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Porträt

Mann der Tat

Porträt - Mann der Tat
Seit dem 1. Juli Präsident von Rotary International: Gordon McInally © Monika Lozinska

Der Schotte Gordon McInally ist seit dem 1. Juli Präsident von Rotary International. Er ist bereit, seine Prioritäten als Präsident in die Tat umzusetzen.

01.07.2023

Ein junger Dudelsackspieler tritt aus dem Bankettsaal eines Hotels und spielt dabei den bekannten Refrain von Scotland the Brave. Hinter ihm folgt Gordon McInally, RI-Präsident 2023/24, gekleidet in den Gordon Modern-Tartan in Blau, Grün, Schwarz und Gelb, mit einem Haggis auf einer Servierplatte.


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Es ist Burns Night, die jedes Jahr im Januar mit Folkmusik, schottischem Whisky, enthusiastisch vorgetragenen Liedern und Gedichten von Robert Burns, dem größten schottischen Dichter, und natürlich Haggis mit Rüben und Kartoffeln gefeiert wird. Es ist ein typisch schottisches Fest, und McInally ist in seinem Element, wenn er diesen Anlass mit Bekannten in Galashiels, einer Stadt in der Region Scottish Borders in der Nähe seines Wohnorts Yetholm, feiert.

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Gordon McInally inmitten der Natur Schottlands © Monika Lozinska

Heather McInally, seine Ehefrau seit 42 Jahren, trägt eine Schärpe aus einem Tartan, der für die RI Convention 1997 in Glasgow entworfen wurde. Die klassisch ausgebildete ehemalige Opernsängerin und Musiklehrerin singt Lieder von Burns, die sie seit ihrer Kindheit kennt.

Haggis wird aus Schafsinnereien – Herz, Leber und Lunge – zubereitet, die zerkleinert und mit Brühe vermischt zusammen mit Zwiebeln, Haferflocken, Nierenfett, Salz, Pfeffer und anderen Gewürzen ursprünglich im gereinigten Magen des Tieres gekocht wurden. Das klingt vielleicht nach einem kulinarischen Albtraum, jedoch haben die McInallys die Faszination, die Haggis ausübt, in der gesamten Rotary-Gemeinschaft bekannt gemacht.

Heather McInally erzählt davon, wie sie sich bei ihren USA-Reisen vor Ort Haggis besorgt haben und die schottische Delikatesse in der Mikrowelle ihres Hotelzimmers aufgewärmt haben. „Das Zimmer roch die ganze Woche nach Haggis“, erinnert sie sich. „Wir haben anderen Mitgliedern des RI-Zentralvorstands während ihres Aufenthalts in Chicago Haggis serviert. Offensichtlich hat es allen geschmeckt, auch wenn sie nicht ganz sicher waren, was sie da essen.“

Tolerante Ehefrau

Gordon McInally ist in Portobello aufgewachsen, einer malerischen Küstengegend im Umland von Edinburgh. Seine Mutter besaß und betrieb ein privates Säuglingsheim. Sein Vater war Angestellter von Macdonald & Muir, dem Hersteller des Whiskys Glenmorangie. Sein verstorbener Bruder Ian war drei Jahre jünger als er. Einen Großteil ihrer Kindheit verbrachten die beiden mit Rugbyspielen und -schauen.

Gordon und Heather haben sich bereits als Teenager kennengelernt. Ihre Liebe zueinander entdeckten sie auf einer Reise ins italienische Florenz mit einem gemeinsamen Chor ihrer unterschiedlichen Schulen in Edinburgh. „Wir kommen uns nicht ins Gehege. Jeder macht sein eigenes Ding“, so Heather McInally. „Das gilt auch für Rotary. Ich gehöre dem Borderlands Passport Club an, und Gordon ist Mitglied in South Queensferry. Unser Leben hat schon immer so funktioniert, vor allem wegen unserer unterschiedlichen beruflichen Verpflichtungen. Wir sind unabhängig voneinander. Wir erzählen uns jedoch stets, was wir gemacht haben, wenn wir abends nach Hause kommen.“

Ihr Mann stimmt zu. Das Paar hat zwei Töchter, Rebecca und Sarah, sowie zwei Enkelkinder, Ivy und Florence. Gordon McInally beschreibt Heather als „eine wirklich sehr tolerante Frau, die mir im Laufe der Jahre eine große Stütze war.“ Er fügt hinzu: „Sie ist eine gute Gesprächspartnerin. Ich kann mich darauf verlassen, dass Heather Klartext redet. Wenn ich einen Vortrag halte, sagen mir alle immer, wie toll ich war. Nur Heather sagt mir stets die Wahrheit. Mir ist bewusst, dass ich diese Aufgabe ohne ihre Unterstützung nicht bewältigen könnte.“

Umzug war 30 Jahre geplant

Als sie in der Craigsbank Parish Church in Edinburgh heirateten, trat Gordon McInally in die Church of Scotland ein, nachdem er zuvor Mitglied der Methodist Church gewesen war. Heute ist er einer der Kirchenältesten und Mitglied des Vorstands. Zudem hat er als einer der Ältesten des Presbyteriums, als Vorsitzender des Vorstands seiner Gemeinde und als Beauftragter für die Generalversammlung der Kirche gedient.

„Meine Eltern haben mir und meinem verstorbenen Bruder vermittelt, anderen zu helfen und sich um sie zu kümmern. Ich habe das mein Leben lang beibehalten“, sagt er. „Mein persönlicher Glaube und mein Aufwachsen in einer Familie mit einem ähnlich starken Glauben haben die Entscheidungen in meinem Leben und meine berufliche Laufbahn definitiv beeinflusst.“

McInally war bis zu seinem Ruhestand 2016 mehr als drei Jahrzehnte lang Inhaber und Leiter einer Zahnarztpraxis in der schottischen Hauptstadt. Er war zudem in der Lehre tätig und war Vorsitzender der British Paedodontic Society. Nach vielen Jahren in South Queensferry zogen die McInallys im Ruhestand in die Region Scottish Borders. Der Umzug war seit über 30 Jahren geplant.

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Die McInallys mit ihren Töchtern Sarah Wardell (l.) und Rebecca McInally in Yetholm © Monika Lozinska

„Während meiner gesamten Tätigkeit als Zahnarzt haben wir uns gesagt, dass es schön wäre, später in die Region Borders zu ziehen, weil meine Vorfahren von dort stammen“, erklärt er. „Die Familie meiner Mutter waren Bauern. Meine Mutter wurde auf einem Bauernhof etwa 15 Meilen von hier geboren. Seit wir hier leben, sage ich den Leuten, dass ich das Gefühl habe, in meine angestammte Heimat zurückgekehrt zu sein.“

Für McInally ist dies ein freier Abend, an dem er Schülern aus Galashiels zuhört, die Burns’ Werke rezitieren. Es gibt noch mehr Dudelsack- und Fiedelmusik sowie gemeinschaftliche Lieder, bis der Abend mit einer inbrünstigen Interpretation von Auld Lang Syne ausklingt.

Wenige Tage später ist McInally in Abbotsford House, das über dem sanften Fluss Tweed im Herzen der Region Scottish Borders thront. Es ist ein wunderschönes Fleckchen Erde und einer von McInallys Lieblingsplätzen, an den er so wie heute Besucher mitnimmt.

Rotarier, seitdem er 26 Jahre ist

Abbotsford House war der Wohnsitz von Sir Walter Scott, dem Romancier, Dichter und Historiker, der das Tragen der Tartans populär gemacht hat, den historischen Roman schuf und Königin Victoria zu seinen Fans zählte. Der architektonische Stil von Abbotsford wurde auf viele Gebäude in Schottland übertragen, darunter auch auf Balmoral Castle, die Sommerresidenz von Königin Elisabeth II.

Scotts Verbindung zur Region Borders nahm ihren Anfang, als er im Alter von 18 Monaten an Polio erkrankte. Da sein rechtes Bein gelähmt war, schickten ihn seine Eltern zur Erholung auf die Farm seines Großvaters im Umland von Kelso. „Die Kinderlähmung hat Sir Walter in die Region Borders gebracht, wo er die Geschichten und Lieder hörte, die ihn zum Schreiben inspirieren sollten“, erläutert Mary Kenny, die Beauftragte für Kulturerbe in Abbotsford.

McInally und Kenny sind sich einig, dass Scott ein großartiges Rotary-Mitglied gewesen wäre. McInallys eigenes Engagement bei Rotary begann er mit 26 Jahren. Er trat dem South Queensferry Club bei, nachdem er von einem befreundeten Landwirt, der Mitglied der Kirche der Familie war, eingeladen worden war.

Mit Ausnahme eines dreijährigen Zeitraums, in dem McInally Mitglied des inzwischen leider aufgelösten Rotary Clubs Kelso war, ist er Mitglied des Clubs in South Queensferry geblieben. In den Jahren 1997/98 war er Governor des Distrikts, und während des Jubiläumsjahres zum hundertjährigen Bestehen von Rotary 2004/05 war er Präsident von RI in Großbritannien und Irland (RIBI).

Kurz vor seinem Amtsantritt als Präsident von RIBI besuchte McInally Ruanda und Südafrika, um mit Kindern zu arbeiten, die durch den Völkermord in Ruanda 1994 und durch HIV/Aids zu Waisen geworden waren. In der Folge half er bei der Gründung eines Partnerschaftsprojekts zwischen RIBI und Hope and Homes for Children mit dem Ziel, in beiden Ländern Waisenkinder mit Nahrungsmitteln, Unterkünften, Medikamenten und Bildungsangeboten zu unterstützen und ihnen eine bessere Zukunft zu ermöglichen. McInally ist stolzer Schirmherr von Hope and Homes for Children. Die Organisation unterstützt heute die ruandische Regierung bei der Entwicklung eines nationalen Kinderschutzprogramms, das Familientrennungen verhindern und familienorientierte Alternativen bieten soll.

Tod seines Bruders

McInally hat seine Tätigkeit in Afrika auch auf Kenia ausgedehnt. Kurz vor der Coronapandemie reiste er in das Land, um sich im Rahmen einer Initiative von schottischen Rotary-Mitgliedern ehrenamtlich zu engagieren. Dabei brachte McInally vor Ort in Nyumbani Village, einem sich selbst versorgenden Ökodorf, das Waisenkindern und deren Großeltern, die die Vormundschaft übernehmen, ein Zuhause und Unterstützung bietet, seine Fähigkeiten als Zahnarzt ein. Er half zudem bei der Renovierung von Unterkünften für die Bewohner.

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Das Ehepaar McInally mit Rotarier Andy Ireland (l.) und Freund Eric Williamson im Rugby-Stadion Murrayfield in Edinburgh © Monika Lozinska

„Ich habe festgestellt, dass Rotary eine großartige Möglichkeit ist, sich um andere zu kümmern und ihnen zu helfen“, sagt er. „Rotary hat mir zudem geholfen, Freundschaften auf der ganzen Welt zu schließen und damit ein besseres Verständnis für die Welt zu entwickeln, in der ich lebe. All das und die persönliche Weiterentwicklung sind die Dinge, die mich weiterhin ansprechen und die ich mit anderen teilen möchte.“

Während McInally in der Nähe seiner Heimat blieb, lebte sein Bruder Ian nach seinem Abschluss an der Heriot-Watt University in Edinburgh in der Umgebung von London, wo er Rotaract-Mitglied war und seine Frau kennenlernte, während er in der Computerbranche tätig war. Die beiden Brüder und ihre Familien besuchten sich im Laufe der Jahre gegenseitig. Jedoch ahnte McInally nicht, dass sein Bruder unter jenem „schwarzen Hund“ litt, wie Winston Churchill Depressionen bezeichnete. Ian McInally nahm sich am 8. Februar 2014 das Leben.

Dieser Moment hat das Leben derer, die Ian nahestanden, für immer verändert, und sie stellen sich ständig Fragen: Warum? Welche Anzeichen haben wir übersehen? Was hätten wir noch tun können?

McInally hat auf der International Assembly in Florida im Januar zum ersten Mal öffentlich über all dies gesprochen. Die Rede einzuüben war eine emotionale Herausforderung. „Ich kann Ihnen sagen, dass es kein einfacher Vortrag war“, sagt er. „An diesem Tag war ich zum ersten Mal in der Lage, den Vortrag zu Ende zu bringen, ohne zusammenzubrechen.“

Mit seiner Geschichte wollte er nicht um Mitleid werben, sondern andere wissen lassen, dass psychische Probleme jeden treffen können, und ihnen verdeutlichen, warum ihm dieses Thema so am Herzen liegt. „Viele Leute haben mich nach dem Vortrag angesprochen und mir gesagt, dass sie ähnliche Erfahrungen gemacht haben“, berichtet er.

Letztes Jahr wurde McInally Ambassador für die Wohltätigkeitsorganisation Bipolar UK, die in der Folge Partner von RIBI wurde. Aufgrund der Erfahrung mit seinem Bruder fühlt er sich der Organisation besonders verbunden und hat sie unterstützt, indem er ein Webinar über Suizidprävention veranstaltet und ein Video zum Thema produziert hat.

Eine seiner Initiativen für die Präsidentschaft ist die Förderung der psychischen Gesundheit. „Mein Handlungsaufruf im Rahmen dieser neuen Initiative von Rotary“, sagt er, „besteht darin, dass wir uns dafür einsetzen, das Stigma zu beseitigen, über psychische Gesundheit zu sprechen, Betroffenen helfen, eine qualitativ bessere Versorgung zu finden, und sie auf ihrem Weg zur Genesung unter stützen.“

Dies ist eine weitere Gelegenheit für McInally, sein persönliches Ethos mithilfe von Rotary in die Tat umzusetzen.

Als zweiter Schotte RI-Präsident

Nach Abbotsford House ist McInallys nächste Station das Gelände des Kelso Rugby Football Club. Hier findet das Lokalderby gegen Gala in der Tennent’s National League Division 1 statt. Wenn es eine Leidenschaft gibt, die die Menschen in der Region Borders teilen, dann ist es Rugby. Die Region hat einige der besten schottischen Rugby-Spieler hervorgebracht, von denen viele für die prestigeträchtigen British & Irish Lions gespielt haben.

Sechs Freunde aus ihren Rotary Clubs gesellen sich zu den McInallys ins Clubhaus, um vor dem Spiel Linsensuppe und Steak Pie zu essen. Während sich die alten Bekannten das Neueste erzählen, wird viel gelacht. Am Tisch herrscht große Bewunderung für den Mann, der Präsident von RI werden soll – als zweiter Schotte und sechster Brite. Clubfreundin Kate Gibb verrät, dass sie schon immer gewusst hat, dass es ihr guter Freund, den sie seit fast 30 Jahren kennt, bis an die Spitze von RI schaffen würde.

Als Rugbyspieler war McInally Stürmer in der zweiten Reihe und die Nummer 8 – „eine vielversprechende Karriere, die durch einen schweren Mangel an Talent leider vorzeitig beendet wurde“, räumt er ein. Nach dem Essen verfolgt er mit seinen Freunden das Kelso-Spiel von der ersten Reihe der Tribüne aus zwischen lautstarken Fans beider Mannschaften.

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Gordon und Heather McInally in South Queensferry, Scotland © Monika Lozinska

Rugby spielt im Leben der Familie eine große Rolle. McInallys ehemalige Zahnarztpraxis liegt nur einen Dropkick entfernt vom Rugby-Stadion Murrayfield. Als er die Praxis 2016 verkaufte, war eine der Bedingungen, dass er für Länderspiele Schottlands weiterhin dort parken darf.

Gala gewinnt mit zwei späten Penaltytoren mit 36:31 gegen Kelso. Als wir uns aufmachen, das Gelände zu verlassen, merkt Heather an: „Gordon scherzt in seinen Reden, dass er darauf wartet, dass jemand vom Nominierungsausschuss für den RI-Präsidenten vorbeikommt und sagt: ‚Tut uns leid, wir haben irrtümlich die falsche Person für das Präsidentenamt nominiert. Eigentlich wollten wir die nächste Person auf der Liste.‘ Es ist eine große Ehre. Wir treffen Staatsoberhäupter, besuchen glamouröse Orte, und ich ertappe mich immer wieder dabei, wie ich denke: Was in aller Welt machen wir hier? Wir kommen aus einem kleinen Dorf in Schottland mit 500 Einwohnern und vertreten hier Rotary International.“

Bevor wir uns verabschieden, gesteht Heather McInally, dass sie unheimlich stolz auf das ist, was ihr Mann erreicht hat: „Selbstverständlich“, meint sie, „aber bitte sagen Sie ihm das nicht.“

Dave King