Die Macht der Chips

Taiwan befindet sich im Zentrum geopolitischer Spannungen. Seine starke Stellung verdankt der Inselstaat im wesentlichen seiner bedeutenden Mikrochip-Industrie
Wer sich mit Taiwan beschäftigt, kommt um ein Thema kaum herum: Halbleiter. Der deutschsprachige Wikipedia-Eintrag über Taiwan hebt gleich im ersten Absatz, neben den üblichen Eckdaten zu Geografie und Bevölkerung, Taiwans Rolle als Halbleiter-Exporteur hervor. Taiwan ist der Sitz des weltweit bedeutendsten Herstellers von Chips, der Taiwan Semiconductor Manufacturing Company (TSMC). Der Marktwert des Unternehmens liegt bei über 1,6 Billionen Euro, rund das Zweifache des gesamten Bruttoinlandsprodukts des kleinen Inselstaates. Das Unternehmen rangiert damit unter den Top Ten der bedeutendsten Firmen weltweit. Zum Vergleich: Siemens hat derzeit einen Börsenwert von rund 200 Milliarden Euro.
Halbleiter sind kleinste elektronische Komponenten, ohne die in der heutigen Welt so gut wie nichts mehr funktionieren würde. Smartphones, Laptops, Autos, Flugzeuge, industrielle Maschinen, me-dizinische Geräte und Waffensysteme, nahezu jedes Produkt verwendet Chips. Nicht zuletzt hängt auch die klimaneutrale Transformation unserer Wirtschaft an Halbleitern, denn diese stecken in Windturbinen und Solaranlagen und sorgen für effizienten Stromfluss. Doch besonders der technologische Fortschritt in Sachen künstlicher Intelligenz (KI) hat die Nachfrage nach datenverarbeitenden Chips noch einmal stark gesteigert.
Immer schneller
Die Vielzahl der Anwendungen von Halbleitern ist besonders einer Gesetzmäßigkeit zu verdanken: Gemäß „Moore’s Law“, einer Vorhersage des Intel-Mitgründers Gordon Moore im Jahr 1965, verdoppeln sich alle zwei Jahre die Anzahl der Transistoren auf einem Chip. Diese Vorhersage hat sich als erstaunlich akkurat herausgestellt. Dank der Verdopplung der Transistoren auf der gleichen Fläche können immer komplexere Berechnungen immer schneller vollzogen werden. Die Größe der Chips und die Zahl der Transistoren auf einem Chip gelten daher auch als Maßstab der Technologieführerschaft in der Halbleiterindustrie. Und hier kommen wir zu TSMC zurück.
TSMC ist spezialisiert auf die Herstellung von Chips, vor allem von Logik- und Mikrochips. Es entwickelt keine eigenen Halbleiter, sondern führt Auftragsarbeiten von Branchengrößen wie Nvidia, Qualcomm und Apple aus. Dabei ist es allerdings hochinnovativ. Es ist heute das weltweit einzige Unternehmen, welches die kleinsten, komplexesten aller Chips, die sogenannten Leading-Edge-Chips, produzieren kann. Dies verschafft TSMC, und damit Taiwan, eine geostrategische Bedeutung.
International verflochten
Halbleiter sind nicht nur technologisch entscheidend, sondern auch politisch von Bedeutung, da sie sowohl in zivilen als auch in militärischen Bereichen eingesetzt werden. Aktuell wird kein anderes Produkt mit vergleichbaren Subventionen und Steuervorteilen weltweit gefördert. Neben den etablierten Halbleiter-Nationen wie den USA, Korea, Europa und Japan subventioniert China die heimische Halbleiterindustrie massiv. Länder wie Indien und Brasilien streben ebenfalls eine eigene Halbleiterindustrie an. Gleichzeitig verwendet die amerikanische Regierung regelmäßig handelspolitische Maßnahmen wie Ausfuhrkontrollen, um gerade China daran zu hindern, bis an die technologische Spitze der Halbleiterherstellung vorzudringen – mit mäßigem Erfolg.
Die Politik folgt hier einer verlockenden Logik: Wer die Leading-Edge-Chip-Herstellung kontrolliert, hat geopolitische Macht. Doch die Chip-Herstellung lässt sich kaum von einem einzigen Land kontrollieren, denn die Lieferkette ist hochspezialisiert und fragmentiert. TSMC kann zwar die komplexesten Chips produzieren, ist aber doch auf Maschinen und Material aus den USA, Europa und Japan angewiesen. Zusätzlich brauchen moderne Endprodukte nicht nur eine Sorte Chip, und auch nicht zwingend die komplexesten Chips. In einem Auto sind heutzutage bis zu 1000 verschiedene Chips eingebaut, die nicht nur das Radio und GPS bedienen, sondern im Fall der Fälle auch Airbags auslösen. So unterschiedlich die Anwendungsgebiete, so unterschiedlich sind auch die Chips.
In einem Auto sind heutzutage bis zu 1000 verschiedene Chips eingebaut, die nicht nur das Radio und GPS bedienen, sondern im Fall der Fälle auch Airbags auslösen
Die Fragmentierung der Lieferkette sorgt dafür, dass geopolitische Macht auf alle beteiligten Länder verteilt ist. Bestes Beispiel: Im Herbst 2025 bestand die Sorge über Lieferengpässe eines relativ einfachen Chips aus niederländisch-deutsch-chinesischer Produktion. Die niederländische Regierung hatte kurzfristig die unternehmerische Kontrolle einer Tochterfirma eines chinesischen Chip-Herstellers übernommen. Da aber der letzte Produktionsschritt in China stattfindet, wollte die chinesische Regierung den Chip nicht mehr ausliefern lassen. Ersatz für die Produktion zu finden, dauert mehrere Wochen, wenn nicht Monate, denn neue Hersteller müssen unter anderem Sicherheitszertifikate erlangen, um an die Automobilbranche zu verkaufen. Im Herbst konnte recht bald eine Einigung erzielt werden, und die Krise blieb aus.
Trotz der aktuell steigenden Nachfrage nach Chips sind viele Halbleiterunternehmen zögerlich, staatliche Subventionen in Anspruch zu nehmen. Der Grund: Die Nachfrage nach Chips ist unsicher und zyklisch. Nach Wachstumsphasen kommen immer wieder Nachfragerückgänge. Eine neue Studie des Ifo-Instituts zeigt zudem: Wenn es zu Nachfragewachstum kommt, dann durch technologischen Wandel. Neue Absatzmärkte wurden seit Jahren nicht erschlossen. Überhaupt importieren weniger als 20 Länder weltweit Halbleiter direkt. Der Rest importiert Halbleiter nur in Form von weiterverarbeiteten Produkten.
Vorteil Taiwan
All die Faktoren bedeuten, dass es weder realistisch noch besonders wünschenswert wäre, autark im Bereich Halbleiter zu werden. Der Preis für einen komplett heimisch hergestellten Chip wäre nicht zu bezahlen. Für Taiwan und TSMC sind das gute Nachrichten. Denn es ist unwahrscheinlich, dass in naher Zukunft die gesamte Halbleiterindustrie aus dem kleinen Inselstaat abwandert. Damit behält der Staat geopolitische Relevanz und kann auf westliche Rückendeckung in einem potenziellen Konflikt mit China hoffen.
Dr. Dorothee Hillrichs
ist promovierte Ökonomin und arbeitet seit 2023 am Ifo-Zentrum für Außenwirtschaftsforschung. Sie leitet seit 2026eine Leibniz-Forschungsgruppe zu den Ursachen und Folgen des zunehmenden Protektionismus im Welthandel.
Foto: Enno Kapitza























