Schätze der Himmelssöhne

Das Nationale Palastmuseum Taipeh zeigt einzigartige Kunstschätze der alten kaiserlichen Sammlungen. Und es spiegelt das komplexe Verhältnis zu China
Die Besucher blicken ehrfürchtig auf die Vitrine. Hier liegt eine Steinabreibung, die wohl einzige vollständig erhaltene Version von Wang Xizhis „Prolog zu der Zusammenkunft am Orchideenpavillon“. Das Original stammt aus dem 4. Jahrhundert und existiert nicht mehr. Diese Abreibung aus dem 11. Jahrhundert ist ein Zeugnis für die unerreichte Meisterschaft eines Kalligrafen, der in der chinesischen Kunstgeschichte seinesgleichen sucht. Zum ersten Mal waren im Jahr 2003 solche herausragenden Beispiele aus den kaiserlichen Sammlungen Chinas in Deutschland zu sehen, erst im Alten Museum in Berlin und anschließend in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.
Die Schau war spektakulär. Ausstellungen chinesischer Kunst hatte es in Deutschland bereits vorher gegeben, herausragend die Schätze aus der Verbotenen Stadt 1985 in Berlin. Diese Schätze stammten aus dem Palastmuseum in Peking und wurden in Superlativen gefeiert. Fast 20 Jahre später folgte nun also die Ausstellung des Pendants, des Nationalen Palastmuseums Taipeh. Und sie stellt alles in den Schatten, was zuvor an chinesischer Kunst außerhalb Chinas zu sehen gewesen ist (wenn wir von Beispielen kolonialer Raubkunst absehen, die in etlichen westlichen Museen zur Schau gestellt werden). Das ist auch nicht verwunderlich, liegen doch in Taipeh die herausragendsten Stücke der kaiserlichen Sammlungen.
Die Ausstellung war heikel. Denn mit der kaiserlichen Sammlung in Taipeh bewegen wir uns mitten im Minenfeld der Politik zwischen der Volksrepublik China und der Republik China, also zwischen China und Taiwan. Bei der Vorbereitung war den Beteiligten klar, dass die Volksrepublik China die Kunstschätze sofort als unrechtmäßigen Besitz deklarieren und die Aushändigung verlangen würde, wenn die Stücke erst in Deutschland eingetroffen wären. Die Ausstellung wurde erst durch ein eigenes Gesetz ermöglicht, in dem die Bundesrepublik Deutschland garantierte, dass die Kunstwerke in Deutschland nicht beschlagnahmt werden können und eine sichere Rückkehr nach Taipeh gesichert ist.

Wie ist diese eigentümliche Situation zwischen den beiden Häusern, dem Palastmuseum in Peking und dem Nationalen Palastmuseum in Taipeh, eigentlich entstanden? In vieler Hinsicht spiegelt die Geschichte der Museen die Zeitläufte in China während des 20. Jahrhunderts. Eigentlich gab es immer nur eine Sammlung, nämlich die Kunstschätze, die chinesische Kaiser über Jahrhunderte zusammengetragen hatten. Die imperialen Sammlungen gehen in China bis auf das 4. Jahrhundert zurück und weisen in doppelter Hinsicht eine weitaus längere Tradition auf als ihre Pendants im Abendland: Die chinesischen Sammlungen gehen auf eine weitgehend kontinuierliche Sammlertradition zurück, die weiter zurückreicht als alles, was Europa zu bieten hat. Außerdem begannen die chinesischen Herrscher bereits frühzeitig, auch in Auswahl und Kategorisierung Systeme zu entwickeln, wie sie im Westen erst im 19. Jahrhundert zu greifen begannen.
Es ist bemerkenswert, dass nicht nur die „chinesischen“ Dynastien die kaiserlichen Sammlungen erhielten und ausbauten, sondern dass auch die „fremden“ Herrscher über China wie Mongolen (Yuan) oder Dschurdschen (Jin) hohe Wertschätzung für die chinesische Kunst an den Tag legten. So erreichte der Umfang der Sammlungen im Kaiserpalast unter der letzten Dynastie, den mandschurischen Qing, ihren größten Umfang. Auch wenn angesichts leerer Staatskassen während des 19. Jahrhunderts nur noch wenige Ankäufe getätigt wurden und zudem Plünderungen durch die Kolonialmächte um 1900 oder „Privatentnahmen“ des Hofstaats die Sammlung dezimierten, sehen wir in der Verbotenen Stadt zum Ende des Kaiserreichs im Jahr 1911 eine enorme Ansammlung von herausragenden Kunstschätzen.
Odyssee in 17.000 Kisten
Dort blieben sie erst einmal auch. Die kaiserliche Familie um den minderjährigen Ex-Kaiser Puyi sah die kaiserlichen Sammlungen als Privatbesitz. Ihre Ansprüche wurden jedoch bald von den Realitäten überrollt. 1924 musste Puyi den Palast räumen und den größten Teil der Sammlung zurücklassen – nachdem er kurz zuvor noch über 1000 besonders wertvolle Stücke verkauft hatte. Mit den vorhandenen Kunstschätzen wurde 1925 das Palastmuseum ins Leben gerufen, es übernahm die kaiserliche Sammlung und den Kaiserpalast, der damit erstmals für das Publikum zugänglich gemacht wurde.
Doch nur wenige Jahre später folgte die Aufspaltung der Sammlung. Nachdem die Japaner 1931 die Mandschurei besetzt hatten, ließ Chiang Kai-shek die wertvollsten Teile der Sammlung abtransportieren und in die neue Hauptstadt Nanjing bringen. Die Verlegung hatte eine doppelte Bedeutung: Zum einen sollten diese Symbole des traditionellen Chinas nicht in die Hände der Japaner fallen. Zum anderen stellte sich Chiang damit in die imperiale Tradition: Über Jahrhunderte hatte es zum kaiserlichen Selbstverständnis gehört, sich mit den herausragendsten Kunstwerken der chinesischen Tradition zu umgeben. Indem er diese Symbole der kaiserlichen Würde zu sich holte, stellte er sich in die imperiale Tradition Chinas.
Die Pläne für die Rückführung aus Taipeh liegen vermutlich schon in der Schublade
An diesem Punkt beginnt die Geschichte des Nationalen Palastmuseums in Taipeh, doch vorher musste die Sammlung noch eine atemberaubende Odyssee hinter sich bringen. Denn als Japan 1937 seinen Angriffskrieg auf China begann, musste die Sammlung erneut verlegt werden. In 17.000 Kisten wurde sie auf mehreren Routen nach Westen verlegt. Mit der sich abzeichnenden Niederlage der Kuomintang mussten sie erneut umziehen. Zusammen mit Tausenden Menschen ging es auch für die kaiserliche Sammlung 1949 vor den anrückenden kommunistischen Truppen auf die Insel Taiwan.
Auf der Insel angekommen, wurden die Kunstschätze erst einmal in Bergwerksstollen in Sicherheit gebracht. Ein eigenes Museum sollte gar nicht erst eingerichtet werden, lebte die Regierung der Republik China doch in der Überzeugung, dass ihre Zeit auf Taiwan nur ein Zwischenspiel sein würde, bevor sie wieder auf das Festland zurückkehren und ihre angestammte Stellung wieder einnehmen würde. Entsprechend sollte auch die kaiserliche Sammlung dann einfach ihren angestammten Platz im Palastmuseum in der Verbotenen Stadt wieder einnehmen. Doch bald wurde klar, dass diese Vorstellungen nichts als Luftschlösser waren. Es würde keine Rückkehr auf das Festland geben. Und so wurde 1965 das Nationale Palastmuseum in Taipeh offiziell ins Leben gerufen, um als Stätte für die kaiserlichen Kunstschätze zu dienen.
Das Palastmuseum in Taipeh erhielt ein eigens gebautes Anwesen, das sich in seiner Anlage an den Kaiserpalast in Peking anlehnte, aber völlig anders konzipiert war. Während die Verbotene Stadt in Peking mitten in der Stadt auf einer ebenen Fläche liegt, ist das Nationale Palastmuseum mit dem Rücken zu einem Berg gebaut. Die Tore und die Stelen in den Anlagen vor dem Museum zitieren den Stil des Kaiserpalastes, aber die gegenläufigen Treppen, die zum eigentlichen Museum führen, erinnern mehr an den Sommerpalast als an die alte Residenz der Söhne des Himmels. Hinzu kommt der eigentliche Bau: Der Palast in Peking ist vor allem aus Holz gebaut und hat viele Türen und Fenster, dagegen sind die Mauern des Palastmuseums in Taipeh aus extradickem Beton errichtet, und die Sammlung wird in Stollen verwahrt, die hinter dem Museum in den Berg getrieben worden sind. Das Museum hat zudem eine einzigartige Stellung, es untersteht direkt der Regierung, und sein Direktor wird vom Premierminister ernannt.
Die Bedeutung des Museums
Die Rolle des Palastmuseums hat sich gewandelt. War es noch unter Chiang Kai-shek vor allem ein Symbol des Anspruchs auf die Autorität über ganz China, wurde es seit den 80er Jahren zunehmend zu einem Publikumsmuseum mit einem deutlichen Bildungsauftrag. Aber heute stellt sich immer mehr die Frage nach der Rolle des Museums. Es beherbergt die herausragendsten Kunstschätze des kaiserlichen China, während sich ein zunehmender Teil der Bevölkerung Taiwans gar nicht mehr als Chinesen fühlt, oder zumindest nur als zweite Identität. Das spiegelt sich auch in schwindenden Besucherzahlen. Das Palastmuseum spiegelt insofern die Lage auf Taiwan und die Frage nach der nationalen Identität wie auch die komplexe Situation gegenüber dem chinesischen Festland, wo die Pläne für die Rückführung der Kunstschätze aus Taipeh vermutlich schon in der Schublade liegen.
Cord Eberspächer
(RC Düsseldorf-Karlstadt) ist Historiker und Sinologe. Er befasst sich mit allem Möglichen, was Deutschland und China betrifft, von Militär bis Kunst.
Foto: Privat























