Rotary Aktuell

Italien im Höhenflug

by Florian Quanz | 
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Nein, es geht nicht um die Fußballweltmeisterschaft. Es geht um Rotary

Die Entwicklung der rotarischen Gemeinschaft in Italien sucht derzeit Ihresgleichen. Die Serviceorganisation wächst, mehr als in allen anderen europäischen Ländern. Kein Thema wird bei Rotary so intensiv diskutiert, wie Mitgliedergewinnung. Wie gelingt es, Menschen für Rotary zu begeistern? Welche Rezepte sind erfolgreich? Zeit, dorthin zu reisen, wo Rotary boomt. Zeit für Bella Italia. Unser Redakteur Florin Quanz reist eine Woche auf den Spuren Rotary durch das Land. Begleitet wird er von Gerti Gruber und Gunther Gröss aus Österreich. Die beiden rotarischen Freunde vom ICC Deutschland-Österreich-Italien sind neugierig, wie das Erfolgsrezept der Italiener lautet.

Dienstag, 23.06.2026

Bari

Das hatte ich mir ehrlich gesagt anders vorgestellt. Ich drehe nun schon seit fast einer Stunde mit dem Mietauto meine Runden. Ich finde einfach keinen Parkplatz im Zentrum von Bari. Denn genau dort habe ich meine Unterkunft für die Nacht gebucht. Ich merke, wie ich langsam wütend werde. Ich drehe Runde für Runde, aber es will einfach kein freier Parkplatz auftauchen. Doch dann, als ich es schon aufgeben wollte, werde ich fündig. Der Parkplatz ist sogar fußläufig zum Hotel, was ideal ist. Ich parke, nehme meine Sachen und mache mich so schnell wie möglich auf ins Hotel. Die Zeit ist knapp, denn ich habe mich in wenigen Minuten mit Gerti Gruber und Günter Gröss verabredet. Die beiden österreichischen Rotarier vom Länderausschuss Österreich-Deutschland-Italien weilen derzeit im Süden Italiens. Gemeinsam wollen wir der Frage nachgehen, warum Rotary in Italien einen enormen Aufschwung erlebt. Die Zahlen belegen: Rotary ist hier extrem angesagt. Vom Juli 2025 bis Mitte Februar 2026 hat die Zone 14 (die die italienischen Distrikte umfasst) 827 neue Mitglieder aufgenommen. Die beiden deutschen Zonen haben in dieser Zeit 89 (Zone 15) und 116 (Zone 16A), also zusammen 205 Mitglieder aufgenommen.

Ich schaffe es leider nicht ganz rechtzeitig zum vereinbarten Treffpunkt. Ich befinde mich im Zentrum von Bari, einer schönen Großstadt im Süden. Vor einem alten Gebäude bleibe ich stehen. Ist es dieser Eingang? Ich hole mein Handy heraus und schaue auf ein Foto, welches mir Gerti geschickt hatte. Es stimmt. Ich bin richtig. Studio Metta lese ich auf einem Klingelschild.

Wenig später sitze ich im Büro von Elia Metta. Er ist Präsident des Rotary Clubs Bari-Ouest. Neben ihm sitzt Teresa Catalano, Präsidentin des Rotaract Clubs Bari. Zwei Generationen an einem Tisch. Die Botschaft ist klar: Rotaract ist die Zukunft von Rotary. Beide betonen, wie gut die Zusammenarbeit im fast abgelaufenen rotarischen Jahr war. Sie erzählen von gemeinsamen Projekten. Was auffällig ist: Sie suchen mit ihren Projekten die Öffentlichkeit. Gutes tun und nicht darüber sprechen, ist ihnen fremd. Oder fremd geworden. Ein Erfolgsrezept, wie sie betonen. Gunther und Gerti hören nicht nur aufmerksam zu, sondern stellen immer wieder interessiert Fragen. Es ist ein aufschlussreiches Gespräch und erst der Anfang in und um Bari.

Es wird ein stressiger und langer Tag. Um drei Uhr klingelte mein Wecker, um vier war ich am Flughafen in Hamburg und um 5.40 Uhr nahm ich meinen Platz im Flugzeug ein. Nun ist es 14 Uhr, wir haben Elia und Teresa verlassen und werden draußen auf dem Platz vor dem Gebäude schon wieder empfangen.

Isabella Runino freut sich, uns in ein kleines Lokal entführen zu dürfen. Sie ist Mitglied im Rotary Club Rutigliano und in der Gourmet Fellowship. Von dieser hatte ich noch nie gehört, aber wo passt diese besser hin als in Italien, denke ich mir. Gerti und Isabella kennen sich gut. Zweimal sind sie sich schon auf der Festa del vino in Montepulciano (Toskana) begegnet. Rotarier aus ganz Italien kommen dort im Oktober zusammen. Gerti ist als Repräsentantin des Länderausschusses dort gewesen. Die Freude, dass sie sich wiedersehen, ist beiden anzumerken. Rotary verbindet. Isabella erklärt, wie sehr Rotarier in ihrem Land es schätzen, sich über Clubgrenzen hinaus zu vernetzen. In Italien denkt man bei Rotary größer, merke ich.

Nach eineinhalb Stunden verabschieden wir uns und setzen uns ins Auto. Das Ziel heißt Matera. Dort treffen wir Antonio Braia. Er ist der noch amtierende Governor vom Distrikt 2120, der die Regionen Apulien und Basilikata umfasst. 14 Distrikte weist Italien vor, einem steht Antonio vor. Wir treffen einen Governor, der nur so vor Energie strotzt. Mit seinen Botschaften könnte man ein ganzes Buch füllen. Nie vergessen werde ich seinen Satz: Die Nadel macht noch keinen Rotarier. Mitglieder der Gemeinschaft müssten Vorreiter sein, privat und im Berufsleben, dann seien sie für die Servicegemeinschaft bestens geeignet. Wer als Vorbild nicht tauge, sei nichts für Rotary, so seine unmissverständliche Botschaft. Ich bin Gerti und Gunther dankbar, dass sie als Übersetzer fungieren und einen großartigen Job machen. Nach gut einer Stunde zeigt er uns mit seinem Bruder, ebenfalls Rotarier, Matera, erzählt stolz von den Dreharbeiten des letzten Bond-Filmes und von Mel Gibson, der hier seinen Jesus-Film drehte. Beiläufig zeigt er auf ein Schild. Es weist auf einen Audioguide hin, gesponsort vom örtlichen Rotary Club. Rotary ist sichtbar in Italien.

Am Abend treffen wir dann die Präsidentin des RC Acquaviva delle Fonti-Gioia del Colle, Mariangela Orlando, in ihrer Zahnarztpraxis. Sie hat Essen und Getränke organisiert. Sie lobt Antonio Braia für ein außergewöhnliches Governorjahr und betont ebenfalls, wie wichtig die Kooperation zwischen Rotaract und Rotary ist. Auch ihr Club hat Mitgliederzuwachs zu verzeichnen. Liegt der Schlüssel des Erfolges beim Mitgliederzuwachs also bei Rotaract? Ich bin gespannt auf die kommenden Tage.

Wir machen uns jedenfalls auf den Rückweg nach Bari und lassen in einem Restaurant noch einmal alle Eindrücke Revue passieren. Gerti und Gunther sind sehr angetan. „Interessant ist die Frage, wen möchte ich als Rotarier“, sagt Gunther. Diese Frage hatte Antonio Braia als zentral herausgestellt. Wer nicht wisse, wen er als Mitglied haben möchte, sei nicht fit für die Zukunft.

Mittwoch, 24.06.2026

Bari und Cosenza

Der Tag beginnt mit einem hervorragenden Cappuccino. Den bekommen wir im Distriktbüro vom Distrikt 2120 in Bari. Zwei Festangestellte leistet sich der Distrikt. Sicher auch eine Antwort auf den Erfolg, den Rotary hier im Süden Italiens derzeit feiert. Die Angestellten sind damit beschäftigt, alles für ein Foundationtreffen vorzubereiten. Am heutigen Vormittag wird über Global- und Distrikt-Grants entschieden. Wenig später geht die Tür auf und Teresa Catalano kommt herein. Die Rotaracterin wird mit am Tisch sitzen. Hier ist das eine Selbstverständlichkeit. Wir haben nicht viel Zeit, denn in Cosenza warten die nächsten Termine auf uns. Dort hat Governor Dino de Marco zum Treffen geladen. Hilfe beim Organisieren erhielt er von seinem rotarischen Freund Giampaolo Latella. Den beiden war es wichtig, nicht nur zwei sehr unterschiedlich organisierte Clubs mit am Tisch zu haben, sondern zugleich auch zwei Vertreter von Rotaract. Wieder Rotaract. Die Botschaft kommt an.

Dino de Marco betont im Gespräch, wie wichtig es ist, sich um die Bedürfnisse der Menschen vor Ort zu kümmern. „Wer relevant sein will, muss sichtbar sei“, sagt de Marco. Dies gelinge dank Projekten vor Ort. Zugleich sei die Vernetzung der rotarischen Clubs untereinander wichtig. So organisierte sein Distrikt unter Federführung des Clubs Cosenza-Nord eine rotarische Kreuzfahrt, an der 150 rotarische Freunde teilnahmen. 

Dann betont Dino de Marco etwas, was im ersten Moment banal klingt. „Harmonie ist das Zauberwort. Die braucht man in den Clubs.“ Was er damit meint, lernen wir einige Stunden später kennen. Spontan fragt uns der Governor, ob wir am Abend an der Ämterübergabe-Party eines Clubs teilnehmen wollen. Wir sagen freudig zu.

Die Gastfreundlichkeit der Italiener ist nicht hoch genug zu loben. Nicht nur, dass wir spontan zu dritt noch auf eine Clubfeier dürfen, Dino de Marco lässt es sich nicht nehmen, uns persönlich am Abend am Hotel abzuholen und mit uns noch eine Stadttour mit dem Auto zu machen. Nach einer 45-minütigen Fahrt erreichen wir ein hochgelegenes Villenviertiel und das Meetinglokal. Begeistert werden wir empfangen. Die Freude, Freunde aus Österreich und Deutschland begrüßen zu dürfen, ist enorm. Hier erleben wir nun, was der Governor mit Harmonie meint. Nach einem formellen Teil mit zwei Reden, die des Governors ist inhaltlich richtig stark, und mehreren Auszeichnungen, beginnt der ausgelassene Teil mit Essen und anschließender Party. Spätestens als die scheidende Präsidentin die Polonäse anführt, spüren wir die Energie, die Rotary in Italien entfacht. Hier wird Rotary gelebt. Das spüren wir. Mit dieser Energie sinke ich gegen 1.30 Uhr in mein Hotelbett. Ich schlafe sofort ein, mit großartigen Erlebnissen bei Freunden.

Donnerstag, 25.06.2026

Neapel

Es ist ein großartiger Blick auf den Golf von Neapel. Die Sonne senkt sich langsam, aber es ist immer noch sehr warm. An unserem Tisch sitzen Ada Quirino und Gianmauro di Lauro. Zwei Generationen, zwei Clubs. Ada ist Mitglied im Rotary Club Napoli Posillipo und Gianmauro im Rotaract Club Napoli Gianmauro. Die Namensgleichheit ist kein Zufall. Der Rotary Club war nicht nur Gründungspate, sondern beide Clubs arbeiten eng zusammen. „Die Coronapandemie hat uns zusammengeschweißt“, erklärt Ada. Da sei ihnen klar geworden, dass sie in schwierigen Zeiten viel effektiver sind, wenn sie kooperieren. Dabei ist der Rotaract Club kein Anhängsel, die Mitglieder keine Hilfsarbeiter für Rotary. „Wenn wir ein Projekt planen, fragen wir immer wieder die Rotaracter um Rat. Rotarier sollten nicht glauben, sie seien intelligenter oder besser“, erklärt Ada. Ihre Stimme klingt sehr bestimmt. Gianmauro nickt in ihre Richtung. Wieder betonen sie regionale Projekte. So finanzieren sie Theaterkurse für Menschen mit Autismus und Down-Syndrom. „Am Ende gibt es eine Aufführung im Theater. Das ist für die Teilnehmer immer ein besonderes Ereignis. Es gibt für die Teilnahme auch keine Altersbeschränkung. Wir wollen auch verschiedene Generationen auf und neben der Bühne zusammenbringen“, erklärt Gianmauro. Gerti Gruber und Gunther Gröss sind von diesem Engagement, verbunden mit Enthusiasmus, sichtlich beeindruckt.

„Wir haben uns zu einem Hands-on-Club entwickelt“, erklärt Ada. Das sei der Schlüssel zum Erfolg. Nur so sei man sichtbar. Gerade in Neapel sei dies wichtig, denn in einer Großstadt sei Sichtbarkeit schwieriger als auf dem Land. „Dort spielt Rotary per se eine größere Rolle für die Gesellschaft“, sagt Gianmauro. Und die Mitgliederentwicklung? Auch hier positiv, wenngleich nicht ganz so stark, wie weiter im Süden des Landes. Gerti möchte wissen, ob es noch reine Männerclubs gibt. „Nein“, sagt Ada und man erkennt, dass sie davon nichts hält. Ihr Club war 1999 der erste, der auch Frauen aufnahm. Alle anderen im Distrikt zogen nach. 

Gibt es auch Projekte, die die beiden Clubs unabhängig voneinander realisieren? „Klar. Wir von Rotaract kochen einmal die Woche für Obdachlose. Das sind 80 Personen, die zu uns in die Suppenküche kommen“, erklärt Gianmauro. „Jede Woche?“, fragt Gunther erstaunt. „Jede Woche“, bestätigt Gianmauro.

Es drängt sich Gunther und Gerti ein Verdacht auf. Internationale Projekte spielen bei Rotary in Italien kaum eine Rolle. Ada möchte diesen Verdacht nicht bestätigen. „Wir haben auch ein großes Projekt in Afrika verwirklicht.“ Internationales Engagement sei aber nicht der Schwerpunkt. Identifiziert sich Rotary in Italien nicht so stark mit der internationalen Gemeinschaft, die Rotary darstellt? Ada und Gianmauro widerlegen dies zumindest mit Blick auf End Polio Now. „Jedes Jahr veranstalten wir einen Lauf, an dem mehr als 4.000 Menschen teilnehmen. Über die Langdistanz Halbmarathon oder eine wesentlich kürzere Laufrunde sind Menschen zu Gunsten des Projektes sportlich aktiv." Hier wird klar: Die Rotarier in Italien verstehen es perfekt, weltweites Engagement lokal sichtbar zu machen. Gianmauro zeigt stolz ein Video vom Laufevent am Hafen von Neapel. Derweil senkt sich die Sonne. Der Tag neigt sich dem Ende, neue Erkenntnisse sind gewonnen.

Freitag, 26.06.2026

Florenz

Sie haben einen Plan. Das wird nach wenigen Minuten des Gespräches deutlich. Saverio Lastrucci vom RC Firenze Certosa hat zum Gespräch geladen. Das Treffen findet im Clublokal in Florenz statt, ein Fünf-Sterne-Hotel, in dem schon der frühere US-Präsident Bill Clinton residierte. Die Entwicklung ist auch in der Toskana positiv. Vier neue Rotary Clubs haben sie in nur einem rotarischen Jahr im Distrikt 2071 gegründet, hinzu kommt ein neuer Rotaract Club. „Wir haben geschaut, in welchen Regionen wir noch nicht vertreten sind, und dort Clubs gegründet“, berichtet Pietro Belli vom RC Fiesole. Ganz gezielt haben sie sich die Karte des Distriktes angeschaut und analysiert. „Wenn es in einer Region einen Lions-Club gibt, dann kann es auch einen Rotary Club geben.“ Sein Clubfreund Arrigo Rispoli erklärt, dass die Strategie neue Mitglieder zu gewinnen Distriktübergreifend entworfen wurde, in enger Abstimmung mit Massimo Balotta, der in Kürze RI-Direktor wird. „Du bist nur erfolgreich, wenn alle sich auf ein Ziel verständigen und sich genau überlegen, wie dieses zu erreichen ist.“

Ein Zauberwort heißt Passport Club. Darin sehen die Rotarier in der Toskana die Zukunft. Wer neue Mitglieder gewinnen will, muss weg von traditionellen Clubs, sind sie überzeugt. Sich online zu Meetings zuschalten zu können, sei für junge Menschen ein wesentliches Kriterium bei der Entscheidung, ob man bei Rotary Mitglied werden möchte. Sie sind sogar so weit gegangen und haben aus einem klassischen Club einen Passport Club gemacht. Angst vor Veränderungen? Die dürfe man nie haben, sind sich die Freunde einig. Arrigo Rispoli, drei Jahre auf Distriktebene für die Mitgliederentwicklung zuständig, scheut sich nicht alte Zöpfe abzuschneiden. Die Ambitionen werden belohnt, die Mitgliederentwicklung gibt ihnen recht. Dass Italien heute für Rotary der Wachstumsmarkt schlechthin in Europa ist, hat maßgeblich damit zu tun, dass das Thema höchste Priorität genießt. Den Rotariern in Italien scheint alles zu gelingen. Alles? Arrigo Rispoli schüttelt den Kopf. Er zeigt sich geknickt. „Wir haben versucht, einen internationalen Club in Florenz zu gründen. Das Potenzial ist auf jeden Fall da, aber wir sind gescheitert.“ Entmutigen lassen sie sich davon nicht. Sie verfolgen weiter energisch ihren Plan, gründen neue Clubs, schaffen Hypridformate und werden so für junge Menschen attraktiv. 

Samstag, 27.06.2026

Vicenza

Ich bin wirklich gespannt. Eine Distriktkonferenz in einem anderen Land habe ich noch nicht miterlebt. In Kürze wird es soweit sein. Ich sitze mit Gerti Gruber im Zug von Florenz nach Padua. Dort werden wir dann nochmal Richtung Vicenza umsteigen, unser Endziel. Dort findet am heutigen Sonntag die Konferenz des Rotary Distriktes 2060 statt. Ich weiß, dass ich auf ein paar Rotarier treffen werde, die Deutsch sprechen können, da Südtirol Teil des Distriktes ist. Aber natürlich möchte ich mit mehr Rotariern ins Gespräch kommen als nur mit Südtirolern. Dennoch wird es mir meine Arbeit am heutigen Tag etwas leichter machen. In Vicenza selbst war ich noch nie, aber ich werde nichts von der Stadt sehen. Noch am Abend möchte ich weiter nach Mailand. 

In Vicenza sind Gerti und ich eine der ersten auf der Konferenz. Gunther Gröss hat unsere Gruppe bereits in Neapel verlassen. Ich vergaß, dies hier im Tagebuch festzuhalten. Ich bin Gunther sehr dankbar, dass er sich die Zeit genommen hat und mich auf den ersten drei Stationen begleitete. Das war allein schon deshalb so wertvoll, weil im Süden Italiens kaum jemand Englisch sprach. In Florenz hatten wir das erste Gespräch auf Englisch mit Rotariern. In Vincenza wird es ein Mix aus drei Sprachen, Deutsch, Englisch und Italienisch sein.

Manchmal erfährt man das Interessanteste am Ende einer Konferenz. Ich stehe mit Mirko Udovich vom RC Bozen zusammen. Er erzählt mir von einem Projekt. An dem sich alle Clubs im Distrikt beteiligen. „Wir organisieren sogenannte Happy-Camps. Das sind im Jahr sieben an der Zahl“, berichtet Mirko Udovich. Ich überlege sofort, was es mit den Happy-Camps auf sich haben könnte. Lange überlegen muss ich nicht, denn Udovich liefert die Erklärung gleich hinterher. „Wir ermöglichen körperlich beeinträchtigten Kindern eine Woche betreuten Urlaub. Für deren Eltern ist dies eine oft dringend benötigte Entlastung und für die Kinder eine große Freude.“ Die Kosten pro teilnehmendes Kind betragen 600 Euro, die komplett Rotary übernimmt. „Es gibt nicht nur im Sommer Camps, sondern auch eins im Winter, wo wir den Kindern ermöglichen, einmal Ski zu fahren“, berichtet Udovich und man sieht den Stolz in seinem Gesicht. 350 Kindern im Jahr wird ein solcher Urlaub ermöglicht. „Es richtet sich an Kinder, die im Distrikt leben.“

Dass Clubs, wenn sie sich zusammentun, mehr erreichen können, hat man hier längst erkannt. Das bestätigt auch Daniele Cozzi vom RC Caorle: „Es ist eine Selbstverständlichkeit andere Clubs zu besuchen und auch gemeinsam Projekte umzusetzen und Events zu veranstalten. Wir haben eine starke Zusammenarbeit.“ Beispielhaft nennt er den RC Jesolo, mit dem sein Club sehr gut zusammenarbeitet. Jesolo gehört mit zu den aktivsten Clubs, die der Distrikt aufzubieten hat. 

Auffällig auf der Konferenz ist nicht nur die sehr gute Stimmung, sondern auch der fast vollbesetzte Theatersaal. Nur wenige Plätze bleiben frei, das Interesse an der Konferenz ist groß. Die Aufbruchstimmung, die bei Rotary in Italien herrscht, ist hier greifbar. „Der Distrikt arbeitet sehr gut“, sagt Cozzi. „Er funktioniert als Dienstleister für die Clubs.“

Auch hier gibt es einen Trend zu neuen Clubformaten. Beispielhaft steht dafür der RC Passport Tre Venecie D2026. Ich lerne Paula Utech kennen. Die ältere Dame kam erst im Februar auf die Idee mit weiteren Menschen diesen Club zu gründen. „Wir hatten uns einfach gedacht, wir gründen jetzt einen Rotary Club“, berichtet sie. Rotary lernte sie zuvor über Projekte kennen. Beim Distrikt rannte sie mit der Idee offene Türen ein, da der Club einen großen Einzugsbereich zwischen Padua und Vicenza abdeckt und ein Mitgliedschaftsmöglichkeit für all jene bietet, die sich online treffen wollen. Einen festen Meetingtag? „Den haben wir nicht. Am Ende eines Meetings besprechen wir, wann wir uns wieder zusammenschalten wollen. Der Tag mit der meisten Zustimmung gewinnt.“

Ich lerne weitere spannende Persönlichkeiten und Clubs auf der Konferenz kennen, ehe ich mich auf dem Weg in Richtung Mailand mache. Beinahe wäre ich in Vicenza gestrandet. Die Buchung eines Uber-Taxi gestaltet sich wesentlich schwieriger als gedacht. In allerletzter Minute erreiche ich völlig erschöpft den Zug. Nun kann nichts mehr schiefgehen, denke ich mir. Doch dann, es ist inzwischen 22 Uhr, bleibt der Schnellzug auf freier Strecke stehen. Was passiert ist? Ich weiß es nicht. Ein weiterer Passagier spricht leider kein Englisch. Ob ich Mailand noch erreiche? Zweifel kommen in mir auf.

Sonntag, 28.06.2026

Sonntag, 28. Juni: Mailand

Alessandro Borganti deutet stolz auf sein Handy. Er hat gerade die Instagram-Seite seines Rotaract Clubs geöffnet. Mehr als 11.000 Follower hat der RAC Milano Europa Fenice. „Wir sind der Rotaract Club mit den meisten Followern in Italien“, erklärt er. Ihm gegenüber sitzt sein Clubfreund Michele Di Bucci. Ebenfalls eingefunden hat sich Alberto Domenighini. Dieser ist gerade von der RI Convention in Taipeh zurückgekehrt. Dort stand er auf der Bühne und berichtete, wie der Rotary Austausch in die USA sein Leben verändert hat. Dieser überzeugende Auftritt hatte mich auf die Idee gebracht, mich mit ihm zu treffen und mehr über ihn zu erfahren. Über Gunther Gröss bin ich dann auf Michele Di Bucci gestoßen. Das ist sein Neffe, der dann Alessandro noch mitbrachte. Es ist Vormittag und wir sitzen im Finanzviertel von Mailand, gönnen uns einen Cappuccino. Jetzt habe ich die erste Gelegenheit die junge Generation in Ruhe zu sprechen, ohne, dass Rotarier dabei sind. Wobei das nicht so ganz stimmt, denn Alessandro und Alberto sind sowohl Mitglied bei Rotary als auch bei Rotaract. „Es gibt grundsätzlich die Möglichkeit von Doppelmitgliedschaften“, sagt Alberto. Das sei eine sehr gute Chance, Fuß bei Rotary zu fassen, aber zugleich auch noch bei Rotaract aktiv zu bleiben. Einzelne Clubs würden darüber hinaus für Rotaracter einen verminderten Mitgliedsbeitrag aufrufen, so dass die Doppelmitgliedschaft bezahlbar ist.

Mich interessiert, wie sie das Verhältnis zwischen Rotary und Rotaract beurteilen. „Rotary ist nicht mehr Pate von Rotaract, sondern ein Partner“, erklärt Alessandro Borganti. 2019, noch vor Beginn der Pandemie, wurde Italienweit die Partnerschaft offiziell begründet. Das war der Startpunkt für eine intensive Zusammenarbeit, die bis heute nicht nur anhält, sondern kontinuierlich ausgebaut wird. Da mir schon im Süden Italiens und in Florenz von der engen Kooperation berichtet wurde, wird mir hier endgültig klar, dass im ganzen Land es eine enge Verbindung zwischen Rotary und Rotaract gibt. 

Doch hat diese Verbindung auch Schattenseiten? „Rotary Clubs dürfen Rotaract Clubs nicht überfordern. Wir können nicht die gleichen Geldsummen in Projekte investieren. Das muss klar sein“, betont Alberto Domenighini. „Wir können aber was anderes einbringen, was den meisten Rotary Clubs fehlt“, erklärt Alessandro Borganti und lächelt. „Wir haben die Expertise in Sachen Social Media. Wenn es darum geht, Projekte in der Öffentlichkeit bekannt zu machen, dann ist man bei uns an der richtigen Adresse.“ Sofort kommt mir der Instagram-Auftritt seines Rotaract Clubs wieder in den Sinn. „Wir haben in Italien noch immer das Problem, dass viele nicht wissen, was Rotary ist.“ Michele Di Bucci nickt: „Manche denken noch immer, wir seien eine Art Geheimbund.“ Ich merke, dass Rotary in Italien hier mit dem gleichen Problem zu kämpfen hat, wie in Österreich und Deutschland. Dass sie es effektiv angehen, scheint ein erfolgreicher Weg zu sein. Die Mitgliederzahlen geben ihnen recht. 

Dass sie Teil der rotarischen Welt sind, ist das eine Ehre? Gespannt blicke ich in die Runde. „Absolut“, höre ich von allen dreien ohne Zögern. „Bei meinem Jugendaustausch habe ich mich in Rotary verliebt“, erklärt Domenighini. „Hier entstehen Freundschaften für immer“, betonen Borganti und Di Bucci. Sie sind stolz auf ihre Mitgliedschaft und legen Wert darauf, diesen Stolz auch zu zeigen. Denn so könne man auch andere begeistern, sich zu engagieren. 

Nach gut einer Stunde reger Diskussion frage ich abschließend, ob auch hier der Schwerpunkt auf regionale Projekte gelegt wird. „Sich vor Ort zu engagieren, kommt allen zugute“, sagt Alberto Domenighini. „Wenn sich meine Kommune dank Rotary besser entwickelt, profitiere ich auch selbst davon. Und seien wir ehrlich, es gibt auch in Mailand genug Menschen, die unsere Hilfe brauchen.“ Michele Di Bucci betont die starke regionale Vernetzung. Das sei in seinem Rotaract Club gelebte Praxis. Für mich wiederum erklärt es auch die hohe Followerzahl bei Instagram. Bei der Frage nach Projekten fällt wieder das Stichwort Suppenküche. Auch in Mailand kochen Rotaracter für Bedürftige, jedoch nicht jede Woche, sondern zweimal im Monat. 

Ich bin erleichtert. Nicht nur, weil die Erkenntnisse der Vortage sich bestätigt haben, sondern ich auf eine richtig motivierte junge Generation getroffen bin, die sehr gute Englischkenntnisse hat. Das ist nun auch wichtig für mich, denn auch Gerti Gruber musste mich verlassen. Sie ist von Vicenza nach Hause gefahren, während ich den Zug nach Mailand nahm. Ach ja, das muss ich noch auflösen: Ich hatte Mailand mit eineinhalb Stunden Verspätung erreicht. Es war also nach Mitternacht.

Nun bitte ich die drei noch zum Fotoshooting. Für meine Magazin-Reportage benötige ich diese. Die Szenerie mit modernen Büro- und Wohngebäuden eignet sich hervorragend. Wir nehmen uns ausführlich Zeit. Die junge Generation hat es verdient, ins rechte Licht gerückt zu werden – gerade hier in Italien. Dann verabschiede ich mich. Beim Blick auf die Uhr fällt mir auf, dass ich noch ein wenig Zeit habe, ehe ich in den Zug nach Rom steigen muss. Ich erkläre, dass ich meine Mittagspause nutze, um zum Mailänder Dom zu fahren. Da es mein erster Aufenthalt in der Stadt ist, möchte ich diesen wenigstens von außen mal gesehen haben. Michele Di Bucci bietet spontan seine Begleitung an. Das anregende Gespräch könne man dabei fortsetzen. So machen wir uns also auf den Weg in Richtung U-Bahn. Dabei erzählt mir Di Bucci, wie die lokale Vernetzung konkret aussehen kann. „Wir haben als Rotaract Club mehrere WhatsApp-Gruppen, eine für den Vorstand, eine für alle Mitglieder und eine öffentliche Gruppe, in der auch unsere Partnerorganisationen sind. Öffentliche Veranstaltungen bewerben wir in dieser Gruppe. Oft kommen dann Partner vorbei, mit denen wir früher mal ein Projekt umgesetzt haben. So bleibt man in Kontakt, was wichtig ist.“ Mir gefällt, wie strategisch sie vorgehen – ebenso der Dom, vor dem wir kurze Zeit später stehen.

Montag, 29.06.2026

Rom

„In der Theorie sind wir sehr gut aufgestellt“, sagt Lucky Dalena. Sie sitzt in einem Café in Rom und blickt auf die rotarische Gemeinschaft in Italien. „In der Theorie?“, frage ich. Mich interessiert, was sie damit meint. „Blicken wir auf die Kooperation zwischen Rotary und Rotaract, wissen wir, wie es sein sollte, aber in der Realität sind wir noch nicht da, wo wir hinkommen müssen.“ Jetzt wird es für mich spannend. Bislang zeichnete sich für mich ein Bild, welches eine sehr gute Vernetzung zwischen Rotary und Rotaract offenbarte. „Auf der Governorebene ist inzwischen klar, wie wichtig die Zusammenarbeit zwischen Rotary und Rotaract ist. Dort ist auch klar, dass ein reibungsloser Übergang von Rotaract zu Rotary möglich sein muss. Aber meine persönliche Erfahrung hat mir gezeigt, dem ist nicht so.“ Auf die Frage, warum das so ist, hat Lucky Dalena eine klare Antwort. „Es gibt immer noch Clubs, die sich schwer damit tun, junge Mitglieder aufzunehmen. Ich habe mich vor einigen Jahren mit anderen Rotaractern entschieden, einen eigenen Club zu gründen.“ In ihrem Fall wäre zwar ein Wechsel zum Rotary Patenclub ihres Rotaract Clubs möglich gewesen. Doch dieser sei gerade für junge Menschen mit kleinen Kindern oder Jobs, bei denen man nicht um 19 Uhr beim Meeting sein kann, nicht geeignet. Deshalb gründeten sie einen sogenannten Alumni Club. „Inzwischen gibt es davon drei in Italien“, erklärt Lucky Dalena.

Der Vorteil dieses Clubs liege auf der Hand. Man treffe sich online und nur einmal im Monat oder alle sechs Wochen persönlich. „Das unterscheidet uns auch von Passport Clubs, die sich nur online treffen.“ Dieser Mix spiegelt sich auch in den Projekten wider. „Wir haben einen Kurs Digitale Früherziehung für Kinder aus schwierigen Verhältnissen angeboten, der sehr gut angenommen wurde. Später kam ein Englisch-Sprachkurs für ältere Menschen hinzu. Diesen haben wir aber nur online angeboten“, erklärt Lucky Dalena. Für mich ist es spannend, wie dieser Club seine ganz eigene DNA entwickelt hat. „Natürlich gibt es auch Events, wo wir uns einfach treffen. Aber dann immer so, dass es familienfreundlich ist. Das ist und bleibt wichtig, denn mehr als 50 Prozent unserer Mitglieder haben Kinder unter fünf Jahren.“ 

Ihr Ratschlag für alle Rotaracter? Einen eigenen Club gründen, wenn man keinen passenden findet. In ihrem Fall sind 90 Prozent der Mitglieder frühere Rotaracter. „Ich muss aber betonen, dass uns Massimo Ballotta sehr bei der Gründung geholfen hat.“ Der künftige RI-Direktor spielt bei der Mitgliederentwicklung eine ganz zentrale Rolle. Das zeigte sich schon im Gespräch in Florenz. Leider war es nicht möglich, ihn persönlich auf der Tour zu treffen, aber er wird seine Perspektive bei einem Videocall nachreichen. Ich bin gespannt.

Bevor es morgen zurück nach Hamburg geht, treffe ich mich noch mit Past Governor Guido Franceschetti. Wie blickt er auf die Mitgliederentwicklung in Italien und speziell auf den römischen Distrikt? Morgen früh werde ich es erfahren.

Dienstag, 30.06.2026

Rom

Kann es noch eine Überraschung für mich geben? Am Ende meiner Reportagereise. Nein, denke ich, als ich mein Hotelzimmer verlasse und ein paar Straßen weiter ein Café betrete. Dort wartet bereits Guido Franceschetti auf mich. Der Past Governor ist Mitglied im RC Rom-International. Als Erkennungszeichen nannte er mir zwei Hefte des US-amerikanischen Rotary Magazins. Später erfahre ich, dass sein Club dort zweimal mit einem Artikel vertreten war. Da ist er wieder, der Stolz auf Rotary, der Stolz auf den eigenen Club und die Mitgliedschaft. Also keine Überraschung. Doch es dauert nicht lange, und sie kommt. „Wir in Rom bemerken besonders das Wachstum von Rotary“, sagt Franceschetti. Es gebe inzwischen 44 Clubs in der italienischen Hauptstadt, Tendenz weiter steigend. „Das ist doch erfreulich“, entgegne ich. Doch Franceschetti blickt skeptisch zu mir herüber und nimmt einen Schluck aus seiner Cappuccino-Tasse. 

„Das stellt altbewährte Organisationsstrukturen infrage“, sagt Franceschetti. Früher hätten sich die Präsidenten der Clubs einmal im Monat getroffen und ausgetauscht. „Es war gut zu erfahren, welche Projekte andere Clubs realisieren. Die Clubs waren gut miteinander vernetzt.“ „Und jetzt?“, frage ich. „Mit so vielen Clubs ließ sich das monatliche Treffen nicht mehr aufrechterhalten“, sagt er. Wachstum hat seine Schattenseiten, zeigt sich hier erstmals für mich. Man diskutiere inzwischen, ob aus der Hauptstadt Rom ein eigener Distrikt werden solle. Franceschetti hält nichts von der Idee. Er liebt es, nah an den Clubs auf Sardinien zu sein. „Rotary auf dem Land funktioniert anders als in einer Großstadt. Beides im Distrikt erleben zu dürfen, ist bereichernd.“ Eine finale Entscheidung, so höre ich heraus, scheint aber wohl noch nicht getroffen. Dafür steht fest, dass ich Italien verlassen werde. In Kürze hebt mein Flieger in Richtung Hamburg ab. Ich bin um viele Erkenntnisse reicher und dankbar für diesen intensiven Austausch. Ich habe viel über Rotary gelernt und bin beeindruckt, wie strategisch die Italiener die Mitgliederentwicklung angehen. Diese Strategie ist langfristig angelegt. Das erfolgreiche erste Jahr wird keine Eintagsfliege sein, dessen bin ich mir sicher. Viva il rotary!

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