15.06.2010

Über den Papst und seine Kritiker

"Sie können das Chrsitentum nicht neu erfinden"

Im Gespräch mit René Nehring

Herr Prof. Spaemann, in den letzten Monaten haben die beiden Kirchen für zahlreiche Schlagzeilen gesorgt. In welcher Verfassung sehen Sie die Kirche, vor allem die katholische, heute?

Es ist im Augenblick eine schwere See, weil mehrere Dinge zusammenkommen, die eigentlich nichts miteinander zu tun haben. Hinzu kommt, dass es Leute gibt, die beflissen sind, so viel Schmutz wie möglich zu finden, und wo dies nicht gelingt, Vermutungen in die Welt zu setzen. Richtig ist, dass das frühere Vertuschen von Kindesmissbrauch und -misshandlungen – auch aus den besten Absichten, um das Ansehen der Kirche nicht zu beschädigen – nicht mehr funktioniert.

Wie konnte es zu dieser schweren Krise kommen?

Eigentlich möchte ich nicht von einer Krise sprechen, außer sie wird dazu gemacht. Man muss jetzt überlegen, warum diese Dinge möglich waren. Da muss schon in der Auswahl der Priester etwas nicht richtig gewesen sein. Und auch mit der Spiritualität, in der sie erzogen wurden, muss irgendetwas nicht gestimmt haben. Ganz nebenbei finde ich erstaunlich, dass andere – wie der Bundestagsabgeordnete Volker Beck oder Daniel Cohn-Bendit – nicht öffentlich dafür angeprangert werden, dass sie früher die Pädophilie verteidigt haben.

Im Vergleich dazu bewundere ich den gegenwärtigen Papst, der schon als Kardinal die strengsten Maßstäbe angelegt hat an Fälle sexuellen Missbrauchs, auch im Unterschied zum verstorbenen Papst Johannes Paul II., der geleitet war von dem Gedanken, in der Öffentlichkeit keinen Makel auf die Kirche kommen zu lassen. Kardinal Ratzinger hat immer gesagt: „Nur die Wahrheit kann frei machen.“ Jetzt sagt er dasselbe. Er redet den Leuten streng ins Gewissen. Er fordert sie auf, die Strafen dafür auf sich zu nehmen. Gleichzeitig redet er aber wie ein Vater zu ihnen und sagt, dass es auch für sie eine Barmherzigkeit Gottes gibt und eine Verzeihung, die für jeden bereitsteht. Diese Verbindung von Strenge und Unerbittlichkeit mit Güte und Barmherzigkeit bewundere ich.

Die Kritiker werfen dem Papst nicht vor, direkt involviert gewesen zu sein in die Missbrauchsfälle, sondern entweder zu milde gegenüber straffälligen Priestern aufgetreten zu sein oder zu wenig Mitgefühl gegenüber den Opfern gezeigt zu haben. Fehlt Benedikt die richtige Empathie?

Das kann ich nicht finden. In Malta hat der Papst eine Reihe von Opfern empfangen und mit ihnen lange gesprochen. Jeder konnte seine Geschichte erzählen – und der Papst hat gemeinsam mit ihnen geweint. Benedikt ist niemand, der sich Tränen herausquetschen kann, wo er nichts empfindet. Er ist ein stiller Mensch, der seine Worte wägt. Auch in seinem Schreiben an die Iren spricht er – neben Bischöfen, Priestern und Tätern – eigens die Opfer an. Ich weiß nicht, was ein Papst anderes sagen soll.

Geht die bürgerliche Welt zu oberflächlich mit den Äußerungen des Papstes um?

Das ist so. Aber es ist auch ein schlechter Wille da, mancherorts gar eine Feindschaft. Man sieht es in England, wo Atheisten gefordert haben, den Papst, wenn er demnächst nach England kommt, zu verhaften. Benedikt hat selbst auf diese Feindschaft hingewiesen. Als es um die Pius-Bruderschaft ging, hat er in einem Brief an die Bischöfe geschrieben, dass manche nur darauf gewartet haben, etwas zu finden, was sie ihm anhängen können.

War die Wiederaufnahme der Pius-Brüder ein Fehler?

Es kommt darauf an, worauf man abhebt. Ob man generell dagegen ist, dass der Papst die Exkommunikation dieser Bruderschaft aufgehoben hat, oder ob man den Fall Williamson in den Mittelpunkt stellt. Dieser hat sich unmöglich gemacht, er kann in der Kirche nicht als Bischof agieren oder ein anderes Amt übernehmen. Aber ihn exkommunizieren, d.h. ihn vom Empfang der Sakramente ausschließen, das kann man nicht wegen einer historisch falschen Ansicht.

Liegen die Maßstäbe der Kirche und der bürgerlichen Gesellschaft inzwischen zu weit auseinander?

Ja. Das Eigentümliche ist, darauf hat Martin Mosebach hingewiesen, dass die Kirche ihre Maßstäbe in den letzten Jahrzehnten immer verschleiert hat. Viele Priester, Bischöfe und Laien haben versucht, alles, was irgendwie die bürgerliche Welt erschrecken könnte, zu verschweigen. Dadurch sind falsche Erwartungen gezüchtet worden; nämlich dass Christen alle furchtbar nett sind und dass das, was sie glauben, ganz harmlos ist. Und wenn die Kirche auf einmal zeigt, dass sie doch noch andere Maßstäbe hat, gibt es großes Geschrei. Nehmen Sie z.B. das gemeinsame Abendmahl, das die evangelischen Christen möglichst bald einführen möchten. Niemand regt sich hier über die orthodoxe Kirche auf, die in dieser Frage deutlich strenger ist. Warum? Weil das nie jemand von ihnen erwartet hat. Die katholische Kirche hat ständig Erwartungen erweckt, die sie nicht befriedigen kann.

Wieweit sollte sich die Kirche an die irdische Welt anpassen, um ihr wieder näher zu sein?

Sie können das Christentum nicht neu erfinden, da das Christentum eine Stiftung ist, deren Stifter Christus ist. Bei einer Stiftung kann man nicht einfach den Zweck ändern, auch wenn das schon viele versucht haben. Sie haben nicht so sehr im Neuen Testament gelesen, was Jesus gesagt hat, sondern sie lehren das, was Jesus ihrer Meinung nach hätte sagen sollen und erfinden damit ein neues Christentum.

Eine andere Sache ist die Sprache, die Übersetzung der Botschaft in der Predigt. Sie soll die Schönheit zeigen, die darin steckt. Diese Schönheit entfaltet sie gerade im Widerspruch zur bürgerlichen Welt. Mich beeindruckt immer, dass die großen Konvertiten am Anfang des 20. Jahrhunderts – etwa Gabriel Marcel und Jacques Maritain – alle in einer Zeit zur katholischen Kirche gekommen sind, als diese für unsere Begriffe heute sehr eng war.

Ein anderes stark diskutiertes Thema war wieder einmal die Abschaffung des Zölibats. Hat die Kirche hier einen Reformstau?

Ob der Zölibat zu den Inhalten des Reformstaus gehört, weiß ich nicht. Nur sollte man eines wissen: Die Reformfreudigen berufen sich immer auf das II. Vatikanische Konzil. Doch gerade dieses Konzil hat wie kein anderes vorher den Zölibat verteidigt! Das Konzil verlangt von allen Bischöfen, dass sie überall in der Kirche einen Gebetssturm entfachen sollen für die Bewahrung dieses kostbaren Schatzes der lateinischen Kirche.

Wenn man den Zölibat abschaffen oder ändern will, dann scheint mir jetzt der falsche Moment zu sein. Ignatius von Loyola sagte einmal, ein Mensch sollte in Phasen der Depression und der Krise keine wichtigen Lebensentscheidungen treffen, sondern nur von heute auf morgen das Richtige tun. Ich denke, das gilt auch für die Kirche im Ganzen.

Im Übrigen: Wenn Sie die jungen Leute sehen, die heute Priester werden, haben die eine ganz andere Mentalität als vor ein paar Jahrzehnten. Sie werden in einem Augenblick Priester, wo das kein Honigschlecken ist. Sie wissen und sie wollen das. Meine ganze Hoffnung geht deshalb auf die Jungen. Meine Generation soll möglichst rasch abtreten. Die hat nichts mehr zu verkaufen.

Als Josef Ratzinger zum Papst gewählt wurde, war viel von einer „Wiederkehr des Glaubens“, gerade auch in Mitteleuropa, die Rede. Was ist daraus geworden?

Es hat einerseits eine innerkirchliche Stärkung stattgefunden. Doch ist der Mainstream im Augenblick nicht günstig. Allerdings gibt es auch sehr viele Katholiken, die sich engagieren, z.B. bei dem Thema „Glaube und Vernunft“. Das sind Impulse, die zweifellos der Stärkung der Kirche dienen. Das ist langfristig die Bedingung dafür, dass sie ihre Strahlkraft wieder entfalten kann. Aber im Moment erleben wir eine Durststrecke.

Welche Impulse konnte Benedikt im Laufe seines Pontifikats geben, der Kirche, aber auch der Gesellschaft insgesamt?

Vor allem, indem er die Inhalte des christlichen Glaubens auf eine sehr überzeugende, klare Weise vermittelt. Der verstorbene Papst hatte eine persönliche Ausstrahlung. Er hat nicht durch das, was er sagte, gewirkt, sondern durch die Art, wie er war. Der jetzige Papst argumentiert mit großer Klarheit, z.B. dass zum Inhalt des christlichen Glaubens auch die Tradition, die Heiligen und die Leben der Heiligen gehören. Das alles formuliert er so, dass man es hinterher auch nacherzählen kann.

Ein einschneidendes Datum der letzten Jahre war die Regensburger Rede des Papstes im September 2006, die zu vielen Protesten in der muslimischen Welt geführt hat. Die Protestanten wurden wiederum dadurch verärgert, dass Benedikt den Status einer Kirche ausschließlich für die römisch-katholische beanspruchte. Ist der Papst anmaßend gegenüber anderen Religionen und Konfessionen, ist er einfach nur zu unpräzise in seinen Formulierungen oder wurde er bewusst missverstanden?

Das Letztere. Nehmen wir die Protestanten. Johannes Paul II. hatte kaum eine Beziehung zu ihnen, der jetzige hingegen ist z.B. befreundet mit amerikanischen evangelischen Theologen. Es gab bisher auch keinen Papst, der die evangelische Theologie so genau kennt.

Auch hier sehe ich eine große Unehrlichkeit am Werk. Denn die Haltung Roms zu den Protestanten hat sich nicht Papst Benedikt ausgedacht: Das II. Vatikanische Konzil sagt, dass „Kirche“ im eigentlichen Sinn nur die katholische und die orthodoxen Kirchen sind, weil sie in der apostolischen Sukzession stehen und weil sie die gleichen sieben Sakramente haben. Ferner hat das Konzil gesagt, dass es auch außerhalb der Kirche Elemente gibt, mit denen wir uns auch identifizieren können. Diese nennt das Konzil „kirchliche Gemeinschaft“. Dieser Sprachgebrauch entspricht der Tradition und dem Konzil. Nichts davon hat der Papst sich ausgedacht.

Die evangelische Kirche beansprucht auch gar nicht, Kirche in dem Sinne zu sein, in dem die Katholiken dies verstehen. Schon Luther sprach von der einen heiligen Kirche, die unsichtbar ist und sich überall dort konkretisiert, wo christliche Gemeinden zusammenkommen. Die katholische Kirche glaubt, dass die Kirche eine sichtbare Größe ist, so wie Christus ein sichtbarer Mensch geworden ist. Wenn man die Lehre von der allgemeinen Kirche teilt, dann kann man sagen: ‚Ja, es gehören alle dazu, es können alle zum gemeinsamen Abendmahl gehen‘. Dies ist einer der tiefgreifenden Unterschiede in der katholischen und evangelischen Lehre.

Was ist die Summe der Theologie des Papstes?

Ich bin kein Theologe, aber ich habe den Eindruck, dass für ihn im Mittelpunkt die persönliche Beziehung zu Jesus steht, und dass die Kirche den Sinn hat, die Menschen dahinzuführen. Aber nicht zu einem ausgedachten Jesus, sondern zu dem wirklichen, zum Jesus der Evangelien. Benedikts Denken kreist gar nicht in erster Linie um die Kirche. Deren Zukunft ist für ihn Gottes Sache. Die Aufgabe der Kirche ist es, den Weg freizumachen, freizuhalten, die Augen der Menschen ins Helle zu führen, dass sie Jesus entdecken.

Welche Impulse sind vom Papst in den nächsten Jahren noch zu erwarten?

Ich weiß es nicht. Doch wird er sicher weiter für einen neuen Sinn der Liturgie streiten. Er hat früher schon immer geschrieben, dass die Krise der Kirche ihren Anfang in der Krise der Liturgie gehabt habe. Wenn diese nicht mehr augenscheinlich macht, worum es in der Eucharistiefeier geht, dann wird alles Übrige auch ins Unklare geraten. Darum hat Benedikt dem alten Ritus wieder einen würdigen Platz in der Kirche gegeben, obgleich er selber den neuen Ritus feiert. Der Papst erhofft sich von einer Erneuerung der Liturgie die wichtigsten Impulse für eine Erneuerung der Kirche. Das kann man heute schon beobachten. Der liturgische Sinn auch bei den jungen Priestern nimmt zu, das Bewusstsein, dass die Messe nicht irgendeine Unterhaltungsveranstaltung ist. Man sieht schon, wenn der Priester die Kirche betritt, ob er hineinschlendert oder ob hier etwas beginnt, das einer anderen Welt angehört.

Erschienen in Rotary Magazin 6/2010

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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