17.03.2015

Eine kleine Apologie des Mysteriums 

Wunder – Heilung – Ostern

Regina Radlbeck-Ossmann

Wunder haben scheinbar immer Konjunktur. Wir schauen auf Society-Wunder, die zu schön sind, um rar zu sein. Wir staunen über Wundermittel, die Gewichtsverlust im Schlaf, neuen Haarwuchs auf bereits kahlen Stellen und straffes Gewebe in allen Problemzonen in Aussicht stellen. Wir lauschen Berichten von Patienten, die bei Beschwerden keinen Arzt, sondern einen Wunderheiler aufsuchen. Die Liste der Wunderphänomene ist in unserer Zeit wieder lang geworden. Angesichts dessen wirkt es befremdlich, dass vom Wunder ausgerechnet in dem Bereich wenig die Rede ist, in dem es ursprünglich zuhause ist – dem Bereich der Religion.

In der Religion geht es um den Glauben des Menschen an Gott. Da Gott dabei als Gegenüber gilt, das nicht nur menschliche Möglichkeiten, sondern selbst menschliche Vorstellungen noch unendlich übersteigt, sollte man erwarten, dass der Umgang mit Wundern für gläubige Menschen ein vertrautes Feld wäre. Das Gegenteil ist jedoch der Fall. Auf die Frage, ob man heute noch behaupten könne, dass Gott Wunder wirke, kommen selbst treue Kirchengänger ins Stolpern. Sie wollen einerseits Gott das nicht absprechen, was ihre eigene religiöse Tradition in immer neuen Varianten von ihm aussagt, dass er nämlich auf vielfältige und wunderbare Weise in der Welt wirkt. Andererseits wollen sie auch nicht den Eindruck erwecken, sie seien in ihrer persönlichen Entwicklung über einen naiven Kinderglauben nicht hinausgekommen. Wie also nun Position beziehen? Das Defizit an Glaubenswissen, das an dieser Stelle offenbar wird, wird in der Regel schmerzlich empfunden. Kommt deshalb ein Theologe auf das Wunder zu sprechen, so drängen plötzlich alle auf eine Klärung. Die Mienen bislang stiller Beter beleben sich, Gemeinden melden Diskussionsbedarf an, Seelsorger greifen schon einmal nach der Rolle des Moderators, und Religionslehrer erbitten Materialien zum Thema. Nun gut, dann also ein Angebot.

Der religionsgeschichtliche Befund zeigt, dass Wunder zum festen Traditionsbestand nahezu aller Religionen gehören. Menschen führen außergewöhnliche und Verwunderung auslösende Erfahrungen, die mit ihrem Verständnis von Normalität nicht zu vereinbaren sind, auf das Eingreifen einer Gottheit zurück. Diese Form, außeralltägliche Erfahrungen zu bewältigen, ist bemerkenswert weit verbreitet. Sie scheint so etwas wie ein kulturübergreifendes Muster zu sein. Entgegen früheren Annahmen ist dieses Muster sogar bei ethnischen Religionen zu finden. Dies ist einigermaßen überraschend, haben ethnische Religionen doch ein Weltbild, in dem ohnehin fast alles geheimnisvoll und wunderbar ist. Dennoch unterscheiden auch sie zwischen dem quasi normalen und dem außergewöhnlichen Wunderbaren. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass selbst Menschen in schriftlosen Einfachkulturen über ein alltagsgebundenes Erfahrungswissen verfügen, welches das Normale vom Außergewöhnlichen und Verwunderlichen unterscheidet.

Für die Bibel bezeugt bereits das reiche begriffliche Instrumentarium, dass man in vielfacher Weise mit ungewöhnlichen Ereignissen und ihrer Beschreibung vertraut ist und deshalb sprachlich fein zu differenzieren vermag. Die Heilige Schrift nutzt bis zu 30 verschiedene Wendungen für das, was in den deutschen Sammelbegriff „Wunder“ eingeht. Dabei zeigt sich ein auffallendes Bemühen, das Mirakel zu meiden. Mit einem Ereignis, das vor allem die Schaulust befriedigt, also fasziniert und blendet, für die eigene Lebensgestaltung aber nichts austrägt, hält man sich nicht lange auf.

Faszinierende Schöpfung

Als wunderbar gelten dem Alten Testament auch nicht unbedingt Ereignisse, die Naturgesetzen widersprechen, sondern eher solche, in denen der Glaubende Gottes gnädige Fürsorge erkennen kann. Für den alttestamentlichen Beter ist einmal schon die Schöpfung wunderbar. Als Wunder gelten sodann geschichtliche Großtaten, hinter denen man die Führung Gottes erkennt, wie die Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten oder der erfahrene Beistand in Kriegssituationen. Darüber hinaus werden selbst vergleichsweise alltägliche Dinge, wie das Geschenk des Lebens, die Erfahrung von Schönheit oder die Genesung von Krankheit als Wunder erlebt.

Für das Neue Testament bildet die Botschaft von Gott, der souverän und machtvoll in die Geschicke der Menschen eingreift, um sie zu retten, die zentrale Aussage. Die Evangelisten schildern, wie Jesus dieser Botschaft in Wort und Tat Geltung verleiht. Dass es sich bei der Wundertätigkeit Jesu um ein reales Geschehen handelt, wird dabei vorausgesetzt. Die Alternative Fakt oder Fiktion ist für die Schriftsteller des Neuen Testamentes also längst entschieden. Für sie sind die Wunder Jesu vor allem Friktion, d.h. eine Unterbrechung, die zwar zu einem konkreten geschichtlichen Zeitpunkt erfolgt, sich von da aus aber wie ein Riss durch alles Weitere zieht. Nach dieser Unterbrechung ist nichts mehr wie vorher.

Unterbrochen und gestört werden dabei ganz bestimmte Alltagserfahrungen, nämlich solche, die in steter Wiederholung Zustände einschleifen, die der von Gott gewollten Schöpfungsordnung widersprechen und das Leben von Menschen versklaven. Zu diesen Zuständen zählen Krankheiten und Gebrechen ebenso wie wirtschaftliche Not, religiöse Unterdrückung oder menschliche Herzenshärte. Der Darstellung der Evangelisten zufolge brechen die Wunder Jesu genau diese unheilvollen Formen der Unordnung in der Welt auf, indem sie Kontrasterfahrungen schaffen. Diese setzen den alten, lebensfeindlichen Verhältnissen ein Ende und etablieren eine neue, lebensfreundliche Bedingungen. Das rührt Menschen auch in ihrem Glauben an. Sie beginnen zu verstehen, dass der Heilsplan, den Gott einst mit seiner Schöpfung verbunden hat, weiterhin gültig ist und sich trotz aller Widerstände machtvoll Bahn bricht.

Wenn die Evangelisten also davon berichten, dass Jesus Blinde, Lahme und Taube von ihren Gebrechen befreit, und Krankheiten wie Aussatz heilt, dann sagen sie damit aus, dass das heilschaffende Handeln Jesu nicht nur die Beschwerden einiger weniger gelindert, sondern die Wirklichkeit insgesamt verändert hat. An den vom Wunder erfassten Einzelfällen wird nämlich stellvertretend für alle offenbar, dass selbst Lebensläufe, die als offenkundig aussichtslos gelten, durch Gottes Eingreifen noch heilvoll aufgebrochen und verändert werden können. Diese Botschaft, die in den Wundertaten Jesu zeichenhaft Gestalt gewinnt, deckt sich mit dem, was aus den Evangelien als der Kern der Wortbotschaft Jesu rekonstruiert werden kann.

Das Wunderverständnis war bis ins 18. Jahrhundert hinein unwidersprochen und geriet erst durch die aufklärerische Wunderkritik ins Wanken. Unter dem Druck der gewandelten Verhältnisse empfanden bald auch Theologen das Wundersame der Evangelien als erklärungsbedürftig und sogar als ein bisschen peinlich. Die Erklärungen, die man daraufhin erarbeitete, bemühten sich, dem gegenzusteuern. Sie versuchten das Außerordentliche, von dem die biblischen Wunderberichte sprechen, so weit als möglich in Ordentliches zu überführen. Aus Unerklärlichem sollte Erklärliches werden. Eine an Alltagserfahrungen geschulte möglichst weitgehende Rationalisierung dieser Texte wurde in Angriff genommen.

Folgen der Aufklärung

In der Folge deutete man den Seewandel (Mt 14, 22-32) als optische Täuschung und die Brotvermehrung (Mt 14,15) als Wende von einer Mentalität des Habens zu einer Mentalität des Teilens. Die vielfach bezeugten Heilungen verstand man grundsätzlich symbolisch. Danach war der Blinde nicht mehr wirklich blind, sondern nur noch ein Mensch mit eingeschränkter Perspektive, der Lahme lediglich geistig unbeweglich und der Aussätzige einer, den seine Umwelt von sozialer Teilhabe ausschloss. Das im Neuen Testament bezeugte Handeln Jesu an Aussätzigen, Lahmen und Blinden erschien als eine Art Psychotherapie, mit der Jesus Einzelne allein durch seine liebende Zuwendung aus ihrer sozial und psychisch verursachten Not befreite. Durch diese Erklärungen schob man die Wundererzählungen ganz in den Bereich dessen, was jeder auch andernorts erleben konnte. Das Paranormale, ja geradezu Schockierende, von dem die biblischen Zeugnisse berichten, wurde damit zum durch und durch Normalen, strikt Außeralltägliches zu gänzlich Alltäglichem. Die Umarbeitung dauerte fast zwei Jahrhunderte, aber irgendwann war sie vollzogen. Das Wunder war ins Übliche eingeordnet und endlich nicht mehr anstößig, und eine ganze Zeit lang schien das den Theologen ein Grund zum Aufatmen zu sein.

Doch bald schon erhoben die Historiker Einspruch. Sie beharrten darauf, dass insbesondere die Heilungstätigkeit Jesu als historisch gelten müsse. Immerhin sei sie in allen Quellen und sämtlichen Quellenschichten intensiv bezeugt. Darüber hinaus finde sie sich sogar im Mund der Gegner Jesu. Damit stünden die Heilungen Jesu historisch gesehen so fest wie kaum ein vergleichbares Datum der antiken Geschichte. Für einen Zweifel bleibe da kein Spielraum. Hinzu kam mit einiger zeitlicher Verzögerung der Einspruch der Exegeten. Sie betonten, dass die Einordnung der Wunderberichte in die Alltagsrationalität nicht zur Erzählintention dieser Texte passe. Diese sprächen eindeutig von einem paranormalen, geradezu schockierend außeralltäglichen Geschehen. Die in den Evangelien überlieferten, durchaus ambivalenten Reaktionen der Zeitgenossen Jesu bestätigen dies. „So etwas haben wir noch nie gesehen!“ ist dort noch die mildeste Reaktion. Das Spektrum reicht von Scheu (Mk 1,27) über Angst (Mk 5,33) bis hin zum blanken Entsetzen (Mk 6,50).

Exegetische Einsichten dürften künftig noch in anderer Hinsicht ein Impuls sein, sich neu mit dem Wunder zu befassen. Textwissenschaftliche Untersuchungen zeigen nämlich, dass die Evangelisten die Wunder als Ereignisse verstehen, in denen das Licht des Ostergeschehens bereits in die Gegenwart hereinleuchtet. Für die Parallelisierung der Heilungsereignisse mit der Auferstehungserfahrung sprechen sachliche und sprachliche Gründe: In beiden Fällen liegen gravierende Verletzungen des Lebens vor. Diese werden beide Male völlig überraschend aufgehoben. Beide Male geht es dabei um ein Ausmaß an Veränderung, das nach menschlichem Ermessen unmöglich ist. Beide Male wird die Wirkung auf Gott zurückgeführt. Die Gegenüberstellung von Heilungsberichten einerseits und Osterberichten andererseits erbringt sprachliche und stilistische Übereinstimmungen die bis in Detail reichen. Wenn der Lahme sich auf das Wort Jesu von seinem Bett erhebt, wird dasselbe Verb in derselben Form verwendet wie beim Auferstehungsgeschehen. Im Erzählduktus der Evangelisten erscheinen die Heilungen also wie das Vorspiel der späteren Auferstehung.

Heilung und Auferstehung

Diese Parallelisierung ist nicht nur theologisch plausibel, sie empfiehlt sich auch aus katechetischer Perspektive. Die Frage, wie man sich die Auferstehung vorstellen könne, ist für die Christen heute nicht weniger akut als vor 2000 Jahren. Es dürfte schwierig sein, die Realität der Auferstehung Jesu festzuhalten, ohne gleichzeitig von der Historizität der Heilungswunder zu sprechen, erzählen sie doch im Kleinen das, was an Ostern im Großen geschehen ist, dass Gott nämlich selbst dort noch Leben schaffen kann, wo aus menschlicher Sicht bereits alles verloren ist.

Man wird neu nachdenken müssen über die Frage einer Anwesenheit Gottes in der Welt im Allgemeinen und über Wunder im Besonderen. Die moderne Naturwissenschaft kann aufgrund ihres gewandelten Weltbildes heute immerhin beweglicher reagieren als ihr dies im 18. Jahrhundert unter der Voraussetzung eines mechanistischen Weltbildes möglich war. Wo ein Gespräch von Naturwissenschaft und Theologie heute ansetzen könnte? Nun – die Theologen werden auf diese Frage hin Augustinus empfehlen, der zum Wunder vielsagend bemerkt: „Wunder sind keine Infragestellung der Natur, sondern eine Infragestellung dessen, was wir von der Natur wissen“ (ep. 137).

Erschienen in Rotary Magazin 3/2015

Regina Radlbeck-Ossmann
Prof. Dr. Regina Radlbeck-Ossmann ist Inhaberin des Lehrstuhls für Systematische Theologie (Dogmatik) am Institut für Katholische Theologie und ihre Didaktik an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Zu ihren Schriften gehört u.a. „Christentum. Ein Reiseführer“ (Pattloch 2010). www.kaththeol.uni-halle.de

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