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Standpunkt

Ein Freund, ein guter Freund …

Standpunkt - Ein Freund, ein guter Freund …
Matthias Steinhauer, RC Bielefeld-Waldhof © Privat

… der ist das Beste, was es gibt auf der Welt“, beschrieben seinerzeit die Comedian Harmonists zutreffend den tiefen Kern wahrer Freundschaft.

01.10.2018

Demnach sind Rotarier und Rotarierinnen mit einem Überfluss an „Bestem“ ausgestattet, sind sie doch eingebettet in ein Netzwerk aus über 70.000 Freunden allein in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Allerdings: Die Freunde-Inflation begründet den Verdacht von Nichtauthentizität. Zur Kontrolle bietet sich mit der Vier-Fragen-Probe die rotarische Prüfmethode an. In diesem Fall die Frage nach Wahrheit.

Wahrhaftigkeit ist im Umgang und in der Erfahrung mit Menschen eine wichtige Voraussetzung für Vertrauen und – eben – für Freundschaft. Darum erscheint mir wichtig, aus dem reichhaltigen Wortschatz unserer Muttersprache auch in diesem Zusammenhang bedeutungswahre Begriffe zu verwenden. Wir sollten aufmerksam bleiben für das Gefühl, das Gesagte sei nicht tatsächlich gemeint oder tradierte Begriffe würden benutzt, ohne ihren aktuellen Bedeutungszusammenhang zu überprüfen. Das betrifft auch und gerade die universell und undifferenziert benutzte Anrede „Freund“. Was genau soll sie bedeuten, was verbirgt sich dahinter? Ist sie eine Willensbekundung, eine Absichtserklärung, eine Statusfeststellung oder ein Titel? Schon Sokrates und Aristoteles formulierten dazu Fragen, die in diesem Zusammenhang wesentlich erscheinen: Sind Menschen, die in der Beziehung einander von Nutzen sind oder die sich in Ausübung gleicher Interessen begegnen, schon Freunde? Oder bedarf es einer weiteren entscheidenden Komponente, um Beziehungen zu Freundschaften zu qualifizieren? Nämlich des wohlmeinenden Interesses am Anderen selbst, an seinen Eigenartigkeiten, an dem, was „in ihm“ oder „in ihr“ steckt, und an der Möglichkeit, dieses Potenzial zusammen weiterzuentwickeln.

Freunde sind unsere Bezugspunkte, an denen wir uns orientieren können, auch wenn es schwer wird oder wir aus dem Gleichgewicht geraten. Dafür verlangt uns Freundschaft viel ab: Unbedingte Aufmerksamkeit, unser Mitgefühl, unsere Ansprechbarkeit, unsere Abrufbereitschaft. Darum kann ich mir persönlich nicht vorstellen, mehr als eine gute Handvoll Freunde zu haben. Mit mehr als 50, 70 oder gar 70.000 Freunden wäre ich schlicht überfordert. Bei alledem: Wer will das Paradoxon bestreiten, welches aus der Anrede „Freund“ gefolgt vom Nachnamen des Angesprochenen entsteht? Wie freundschaftlich kann ich verbunden sein, wenn ich mit „Freund Pröpke“ anspreche? Oder sorgt „Freund“ im Gegenteil sogar für gewünschte Distanz? Meine Freunde spreche ich gewiss nicht mit Sie an.

Nun ist es ja in den Clubs durchaus so, dass neuen Mitgliedern bei längerer Verweildauer mehr und mehr das Du angeboten wird. Mag es also sein, dass am Ende nur noch diejenigen „Freund“ genannt werden, die am weitesten davon entfernt sind, es zu sein? Eine weitere Frage steht im Raum: Mischen sich dort, wo wir jedermann zum Freund haben, nicht auch Menschen darunter, deren Freundschaft wir uns gerade nicht wünschen?   

Man mag einwenden, es gehe doch um eine bestimmte Art der Freundschaft, eben um den „rotarischen Freund“. Aber bedeutet diese Differenzierung nicht eine Einengung von Freundschaft, stellt sie auf eine Stufe mit dem Geschäftsfreund, dem Parteifreund, dem Musikfreund? Alle Wortkombinationen begrenzen den Freund in seiner Funktion als irgendetwas, begrenzen die „Freundschaft“ eben auf eine Nutzfreundschaft (Geschäftsfreund) oder Zweckfreundschaft (Kegelfreund). Sie machen den jeweils Anderen bestenfalls zum Gleichgesinnten, nie aber zum Vertrauten. Natürlich soll es darum gehen, im Kreis der Mitrotarier Freunde zu finden. Doch wer das werden wird, ist anfangs völlig unklar. Darum aber vorsichtshalber schon einmal jeden als solchen zu bezeichnen, halte ich für einen unglücklichen Wortgebrauch. Es wäre schön, wir könnten Paul Harris fragen, wie er zu dieser Frage steht. Es ist durchaus erhellend, was er selbst 1912 schrieb: „Do not expect to perform great missions in one day. First, live with the principals of Rotary till they are as familiar to you as your own business, and associate with Rotarians until they constitute your warmest and closest friends.“ Harris hat die Freundschaft als Ziel eines Weges gesehen.

Wir treffen in unseren Clubs im Einzelfall Menschen, mit denen wir warm werden können, wo wir die Bereitschaft erkennen und auch selbst haben, sich zu öffnen, sich verletzbar zu machen, sich preiszugeben, Anteil zu nehmen und zu geben, nach Möglichkeiten zu suchen, gemeinsam Zeit mit etwas zu verbringen, das wir gern tun, und schließlich – natürlich – über die Dinge zu philosophieren, auf die es ankommt im Leben. Zu einigen in unseren Clubs spüren wir diese besondere Nähe, großes Vertrauen, eine Art Vertrautheit. Vielleicht werden wir mit und von jenen später sagen können: Ein ganzes Stück des Weges gingen wir als Gefährten. Als wir ankamen, waren wir Freunde.

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