Über Freimaurer, Illuminaten und andere Bünde - Streng geheim

Versammlungsraum der Freimaurer in der Freemason Hall in London © Spiegel TV

16.12.2013

Über Freimaurer, Illuminaten und andere Bünde

Streng geheim

Gisela Graichen

Gerade in der Welt des Internets und einschlägigen Foren werden Sekten wie Scientology, Logen wie die Freimaurer, und reine Serviceclubs wie Rotary munter durcheinandergeworfen. Gegenwelt oder bloßes Netzwerk – das ist für Außenstehende oft schwer zu unterscheiden. Gisela Graichen erklärt, was es mit Freimaurern, Illuminaten sowie anderen Geheimorganisationen auf sich hat und erklärt, warum Rotary eindeutig nicht zu diesen Bünden gehört.

Sie sind mitten unter uns. Als unsere Nachbarn, Arbeitskollegen, Freunde. Die Freimaurer, Rosenkreuzer, Scientologen, Neo-Illuminaten und –Templer, „Bonesmen“ und all die Mitglieder esoterischer, magischer Mysterienkulte mit exotischen Phantasienamen. Geheimgesellschaften haben Konjunktur. In der populären Literatur von Harry Potter bis zu Dan Browns Bestsellern und deren Verfilmungen spuken sie durch unser Leben. Weil sie im Verborgenen operieren, provozieren sie Mythen und Verschwörungstheorien: Sie lenken die Geschicke des Vatikans. Sie bestimmen die Agenda des amerikanischen Präsidenten. Und sie sind die Drahtzieher hinter Abhörskandalen, Finanzkrisen und Kriegen. Kurzum: Sie wollen nichts anderes, als die Welt zu beherrschen. Was im Geheimen geschieht, führt zu Verdächtigungen und Spekulationen. Nicht ohne Grund rief Helmut Schmidt in einer Rede vor den Hamburger Freimaurern den Brüdern zu, sich zu öffnen. Denn bisher hieß ihre Pressestelle „Amt für Abwehr“.

Vor allem im World Wide Web wähnt man sich in einer Parallelwelt. Da wabert erschreckend Unaufgeklärtes in den einschlägigen Foren. Nicht nur ein gestörter norwegischer Massenmörder wähnt sich als Tempelritter. Da wimmelt es von verschwiegenen Gesellschaften. Geheimbünde wie die angeblich weiterlebenden Illuminaten und Templer, Orden – der Deutsche Orden existiert noch, ist aber kein Geheimbund –, Bruderschaften, Burschenschaften, die Bilderberger – das „Kartell der Macht“ –, der Yale-Club Skull & Bones, Sekten wie Scientology, Logen wie die Freimaurer, P2, Schwarze Hand oder die Rosenkreuzer und reine Serviceclubs wie Rotary oder Lions werden munter durcheinandergeworfen. Gegenwelt oder bloßes Netzwerk – das ist für Außenstehende oft schwer zu unterscheiden.

Der Kitzel lockt

Der Kitzel reizt, nach verschwiegenen Initiationsriten in einen konspirativen Bund aufgenommen zu werden, vereinigt durch das Gelübde des Schweigens und des Gehorsams. Das Geheime, Verborgene, für Uneingeweihte Unverständliche fesselt, gerade durch den Ausschluss Uneingeweihter. Rätselhafte Riten, geheimes Wissen, verborgene Codes, verschlüsselte Erkennungszeichen und Symbole, verstohlene Signale, vertrauliche Passwörter und Parolen, Exklusivität der Mitgliedschaft – das alles fasziniert an den diskreten Gesellschaften und löst Interesse aus. Und sorgt für Zulauf. Das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, dazu zu gehören zu einer vermeintlichen Elite der Auserwählten, der Wissenden, wird von den Geheimbünden sehr geschickt vermittelt.

Die Frage mag interessieren: Welches sind die Zeiten, in denen Geheimbünde florieren? Gibt es „gute“ und „böse“ Bünde? Was tummelt sich da alles im Untergrund an verschwiegenen Gesellschaften, die möglicherweise Böses im Schilde führen? Für den Einzelnen aber auch für die Gesellschaft? Und: Ist auch Rotary ein Geheimbund, gar eine Sekte, wie manch Außenstehender argwöhnt?
Als Reaktion auf die Furcht vieler Menschen vor den Gefahren „sogenannter Sekten“ sah sich der Deutsche Bundestag zur Einrichtung der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ veranlasst. Wie schwierig die Einschätzung diverser Gruppen ist, zeigt sich schon im Vorwort des Endberichts, der Bundestagsdrucksache 13/10950 vom 9. Juni 1998: „Seit dem Ende der 60er Jahre erlebt unsere Gesellschaft tiefgreifende Veränderungen. Ehemals klare Vorgaben in Lebensführung, Werthaltung und Sinnstiftung werden zunehmend unverbindlicher … Dies führt zu starken Verunsicherungen. Als eine Antwort und Reaktion auf diese Entwicklung ist in den letzten 20 Jahren eine mittlerweile unüberschaubare Vielzahl von neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und Psychogruppen entstanden. Ein Teil von ihnen bietet alternative Lebenswelten, in denen Zuwendung, Gemeinschaft, Orientierung gesucht wird, auch ‹Zuflucht› vor den Anforderungen der Gesellschaft …“

Als Unterscheidungsmerkmale einer Sekte zu anderen Geheimbünden gelten:

- die Beschneidung von (Meinungs- und Bewegungs-) Freiheiten des Individuums
- Gehirnwäsche
- bedingungsloser Gehorsam
- Personenkult um den Anführer
- wirtschaftliche Ausbeutung des Einzelnen
- hohes Konfliktpotenzial zwischen einem abhängigen Mitglied und seinen Angehörigen
- fast unüberwindliche Hürden bei einem gewollten Ausstieg.

Zuweilen kommen noch die Vorwürfe unkontrollierter Macht des Führungspersonals und sexueller Missbrauch hinzu.

Ist Rotary eine Sekte?

Diese mutmaßlichen oder tatsächlichen Erkennungszeichen unterscheiden Sekten deutlich von Religionen wie dem Katholizismus (sehen wir einmal vom Personenkult um den Papst ab), von Geheimbünden wie Freimaurern und Rosenkreuzern oder Serviceclubs wie Rotary, Lions und Zonta. Mitglieder dieser Gruppierungen können jederzeit aus den Gemeinschaften wieder austreten; keiner zwingt sie, ihr Vermögen offenzulegen und zu spenden; die Präsidenten werden gewählt und wechseln jährlich; jedes Mitglied kann wohnen, wo es will, und arbeiten, was es will; und religiös gebunden sein, wie es will. Die Ehepartner sind gerne gesehen, und die Familien werden zu vielen Veranstaltungen eingeladen. Also ganz klar an alle Außenstehende: Rotary ist deutlich keine Sekte!

Aber vielleicht ein Geheimbund? Gibt es denn Unterschiede zwischen Freimaurern und Rotary zum Beispiel? Ja, auch der ist deutlich: Anders als die Freimaurer nimmt Rotary inzwischen Frauen als gleichberechtigte Mitglieder auf, es geht nicht um geheime Einweihungsrituale im Tempel bei Kerzenschein, um verstohlene Erkennungszeichen und Handbewegungen, nicht um zu erlangende Stufen vom Gesellen zum Meister. Am rauen Stein, an sich selbst, muss nicht gearbeitet werden, auf keine vorgegebene Meinung wird eingeschworen, und zur Geheimhaltung wird man auch nicht verpflichtet. Im Gegenteil: Mit Hilfsaktionen wie der weltweiten Ausrottung von Polio geht Rotary bewusst und erfolgreich in die Öffentlichkeit. Im Gegensatz zu Sekten oder Geheimbünden wird der Unterschied in Gedanken und Glauben, Anschauungen und Ansichten gerade gewollt, um sich auf das Andere einlassen zu können. Dass bisweilen auch berufliche Verbindungen geknüpft werden, daran ist nichts geheim, das geschieht in jedem Golf- oder Ruderclub. Deswegen sind es noch lange keine Geheimbünde.

Soweit zur Klarstellung. Doch was sind das für Zeiten, in denen „wirkliche“ Geheimbünde Zulauf erhalten? Geheimbünde sind keine Erfindung der Neuzeit. Schon im Römischen Reich der Soldatenkaiser hatten die Mysterienkulte mit ihren geheimen Riten wie der Mithras-, Christen-, oder Isis-Kult Konjunktur in Zeiten von Zweifeln, Unruhen, Bürgerkriegen. Geheime Gesellschaften wie Freimaurer und Illuminaten blühten auch zu Zeiten von Revolutionen und Aufklärung im ausgehenden 18. Jahrhundert. Traditionelle gesellschaftliche und religiöse Vorstellungen lösten sich auf. Das bisher gültige Weltbild war durch die Aufklärung ins Wanken geraten. Auch heute haben viele das Gefühl von Ungewissheit und Umwälzungen, mit denen wir uns allein gelassen fühlen. Die Kirche kann vielen kein Seelenheil mehr vermitteln, der Staat keine Ideale, die Großfamilie gibt es kaum mehr. Wo soll ich „Zuflucht vor den Anforderungen der Gesellschaft“ finden, in der ich mich in Zeiten der Globalisierung mit ihren sich ändernden Strukturen, Idealen und Ideologien nicht mehr heimisch fühle? Ein Vakuum zieht immer etwas Neues an. Die Suche nach wirtschaftlicher, (welt-)politischer und privater Sicherheit und Sinngebung führt zunehmend ins Esoterische, Spirituelle und in die vermeintlich schützenden Arme von verschwiegenen Gemeinschaften.

Nicht zufällig sprechen Mozarts „Zauberflöte“ und die amerikanische Erklärung der Menschenrechte vom „Menschenglück“ (the pursuit of happiness). Beide sind mit freimaurerischem Hintergrund verfasst.
Es entspricht dem menschlichen Wesen, dazugehören zu wollen zu der Elite der „Wissenden“. Das Geheimnis der sehr emotionalen Initiationsriten zu erfahren – die bei Skull & Bones angeblich mit obszönen Handlungen und Beichten einhergehen – festigt das Bündnis. Von einem diskreten Bund als Mitglied auserwählt zu sein heißt: Du bist nie mehr allein. Es gibt Regeln und Richtlinien, die das Leben einordnen, Schutz und Obhut in allen Lebenslagen. Man ist in einer Gemeinschaft Gleichgesinnter aufgehoben, zusammengeschmiedet durch geheimes Wissen und Erfahren.

Doch was ist dran an den Verschwörungstheorien der „Weltbeherrschung“ durch Geheimbünde? Ins Grübeln kommt man schon, wenn man bedenkt, wie viele amerikanische Präsidenten Freimaurer oder „Bonesmen“ waren, dass Silvio Berlusconi zur inzwischen im Untergrund operierenden Freimaurerloge P 2 (Propaganda Due) gehört, die wiederum vom CIA unterstützt wurde, dessen Chefs wiederum „Bonesmen“ sind wie Bush Senior. Dass Bush Junior und der amtierende Außenminister Kerry, die sich 2004 als Präsidentschaftskandidaten gegenüberstanden, beide Mitglied von Skull & Bones sind, lässt manche von einem Schaukampf sprechen. Die Wissenschaftlerin Alexandra Robbins, die sich intensiv mit dem Geheimbund der Yale Universität auseinandergesetzt hat, urteilt: „Ohne Skull & Bones wäre ein so mittelmäßiger und inkompetenter Politiker wie George W. Bush niemals Präsident der USA geworden.“
Die Frage bleibt: Welche Verbindungen gibt es zwischen den reichsten und mächtigsten Männern der Welt und ihren Logen? Woran „netzwerken“ sie? Ja, es gibt „gute“ und „böse“ geheime Gesellschaften. Grund genug, genau hinzuschauen. 

Erschienen in Rotary Magazin 12/2013

Gisela Graichen

Gisela Graichen (RC Hamburg-Dammtor) konzipierte als Fernsehautorin für das ZDF zahlreiche Filmreihen, darunter "Humboldts Erben" und die preisgekrönten Reihen "Schliemanns Erben" und "C 14" über die Forschungsergebnisse der Archäologie. Zuletzt erschienen "Die Prussen. Der Untergang eines Volkes und sein preußisches Erbe" (Scherz 2010), "Die deutsche Hanse. Eine heimliche Supermacht" (Rowohlt 2011) und "Die Bernsteinstraße. Verborgene Handelswege zwischen Ostsee und Nil" (Rowohlt 2012).  

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