12.11.2012

Plädoyer für eine differenzierte Geschichtssicht

Das Osmanische Reich als historisches Vorbild?

Christoph Herzog

Der osmanische Staat, der unter einer einzigen Herrscherdynastie von ca. 1300 bis 1923 bestand, war eines der langlebigsten Imperien der Geschichte. Seit seinen bescheidenen und nur noch schwer greifbaren Anfängen in der historischen Landschaft Bithynien in Nordwestanatolien hin zur Eroberung von Konstantinopel im Jahr 1453, über die zweimalige vergebliche Belagerung von Wien (1529 und 1683), dem Krimkrieg (1853–1856) bis hin zum militärischen Zusammenbruch an der Seite der Mittelmächte am Ende des Ersten Weltkriegs war die politische Geschichte des Osmanischen Reiches eng mit der europäischen Geschichte verzahnt. Das Osmanische Reich war aber nicht nur ein vormodernes Staatswesen. Seine Langlebigkeit und enorme Ausdehnung ermöglichten ihm, einen eigenen osmanischen Kulturraum zu prägen, darin ähnlich dem Römischen Imperium, dessen Erbe es in vieler Hinsicht war.

Positivere Sicht

Die Beurteilung des Osmanischen Reiches war lange Zeit überwiegend negativ. Sie war geprägt vom Paradigma des Nationalstaats, vom imperialistischen Topos des „kranken Mannes am Bosporus“ und von der eurozentrischen Perspektive einer Geschichtsschreibung, die in der islamischen Welt vor allem historische Mängel wahrnahm: kein abendländischer Rationalismus, keine Aufklärung, kein Aufstieg des Bürgertums und keine industrielle Revolution.

In dem Maße, in dem sich heute die Idee von vielfältigen möglichen Modernen gegenüber der Vorstellung einer unilinear verlaufenden Entwicklung zu einer einzigen, westlich definierten Moderne durchsetzt, tendiert das historische Bild vom Osmanischen Reich dazu, positiver zu werden bis hin zu Überlegungen, die auf der Suche nach politischen Alternativen, den jahrhundertelangen „Pax Ottomana“ (ein Begriff der sich an jenem des „Pax Romana“ orientiert), als mögliches Gegenmodell zum modernen Nationalstaat evozieren.

Kann das Osmanische Reich tatsächlich ein politisches Modell für eine postnationale Ordnung liefern? Unser heutiges Staatsverständnis ist so sehr vom modernen Nationalstaat des 20. Jahrhunderts geprägt, dass es selbst Historikern schwerfällt, vormoderne Staatsformen wie das Osmanische Reich nicht durch diese Brille zu betrachten und dadurch in anachronistischer Weise misszuverstehen. Soziologen wie Max Weber oder Anthony Giddens haben überzeugend argumentiert, dass vormoderne Staaten in vielfacher und grundlegender Hinsicht anders funktionierten als moderne Nationalstaaten. So hatte z.B. der osmanische Staat trotz seiner vergleichsweise hohen Bürokratisierung über die meiste Zeit seines Bestehens hinweg in den meisten von ihm beherrschten Regionen weder die Möglichkeit, ein staatliches Gewaltmonopol zu etablieren noch strebte er dies an.

Seine staatliche Herrschaft konzentrierte sich bis zu den Reformen im 19. Jahrhundert viel mehr auf die Kontrolle von Gruppen, wohingegen der moderne Nationalstaat seit dem 19. Jahrhundert seine zunehmend entlang formalen Prinzipien organisierte bürokratisierte Herrschaft auf den einzelnen Staatsbürger als Individuum ausdehnt. Die osmanische Herrschaft funktionierte gut unter den historischen Bedingungen der Vormoderne. Sie stützte sich auf eine patrimoniale Bürokratie und eine zugleich religiöse und imperiale Staatsideologie sowie eine überwiegend agrarische Wirtschaftsgrundlage. Die Bevölkerung war ethnisch und religiös außerordentlich heterogen und überwiegend illiterat. Die Kommunikationsstruktur ließ eine verdichtete staatliche Herrschaft über die riesigen Distanzen des Reiches einfach nicht zu: Ein Befehl des osmanischen Sultans in Istanbul erreichte seinen Statthalter in Bagdad je nach Wetterbedingungen frühestens nach zehn Tagen, manchmal erst nach einem Monat.

Wie das zaristische Russland seit Peter dem Großen rezipierte das Osmanische Reich seit dem späten 18. Jahrhundert intensiv die europäische Modernisierung. Wie in Russland blieb sie jedoch umstritten. Eine Verfassung, modelliert nach damals aktuellen europäischen Vorbildern, machte bereits 1876 aus dem osmanischen Sultan einen konstitutionellen Monarchen. Aber mit dem Versuch, einen modernen Staat mit einer umfassenden Bürokratie zu schaffen, einen Staat, der tiefer als zuvor in die Lebensverhältnisse des Individuums eingriff, verlor das Osmanische Reich in vielerlei Hinsicht seinen besonderen Charakter. Die frühere Flexibilität seiner Herrschaft und die Bereitschaft, autonome Bereiche darin zuzulassen, nahmen ab. Die damit einhergehende Ausbreitung des Nationalismus unter den verschiedenen Völkern des Osmanischen Reiches verbunden mit dem Imperialismus der damaligen europäischen Großmächte führten zu einer sich rasch beschleunigenden Erosion der früheren osmanischen Großmachtstellung bis hin zum teilweisen Verlust der staatlichen Souveränität, als das Reich in den 1880er Jahren unter die Kuratel einer internationalen Schuldenverwaltung gestellt wurde.

Die Tatsache, dass osmanische Nichtmuslime auch im 19. Jahrhundert Bürger zweiter Klasse blieben, entfremdete letztlich das aufstrebende christliche Bürgertum des Osmanischen Reiches von seinem Staat und machte Intellektuelle und die städtische Bevölkerung anfällig für imperialistische Bestrebungen der europäischen Mächte und für ethnische Entrepreneure – politische Aktivisten, welche ethnische und religiöse Differenzen zu verschärfen und politisch zu instrumentalisieren suchten.

Insgesamt ist die osmanische Geschichte sehr viel weniger gut erforscht als die europäische. Zum Teil liegt das daran, dass das Osmanische Reich von den Historikern der ihm nachfolgenden Staaten in Südosteuropa und der arabischen Welt mehrheitlich als eine „dunkle Epoche“ angesehen wurde, in der die eroberten Völker in Knechtschaft gelebt hätten, während westliche Historiker bis vor wenigen Jahren im Allgemeinen nur geringes Interesse für die osmanische Geschichte aufbrachten. Die Ablehnung des Osmanischen Reiches als eines der türkischen Nation wesenhaft fremden Gebildes war auch ein Bestandteil der Geschichtspolitik in der frühen türkischen Republik unter ihrem Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk. Erst nach 1950 setzte sich in der Türkei allmählich und in zunehmendem Maß eine positive, vielfach aber auch verklärende Sicht auf das osmanische Erbe durch.

Toleranz gegen Minderheiten?

Ein Topos, der dabei so häufig bemüht worden ist, dass er vielfach den Status einer allgemeingültigen geschichtlichen Wahrheit angenommen hat, lautet, dass der osmanische Staat gegenüber seinen religiösen Minderheiten sehr viel toleranter gewesen sei als Europa. Solche „historische Wahrheiten“ sind aber wissenschaftlich problematisch und werden allzu häufig für identitätspolitische Auseinandersetzungen instrumentalisiert.

„Das Osmanische Reich“ als ein überzeitlicher und überregionaler Singular ist eine ahistorische Abstraktion, die so nie existiert hat. Im Lauf der über 600 Jahre seiner Existenz hat das Reich erheblichen Wandel erlebt, der sich auch auf seinen Umgang mit verschiedenen ethnischen und religiösen Gruppen niederschlug. In seiner Frühzeit scheint der osmanische Staat recht selbstverständlich auch Christen in sein Militärlehenswesen integriert zu haben. Im 15. Jahrhundert änderte sich dies und wurde im 16. undenkbar. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahm die reguläre osmanische Armee im Rahmen der allgemeinen Wehrpflicht wieder Christen (und Juden) auf.

Auch räumlich lässt sich das Osmanische Reich nicht ohne weiteres als eine Totalität betrachten: Auch zum jeweils gleichen Zeitpunkt unterschieden sich die osmanischen Verwaltungspraktiken in so weit voneinander entfernten Orten wie der Hauptstadt Konstantinopel, Serbien, Mesopotamien, dem Hedschas oder im heutigen Tunesien ganz erheblich voneinander.

Das berühmte sogenannte „Milletsystem“ war vor dem 19. Jahrhundert nichts weniger als eine systematische Organisation der unterschiedlichen Religionen im Osmanischen Reich, sondern eine vielfach ungeschriebene Verwaltungspraxis, welche bestimmten religiösen Gruppen eine weitreichende Autonomie bei der Regelung interner Angelegenheiten unter ihren eigenen religiösen Hierarchien zugestand. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts löste der Konflikt des osmanischen Sultans mit dem Begründer der iranischen Dynastie der Safawiden eine großangelegte religiöse Verfolgung der sogenannten Kizilbasch aus. Diese waren eine heterodoxe schiitische Richtung, die pauschal im Verdacht der religiösen und politischen Loyalität gegenüber dem safawidischen Herrscher stand. Alawiten in Anatolien und Schiiten im Irak wurden gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum Ziel von (freilich ineffektiven) staatlichen Sunnitisierungs-Bestrebungen. Der Tiefpunkt der osmanischen Geschichte war mit den staatlich organisierten ethnischen Säuberungen des Ersten Weltkriegs erreicht, die sich nicht nur gegen Armenier, sondern auch gegen andere Minoritäten wie Nestorianer, und Griechen richteten. Die Weltanschauung, die dieser Politik zugrunde lag, war die eines sozialdarwinistisch ausgerichteten türkischen Nationalismus, in dem die Prinzipien und Praktiken der klassischen osmanischen Reichsverwaltung nicht mehr galten.

In diese Perspektive gerückt, war die Auflösung des Osmanischen Reiches in Nationalstaaten eine naheliegende historische Entwicklung, auf der jedoch die Hypothek der imperialistischen Nachkriegspolitik der Siegermächte des Ersten Weltkriegs lastete.

Erschienen in Rotary Magazin 11/2012

Christoph Herzog
Prof. Dr. Christoph Herzog ist Inhaber des Lehrstuhls für Turkologie an der Otto-Friedrich-Universität Bamberg. www.uni-bamberg.de

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