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Die Häutung der Journalisten

by Peter Köpf | 
 |  Reading-time: 5 Minutes

Verdrehen, vernebeln, verschweigen: Wie es kam, dass so viele Goebbels-Propagandisten in der westdeutschen Nachkriegspresse wieder das große Wort führten

Journalisten in Westdeutschland haben sich gern an den „furchtbaren Juristen“ der Nazi-Diktatur abgearbeitet, an unmoralischen Medizinern und willfährigen Wissenschaftlern, an den Beamten und Militärs. Die Rollen der „Schreibtischtäter“ und „unheimlichen Publizisten“, die sanft vom Faschismus zur Demokratie hinübergeglitten waren, blieben merkwürdig diffus, bis Otto Köhler sein Licht darauf warf. Nun hat der Soziologe Siegfried Weischenberg die Lesefrüchte einer jahrelangen Lektüre der Autobiografien der wendigen Medienlegenden niedergelegt. Dass solchen Selbstzeugnissen Misstrauen entgegengebracht werden sollte, zeigt er in seinem mehr als 700 Seiten dicken, großformatigen und deshalb 1315 Gramm schweren Buch mit dem Titel Schuld und Geheimnis.

Nach 344 Seiten über jüdische Kollegen, die unter den Nazis ihrem Beruf nicht mehr nachgehen konnten, kommt der Soziologe und Kommunika-tionswissenschaftler zu den Kadern „arischer“ Abstammung. Und was fand er bei den Journalisten, die braune Flecken auf Hemd oder Bluse hatten? Dass es auch in den Medien den „erwiese-nermaßen Mitschuldigen“, gelungen sei, „ihre Vergangenheit zu vernebeln und bis in maßgebende Stellen unserer Republik vorzudringen“. Und das oft schon zu Zeiten, als die Lizenzbe-dingungen der Alliierten belastete Medienmacher aus diesem Geschäft fern halten wollten.

Gelogen wurde auch

Oft half den einstigen Rädchen von Goebbels’ Propagandamaschine ein Persilschein pro­mi­nenter Protektoren aus der Klemme; auch die Mauer, die eine ganze Branche um ihre Vergan­genheit gebaut hatte, erwies sich als nützlich. Wer sich wegen zu großer Bekanntheit nicht ­wegducken konnte, berief sich darauf, zwischen den Zeilen geschrieben oder durch Schweigen ­geredet zu haben. Karl Silex behauptete, geblieben zu sein, um die Leserschaft nicht im Stich zu lassen, trotz der „inneren Kämpfe“; andere wollten das Schlimmste verhindern oder gar bei einem „Organ des ‚inneren Widerstands‘, einer bürgerlich-liberalen Oase in der gleichgeschalteten Presse“ gewirkt haben – Margret Boveri ausgerechnet bei der Wochenzeitung Das Reich, in der Herausgeber Joseph Goebbels die Leitartikel schrieb. Ganz Verwegene reklamierten für sich die Teilnahme an einem „Gegenspiel gegen die Mächtigen“ (Fritz Sänger, in der BRD unter anderem Chef der Deutschen Presseagentur). Gelogen wurde auch.

„Währen wir charakterstark, moralisch unbeirrt gewesen …, so hätten wir unser Schreibzeug hingeworfen und die Redaktionsstuben verlassen“

Helene Rahms

Als vergleichsweise ehrliche und selbstkritische Haut gilt bei Weischenberg Helene Rahms, vor ihrer Zeit bei der FAZ als sehr junge Redakteurin Kollegin von Boveri und Goebbels. Sie bekannte: „Wären wir charakterstark, moralisch unbeirrt gewesen …, so hätten wir unser Schreibzeug hingeworfen und die Redaktionsstuben verlassen. Kinder und Kindeskinder, die nie die tödliche Bedrohung durch einen Staat erfahren haben, stellen sich vor, so hätten sie gehandelt, so hätten wir handeln sollen. Wir aber blieben, was wir waren – eitle Journalisten, aufs Überleben bedacht.“

Die zweite Schuld

Ralph Giordano prägte den Begriff der „zweiten Schuld“. Die erste war die Schuld der Deutschen unter Hitler, „die Verdrängung und Verleugnung der ersten nach 1945“ die zweite – das Verdrehen, Vernebeln und Verschweigen. Das gelang, so Giordano, „tief verwurzelt im großen Frieden mit den Tätern. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, waren sie nicht nur straffrei davongekommen, sondern konnten ihre Karrieren auch unbeschadet fortsetzen – Geburtsfehler der zweiten deutschen Demokratie.“ Weischenberg erzählt lebhaft und unterhaltsam von den „Bekenntnissen von Legenden“. Darunter sind bekannte Namen:

Da ist Henri Nannen, der eine Zeitung in Hannover und dann den Stern gründete und „es wie so viele andere zu Lebzeiten verstanden hat, nur das an Verstrickung ins ‚Dritte Reich‘ zuzugeben, was sich ohnehin nicht leugnen ließ“, wie Weischenberg schreibt. Nannen war Kriegsberichterstatter und Mitglied einer SS-Propagandaabteilung.

Da war Karl Korn, der in Das Reich antisemitische Artikel mit Titeln wie „Jud Süß“ und „Der Hofjude“ hinterlassen hatte. Gemeinsam mit Erich Welter, der nach dem Sieg im Frankreichfeldzug stolz und in Wehrmachtsuniform in der Redaktion der Frankfurter Zeitung erschienen war und 1943 beim Völkischen Beobachter arbeitete (angeblich „dienstverpflichtet“), übte Korn mit anderen bewährten Kräften in der französischen Zone, in Mainz, schon für die Zeit nach dem ­„unmöglichen Lizenzsystem“. In der amerikanischen Zone waren die beiden als „black“ gelistet und damit für die neuen Medien untauglich. Die FAZ nennt Weischenberg ein „Netzwerk an ‚Ehemaligen‘“ aus der Frankfurter Zeitung und „die alte Crew“ von Das Reich. „Man fand sich wieder und schaute, was man für einander tun konnte.“ Spöttisch merkt er an: „Da war man, wie sich jetzt zeigte, doch zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen.“

Siegfried Weischenberg: Schuld und Geheimnis

Bekenntnisse von Legenden in der deutsch-jüdischen Publizistik, Herbert von Halem Verlag 2026, 716 Seiten, 76 Euro

Foto: PR

Da war Karl Silex, Hauptschriftleiter der Deutschen Allgemeinen Zeitung, der zwar einerseits „einer der bestinformierten Journalisten“ des Dritten Reichs gewesen sein, aber von den Konzentrationslagern nichts gewusst haben wollte. Für ihn war das Sudentenland friedlich befreit worden, dem „Führer“ zollte er nach dem Angriff auf die Sowjetunion „unendliche Dankbarkeit“. Nachdem er 1949 Chefredakteur des Heidelberger Tageblatts geworden war, kritisierte der Tagesspiegel dieses „Versehen“. Sechs Jahre später war Silex Tagesspiegel-Chefredakteur.

Margret Boveris „Wir lügen alle“ war nicht so gemeint, wie der Buchtitel sich liest, eher Exkulpation von der „journalistischen Kollektivschuld“, wie Weischenberg schreibt. Sie hielt sich für unbelastet. Die letzte Ausgabe von Das Reich veröffentlichte am 22. April 1945 einen Text der zukünftigen Mitgründerin der Berliner Zeitung Der Kurier, einen unappetitlichen Nachruf auf Franklin D. Roosevelt unter dem Titel: „Ein großer Feind Deutschlands“.

Immer heiter weiter

Unter den Augen der Alliierten häuteten sich solche bewährten Kräfte in fast allen westdeutschen Redak­tio­nen vom Nazi-Propagandisten zum demokratischen Journalisten, von Aachener Nachrichten bis Zeit, vom US-amerikanischen Vorbildblatt Neue Zeitung bis zur britischen Welt. Die Belasteten und ihre Kollegen hätten, so Weischenberg, eine „abgestimmte Arkan-Politik der Interessen“ praktiziert, mit der „die alte Karriere unter neuen Bedingungen gemeinsam fortsetzt werden konnte“. Einen Bezug zur Jetztzeit schafft Weischenberg, indem er Lutz Hachmeisters Wort von der „phänomenalen Anpassungsfähigkeit deutscher Journalisten“ aufgreift und es um den Zusatz erweitert: „die bis heute auch eines der Schaffungsgeheimnisse ihrer Protagonisten ist“.

Peter Köpf

Jahrgang 1960, beschäftigt sich seit dem Studium mit den Medien im sogenannten Dritten Reich. 1995 ist sein Buch „Schreiben nach jeder Richtung. Goebbels-Propa-gandisten in der westdeutschen Nachkriegspresse“ erschienen (bei Ch. Links Verlag), 2002 im Europa Verlag „Die Burdas“, außerdem 2004 „Die Mommsens“.

Foto: Jo Schulz

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