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Titelthema

Eine tiefe Verstörung

Titelthema - Eine tiefe Verstörung
Royal Family - Das Rückgrat des britischen Selbstverständnisses ist die Monarchie. Wo andere Länder bestenfalls auf eine große Vergangenheit blicken können, liefert das englische Königshaus seinen Untertanen täglich Neues: mal zum Feiern, mal zum Lachen, mal zum Fremdschämen. Aber immer zum Mitfiebern. © Martin Parr/Magnum Photos/Agentur Focus

Warum der Abschied der Briten aus der Europäischen Union so stark polarisiert

Jochen Buchsteiner01.03.2019

Die Loslösung von der Europäischen Union sollte das Königreich wieder groß machen, stolz und unverwechselbar. Darauf zielten die Parolen von der Befreiung aus der europäischen Bevormundung und dem „Zurückgewinnung der Kontrolle“. Doch der quälende Abschied von Brüssel scheint nun eher den Prozess zu beschleunigen, den umzukehren die Hoffnung gewesen war. Britannien, das lässt sich kaum noch bestreiten, schrumpft – jedenfalls auf politisches Normalmaß. Seit dem 24. Juni 2016, dem Tag nach dem EU-Referendum, erleben die Briten Krisen, die sie nicht gewohnt sind. Sie spüren, dass Freunde auf dem Kontinent auf Abstand gehen. Sie machen die erstaunliche Erfahrung, dass über sie gelacht und sogar gespottet wird. Die elegante Überheblichkeit, mit der die Briten ihren Nachbarn zuweilen auf die Nerven gegangen sind, ist einer gewissen Verunsicherung gewichen.

Die Zeit, in der das Königreich „über seiner Gewichtsklasse boxte“, wie es oft hieß, scheint fürs Erste vorüber, und vielleicht ist es eine weitere Pointe der Geschichte, dass sich die Anpassung in dem Augenblick vollzieht, da das „Zweite Elisabethanische Zeitalter“ seinem Ende entgegengeht. In dem, was vielerorts als politischer Niedergang wahrgenommen wird, steckt auch ein Stück Normalisierung, und das muss nichts Schlechtes sein, weder für das Vereinigte Königreich, noch für den Kontinent. Britannien, das wird manchmal vergessen, bleibt ja eine gutartige Mittelmacht. Es geht nicht im Groll, es bettelt geradezu um Zusammenarbeit. Die Regierung in London wirbt für freien Handel, will keine Konflikte mit seinen Nachbarn und verspricht auch nach innen, eine weltoffene, liberale Demokratie zu erhalten. Manchmal möchte man beinahe fragen, warum sich alle so aufregen.

Die Nachteile, die den Brexit begleiten, liegen auf der Hand: Die Europäische Union verliert nach außen an Strahlkraft und im Innern an Balance. Das gleiche gilt, zumindest bisher, für das Königreich. Vor allem aber bindet die komplizierte Entflechtung der in mehr als vierzig Jahren geknüpften Bande kostbare politische Energien auf beiden Seiten des Kanals, die für die Bewältigung wichtigerer Aufgaben fehlen. All das ist bedauerlich, erklärt aber nur einen Teil der Erregung, mit der über den Brexit gestritten wird. Der Abschied von der EU polarisiert so stark, weil er größere Fragen berührt, als die, wieviele Banker die Londoner City verlassen oder wie hoch die Einbußen europäischer Exportunternehmen werden könnten. Nicht einmal die strategischen Auswirkungen – ob sich Britannien auf der Weltbühne marginalisiert oder zu einer neuen Rolle findet, ob die EU durch den Austritt Schaden nimmt oder wieder Schwung entfaltet – können das Ausmaß der Verbitterung erklären, das im altem Herzen der EU, in Berlin, in Paris und in Brüssel zu spüren ist.

Rebellion gegen das Einigungsprojekt

Das Verstörende des Brexit liegt tiefer. Es wurzelt in seinem rebellischen Antrieb, seinem weltanschaulichen Kern. Die freiwillige Entscheidung, Brüssel den Rücken zu kehren, ist ein Angriff auf den modernen europäischen Dreifachkkonsens: dass die EU als zivilisatorisches Fortschrittsprojekt, als „immer engere Union“, wie es im Gründungsvertrag heißt, weiterzuentwickeln ist; dass es den Nationalstaat zu schwächen und nicht zu stärken gilt; und dass aufgeklärte demokratische Gesellschaften Wohlstand über kulturelle Identität stellen. Der Brexit, könnte man auch sagen, ist ein Anschlag auf das, was der überwältigende Teil der europäischen Eliten als Vernunft begreift.

Was ist bloß in die Briten gefahren?, fragen sich viele. Was ist geschehen mit der Nation, die John Locke, Adam Smith und David Hume hervorgebracht hat und seit Jahrhunderten als Synonym für Pragmatismus und common sense gilt? Müssen wir die Briten nach ihrer Brexit-Entscheidung neu denken? Oder ist ihnen nur ein Lapsus unterlaufen, der sich wieder richten lässt? Sind sie Opfer des europaweit grassierenden „Populismus“ geworden, oder ist die Entscheidung, die EU zu verlassen, am Ende gar nicht so unnachvollziehbar, wie das so vielen Kontinentaleuropäern und den Verlierern der Volksabstimmung vorkommt? Steckt in der britischen Unlust, den Argumenten „überzeugter Europäer“ zu folgen, womöglich sogar eine höhere Rationalität?

Als die Briten durch ihre letzte große Krise gingen – den wirtschaftlichen Abstieg in den 1970er Jahren – bescheinigte ihnen Karl Heinz Bohrer „ein bisschen Lust am Untergang“. Er sah nachgerade einen melancholischen Akt der Rebellion am Werke, „zusammengeflickt aus Empire- Würde und Altersschönheit, gemischt mit dem Explosivstoff britischer Hemmungslosigkeit und Vabanque-Haltung“.  Wo sind die Europäer, die mit ähnlicher Offenheit und kritischer Zuneigung auf das Königreich von heute blicken?

Die Wahrnehmung Britanniens leidet unter einem Mangel an Neugier und einer zweckgebundenen Denkblockade. Deshalb bleiben zwei Fragen ungestellt: Lassen sich die tieferen Motive des Brexit vielleicht aus der Geschichte des Landes heraus erklären, aus dem historischen „Anderssein“ der Briten, das vierzig Jahre lang von Brüssel zumindest in Schach gehalten wurde? Und zweitens: Haben die Briten – jedenfalls jene 52 Prozent, die für den Ausstieg votierten – das Wesen der Europäischen Union womöglich gar nicht missverstanden, sondern vielmehr durchdrungen, und zwar auf eine Weise, die der maritimen Nation gar keine Wahl ließ, als ein weiteres mal Anker zu lichten?

Zwischen Briten und Kontinentaleuropäern hat sich Sprachlosigkeit breitgemacht. Man versteht einander nicht mehr, am wenigsten, wenn man miteinander redet. In den Brüsseler Austrittsverhandlungen wollten die Briten, ohne dabei oft das Ziel zu kennen, zum jeweils nächsten Punkt vorstoßen und setzten auf Flexibilität. Die Europäer pochten auf Verfahren und Prinzipien. Die Briten sahen die Lage, in die sie sich durch das Referendum gebracht hatten, sportlich und versuchten gewissermaßen, das Beste aus ihr zu machen. Die Europäer fühlten sich verletzt und schwankten zwischen Beleidigtsein und Bestrafen.

Europas schwache Antwort

Was, um die Frage umzudrehen, ist eigentlich in die Europäer gefahren? Warum reagieren sie nicht souveräner und demonstrieren nach innen wie nach außen, dass sie jeden, der so töricht ist, mit einem mitleidigen Kopfschütteln ziehen lassen? Wenn die Europäer richtig liegen und die Briten einen Fehler begangen haben – sind sie dann nicht bestraft genug? Der Versuch der Europäischen Union, dem Königreich den Austritt so teuer und schmerzhaft wie möglich zu machen, ist unübersehbar. Kühl bezeichnen ihre Vertreter das Post-Brexit-Britannien als „third country“, so als käme dem Königreich trotz vierzig Jahren gemeinsamer Unionsgeschichte der Status von Algerien oder Marokko zu. Nur wer nicht mehr an sich selbst glaubt, macht anderen den Abschied so schwer.

An diesem Glauben fehlt es in der Europäischen Union. Hinter ihrem einigen und scheinbar starken Auftritt in den Verhandlungen lauerte die klamme Angst, dass die eigene Attraktivität nachlässt und die Briten daraus als erste die Konsequenz gezogen haben. Deren Vorwurf an die EU, trotz ihres Demokratiedefizits immer stärker in die Angelegenheiten der Nationalstaaten einzugreifen, äußert sich ja auch andernorts: Polen und Ungarn wollen sich keinen Migrantenschlüssel vorschreiben, Griechen und Italiener ihre Haushalte nicht von Brüssel diktieren lassen. Niemand weiß, wie diese Nationen abstimmen würden, würde ihnen die Exit-Frage vorgelegt. Die Angst in Brüssel ist umso größer, als das Königreich schon mehrmals in der Geschichte Vorstöße gewagt hat, die den Zeitzeugen ungeheuerlich und chancenlos vorkamen – und im Rückblick als Vorzeichen einer neuen Ära erschienen. So war es bei der Beschränkung königlicher Allmacht durch die Magna Carta im 13. Jahrhundert und auch im 16. Jahrhundert, als Henry VIII. mit dem Papsttum in Rom brach. Beide Male löste sich das Land vom „europäischen Mainstream“. Auch im vergangenen Jahrhundert verblüfften die Briten die Welt, als sie dem militärisch weit überlegenen Hitler-Deutschland den Krieg erklärten. Viele sahen das Königreich damals in seinen Untergang rennen; es kam dann bekanntlich anders. Und standen die Europäer nicht ein weiteres mal Kopf, als Margaret Thatcher vierzig Jahre später (gemeinsam mit Ronald Reagan) die neoliberale Revolution entfesselte?

Keines der Beispiele ist mit dem Brexit vergleichbar; aber sie rufen in Erinnerung, dass sich die Nation über die Zeit den Ruf eines furchtlosen Pioniers erworben hat – und die Insel eine Reputation als politisches Laboratorium. All dies spielt in die Beziehungen zum Königreich hinein. Es sind die heimlichen und stummen Sorgen, die den Umgang mit den Briten so verhärten: Sehen sie womöglich etwas, das andere noch nicht sehen? Nehmen sie einmal mehr eine Entwicklung vorweg, die Schule machen könnte?

Schon um diese Ängste zu verscheuchen, versuchen viele Europäer die Entscheidung der Briten als irrational, als politischen Betriebsunfall erscheinen zu lassen – und die Verlierer des Referendums helfen gern mit. Natürlich spielten unterschiedliche Motive in das Brexit-Votum hinein. Viele Briten nutzten es als Gelegenheit, um diffusem Unbehagen Ausdruck zu verleihen. Sie sahen in der EU – und dem britischen „Establishment“, das für den Verbleib geworben hatte – die Repräsentanten einer Fehlentwicklung: einer Globalisierung, die einen Teil der westlichen Gesellschaften wirtschaftlich und kulturell ins Abseits gestellt hat; einer gesellschaftspolitischen Liberalisierung, die vielen zu weit geht; nicht zuletzt einer offensiven Migrationspolitik, die sich für viele Bürger in wachsende Konkurrenz und Entfremdung übersetzt hat. Im Kern wählten die Brexit-Wähler für mehr nationale Souveränität, die im Königreich stärker als anderswo mit politischen Institutionen und dem Prinzip der „Accountability“ – der wirkungsvollen demokratischen Kontrolle politischer Entscheidungen – verbunden ist. Viele sind bereit, diesem Prinzip notfalls sogar den Wohlstand unterzuordnen. Dass diese Präferenz von den Brexit-Gegnern als irrational, ja verantwortungslos kritisiert wird, ist bemerkenswert.

Zweierlei Populismus

In Brüssel, Berlin und Paris wird bis heute argumentiert, die Brexiteers hätten sich mit Hilfe von „Lügen“ durchgesetzt. Den Ausstiegsmotiven wird so ihre Rationalität und auch ihre Ehrenhaftigkeit abgesprochen. Deutsche Politiker, die in den Monaten nach dem Referendum die britische Hauptstadt besuchten, brachten es zuweilen nicht einmal fertig, ihren Kollegen auf Empfängen die Hand zu schütteln oder einen höflichen Smalltalk zu führen. Die Verachtung für die Brexiteers, die EU-Ratspräsident Donald Tusk sogar in der „Hölle“ schmoren sehen will, hat die Atmosphäre nicht weniger vergiftet als der Versuch vieler Brexiteers, „das Volk” gegen „die Eliten“ in Stellung zu bringen. Populismus ist bekanntlich ein unscharfer Begriff, aber folgt man der Definition, dass er seinem Wesen nach antipluralistisch ist, dann haben wir es schon seit geraumer Zeit mit zwei populistischen Bewegungen zu tun, einer volkspopulistischen und einer elitenpopulistischen. Die erste beruft sich auf die Weisheit des Volkes und lässt keine andere gelten. Die zweite beruft sich auf eine höhere Vernunft und auch eine höhere Moral, zwei Kategorien, die keinen geringeren Ausschließlichkeitsanspruch in sich tragen. So sind auf beiden Seiten des Grabens Echokammern entstanden, in denen man nur noch hört und glaubt, was im eigenen Umfeld gesagt wird.

Jochen Buchsteiner

Jochen Buchsteiner ist politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in London. 2018 erschien „Die Flucht der Briten aus der europäischen Utopie“ (Rowohlt).

 

 

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