Porträt - Klavierspiel ist ihr Sport

Henriette Gärtner sagt über sich selbst: "Der Körper ist mein erstes Instrument, das Klavier mein zweites"

16.01.2014

Porträt 

Klavierspiel ist ihr Sport

Gerald Deckart

Henriette Gärtners (Rotary Club Hohenkarpfen-Tuttlingen) bisheriger Werdegang ist ein Beweis, dass Kunst und Sport sich auch aufs Schönste ergänzen können.

Eigentlich wollte sie von Anfang an Musik studieren, dies aber ließ sich mit der familiären Situation nicht vereinbaren. Mit ihrer Begeisterung für die Naturwissenschaften zog es sie in die Mathematik, was allerdings aus organisatorischen Gründen auch nicht möglich war. Dann entdeckte sie die Biomechanik/ Bewegungsphysiologie als Teilgebiet der Sportwissenschaft und studierte Sport und Französisch.

Seit sie acht Jahre alt war, hatte sie schon Twirling betrieben. Fünfmal wurde sie Deutsche Meisterin und Finalistin bei den Weltmeisterschaften. Daneben genoss sie eine klassische Ballettausbildung. Ach ja – und dann war da auch noch das Klavier. Mit drei Jahren schon hatte sie ihre Eltern verblüfft, indem sie ein gerade gehörtes kleines Musikstück spontan auf dem Flügel nachspielte. Für die Eltern – beide Pianisten – glücklicherweise kein Anlass, sie von nun an in strengen Unterricht zu zwingen. Henriette durfte sich ihr Spiel allein nach Gehör erarbeiten. Bis sie dreizehn war, konnte sie nicht einmal Noten lesen.

Im Zuge ihrer Studien der Sportwissenschaften vertiefte sie sich in das Fachgebiet der Biomechanik. Fasziniert davon schrieb sie darin ihre Zulassungsarbeit und schlug damit eine Brücke zwischen beiden Gebieten, der Biomechanik und dem Klavierspiel. Erstmals zog sie Vergleiche zwischen Konzertpianisten und Hochleistungssportlern. 1998, auf dem Weltkongress für Biomechanik an der Universität Konstanz, bemerkte sie das hohe Interesse der versammelten Wissenschaftler und beschloss, diese Thematik in einer
Doktorarbeit anzugehen. Die Fragestellung ist interessant, die Versuchsanordnung komplex: Wie kommt es, dass der eine Pianist trotz erheblichem körperlichem Einsatz kaum Klang aus dem Flügel herausholt, während ein anderer scheinbar mühelos ein kräftiges Fortissimo und ein ebenso aussagekräftiges Pianissimo erreicht?

Klaviermethodik
Um diese Fragen beantworten zu können, entwickelte Henriette Gärtner eine ganz neue Versuchsanordnung. Sie ließ eine Reihe von Pianisten an einem mit speziell entwickeltem Mess­equipment ausgestatteten Flügel bekannte Werke der Klavierliteratur spielen, aus denen sie dann einzelne Passagen hinsichtlich Klang, Kraft und Kinematik untersuchte und miteinander in Beziehung setzte, um letztlich entsprechende Schlussfolgerungen für die Klaviermethodik ziehen zu können.

 Mittlerweile ist Henriette Gärtner neben umfangreicher Konzerttätigkeit auch als Pädagogin tätig, sie ist Dozentin an der Staatlichen Hochschule für Musik in Trossingen und hält Seminare zum Thema Körper und Klavier (Musikphysiologie). „Der Körper ist mein erstes Instrument“, sagt sie, „das Klavier mein zweites“. Und sie veröffentlicht CDs. Über ihre Interpretation der Mondscheinsonate auf ihrer jüngsten CD „Luna“ schrieb ihr der bekannte Musikkritiker Joachim Kaiser in einem persönlichen Brief: „Nicht nur meisterhaft, sondern
genial“.

Als sich der RC Tuttlingen zu seinem 50. Geburtstag 2010 einen neuen Club schenkte, den RC Hohenkarpfen-Tuttlingen, zählte Henriette Gärtner zu den Gründungsmitgliedern: „Es macht unglaublich viel Spaß“, strahlt sie. Am 1. Juli wird sie Präsidentin.

 

Gerald Deckart

ZUR PERSON

 

  • Henriette Gärtner wurde am 16. März 1975 im Auto auf dem Weg zur Klinik nach Freudenstadt geboren.
  • 1981 spielt die Sechsjährige mit dem Stuttgarter Kammerorchester unter Karl Münchinger, 1983 mit den Festival Strings Lucerne unter Rudolf Baumgartner bei den Internationalen Musikfestwochen Luzern und wurde dadurch laut Schneider-Buch der Rekorde „die jüngste Konzertpianistin der Welt, die international debütiert“. Seither intensive internationale Konzerttätigkeit.
  • Ab 1994 Studium Sportwissenschaft und Französisch an der Universität Konstanz.
  • 2001 erstes Staatsexamen; 2005 nach Referendariat und zweitem Staatsexamen zur Studienrätin ernannt, lässt sie sich beurlauben und stellt 2011 den Antrag auf Entlassung aus dem Beamtenverhältnis, um sich ganz dem Konzertieren, ihren Workshops, Kursen und Seminaren zum Thema Körper und Klavier (Musikphysiologie) zu widmen.
  • 2001-2005 Klavierstudium an der Accademia Pianistica Incontri col Maestro in Imola/Italien
  • 2011 Promotion „summa cum laude“ an der Universität Konstanz zur Dr. rer. nat.
  • Buchtipp Henriette Gärtner: Klang, Kraft und Kinematik beim Klavierspiel, Wißner-Verlag, Augsburg 2013. 232 Seiten, 39,80 Euro, mit Hörbeispiel-CD.

 

 


Erschienen in Rotary Magazin 1/2014

Gerald Deckart
Dr. Gerald Deckart (RC Schrobenhausen-Aichach) ist freier Reisejournalist und Korrespondent des Rotary Magazins.

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