„Es gab keinen Kontakt”

Rotary International hat die Zonen neu eingeteilt. Für die Schweiz, bisher mit Süddeutschland in der Zone 17, gibt es unerwartete Veränderungen. Österreich bleibt in der Zone 21
Der Prozess der Neueinteilung steht in der Kritik. Wir sprachen mit den Schweizer Past-Governorn John Manning und Jouni Kalervo Heinonen sowie Walter Ebner aus Österreich, Membership Coordinator der Region 24.
Wie wurden die drei Schweizer Distrikte von Rotary International in den Prozess der Neueinteilung der Zonen eingebunden?
John Manning: Gar nicht.
Welche Erfahrungen wurden diesbezüglich in Österreich gemacht?
Walter Ebner: Wir sind weder auf Regionalebene, wo ich jetzt sechs Jahre tätig war, noch auf Distriktebene eingebunden worden. Es gab überhaupt keinen Kontakt zu uns.
John Manning: Uns war klar, dass sich etwas verändern wird. Indien wächst, Afrika wächst. Andere Länder und Kontinente schrumpfen. Dass es zu einer neuen Zoneneinteilung kommen wird, war absehbar. Aber dass der Prozess so läuft, gar nicht.
Wie darf ich mir das vorstellen? Kommt dann irgendwann eine Mail von Rotary International, in der das verkündet wird?
Walter Ebner: Nein. Es gibt sowohl auf Distrikt- als auch auf Regional-Leader-Ebene nur den Hinweis, dass alle acht Jahre über die Zonierung neu entschieden wird. Wir haben Mitgliederrückgänge in den USA, in England, in Australien und weiteren Ländern. Das heißt, die Zahl der Mitglieder in einzelnen Zonen schrumpft. Um einigermaßen die gleiche Zahl an Mitgliedern pro Zone zu haben, bedarf es einer Neuausrichtung. Immer mit der Betonung, das ist keine strategische Ausrichtung, sondern nur ein möglichst faires Mengengerüst. Dann kommen zwei Zonen zusammen, die man als Paar zusammenführt und aus denen heraus ein RI-Direktor gewählt wird. Aber es hat indirekt doch eine strategische Ausrichtung, auch weil wir das Wechselspiel der Direktorenbestellung dann zwischen zwei Zonen ja wieder für die nächsten acht Jahre haben.
Früher waren Süddeutschland, Österreich und die Schweiz zusammen in der Zone 19.
Walter Ebner: Österreich wurde dann in die Zone 21 ausgegliedert. Die Zone 21 hat 35 Länder, und wir wurden gepaart mit Afrika, mit 54 Ländern. Also fast die Hälfte aller rotarischen Länder der Welt hat ein einzelner Direktor zu ver-treten. Der hatte in Afrika schon so viel zu tun, dass für uns in der Zone 21 kaum Zeit blieb. Ich kann nicht so viele Länder als Vertretung mit einem Direktor im Board haben.
Jouni Kalervo Heinonen:Das funktioniert in der Praxis nicht.
Walter Ebner: Das ist einfach ein Unding. Da muss man umdenken.
Jouni Kalervo Heinonen: Ich möchte noch mal unterstreichen: Die Kommunikation war nicht gut. Wir haben inzwischen verstanden, dass es die Deutschen waren, die nicht mehr mit Österreich und der Schweiz zusammen sein wollten. Mit der Neueinteilung hat Deutschland immer einen RI-Direktor. Die Motivation ist verständlich.

John Manning: Eines müssen wir klarstellen. Wir in der Schweiz sind nicht traurig über die Neueinteilung. Wir sehen für uns Chancen, weil wir in der neuen Konstellation mehr Einfluss haben werden als in der Vergangenheit mit Deutschland. In den vergangenen Jahren ging es auf Zonenebene fast ausschließlich um deutsche Themen.
Die Schweiz wird künftig Teil der Zone 20 mit den Niederlanden, Spanien, Portugal sein. Wie eng war denn in der Vergangenheit der Kontakt zu diesen Ländern?
John Manning: Wir haben schon gemeinsame Projekte – zum Beispiel Mare Nostrum. Da arbeiten wir eng mit Clubs aus Portugal zusammen.
Walter Ebner:Ihr habt jetzt eine wunderbare Einteilung. Ein Drittel der Mitglieder aus der Schweiz, etwa ein Drittel aus den Niederlanden und ein Drittel aus Spanien und Portugal.
Bedeutet aber auch, dass Länder mit der gleichen Sprache nicht mehr zusammen sind.
Walter Ebner:Das Grundprinzip der Regionalisierung war, dass man gemeinsame Sprachen, gemeinsame Kulturen und gemeinsame Organisations-möglichkeiten wahrnimmt. Und das hatten wir im süddeutschen Raum. Das Ergebnis jetzt ist, dass wir alle drei Länder in andere Zonen verlagert haben. Wir haben das, was wir erreichen wollten, zerrissen.

Ich stelle es mir für Österreich schwierig vor, sich organisatorisch so gut zu verbinden, wie es mit der Schweiz oder Deutschland möglich wäre.
Walter Ebner: Wieder das Beispiel Zone 21: Ich habe den nördlichen Teil, die Region 24 verantwortet. Für die Region 25, das ist der Mittlere und Nahe Osten im Wesentlichen, gab es jemanden anderen, der zuständig war. Aber für mich sollten die Regionen auch zonenübergreifend eine Möglichkeit darstellen, uns organisatorisch zu verbinden. Das fehlt mir.
John Manning: Wir in der Schweiz müssen nun überlegen, wie machen wir das jetzt? Nehmen wir das Beispiel Polio Plus. Christian Schleuss aus Deutschland macht das wunderbar. Und die Zusammenarbeit wollen wir nicht auseinanderreißen. Da müssen wir einen Weg finden. Wir werden nun Rosinen picken, um das aufrechtzuerhalten, was in der Vergangenheit gut funktionierte.
Walter Ebner: Ein Instrument könnte die engere Vernetzung der Regional Leaders sein. Ich habe das ja auch nicht wirklich wahrgenommen. Wenn wir nicht aus der Vergangenheit resultierend mit der Schweiz und Deutschland gute Kontakte hätten, hätte es direkt organisierte Treffen nicht wirklich gegeben. Bislang überhaupt keinen Kontakt hatten wir zur Zone 18, mit der wir jetzt zusammen sind. Sie umfasst die nordischen Länder inklusive Island und Grönland. Die Zonen müssen besser aufgesetzt sein. Aber das gilt für alle Funktionen ab dem Distrikt aufwärts.
Jouni Kalervo Heinonen:Wir sollten mehr auf funktionierende Projekte schauen, die wir mit Österreich und Süddeutschland, aber auch mit Portugal, Spanien und den Niederlanden haben.

Besteht die Gefahr, dass bestehende Projekte mit Deutschland nicht fortgesetzt werden?
John Manning: Ich glaube nicht. Wir haben so viele Partnerclubs in Deutschland und in Österreich. Die Musik spielt in den Clubs. Die Clubs müssen einfach weiter gemeinsam Projekte machen. Die Partnerschaften von Clubs werden sich nicht ändern, nur weil die Zoneneinteilung nun eine andere ist. Nehmen wir die Flutkatastrophe im Ahrtal. Die Schweizer Hilfe basierte auf der gelebten Freundschaft zwischen Clubs. Diese Freundschaften werden bleiben. Solche Katastrophen berühren emotional enorm, und werden auch künftig dazu führen, dass Hilfe geleistet wird.
Warum stärkt Ri diese gute Zusammenarbeit nicht, in dem die Länder in eine gemeinsame Zone kommen?
Walter Ebner: Ja, weil man von RI immer das Argument bringt, haltet nicht immer an den Zonen fest, das ist nur ein Wahlinstrument. Das ist immer das Argument, das vorgeschoben wird. Was mir fehlt, ist, über die Distriktebene hinaus, die Verbindung der europäischen Ebene. Ich finde, wir haben viele Themen und Aufgaben, die wir gemeinsam sozusagen gestärkt angehen können.
John Manning: Absolut.
Walter Ebner: Europa ist einigermaßen stabil in der Mitgliedschaftsentwicklung, und ist deshalb auch stabil in der Zukunft. Wir haben hier die Grundeinstellung, Rotarier unser ganzes Leben lang zu sein. Die USA, Australien und Großbritannienverlieren viele Mitglieder, weil hier die traditionellen Clubs nichts mit jüngeren Mitgliedern anfangen können. Irgendwann ist der Alterssprung zu groß. Die müssen sich neu organisieren und mit Neugründungen von Clubs versuchen, mehr junge Mitglieder zu gewinnen. Das Durchschnittsalter von 70 oder 75 ist einfach zu hoch. Es wollen und müssen sich Leute, die im Berufsleben stehen und aktiv sind, bei Rotary einbringen, und nicht nur jene mit viel Erfahrung aus der Vergangenheit. Das sind Dinge, die man einfach mal angehen kann. Warum tauschen sich die europäischen Länder diesbezüglich nicht aus. Alle drei Monate ein Zoom-Meeting, um sich zunächst kennenzulernen und dann voneinander zu lernen.
John Manning: Ich würde eine stärkere Regionalisierung, Europäisierung begrüßen. Das Wort Regionalisierung hören wir immer wieder bei Rotary, aber gemeinsame Ansätze oder gar Umsetzungspläne fehlen.
Walter Ebner: Rotary wird sehr stark zentral von Evanston aus organisiert. Es ist wie bei einem Großkonzern, wo jede Entscheidung nur in der Zentrale getroffen wird. Ich bin schon seit langem ein Verfechter, dass Rotary auf drei Säulen aufgebaut werden soll, und zwar auch zeitzonenmäßig: Nord- und Südamerika und Kanada, sowie Europa und Afrika und als dritte Säule Asien mit Australien. Ich glaube, es täte der Organisation gut, auch Verwaltungsverantwortung in diese Bereiche zu tragen. Das RI-Büro in Zürich hat zwar eine Menge zu betreuen, aber darf zugleich nicht über einen Bleistift entscheiden. Immer muss bei Evanston um Genehmigung gebeten werden. Das ist mühsam und ineffektiv. Das sorgt ja auch für einen administrativen Aufwand in der Zentrale, die inzwischen auf 800 Mitarbeiter angewachsen ist.
John Manning: Die Zoneneinteilung und die Regionalisierung sind für mich zwei verwandte Themen, die wir aber getrennt betrachten müssen.
Ich sehe, es besteht Einigkeit darin, dass Rotary in Europa sich besser miteinander vernetzen muss, um dann auch eine starke Stimme innerhalb der Weltgemeinschaft zu haben.
Jouni Kalervo Heinonen:Ganz genau. Uns muss bewusst sein, die Clubs interessieren sich nicht für die Zoneneinteilung.
John Manning: Es ist schon gut, wenn sie am Distrikt interessiert sind.
Jouni Kalervo Heinonen:Wir sollten nicht vergessen, dass die Grundarbeit in den Clubs gemacht wird.
Nehmen wir das Beispiel Österreich. Die rotarischen Ferunde dort haben Anliegen, die sie an RI herantragen möchten. Aber aufgrund einer Zoneneinteilung, in der Länder mit vielen unterschiedlichen Bedürfnissen zusammen sind, ist es für Österreich sehr schwer, seine Belange vorzutragen.
Walter Ebner: Das ist genau das Problem. Ein weiteres kleines Beispiel bezüglich der Zoneneinteilung: Im nördlichen Teil, etwa 24.000 Rotarier in den 13 Ländern und neun Distrikten, den ich betreue, können die kleinen Länder und Distrikte mit Österreich spielen, wie sie wollen. Österreich hat zwei große Distrikte mit 5200 und mehr als 4000 Mitgliedern. Demgegenüber stehen sechs ganz kleine Distrikte mit jeweils 1000 und 1500 Mitgliedern. Bei der Wahl eines Direktors zählt pro Distrikt eine Stimme.
Jouni Kalervo Heinonen: Wir haben drei Distrikte in der Schweiz. n Bezug auf die Mitglieder haben wir das gleiche Gewicht wie die Niederlande oder Spanien und Portugal.
Walter Ebner: Bei euch wird fix das Rotieren zustande kommen. Das gibt es bei uns nicht. Das ist der Unterschied.
John Manning: Wir haben auch große Distrikte. Der kleinste hat 4500 Mitglieder.
Walter Ebner: Bei uns sind die Rahmenbedingungen schlecht. Ich hatte auf dem letzten Council of Legislation (CoL) einen Antrag eingebracht, der aber schon in der Vorrunde abgewiesen wurde. Ich wollte erreichen, dass man die Distriktgrößen bei einer Direktorenwahl berücksichtigt. Ein Mechanismus wäre, dass jeder Distrikt pro 1000 Mitglieder eine Stimme erhält. Es hat geheißen, ja, dann wird es für die kleinen Distrikte schwieriger, eine Chance zu bekommen. In der jetzigen Situation haben wir Österreicher es schwierig, weil die Kleinen sich immer vorab verständigen. Österreich hat in 30 Jahren ein einziges Mal einen Direktor gestellt. Das sorgt für Frust.
Sollte RI nicht in diesem Fall auf ein Rotationsprinzip bestehen, wie es für die Schweiz sein wird?
Jouni Kalervo Heinonen: Das wäre ein Weg.
Walter Ebner: Man hat aber die notwendige Änderung der Sektionierung der Zone 21 nicht vorgenommen. Wir hatten dies über unseren RI Direktor Daniel Tanase eingebracht, aber es wurde nicht berücksichtigt. Es zählt nicht, was du in dieser Ebene einbringst. Und das ist frustrierend für Leute, die konstruktiv denken und was nach vorne bringen wollen.
John Manning: Das ist gerade die Herausforderung für uns in der Zukunft. Wie schaffen wir es in Europa, gemeinsam zusammenzukommen? Wir müssen unsere Kräfte bündeln und unsere Werte und Anliegen gemeinsam gegenüber Rotary International vertreten. Es gibt die schrumpfenden Länder, die sehr schnelllebig sind. Es gibt die stark wachsenden Länder in Indien und Afrika. Und es gibt die Mitte der stabilen Länder, zu denen wir gehören.
Walter Ebner: Amerika dominiert, und Asien klopft ständig an die Tür, weil sie wachsen. Wir müssen uns besser verbinden, eine starke, gemeinsame Stimme in Rotary als Europäer haben.
John Manning: Unterschreibe ich sofort. Wir schaffen es als Europäer nicht, eine gemeinsame Identität nach außen zu tragen.
Walter Ebner: Lasst uns gemeinsam überlegen, wo wollen wir hin in nächsten zehn Jahren. Wir benötigen ein Strategiepapier.
John Manning: Lass uns nicht die gemeinsamen Projekte vergessen. Die gehören dazu.
Jouni Kalervo Heinonen: Selbstverständlich.
Wir können zwei Dinge festhalten: Europa muss sich besser miteinander vernetzen, und die eigenen Interessen besser gegenüber RI vertreten. Zugleich braucht es eine bessere Informationspolitik.
Walter Ebner: Unbedingt. Mit der beginnt es.
John Manning: Halten wir fest, wir müssen in die Zoneneinteilung eingebunden werden.
Walter Ebner: Ich bin sehr froh, dass wir jetzt mehrere European Summits hatten. Das stärkt das Zusammengehörigkeitsgefühl. Es war zuerst in Rom, dann in Bonn und jetzt sind wir in Rotterdam wieder dabei. Also es geht schon in die richtige Richtung. Wir müssen es jetzt in die Hand nehmen und ein regelmäßiges Format daraus machen. Ich glaube, dann sind wir auf einem guten Weg, innerhalb von Rotary mehr auch die Richtung mit vorgeben zu können, als es bisher der Fall ist.
Kann da die RI Convention in Barcelona nochmal zusätzlich für Dynamik sorgen?
John Manning: Klar, das ist eine gute Möglichkeit.
Walter Ebner: Das kann tatsächlich ein Initiator für das Ganze sein. Wir können dort die Stimme für Europa erheben.



















