29.12.2015

Seoul 

Die Seele Koreas

John Rezek

Am 28. Mai ist es so weit: Rotarier aus allen Ländern der Erde treffen sich zur nächsten RI-Convention, diesmal in Südkoreas Hauptstadt. Sie möchten mit? Hier beginnt Ihre erste Reiseetappe

Korea nimmt zwar teil am Modernisierungsprozess, doch hält es dabei eine Balance, die viele von uns befürchten zu verlieren. In Seoul bringen Väter im Business-Anzug geduldig ihre Kinder in die Schule. Generationen von Familien ruhen sich gemeinsam an Teichen und vor von Farbenpracht berstenden wilden Azaleenbüschen aus. Jeden Tag vor dem Morgengrauen rühren buddhistische Mönche Trommeln, die die Form von Fischen und  Wolken besitzen, um alle Kreaturen der Erde, von den See- bis zu den Luftbewohnern, aufzuwecken. Es ist ein jahrtausendealtes Ritual – und in Korea ziehen sich solche Traditionen durch alle Bereiche des Lebens. In der Republik Korea leben über 50 Millionen Menschen. Die Hälfte davon in und um Seoul, der  zweitbevölkerungsreichsten Stadt der Welt. 70 Prozent des Landes sind von Bergen bedeckt, was Lebensraum zu einem teuren Gut macht. Die meisten neuen Gebäude sind sehr hoch. Die Geografie des Landes nimmt Einfluss auf die gesamte Nation: Das zeigt sich in deren Streben nach Präzision, dem vorsichtigen Umgang mit Ressourcen und dem Bekenntnis zu Recycling und effizienten, ökologischen Praktiken. Es erklärt auch, warum die Koreaner so gerne wandern.

Weltstadt und Technologiezentrum
Wer durch die Innenstadt von Seoul geht, sieht geschäftige Männer und Frauen mit ernsthaften Gesichtern auf dem Weg zur Arbeit. Man sieht durchtrainierte, modisch gekleidete junge Menschen mit den smartesten Smartphones. Und man sieht eine Weltstadt, die sich den Rang einer Wirtschaftsmacht verdient hat, ein Zentrum technologischer Innovationen und ein kulturelles Bindeglied Asiens. 2016 können Sie Seoul selbst erleben, wenn dort vom 28. Mai bis 1. Juni die Rotary International Convention stattfindet.

Die Stadt wird durch den Han-Fluss geteilt. In einem Gebiet, das als Manhattan von Korea bezeichnet wird, sind Regierungsgebäude, Banken und Investmentfirmen angesiedelt. Nördlich des Flusses liegt das alte Seoul. Im Süden liegt Gangnam (gang = Fluss und nam = Süden), das aufstrebende kulturelle Zentrum der Stadt, wo die Mieten hoch und die Kids cool sind und alles passiert, was „angesagt“ ist. Gangnam hat seinen eigenen Style – vielleicht haben Sie ja schon davon gehört.

Versäumen Sie auf keinen Fall eine Stadtführung durch Seoul. Alleine der Gyeongbok-Palast verdient einen mehrstündigen Besuch. Taejo, der erste König der Joseon-Dynastie (1392-1910), hatte hier sein Machtzentrum. Während offizieller Zeremonien standen die Minister sorgfältig aufgereiht neben Steinmarkierungen, die ihren Rang anzeigten. So konnte der König anhand der Platzierung ablesen, wer welche Interessen vertrat und auf welcher Ebene er stand. Die leicht unebenen Pflastersteine auf dem Weg zum Thron zwangen jeden, der sich dem König näherte, auf den Boden zu blicken, um nicht zu stolpern, und somit mit gesenktem Kopf vor ihn zu treten.

Erholungsoasen am Flussufer
Auf dem Palastgelände zeigt das (herrlich gestaltete und äußerst informative) koreanische Volksmuseum Artefakte und Gebräuche des Alltags. Eine geniale Erfindung für heiße Sommernächte ist das Jukbuin, was übersetzt so viel bedeutet wie die „Bambus-Ehefrau“ – eine aus Bambus geflochtene Rolle, durch die Luft strömen kann und die man sich zum Schlafen zwischen Arme und Beine legen kann, um weniger zu schwitzen. Im Zuge eines umfassenden Städteprojekts wurde 2005 ein Teil des Stadtverkehrs umgeleitet und der  Erholungsraum Cheonggyecheon geschaffen, der das Gebiet am Fluss im Zentrum von Seoul neu belebte. Die erholsame, mit Blumen reich bepflanzte Promenade ist sowohl tagsüber für Büroangestellte als auch am Abend für Verliebte eine wahre Oase. Spazieren Sie entlang der weiten Gehwege auf einer der beiden Uferseiten.

In regelmäßigen Abständen finden Sie kleine Verbindungswege, über die man ans andere Ufer wechseln kann. Insa-dong, ein dörflich anmutendes Stadtviertel, das aussieht, als hätte es Seouls Übergang in die Postmoderne verschlafen, ist voller Antiquitätenläden, Kunstgalerien und Restaurants. Die verwinkelten Gassen führen einen entlang kleiner Fachgeschäfte, wo Sie Goryeo celadon und andere Keramikkunst sowie traditionelle Möbel wie antike koreanische Truhen finden. Auch Teehäuser finden Sie hier, die traditionelle Kräutertees anbieten, welche häufig Ginseng und Ingwer enthalten. Bergaufwärts auf den Nebenstraßen sehen Sie jahrhundertealte Wohnhäuser. Die Atmosphäre hier ist sehr ruhig und gedämpft. Auf Schildern (in englischer Sprache) werden Besucher gebeten, leise zu sprechen. Essen ist in Korea ein Gemeinschaftserlebnis. Große und kleine Teller bedecken jeden Zentimeter des Tisches, von denen man sich mit seinen Edelstahl-Stäbchen bedienen und auf seinen eigenen Teller häufen kann. Immer mit dabei ist das berühmte Kimchi. Das Nationalgericht wird zu jeder Mahlzeit mit serviert. Versuchen Sie alles einmal. Auf Gerichte, die für den westlichen Gaumen zu scharf sein könnten, wird stets höflich hingewiesen.

Servietten sind klein und haben eher die Größe von Cocktailservietten. Da das meiste Essen mit den Fingern gegessen wird, halten die Servietten oft nicht lange, fragen Sie daher ruhig nach mehr. In vielen Restaurants haben die Tische einen Buzzer, um den Kellner zu rufen. Wenn etwas geschnitten werden muss, wie etwa das koreanische Grillfleisch Gogigui, dann verwenden die Kellner übergroße Scheren anstelle eines Messers und einer Gabel. Es gibt verschiedene Arten von Gogigui, doch die bekannteste Art ist mariniertes Rind- und Schweinefleisch.

Von gesund bis ausgefallen
Einen Satz, den ich auf meiner Reise immer wieder hörte, war: „Versuch das. Das ist gut für die Gesundheit.“ An heißen Tagen könnte Ihnen Samgyetang angeboten werden. Eine Ginseng-Suppe mit einem ganzen jungen Hühnchen darin, die als besonders nahrhaft erachtet wird. Tees aus geröstetem Reis, Zimt, Nadelbaumknospen oder Mais werden ebenfalls gesundheitsfördernde Attribute nachgesagt. Wer eine Koreanerin fragt, warum ihre Haut so ebenmäßig ist, der kann folgendes hören: „Ich esse viele Pilze“. Auch die Straßenimbisse sind köstlich. Abenteuerlustigen sei Beondegi empfohlen – heiß servierte Seidenraupenpuppen (nach Geschmack auch mit Soße).

Korea hat eine ausgeprägte Teekultur, doch scheint Kaffee heute sogar noch beliebter. In Seoul gibt es mehr Starbucks-Filialen als in irgendeiner anderen Stadt weltweit. 2014 gab das Ministerum für Landwirtschaft, Ernährung und den ländlichen Raum bekannt, dass Kaffee in Korea beliebter ist als Kimchi – eine echte Errungenschaft in einem Land, in dem ganze Familien traditionsgemäß im Herbst zusammenkamen, um die scharfe Speise in großen Mengen in Tontöpfen einzulegen und danach in der Erde zu vergraben, wo sie bei der richtigen Temperatur fermentiert. Moderne Stadtbewohner benutzen heute stattdessen spezielle Kühlschränke. Außerhalb von Seoul, circa zwei Zugstunden entfernt, liegt Gyeongju, die einstige Hauptstadt der Silla-Dynastie (668-935) und Teil der Seidenstraße.

Der bequeme und überaus saubere Hochgeschwindigkeitszug schwebt geradezu durch die bergige Landschaft. Der weitläufige Bulguksa ist Koreas berühmtester Tempel und zudem einer der ältesten buddhistischen Tempel überhaupt. Ursprünglich errichtet wurde dieses Meisterwerk der Silla-Architektur während der Regentschaft von König Beopheung (514-540) und später erweitert während und nach der Zeit von König Gyeongdeok (742-765). An einen Hang geschmiegt, zwischen gepflegten Pinien- und Obstbaumreihen, führen architektonisch aufwendige, mörtelfreie Steintreppen und Rundbögen hinauf auf weitläufige Terrassen und in beeindruckende Hallen und Pagoden.


Grabanlage mit Golfplatzanmutung
Ein erfahrener Reiseführer empfiehlt sich hier sehr. Kim Daesong, der Architekt des Bulguksa-Tempels, war auch am Bau der Seokguram-Grotte beteiligt, einem der bedeutendsten buddhistischen Schreine Koreas. Über eine sanfte Steigung kommt man auf eine weite Terrasse, auf der sich die künstliche Grotte befindet. Umgeben von Bodhisattvas und Schutzgöttern, blickt eine heitere Buddha-Statue heraus über die von Bäumen bedeckten Hügel und das in der Ferne zu erkennende Japanische Meer. Der unweit gelegene sanfte Hügel der Cheonmachong-Grabstätte erinnert auf den ersten Blick zunächst an einen gruseligen Golfplatz. Die 1973 geöffnete, mit Gras bedeckte Grabanlage bietet einen faszinierenden Einblick in das Feingefühl des fünften und sechsten Jahrhunderts. Besuchen Sie auch das Cheomseongdae-Observatorium, die älteste Sternwarte Asiens, und das Gyeongju Nationalmuseum mit einer Auslese an beeindruckenden Reliquien und Artefakten.

Im Laufe der Geschichte hatte Korea immer wieder schwierige Beziehungen zu seinen Nachbarn. Das Land wurde angegriffen und besetzt, seine Bewohner versklavt und seine Kulturschätze geraubt. Auch in Zeiten von Frieden und Wohlstand ist man hier daher stets wachsam. Im Norden grenzt es an eine der undurchschaubarsten und aggressivsten Diktaturen der Welt, mit einer riesigen Armee, einem unbeholfenen, aber dennoch besorgniserregenden Atomprogramm und einer unterdrückten Bevölkerung. Einer der beeindruckendsten Orte in Korea ist die entmilitarisierte Zone, circa eine Stunde außerhalb von Seoul, die den Norden und den Süden Koreas trennt. Einst Ort heftiger Kämpfe, befindet sich hier heute eine scharf bewachte Grenze.

An manchen Stellen ist die Zone Naturschutzgebiet, an anderen wird in der fruchtbaren Erde teurer Reis, Ginseng und Wein angebaut. Verschiedene Tier- und Pflanzenarten gedeihen hier, völlig unbehelligt von politischem Gebrüll oder Grenzstreitigkeiten. Sie sind wie eine Metapher für den optimistischen Geist Südkoreas.  Friedenswünsche und -vorsätze finden sich im ganzen Land, auch auf Spruchbändern an den Stacheldrahtzäunen der Grenze zu Nordkorea. In der militärischen Siedlung Panmunjom befindet sich die Joint Security Area (gemeinsame Sicherheitszone), eine surreale Ansiedlung von Gebäuden auf beiden Seiten der militärischen Demarkationslinie. Diese Linie zieht sich auch durch den Konferenzsaal für gemeinsame Gespräche und verläuft selbst über den Konferenztisch. Am Checkpoint, wo Sicherheitskräfte stets in Alarmbereitschaft stehen, herrscht eine angespannte Atmosphäre.

Auf dem Weg nach Busan
Besonders interessant für mich persönlich war der „Dritte Infiltrationstunnel“, einer der vier Tunnel, die seit dem Waffenstillstand 1953 entdeckt wurden. Dieser wurde 1978 gefunden, nach Hinweisen eines Überläufers aus dem Norden. Der Tunnel ist darauf ausgelegt, pro Stunde 30.000 Soldaten in voller Ausrüstung nach Südkorea zu bringen. Schon mit 40 oder 50 weiteren Touristen in dem engen Gewölbe kann einem etwas klaustrophobisch  zumute werden; der Durchmarsch von 30.000 Soldaten würde eine enorme Disziplin erfordern. Am Ende des Tunnels kam ich an einer Mauer an, die sich nur 170 Meter von der nordkoreanischen Grenze entfernt befindet. Während der Fahrt zur und von der entmilitarisierten Zone sieht man entlang des Imjin-Flusses Stacheldrahtzaun und Beobachtungsposten. Auf der südkoreanischen Seite wachsen an den Berghängen dichte Bäume. Auf  nordkoreanischer Seite sind die Berge kahl, die Bäume wurden gefällt, um daraus Feuerholz zu machen. Weiter außerhalb befindet sich die Hafenstadt Busan, ein Zentrum für Schiffsverkehr - und Schönheitsoperationen. Am Strand finden Sie den faszinierenden Fischmarkt Jagalchi, wo man in langen Gängen gut durchlüftete Aquarien voller Meeresfrüchte bestaunen kann – brodelnde Becken mit Oktopus, Container, aus denen die langen Beine von Krebsen herausragen. Geleitet wird der Markt von Frauen in rosa Schürzen mit perfektem Make-up. Aus der Not heraus übernahmen sie den Markt, als die Männer in den Krieg ziehen mussten. Bis heute sind diese Jagalchi Ajumma das Gesicht des Marktes.

Der Beomeosa-Tempel am Fuße des Berges Geumjeongsan wurde während der Silla-Dynastie errichtet und 1713 renoviert. Er zeichnet sich durch eine lebendige Farbenpracht und filigrane und luxuriöse Architekturelemente der Joseon-Dynastie aus. Auf dem Gelände befinden sich eine dreistöckige Pagode, die im neunten Jahrhundert erbaut wurde, sieben königliche Palastflügel, drei Tore und elf Eremitagen. Es ist der Haupttempel des Jogye-Ordens des koreanischen Buddhismus, bis heute leben hier Mönche. An dem Tag, als ich den Tempel besuchte, fand ein rauschendes Fest mit Hunderten Mönchen aus ganz Korea zu Ehren von Dongsan statt. Der Mönch wird für seine Standhaftigkeit gegenüber den japanischen Besatzern vor dem Zweiten Weltkrieg verehrt.

Diese hatten versucht, die strengen Regeln des koreanischen Buddhismus aufzuweichen, indem sie den Mönchen erlaubten, so wie in Japan zu heiraten. Der Beomeosa-Tempel ist einer der Tempel, in denen Besucher übernachten und an der Routine der Mönche teilnehmen dürfen. Weiter Richtung Japanisches Meer windet sich ein Pfad um eine Halbinsel, von der aus man einen herrlichen Ausblick auf die bewaldeten Hänge und auf das Nurimaru-APEC-Haus (Asia-Pacific Economic Cooperation) hat, wo 2005 die APEC-Konferenz stattfand. Folgen Sie den Treppen, die Sie zu dem wunderschönen Haeundae-Strand führen, an dem sich eine Reihe von Luxushotels emporrecken.

Ein Land ohne Erschöpfung
Sollten Sie an den Touren des Host Organization Committee nicht teilnehmen können, dann beschließen Sie Ihren Besuch mit dem Korean Folk Village etwas außerhalb von Seoul. Das Freilandmuseum zeigt die Gebräuche und Handfertigkeiten, die man in einem typischen Dorf findet. Sie können hier eine traditionelle Hochzeitszeremonie bestaunen, die einfachen, aber schmerzhaften Bestrafungsmethoden in einem Gefängnis sehen und in Läden Töpferkunst und andere Handwerke in Aktion verfolgen.

Korea ist ein Land, in dem es keine Erschöpfung gibt. Die Menschen hier streben stets nach Gesundheit, Erfolg und Glück und teilen dies auch gerne mit Besuchern. Sie sind stolz auf ihr Land und was sie trotz großer Herausforderungen geschafft haben. Die Leute sind geschäftstüchtig – und das Geschäft floriert auf allen Ebenen. Ihre Kinder sind neugierig und voller Optimismus. Als Besucher aus den USA waren viele Koreaner neugierig auf mich, so wie übrigens auch auf alle Menschen mit blonden Haaren. Sie bemühen sich, auf Englisch zu grüßen und wollen sich mit Besuchern fotografieren lassen, als Beweis dafür, dass unsere Welten sich überschneiden. Als Beweis, dass hier etwas Besonderes passiert, an dem wir alle beteiligt sind.

Erschienen in Rotary Magazin 1/2016

Rotary Magazin 5/2016

Rotary Magazin Heft 5/2016

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