Titelthema - Sehnsucht nach Orten der Stille

Barockkirche in Zwiefalten: „In keinem anderen Land der Welt gibt es ein solches Netz wertvoller und in gutem Zustand befindlicher Kirchbauten wie in Deutschland“ © Philipp Bednorz

01.12.2017

Titelthema

Sehnsucht nach Orten der Stille

Johann Hinrich Claussen

Trotz sinkender Mitgliederzahlen bei den Amtskirchen ist die Popularität der Gotteshäuser ungebrochen. Sie laden ein zur Einkehr und stiften selbst dort Identität, wo die Menschen nicht mehr an Gott glauben.

Eine bekannte Sache einmal aus dem Blickwinkel einer anderen Profession anzuschauen, ergibt überraschende, manchmal fast komische Einsichten. Zum Beispiel: das Christentum. Für gewöhnlich wird es von Theologen, Philosophen und Soziologen betrachtet – in den vergangenen eineinhalb Jahrhunderten mit zunehmender Eintrübung. Was diese Berufsgruppen sehen, wird weniger und weniger. Wenn man aber zur Abwechslung das moderne Christentum in Deutschland aus der Sicht von Architekten wahrnimmt, ergibt sich ein völlig anderes Bild: Fortschritt und Fülle, Blüte und Pracht, wohin man nur schaut.
Schon das späte 19. Jahrhundert war eine rekordverdächtige Epoche des Kirchbaus. Überall in Deutschland führten von der Obrigkeit geförderte Kirchbauprogramme zur Neuerrichtung von Sakralbauten. Auch wenn sie in ihrer äußeren Gestalt der Tradition verpflichtet blieben, waren sie doch oft genug gegenwartsorientierte Gebäude. Viele dieser neuromanischen oder neugotischen Kirchen haben längst tiefe Wurzeln geschlagen und werden heute gerade von kirchenfernen Zeitgenossen geliebt.

Ein goldenes Zeitalter
Das 20. Jahrhundert wurde dann das Jahrhundert des Kirchenbaus schlechthin. Hier entfaltete sich eine einzigartige Fortschrittsgeschichte, hochkreativ und spannungsgeladen. Radikal neue Formen, Techniken, Materialien, ästhetische Ideen und theologische Konzepte wurden erprobt, zugleich aber versuchte die Kirchenbau-Avantgarde immer auch, zum Ursprung zurückzukehren und neu anzufangen.
Das war den Katastrophen dieser Epoche geschuldet: Die Verwüstungen, die Weltkriege und Weltanschauungen angerichtet hatten, nötigten ganz praktisch dazu, viele neue Kirchen zu bauen, machten es jedoch unmöglich, dabei Traditionen einfach fortzuschreiben.
Den Architekten und kirchlichen Bauherrn eröffnete sich eine historisch einmalige Chance, ganz von vorn anzufangen, höchst individuelle Lösungen zu erarbeiten und bisher nie Gesehenes zu schaffen – ein Zeichen dafür, dass das Christentum kein bloßes Traditionsgut von schwindender Bedeutung, sondern immer noch eine höchst gegenwärtige Kulturkraft ist.
Als der Kirchbau-Boom in den 1980er Jahren ausklang und die Diskussionen darüber begannen, ob man nicht einzelne Kirchen aufgeben oder einer anderen Nutzung zuführen sollte, begann zugleich eine staunenswerte Geschichte der Kirchensanierungen. Nach 1989 wurden kleine und große Kirchen in den Dörfern und Städten der neuen Bundesländer gerettet – eine der ganz großen Leistungen der Wiedervereinigung. Aber auch in den alten Bundesländern wurden keineswegs nur Kirchen aufgegeben, wie manche Medienberichte glauben lassen möchten, sondern viele architektonische Erbstücke der christlichen Tradition für die Zukunft bewahrt. Man muss es gegen den allmächtigen Chor der Untergangspropheten einmal deutlich sagen: In keinem anderen Land der Welt gibt es ein solches Netz wertvoller und in gutem Zustand befindlicher Kirchbauten wie in Deutschland. In der ganzen bisherigen Christentumsgeschichte lässt sich nichts Vergleichbares finden.

Aufschwung des Kirchenbesuchs
Im beginnenden 21. Jahrhundert kam noch etwas hinzu: ein überraschender Aufschwung des Kirchenbesuchs. Es gibt seit einiger Zeit ein großes, intensives und neuartiges Bedürfnis danach, Kirchen aufzusuchen. Gerade in hochbeschleunigten Zeiten wächst das Bedürfnis nach Orten der Stille, der Tradition, der seelischen Vergewisserung, der Transzendenz. Je rasanter die Modernisierung fortschreitet, umso größer wird die Sehnsucht nach ganz anderen Gebäuden, die sich dem Zwang nach Effizienz und Profitabilität verweigern. Zudem wächst in einer Zeit, in der sich so vieles ins Digitale verlagert und dort verflüchtigt, der Wunsch nach wirklichen Erfahrungsräumen aus Stein, Holz und Glas, in denen man seelisch wie körperlich etwas erfahren kann.
Viele Menschen suchen offene Kirchen auf, aber am liebsten dann, wenn nichts in ihnen geschieht. Man will in ihr für sich sein, zur Besinnung kommen, sehnt sich danach, endlich einmal gar nichts zu hören oder zu tun. Der moderne Kirchenbesucher ist ein zufälliger Gast, aber bloßer Zufall ist es auch nicht, dass er hineingegangen ist. Denn irgendetwas erlebt er hier. Doch worin besteht dieses „Irgendetwas“?
Es kann in vielerlei bestehen. Kirchen sind Gedächtnisorte, in denen sich die geschichtliche Erinnerung des Dorfes, der Stadt, des Landes oder gar des Kontinents manifestiert. Kirchen sind Kunsträume. Alles in ihnen ist gestaltet und geformt, hat Aura und eine überbegriffliche Bedeutung. Kirchen sind Gegenorte, Schutzzonen des Zweckfreien und Asyle der Stille. Deshalb ziehen sie auch Menschen in ihren Bann, die sich selbst für kirchenfern und gar religionslos halten. Wer ihrem Kirchenbesuch gerecht werden will, muss die christlichen Sakralbauten anders verstehen: nicht mehr nur als gottesdienstliche Versammlungsorte der christlichen Gemeinde, sondern auch als Sehnsuchtsorte für Menschen, die meinen, das Christentum hinter sich gelassen zu haben, aber so richtig nicht davon loskommen.

Kirchen im öffentlichen Raum
Allerdings ist hier auch eine kulturkritische Frage zu stellen: Der heutige, massenhafte Besuch zentraler Hauptkirchen gehorcht – wie sollte es auch anders sein – in vielem den Mechanismen des Tourismus. Der Tourismus ist aber eine Gestalt von Kultur, die das zu zerstören droht, was sie genießt: Tourismus ist Konsum, d.h. Verzehr. Wie kann man da die religiös-ästhetischen Räume des Christentums vor Entleerung, Kommerzialisierung und Vernutzung schützen? Das dürfte eine wichtige Zukunftsaufgabe werden. Auf jeden Fall aber zeigt sich hier eine erstaunlich ungebrochene Lebendigkeit der klassischen christlichen Architektur.
Davon zeugen allerdings auch aktuelle Konflikte. Streit und Liebe sind ja keine Gegensätze. Gerade über das, was einem besonders am Herzen liegt, lohnt es sich zu streiten. Das gilt auch für die Kirchbauten in Deutschland. Sie werden nicht nur von vielen Menschen geschätzt und geliebt, besucht und gepflegt. Über sie wird auch an vielen Orten heftig gestritten und dies aus guten Gründen. Denn im Umgang mit den Kirchbauten zeigt sich, wie es um unsere Kultur bestellt ist. Der schärfste und exemplarischste Konflikt betrifft die Friedrichswerdersche Kirche in Berlin. An manche Baukatastrophe haben sich die Berliner gewöhnt. Doch das Schicksal der Schinkelkirche gegenüber dem Außenministerium empört sie immer noch. Dieses Kleinod des 19. Jahrhunderts wurde von Luxusimmobilien so zugebaut, dass es aus dem Stadtbild fast getilgt wurde. Zudem wurde es durch Baufehler in der Substanz beschädigt. Hier zeigt sich, was geschieht, wenn Stadtplanung und Bauverwaltung einer von globalen Finanzblasen getriebenen Investorenarchitektur nachgeben, die mit dem kulturellen Erbe ihrer Umgebung zwar wirbt, diese aber in Wahrheit verbraucht.
Dieses Beispiel steht für eine Entwicklung, die sich in vielen deutschen Ballungsgebieten beobachten lässt. Die historischen Kirchen werden von der Bevölkerung geliebt, aber der öffentliche Raum wird enger. Das, was eigentlich die Qualität einer Stadt ausmacht – der öffentliche Raum –, wird der Öffentlichkeit zunehmend entzogen und mit Rendite-Architektur zugebaut. Daran sind nicht nur „böse“ Investoren schuld, sondern häufig genug die öffentliche Hand selbst. Hier stellen sich Grundsatzfragen, über die noch viel deutlicher gestritten werden müsste: Was ist der öffentliche Raum wert? Wer bestimmt über ihn? Welche Bedeutung hat hier das kulturelle Erbe, das ebenso oft beschworen wie missachtet wird? Und welchen Stellenwert haben die Kirchbauten als wesentlicher Teil des kulturellen Erbes im noch öffentlichen Raum? Indem die Vertreter der christlichen Kirchen hier Position beziehen, verteidigen sie nicht bloß Eigeninteressen, sondern treten für die kulturelle Ökologie Deutschlands ein.
Doch haben auch in den Kirchen selbst die Konflikte um die eigenen Gebäude zugenommen. Eine reiche Baugeschichte vom frühen Mittelalter an hat eine unüberschaubare Fülle an architektonischen Schätzen entstehen lassen. Es gibt – wie gesagt – kein anderes Land, das so viele und so vielfältige Kirchbauten hervorgebracht und auf einem so hohen Niveau erhalten hat: romanische Klöster und gotische Kathedralen, elegante Bürgerkirchen und anrührende Dorfkapellen, historistische Kirchbauprogramme und avantgardistische Provokationen, Repräsentationstempel und soziale Bauten. Man staunt, welcher Reichtum an christlicher Kultur in Deutschland entstanden ist. Man bedenke aber auch, wie dies bisher möglich gemacht wurde: durch die Unterstützung der öffentlichen Hand und vieler Spender, vor allem aber durch die Kirchensteuer. Letzteres wird sich ändern, nicht allein wegen der sinkenden Kirchenbindung der Deutschen, sondern vor allem wegen des demographischen Wandels. Deshalb wird zu Recht in der evangelischen und katholischen Kirche darüber intensiv beraten und heftig gestritten, welche Gebäude man auf Dauer sinnvoll unterhalten kann und nutzen will.

 

 

 

 

 

 

 

Die Autobahnkirche Siegerland in Wilnsdorf ist ein stimmungsvolles
Beispiel für den modernen Kirchenbau. Foto: Chris Franken (2)

Lebendige Liebe
Die vielen Kirchbaukonflikte der Gegenwart sind anstrengend, aber nicht nur. In ihnen wird sichtbar, wie viel die christliche Sakralarchitektur den Deutschen heute noch bedeutet. Sie sind deshalb eine Chance, dieses kulturelle Erbe bewusster wahrzunehmen. Die Bewahrung dieses Erbes ist keineswegs nur eine Obliegenheit kirchlicher Bauämter oder staatlicher Denkmalverwaltungen, sondern sollte eine Angelegenheit aller Bürgerinnen und Bürger sein – gleichgültig, wie kirchlich verbunden oder distanziert sie sind. Sie müssen sich entscheiden, ob sie dieses Erbe annehmen oder ausschlagen wollen – und was dieses für sie, ihre Lebensorientierung, die kulturellen Perspektiven in der Gegenwart sowie für die nächsten Generationen bedeutet. Wer sich dieser Frage mit Ernsthaftigkeit stellt, kann sich manche Scheindebatte über „Leitkultur“ ersparen. So sollte man es begrüßen, dass so viel um Kirchbauten gestritten wird. Denn in diesen Konflikten zeigt sich eine immer noch lebendige Liebe.
Die schönste Art allerdings, diese Liebe zu zeigen und lebendig zu erhalten, besteht schlicht darin, einfach einmal hinzugehen. Regelmäßig an Heiligabend, aber auch jüngst am Reformationstag haben es viele wieder erlebt, wie wunderbar es ist, mit einer großen Gemeinde in einer Kirche gemeinsam Gottesdienst zu feiern.

Erschienen in Rotary Magazin 12/2017

Johann Hinrich Claussen
Dr. Johann Hinrich Claussen (RC Hamburg) ist Hauptpastor an St. Nikolai in Hamburg, Propst im Kirchenkreis Hamburg-Ost und lehrt als Privatdozent Theologie an der Universität Hamburg. Bei C.H. Beck erschien zuletzt „Gottes Klänge. Eine Geschichte der Kirchenmusik“.

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