Im Takt der Ahnen

Die indigenen Bergvölker Taiwans sind sichtbar, genießen Rechte, sind aber nach wie vor benachteiligt. Manchmal hilft das Singen
Geht es um die Rezeption der Geschichte Taiwans, fällt der his-torische Blick meist auf das Jahr 1949, als sich Kuomintang-Chef Chiang Kai-shek mit seinen Truppen auf die Insel zurückzog. Die vorherige Besiedlung Taiwans durch indigene Gemeinschaften fällt in der Berichterstattung um die „Taiwan-Frage“ meist unter den Tisch. Viele Menschen im Westen wissen nicht einmal von ihrer Existenz.
Dabei leben seit mindestens 5000 Jahren Ureinwohner auf der Insel. Aufgrund sprachlicher Ähnlichkeiten vermuten Ethnologen, dass sie auf austronesische Volksgruppen von den Pazifikinseln zurückgehen, die in mehreren Wellen eingewandert sind. Heute machen ihre Nachfahren rund zwei Prozent der 23,5 Millionen Taiwaner aus. Offiziell werden 16 Stämme von der Regierung anerkannt. Der Großteil lebt in den ländlichen Küstenregionen um Hualian und Taitung im Osten der Insel.
Taiwans indigene Gemeinschaften waren in der jüngeren Geschichte der Insel nie so sichtbar wie heute. Im Sport oder in der Popmusik haben sie einige der größten Stars Taiwans hervorgebracht – zum Beispiel Aljenljeng Tjaluvie alias Abao, eine der bekanntesten Pop-Sängerinnen des Landes. Die Texte ihrer von Hip-Hop und Soul beeinflussten Musik schreibt sie seit ein paar Jahren nicht mehr nur in Mandarin, sondern auf Paiwan, der Sprache ihrer Ahnen.
Als sie um das Jahr 2015 erstmals traditionelle Paiwan-Lieder aufnahm, sei ihr klar geworden, dass sie sich in einer langen Traditionslinie befand. Ihre Mutter und Großmutter hätten sie früh an die musikalische Tradition ihres Stammes herangeführt. Nun wolle sie ihrerseits junge Indigene für ihre Muttersprachen begeistern, von denen heute einige vom Aussterben bedroht sind.
Früher schmähte man Taiwans indigene Völker offen als „Wilde“ oder „Bergmenschen“
„Viele Menschen verstehen noch immer nicht, wie das Leben einer ethnischen Minderheit aussieht“, resümiert sie. Seit ihre Eltern jung waren, habe sich gesellschaftlich jedoch viel getan. „Besonders junge Menschen nutzen heute Social Media, um die indigene Kultur der Gegenwart zu zeigen, anstatt nur Stereotype zu reproduzieren.“
Früher schmähte man Taiwans indigene Völker offen als „Wilde“ oder „Bergmenschen“. Ab dem 16. Jahrhundert wurden sie erst von chinesischen, dann von holländischen und schließlich von japanischen Besatzern bekämpft und unterdrückt. Viele Stämme wurden vom Land ihrer Vorfahren vertrieben und flüchteten in die Berge. Während der japanischen Kolonialzeit und der Ära des Kriegsrechts von 1949 bis 1987 waren ihre Sprachen verboten. Wer sie dennoch benutzte, wurde bestraft, geschlagen und öffentlich gedemütigt. Laut einem Bericht der Unesco starben in dieser Zeit mindestens sieben Sprachen der Ureinwohner unwiederbringlich aus.
Teil des Mainstreams
Seit Beginn der Demokratisierung in den 80er Jahren fanden Bürgerrechtsgruppen der indigenen Bevölkerung in Taiwan dann erstmals Gehör. Es dauerte jedoch bis Mitte der Nullerjahre, dass Taiwans Regierung ihre Belange mit dem „Grundgesetz für die indigenen Völker“ gezielt förderte. Und noch länger, bis sich ein taiwanisches Staatsoberhaupt bei den Ureinwohnern entschuldigte: „Seit 400 Jahren hat jedes Regime, das nach Taiwan gekommen ist, die Rechte der indigenen Völker durch bewaffnete Invasion und Landnahme brutal verletzt“, erklärte die damalige Präsidentin Tsai Ing-wen im Jahr 2016.
Heute sind die Lieder und Legenden der Indigenen bis zu einem gewissen Grad Teil des kulturellen Mainstreams, darunter auch große Kinoproduktionen wie das von John Woo produzierte Historiendrama Warriors of the Rainbow: Seediq Bale. Der Film setzt sich mit dem sogenannten „Wushe“-Überfall des Seediq-Volkes auf die japanischen Besatzer im Jahr 1930 auseinander, der als Meilenstein des antijapanischen Widerstands in die Geschichte eingegangen ist und zahlreiche weitere Bücher, Graphic Novels sowie ein Heavy-Metal-Konzeptalbum der von Freddy Lim gegründeten Band Chthonic inspiriert hat.
Die Ärmsten der Insel
Auch Wu Ming-yi, einer der bekanntesten zeitgenössischen Schriftsteller Taiwans, hat sich für seinen auch auf Deutsch erschienenen Roman Der Mann mit den Facettenaugen von den Legenden der Ureinwohner inspirieren lassen. In dem Werk, das der sogenannten „Eco Fiction“ zugeordnet wird, nähert sich eine gewaltige Müllinsel unaufhaltsam der taiwanischen Küste. Eine der Hauptfiguren ist der junge Atile’i vom fiktiven Volk der Wayowayo, der die Menschen an die ursprüngliche Einheit von Mensch und Natur erinnert und eine Brücke zwischen indigenem Wissen und dem Umgang mit dem Klimawandel schlägt.
Aber nicht nur Kunst und Kultur, sondern auch die Politik schmückt sich heute mit der kulturellen Vielfalt der Indigenen. Der 1. August ist seit 2005 ihr offizieller Feiertag. Das hat nicht nur mit Aussöhnung und Reue für begangene Verbrechen zu tun. Mit der Vereinnahmung der Indigenen verweist Taiwans demokratische Regierung auch auf eine taiwanische Identität, die nichts mit dem chinesischen Festland zu tun hat. Ihre Anerkennung ist zu einem kulturellen und politischen Abgrenzungsmerkmal in der geopolitischen Selbstverortung Taiwans geworden.
Manche Taiwaner halten die Indigenen für bevorzugt, etwa durch spezielle Aufnahmequoten an Hochschulen
Doch Benachteiligung und Diskriminierung bestehen bis heute fort. Die indigenen Minderheiten gehören weiterhin zu den ärmsten Bewohnern der Insel. Ihr durchschnittliches Haushaltseinkommen liegt rund 40 Prozent unter dem Landesdurchschnitt. Fragen der Land- und Ressourcennutzung, von Jagdrechten, Altersversorgung und Selbstverwaltung bleiben zentrale Problemfelder und wiederkehrende Streitpunkte mit der Regierung. Auch in der Mehrheitsgesellschaft gibt es Neid und Stereotype: Manche Taiwaner halten die Indigenen für bevorzugt, etwa durch spezielle Aufnahmequoten an Hochschulen.
Eine größere Bedrohung für die taiwanischen Indigenen ist jedoch die Volksrepublik China. Sollte es Peking gelingen, in irgendeiner Weise Hoheit über die Insel zu erlangen, steht auch die Selbstbestimmung der Indigenen auf dem Spiel.
Im Sinne ihrer eigenen Minderheitenpolitik würde sich China in die lange Reihe historischer Kolonisatoren einfügen, die den Indigenen ihre Rechte abgesprochen haben. Beim Nationalen Volkskongress in der Großen Halle des Volkes könnten sie zwar folkloristisches Lokalkolorit verbreiten, gern in traditioneller Tracht und mit Kopfschmuck, hätten jedoch keinerlei tatsächliches Mitspracherecht. Wie andere Minderheiten in China wären sie massivem Assimilierungsdruck ausgesetzt.
Indigene Künstler warnen vor dieser Bedrohung. Bei den Golden Melody Awards, einer der renommiertesten Musikveranstaltungen der chinesischsprachigen Welt, nutzte die taiwanische Sängerin und Aktivistin Panai Kusui ihre Dankesrede für ein politisches Statement. Nachdem die damals 48-Jährige 2017 in der Kategorie „Best Indigenous Language Album“ ausgezeichnet worden war, rief sie die Zuschauer auf, niemals die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung auf dem Platz des Himmlischen Friedens zu vergessen. „Das Vorgehen Pekings macht deutlich, wie kostbar die Freiheit in Taiwan ist“, erklärte sie. Ihre Dankesrede war kurz darauf im Internet Festlandchinas nicht mehr auffindbar.
Fabian Peltsch
schreibt als China-Experte für das Berliner Medienhaus „Table.Briefings“. Nebenher beleuchtet er regelmäßig für „Mint“, „Musikexpress“, „Arte Tracks“ und „Rolling Stone“ die globale Popkultur.
Foto: Privat























