Das Frauenauto

Was verbindet Richard Neu, Sokrates und Gerd Sirius? Ihre Fahrerin! Ein Frauenauto, so was gibt’s doch gar nicht, oder?
Wenn es eine Sache gibt, die ich in über 30 Jahren als Fahrerin gelernt habe, dann ist es diese: Frauen sind sich über Autos fast so einig wie über Schuhe, Frisuren oder ihren Männergeschmack. Nämlich gar nicht. Meine Autogeschichte begann in den USA, im Frühling in Minnesota. Mit 16 Jahren, bei einem Schüleraustausch, mit dem einzigartigen Vorteil, dass man dort mit 16 den Führerschein machen konnte. Das Erste, was man uns beibrachte, war nicht das Fahren, sondern das Einparken. Parallelparken. Erst wenn man das beherrschte, durfte man sich in die Wildnis des amerikanischen Straßenverkehrs wagen.
Bis heute ist es eine meiner besonderen Fähigkeiten. Mehr als einmal habe ich Männer vor einer Parklücke aufgeben sehen. „Da kommst du nie rein“, sagten sie. Aber doch, eine Frau kann das.
Als Teenager wollte ich überhaupt kein Auto. Ich wollte ein Pferd. Mit der Beharrlichkeit, die nur Mädchen zwischen zehn und 15 aufbringen können, wenn es um Pferde geht. Mein Vater machte mir ein zweischneidiges Angebot: „Mit 18 kannst du entscheiden. Ich kauf dir ein Auto oder ein Pferd.“ Er wusste genau, dass er mich vor eine schwierige Wahl stellte. Am Ende, besonders wenn man ein bisschen außerhalb von Hamburg aufwächst, gewann natürlich das Auto. Und so bekam ich auf einmal statt einem ziemlich viele Pferdestärken. Wie viele genau, wusste ich damals nicht. Und ehrlich gesagt, weiß ich es immer noch nicht. Im Allgemeinen kann ich Ihnen nicht die PS-Zahl meines ersten Golf oder die meines BMW, meines Audi TT oder meines heutigen SUVs nennen. Männer scheinen sich solche Zahlen ein Leben lang zu merken. Ich erinnere mich an andere Dinge: Farben, Sitze und Namen.
Mit Richard an die Nordsee
Mein erstes Auto war ein knallroter VW Golf II mit dem Kennzeichen HH-RN-611. Damit ich es mir merken konnte, taufte ich ihn „Richard Neu“, da ich zu den Menschen gehöre, die ihren Autos Namen geben. Ich bitte darum, das zu respektieren.
Richard Neu wurde 1990 gebaut, hatte schon einige Kampfspuren, war nicht besonders elegant und auch nicht besonders schnell, aber sehr praktisch. Er war perfekt für einen Kurztrip mit drei Freunden an die Nordsee mit Gepäck. Das Sahnehäubchen wäre dasselbe Modell als Cabrio gewesen. Aber mein Vater wies diesen Wunsch mit den Worten ab: „In Hamburg ist das Wetter sowieso nie schön genug, um offen zu fahren.“ Richard Neu war robust und zäh. Bis zu dem Tag im Jahr 1998 in einer Einkaufsstraße in Bargteheide, als ich beim Suchen nach einem Geschäft mit einer Straßenkarte in der Hand (so war das in den 90ern!) in den Gegenverkehr geriet, mit etwa 15 Kilometern pro Stunde. Der Unfall war nicht spektakulär. Richard Neu fand trotzdem, dass es genug war. Totalschaden.
Danach kam ein silberner BMW Compact mit blauer Polsterung. Mit ihm fuhr ich zwischen Hamburg und St. Peter- Ording hin und her und legte viele Kilometer während der Dreharbeiten zu Strandclique zurück. Ich musste die Gefahren des Heckantriebs im Winter kennenlernen, aber ansonsten war er großartig. Ich erinnere mich noch heute an die blauen Stoffsitze und dass er bei Löchern im Boden oder Hubbeln sehr leicht aufsetzte. Ich habe ihn ein paarmal vor der Sturmflut gerettet. In St. Peter-Ording, wo das Wasser manchmal schneller steigt, als man denkt, habe ich ihn immer rechtzeitig weggeparkt, während der Licht-Lkw unseres Filmdrehs in den Fluten versank.
Ich gehöre zu den Menschen, die ihren Autos Namen geben. Ich bitte darum, das zu respektieren
Mit etwa 30 kaufte ich mir einen schwarzen Audi TT mit roten Ledersitzen. Und das war die Zeit in meinem Leben, in der ich dachte, jetzt kann ein Auto einfach schön sein. Diesem Auto gab ich wieder einen Namen: Sokrates. Warum? Ich wollte nicht nur ein schönes, sondern auch ein kluges Auto. Sein Ende war so dramatisch wie der Name: eine gerissene Steuerkette. Dies war eine bereits bekannte Schwäche des Modelljahres 2008, wie ich später entdeckte. Sokrates starb nicht an Dummheit, sondern an einem Schicksal, das ihm von Anfang an eingeschrieben war.
Irgendwann ändern sich die Prioritäten. Man wird älter. Man hat mehr Gepäck, mehr Verantwortung und mehr Hunde. Plötzlich merkt man, dass es ganz nett ist, nicht jedes Mal wie ein zusammengeklappter Campingstuhl aus einem Sportwagen klettern zu müssen. So kam ein Audi Q3. Sein Name ist Gerd Sirius. Gerd war der Mann, der ihn für mich organisiert hat. Sirius stammt aus meiner Harry-Potter-Phase. Die Namen wurden im Laufe der Jahre nicht weniger eigenartig.
Im Jahr 2008 durfte ich bei den 125-Jahre-Automobil-Feierlichkeiten Bertha Benz verkörpern. Milde winkend fuhr ich den Berliner Kurfürstendamm hinunter. Nein, ich wurde natürlich gefahren. In einem historischen Kleid, mit einem kleinen Hut und in einer Nachbildung des Benz-Patent-Motorwagens Nummer 3, mit dem Bertha Benz Automobilgeschichte schrieb.
Als Bertha übern Ku’damm
Die älteren Damen am Straßenrand winkten mir begeistert zu und riefen: „Bertha! Bertha!“ Einige hatten Tränen in den Augen. Aber nach ein paar Hundert Metern hielten Bertha und das Fahrzeug mitten auf dem Ku’damm an.
Der Motor hatte den Geist aufgegeben und sprang nicht wieder an. Ich saß fest, umgeben von Zuschauern, die neugierig die Köpfe zusammensteckten und meinem Chauffeur etliche wohlmeinende Reparaturtipps gaben. Ich dachte nur: Na ja. Schließlich hat das Auto auch schon ein paar Jahre auf dem Buckel. Ein paar Jahre später organisierte das ZDF für einen Bericht „Mein erstes Auto“ einen Golf aus demselben Jahr wie mein erster Wagen Richard Neu. Ich war begeistert. Der Golf weniger. Er blieb nach wenigen Kilometern liegen. Diesmal haperte es an der Einspritzpumpe. Irgendwann entwickelte ich daraus eine Theorie: Sobald ich einsteige, hören Maschinen auf zu funktionieren. Das mag Zufall sein. Für mich ist es Beweis genug.
Aber vielleicht ist das die eigentliche Antwort auf die Frage nach dem Frauenauto. Denn je mehr ich darüber nachdenke, desto weniger glaube ich, dass es eines gibt. Mein Frauenauto war einmal ein roter Golf namens Richard Neu. Dann ein silberner BMW mit blauen Sitzen. Und dann ein schwarzer Audi TT namens Sokrates. Heute ein Audi Q3 namens Gerd Sirius. Das Einzige, was all diese Autos gemeinsam hatten, war die Frau hinter dem Steuer.
Hören Sie mehr dazu auch in unserem aktuellen Podcast mit Eva Habermann: HIER.
Eva Habermann
ist Filmproduzentin und eine der erfolgreichsten deutschen Schauspielerinnen. Als wir sie fragten, ob sie für uns über „das Frauenauto“ schreiben würde, zögerte sie keine Sekunde
Foto: privat


























