https://rotary.de/gesellschaft/warum-freunde-rotary-verlassen-a-14144.html
Rotary aktuell

Warum Freunde Rotary verlassen

Rotary aktuell - Warum Freunde Rotary verlassen
© Illustration: Illutea/Juliane Richer

Seit vielen Jahren stagniert die Mitgliederzahl bei Rotary weltweit. In Deutschland gibt es nach einer langen starken Phase immerhin noch ein stabiles kleines Plus. Gefahr droht jedoch von anderer Seite: Es wird schwerer, neue Mitglieder auch zu halten

Matthias Schütt01.05.2019

Wer in den 1990er Jahren zu Rotary kam, begegnete einer Zahl, die sich bis heute nicht geändert hat: 1,2 Millionen Menschen sind weltweit Mitglied in einem Rotary Club. Nun wäre schon ein Null-Wachstum über einen so langen Zeitraum bedenklich; doch richtig spannend wird es, wenn wir eine zweite Zahl dagegenstellen: 1995 gab es weltweit 27.000 Clubs, heute sind es über 35.000. Rotary ist also um über 8000 Clubs gewachsen. Setzt man je neuem Club 25 Mitglieder an, ist das ein Zuwachs von 200.000 Rotariern. Dieselbe Zahl an Mitgliedern hat Rotary aber auch verloren. Eine gewaltige Umwälzung in der Mitgliedschaft.

Negativsaldo
Schauen wir zunächst auf das Gesamtbild, das Rotary Coordinator Jörg Goll mit Zahlen von RI zusammengestellt hat: 2018 standen weltweit 160.000 Eintritten in Rotary Clubs 170.000 Austritte inklusive Sterbefälle gegenüber (ein Negativsaldo von 6,2 Prozent).

Über die Hälfte der Austritte erfolgt in den ersten beiden Jahren der Mitgliedschaft (30 Prozent im zweiten Jahr). Zu den Gründen sagen 31 Prozent, Rotary sei zu teuer und zeitaufwendig, 21 Prozent stört das Clubumfeld, 15 Prozent hadern mit enttäuschten Erwartungen. Besonders bedenklich: 43 Prozent der Befragten würden ihren Club und 35 Prozent würden Rotary nicht weiterempfehlen.

In Deutschland und Österreich ist immerhin noch ein reales Wachstum nachweisbar, wenn auch auf niedrigem Niveau. Meldeten bis vor zehn Jahren die Distrikte stabile Wachstumsraten von bis zu vier Prozent im Jahr, liegen die Zahlen inzwischen deutlich darunter.

Die Zugewinne liegen bei plus/minus einem Prozent, in Zahlen circa 550 neuen Mitgliedern pro Jahr. Allerdings entfällt ein Großteil dieser neuen Mitglieder auf neue Clubs. Im Rotary-Jahr 2017/18 gab es davon zwölf. Wenn man für die auch jeweils 25 Mitglieder ansetzt, bleiben noch rund 250 Mitglieder in den etablierten 1079 Clubs. Andererseits meldet RO.CAS für 2018 genau 1118 Austritte.

Breite Resignation
Wenn aber rein rechnerisch jeder Club ein Mitglied verloren hat, müssen wir über die Gründe reden, die zu dieser breiten Resignation führen. Hier ist nicht der Platz für eine umfassende repräsentative Untersuchung, wohl aber für einen Blick auf die Argumente, die ehemalige Mitglieder für ihren Austritt anführen.

Doch zuvor noch ein Blick auf eine Feinanalyse von Jörg Goll über die Entwicklung eines beispielhaften Distrikts in Deutschland über die vergangenen fünf Jahre. Wir werden daraus sehen, dass die Gründe keineswegs unter persönlichen Befindlichkeiten abgehakt werden können, sondern auch massive Probleme in den Clubs erkennen lassen.

Von den rund 80 Clubs des ausgesuchten Distrikts hat ein gutes Viertel gleich viele oder weniger Mitglieder als vor fünf Jahren. Nur 14 Clubs haben fünf oder mehr Mitglieder hinzugewonnen, also im Durchschnitt immerhin ein neues Mitglied pro Jahr.

Sieben Clubs haben bisher keine Frauen aufgenommen, bei weiteren 13 Clubs stagniert die Zahl der weiblichen Mitglieder bei maximal zwei („Symbolfrauen“). Die Zahl der U40-Jährigen wurde unwesentlich gesteigert und liegt aktuell im Bereich von 3,8 Prozent der Gesamtmitglieder. Andererseits liegt das Durchschnittsalter in den Clubs deutlich über 60 Jahre. Goll: „Bei einer Organisation, deren eine Hauptsäule die aktiv gelebte Berufsklassifikation ist, muss dieser Wert besonders kritisch gesehen werden.“

Den Befund bestätigt für seinen Distrikt 1950 der dortige Mitgliedschaftsbeauftragte Peter Kadow, RC Aschaffenburg-Schönbusch. Er befürchtet eine „irreversible Überalterung“, wenn es nicht gelingt, die Verteilung in den Altersgruppen – sieben Prozent U40, aber 35 Prozent Ü65 – in eine ausgewogene Relation zu bringen. Weitere Kennzahlen seines Distrikts mit 66 Clubs: ein Saldo von 17 neuen Mitgliedern in 16 Monaten. 40 Clubs – fast zwei Drittel – haben gar keine neuen Mitglieder aufgenommen. Jeder vierte Club lehnt noch immer die Aufnahme von Frauen ab.

Austrittsgründe
So weit die Statistik. Jetzt soll es um die Gründe gehen, warum eine zumeist hoffnungsfroh eingegangene Mitgliedschaft letztlich scheiterte. Auf Basis der Listen, die der Rotary Verlag unter rotary.de/mitgliederservice im Mitgliederbereich verwaltet, wurden über 50 Personen angefragt, die in jüngster Zeit ausgetreten sind. Dabei kamen rund 40 Kontakte sowie 17 Interviews zustande. Den Interviewpartnern wurde für die Veröffentlichung Diskretion zugesichert.

Sehr häufig werden als Austrittsgrund zeitliche Zwänge genannt, aus beruflichen oder auch familiären Gründen. Oft wird dabei bedauert, dass man den „sympathischen Kreis“ verlassen musste. Rotary als Organisation und der spezielle Club werden nicht infrage gestellt. Allerdings: Aus den Kommentaren ist auch herauszuhören, dass sich die Clubs wenig flexibel zeigen, um ihren Mitgliedern individuell eine Brücke zu bauen. Ein prägnantes Beispiel war die Geschäftsführerin (43) eines Industriebetriebs, die an dieser Unbeweglichkeit gescheitert ist: „Der Club tagte immer abends. Der Termin war für mich extrem ungünstig. Der Versuch, wenigstens ein Mittagsmeeting im Monat anzusetzen, wurde aber von der Mehrheit abgelehnt.“ (Wobei eine andere Konstellation häufiger vorkommt: Der starre Mittagstermin stellt viele Berufstätige vor unüberwindliche Hürden.)

Mangelnde Integration in den Clubs
Das klingt schon nach gezieltem Ausgrenzen einzelner Mitglieder, so wie es auch andere erlebt haben. Ein pensionierter Beamter, der im Ruhestand seinen Wohnort zu seinen Kindern verlegt hatte, wurde zwar in den Club am neuen Wohnort aufgenommen, aber nicht integriert. „Rotary war mir gegenüber eine geschlossene Gesellschaft: In gesellige Runden, etwa nach dem Meeting, wurde ich nicht einbezogen.“ Unbeweglich war der Club auch im Hinblick auf die Aufnahme von Frauen. „Dass der Präsident auf mein Austrittsschreiben nicht geantwortet hat, passt zu dem negativen Eindruck.“

An diesem Punkt wird es schmerzhaft für Rotary als vermeintlich modernem Serviceclub, denn jetzt geht es um patriarchalische Strukturen. Als Synonyme tauchten in diesem Zusammenhang auf: „Gutsherrenart“, „Platzhirsche“, „Erdogan hoch zehn“. Man muss das nicht immer für bare Münze nehmen, aber der individuelle Fall klang durchaus nachvollziehbar. Etwa bei dem Rotarier, der sich erlaubt hatte, in der Clubversammlung kritische Fragen zu einem internationalen Hilfsprojekt zu stellen. Ihm schien der Bedarf für eine geplante Investition nicht plausibel. „Ich wurde mit dem Hinweis, das sei unrotarisch, geradezu niedergebrüllt.“ Enttäuscht ist er insbesondere von den jungen Mitgliedern, die sich aus dieser Diskussion völlig heraushielten. „Dabei ist doch das die Generation, auf die es ankommt.“ Eine Rotarierin in Österreich, die als Präsidentin versucht hatte, einige Mitglieder wegen fehlender Präsenz auszuschließen, scheiterte damit am Widerstand im Club. Stattdessen wurde die Meetingfrequenz auf zweiwöchentlich umgestellt. Das jedoch brachte nicht die erhoffte Präsenzsteigerung. Entnervt gab sie auf.

„Vereinsmeierei“
Häufiger fällt auch der Vorwurf der „Vereinsmeierei“, die bei Rotary eigentlich ausgeschlossen sein sollte, schließlich wechseln regelmäßig die wichtigsten Vorstandsposten. Aber eben nicht alle. Mehrfach wurde der Schatzmeister als „graue Eminenz“ im Club erwähnt, dem ziemlich egal ist, wer unter ihm als Präsident amtiert. Das ist zum Beispiel die Erfahrung einer Ärztin, die mit einem „ewigen Schatzmeister“ zu tun hatte, der auch noch ihr Chef als Geschäftsführer einer Klinik war. Als es zum beruflichen Zerwürfnis kam, setzte sich die Auseinandersetzung im Club als „Mobbing“ fort. Der Gipfel war die Austrittsmeldung an den Rotary Verlag, „obwohl ich meinen Austritt nicht erklärt hatte und auch nicht erklären wollte“. Sie sucht vielmehr an ihrem neuen Arbeitsort neuen Anschluss.

Zugegeben, das sind alles Einzelfälle. Aber sie deuten auf Problemfelder hin, denen sich die Clubs und auch die Distriktleitungen stellen müssen. Gerade im letzten Fall berichtet die Ärztin von einem Hilferuf an den Distrikt, beim Konflikt im Club zu vermitteln. Bedauernd winkte der Governor ab. Sie müsse verstehen, die Autonomie des Clubs…

Fehl am Platz
Zwei weitere Schwachstellen, die von mehreren Gesprächspartnern genannt wurden, sind ebenfalls Hinweise, wo die Clubs mehr auf ihre Mitglieder hören sollten. Mehrfach wurde bedauert, dass sich die Atmosphäre über die Jahre verändert habe. „Das Zusammengehörigkeitsgefühl ist weg. Das ist vielleicht normal nach einigen Jahren. Aber ich erlebe das als Verlust an Toleranz und Offenheit“, sagt eine ehemalige Clubpräsidentin, die immerhin 17 Jahre Mitglied war. Dazu passt der Eindruck der „Grüppchenbildung“, deren Einfluss zuzunehmen scheint. Auch die (Partei-)Politik scheint inzwischen stärker in die Clubs hineinzuwirken.

Neue Strahlkraft
Und schließlich muss zu denken geben, dass Rotary für manchen nicht mehr das Niveau ausstrahlt, das ihn einst angezogen hatte. Beispielhaft fasst das ein junger Ingenieur in Worte: „Als jemand, der sich beruflich mit der Zukunft befasst, fühle ich mich in einem so traditionsverhafteten Verein fehl am Platz.“ Und ein frisch emeritierter Hochschullehrer erzählt freimütig, dass er im Ruhestand eigentlich seine Präsenz aufbessern wollte – nur um festzustellen, dass die Vorträge und Themen nicht seinen Vorstellungen entsprechen. „Ich bin Mitglied in verschiedenen Fachgesellschaften und Verbänden. Die bringen mir mehr.“

Wie Rotary sich in Deutschland und Österreich ändern muss, um neue Strahlkraft zu gewinnen, wird uns in weiteren Beiträgen beschäftigen. In einem der nächsten Hefte soll es um beispielhafte Ideen gehen, mit denen Clubs neue Mitglieder gewinnen – und halten. Hilfreiche Vorschläge und weitere Hinweise dazu nimmt die Redaktion des Rotary Magazins gern entgegen: redaktion@rotary.de.

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.