N. Krouglov

Prof. Dr. Alexei N. Krouglov lehrt Geschichte der Philosophie an der Moskauer Universität für Geisteswissenschaften. Zu den Schwerpunkten seiner Forschungen und Publikationen gehören die Philosophie und Rezeption Kants in Russland.