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Eine Treppe, die 16 Meter hinauf in den Himmel führt, eine spiralförmige Steinmauer und eine Ansammlung von Bauwerken angeordnet in Form des Sternenbildes Orion – diese drei Kunstwerke des deutschen Künstlers Hannsjörg Voth stehen mitten in der marokkanischen Wüste. Erika und Fritz Eigen (RC Velbert) haben sie besucht.
In Marokko wird eine – oft durch Mauern abgegrenzte – Burg- oder Festungsanlage innerhalb der Altstadt als Kasbah bezeichnet. Diese besteht aus dem traditionellen Baustoff Lehm.
Auf dem Bild ist die Kasbah Aït Benhaddou, zu sehen. er Ort liegt mehr als 100 km südöstlich von Marrakesch. Die Stätte war Hauptort der Sippe (Aït) der Ben Haddou. Diese kontrollierten zur Zeit der Almoraviden im 11. Jahrhundert am Asif Mellah den Handel auf der alten Karawanenstraße zwischen Timbuktu und Marrakesch. Die Kasbah Ait Benhaddou  gehört zum Unesco-Weltkulturerbe.
Auch Ait Benhaddou ist größtenteils aus Lehm gebaut. Lehmbauten haben viele Vorzüge, so ist das Klima in Lehmgebäuden angenehm, da der Lehm ein hohes Wärmespeicherungsvermögen aufweist und damit temperaturausgleichend wirkt. Auch die Luftfeuchtigkeit wird stabilisiert, da Lehm Feuchtigkeit speichert und langsam aufnimmt oder abgibt. Der Nachteil ist, dass Lehmbauten eine dauernde Instandhaltung benötigen.
Von der Kasbah geht es weiter durch die Einöde in Richtung marokkanische Wüste.
Unterwegs bieten sich in kleineren Dörfern viele Fotomotive an.
Auch dieses Foto entstand unterwegs. Leibspeise der Ziegen sind Oliven, manchmal klettern sie sogar auf Arganbäume, um ihre Nascherei zu bekommen.
In Rissani wurden die eigens Zeugen dieses Treibens auf einem Ziegenmarkt.
Ein freilaufendes Kamel – Lebensraum der Teire sind trockene Steppen, Halbwüsten und Wüsten. Die Altweltkamele stammen ursprünglich vermutlich aus Asien – das Dromedar aus dem Arabischen Raum und das Trampeltier aus Zentralasien, sie sind aber als Nutztiere weit verbreitet worden und finden sich heute beispielsweise auch in Nordafrika.
Dünen in der Nähe der algerischen Grenze
In der Martha-Ebene der Wüste von Marokko steht die "Himmelstreppe", ein Kunstwerk des deutschen Künstlers Hannsjörg Voth. Sie zählt zur Richtung der Land Art, die der Konzeptkunst zuzurechnen ist. Charakteristisch für sie ist, das am Anfang des Schaffens ein umfassendes Konzept steht. Es enstand in den Jahren 1985 bis 1987....
... Voth schrieb vorab: "Im Süden Marokkos will ich ein Lehmbauwerk in Form eines Dreiecks errichten. In Marokko ist die Tradition der Lehmbauweise ungebrochen, deshalb werden ortsansässige Handwerker die Himmelstreppe bauen....
Das Dreieck, dessen langer Schenkel 23 Meter mißt (Boden), hat eine Höhe von 16 Metern. Die Hypotenuse beträgt 28 Meter: Hier verläuft zwischen zwei 140 Zentimeter hohen und 50 Zentimeter breiten Wangen-Brüstungen eine Treppe mit 52 Stufen. Die Stirnseite des Dreiecks ist an der Basis 6,80 Meter breit und verjüngt sich bis zur Spitze auf 3,60 Meter...
...Diese senkrechte Seite wird durch einen 60 Zentimeter tiefen Einschnitt profiliert und vertikal gegliedert. Die 52 Treppenstufen führen zu einer Plattform, die vier Meter unterhalb der Spitze des Bauwerkes liegt. Von dieser Ebene aus erreicht man zwei untereinanderliegende Räume...
...Nach der Fertigstellung der Himmelstreppe möchte ich im unteren Raum einige Monate wohnen und während dieser Zeit für den oberen Raum ein aus zwei Flügeln bestehendes Objekt anfertigen. Die Flügel haben ein Federkleid aus handgeschmiedeten Messern. Die Spannweite beträgt 3,50 Meter. Die Spitzen berühren die seitlichen Raumwände. Der Raum zwischen den Flügeln bleibt so ausgespart, daß sich ein Mensch einfügen kann."

Für das Ehepaar Eigen öffente ein einheimischer Mitarbeiter Voths die Falltüre zu den Wohn- und  Arbeitsräumen im Innern. Das Foto zeigt den Blick auf ein geschmiedetes Flügelpaar als Symbol des Traums des Menschen vom Fliegen.
Die "Goldene Spirale" ist ein weiteres Kunstwerk Voths, das in den Jahren 1994 bis 1997 fertiggestellt wurde. Das Bild ziegt Luftaufnahme der Goldenen Spirale, die sich etwa 6 Kilometer von der Himmeltreppe entfernt  befindet und auf einem Areal von etwa 60 mal 100 Metern errichtet wurde.
Das Bauwerk hat die Form einer Spirale und ist über einen Brunnen gebaut und konstruiert nach dem Prinzip des goldenen Schnittes.
Der Grundriss ist aus neun Viertelkreisen konstruiert. Diese Spirale wurde mathematisch durch eine Summenreihe wiedergegeben, in der jede Zahl die Summe der zwei vorangegangenen Zahlen ist.
Sie besteht aus einer 260 Meter langen Steinmauer, die sich vom Niveau Null auf 6 Metern Höhe emporschwingt.
Hannsjörg Voth, 3.v.l., erklärt das Bauwerk
Eine aufgeschüttete Rampe führt ins Zentrum der Spirale, zum Eingang. Hier steigt man 27 Stufen auf einer spiralförmigen Wendeltreppe abwärts zu zwei Arbeits-und Wohnräumen. Weiter führen 100 Stufen in die Tiefe des Brunnens zur Wasseroberfläche. Hier ruht ein schwimmendes Objekt. Ein Urboot, geschmiedet aus Edelmetall, das durch einen Schrein geschützt ist. Wie eine Keimzelle, die das Geheimnis vom Werden in sich trägt, schwimmt die Arche auf dem Wasser. Diese Erdskulptur dient einerseits als Behausung und ist zugleich schützendes Gebäude für das Boot.

Annäherung an das dritte Bauwerk, die Stadt des Orion, das mit den beiden anderen ein Dreieck bildet. Es wurde in den Jahren 2000 bis 2003 realisiert.

Voth hat die Figur des Sternbilds Orion maßstabgetreu auf den Wüstenboden projiziert und von Handwerkern mit handgestampften, übermannsgroßen Mauern aus Lehm und Wasser nachziehen lassen.
Die Stadt des Orion ist ein Ensemble von 24 architektonischen Skulpturen, deren Gestalt sich jeweils an der Größe und Helligkeit der Himmelkörper orientiert. Sieben Türme zwischen zwölf und 17 Metern Höhe spiegeln die sieben Hauptsterne.
Auf den sieben Haupttürmen, die durch Außentreppen zu besteigen sind, befinden sich astronomische Beobachtungssitze, schlitzförmige Öffnungen in den oberen Teilen.
Hannsjörg Voth gilt als ein Vertreter der Richtungen Konzeptkunst und Land Art. Er lebt und arbeitet in München und Unterdietfurt. Während seines Aufenthaltes in Marokko, wo er lange Zeit lebte, realisierte er diese Großskulpturen.

Gemeinsam ist allen Projekten Voths eine oft archaische Ästhetik. Weil sie aus nicht dauerhaft erhaltenden Materialien gefertigt sind, werden sie im Laufe der zeit irgendwann zerfallen. Voth gibt seine Kunstwerke so der Vergänglichkeit anheim. Seine Frau, die Fotografin Ingrid Voth-Amslinger, unterstützt ihren Mann, indem sie die Kunstwerke fotografiert. So bleibt zumindest etwas bestehen: Die Dokumentation der Kunst.

Stadt des Orion im Gegenlicht