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Interview

„Internationalität ist ein großes Geschenk“

Interview - „Internationalität ist ein großes Geschenk“
Gelebte Internationalität: Raymond Metz bei der RI Convention 2016 in Korea © Privat

Im Gespräch mit dem DGR-Vorsitzenden Raymond Metz. Über sein Amtsverständnis, die Bedeutung rotarischer Internationalität und die bevorstehende Convention in Hamburg

René Nehring01.01.2019


ZUR PERSON

Dr. Raymond MetzRC Mülheim a.d. Ruhr–Schloß Broich, war Governor des Distrikts 1870 im rotarischen Jahr 2017/18 und ist Vorsitzender des Deutschen Governorrats im laufenden rotarischen Jahr.

rotary.de/dgr


 

Freund Metz, Sie sind in diesem Jahr Vorsitzender des Deutschen Governorrats (DGR) und haben gerade die erste Hälfte Ihrer Amtszeit hinter sich. Welche Akzente konnten Sie bisher setzen?

Ich verstehe das Amt des DGR-Vorsitzenden als das eines Dienstleistenden für die amtierende und die nächste Governor-Crew. Als Mitglied der amtierenden Crew des Vorjahres steht der Vorsitzende – zusammen mit dem Sekretär und den Beauftragten des Governorrats – zuallererst für die Kontinuität zwischen den verschiedenen Jahrgängen. Insofern geht es weniger darum, Akzente zu setzen als vielmehr, die aktuellen Amtsträger in ihrer Arbeit zu unterstützen. Ein wichtiges Thema sind derzeit natürlich die Vorbereitungen auf die International Convention im Juni in Hamburg. Hierzu kommen immer wieder Fragen auf, die wir versuchen, entsprechend zu beantworten.

Ein Thema, das ich gleichwohl persönlich in die Diskussion eingebracht habe, ist die Internationalität. Noch immer verstehen sehr viele Freunde unter Rotary vor allem ihr Clubleben – und nehmen so das große Bild von Rotary als internationaler Organisation nicht wahr. Als Migrant aus den Niederlanden mit belgischer und mit niederländischer Staatsbürgerschaft werbe ich deshalb für mehr Internationalität.

Zwei Aspekte stehen dabei besonders im Fokus: das Vertrauen über kulturelle und politische Grenzen hinweg und die Freundschaft. Beides können wir Rotarier auf wunderbare Weise einbringen. Wir können und sollten mehr Kontakte und Freundschaften pflegen zu anderen Rotariern in Europa – und damit ein gutes Beispiel geben. Das wäre ein kleiner, aber nicht unerheblicher Beitrag zur Stärkung der Einheit unseres Kontinents; für ein Europa, in dem weniger egoistische oder gar nationalistische Tendenzen vorherrschen.

Warum spielt die Internationalität noch immer eine so geringe Rolle bei den Rotariern?

Ich denke, dass es normal ist, wenn sich die rotarischen Freunde zunächst einmal für die Themen in ihrer eigenen Umgebung interessieren: Hier sind sie zuhause, hier lebt ihre Familie, hier ist ihre Arbeit, und hier sind sie auf das engste mit jedermann verbunden.
Deshalb sind auch die meisten Clubprojekte in der eigenen Gemeinde angesiedelt. Und daran gibt es überhaupt nichts zu kritisieren.

Gleichwohl leben wir alle in einer globalisierten Welt, für die wir eine gemeinsame Verantwortung tragen.
Allerdings ist es mir wichtig, Internationalität nicht vorzuschreiben; vielmehr möchte ich dafür werben, wie bereichernd sie ist. Der Austausch mit rotarischen Freunden aus anderen Ländern bietet das Kennenlernen fremder Kulturen und Lebensformen, das Erlebnis zauberhafter Städte und exotischer Speisen. Und wir haben die privilegierte Möglichkeit zu sehen, wie die Angehörigen anderer Nationen und Kulturkreise auf die gleichen Herausforderungen reagieren, mit denen wir uns hierzulande befassen. Insofern ist rotarische Internationalität ein großes Geschenk.

Was kann der Governorrat tun, um das Thema voranzubringen?

Als Gremium kann der Governorrat nur ermutigen. Er ist ja keine offizielle Instanz von Rotary International, sondern ein Zusammenschluss der Governors der amtierenden und der kommenden Crew. Wir können also mit unseren Beschlüssen nur Empfehlungen in die Distrikte hineingeben.

Dazu gehört, neben den grundsätzlichen Hinweisen auf die Bedeutung des Themas Internationalität für die vielfältigen Aktivitäten zu werben, die Rotary seit langem betreibt. Ein idealer Weg, die Entdeckung fremder Länder und Kulturen mit unserer sozialen Verantwortung zu verbinden, sind vor allem die Global Grants – humanitäre Projekte, die die Ziele der sechs Schwerpunktbereiche der Rotary Foundation fördern, oder auch Stipendien für Studien, die sich mit den Aufgaben der Foundation befassen. Diese Global Grants sind zwar in manchen Distrikten, insbesondere im Distrikt 1870, stark im Kommen, aber insgesamt können wir diese Aktivitäten durchaus noch ausbauen.

Was können die einzelnen Rotarier und Clubs zur Internationalität
beitragen?

Zunächst einmal kann jeder von uns im persönlichen Umfeld Stellung beziehen zu den Entwicklungen unserer Zeit.
Wir alle sind in unserem Berufsleben und im privaten Freundeskreis Multiplikatoren. Darüber hinaus kann jede einzelne Freundin und jeder einzelne Freund und natürlich auch jeder Club die vielfältigen Angebote nutzen, die Rotary bietet: Wir können Patenschaften zu Clubs im Ausland pflegen, Clubreisen organisieren, uns aktiv am Jugenddienst beteiligen, in den Länderausschüssen mitwirken, aber auch Referenten aus anderen Ländern und Kulturkreisen zum Vortrag in den eigenen Club einladen. Und wir können – das nutzen noch immer viel zu wenige Mitglieder – auf jeder Geschäftsreise und in jedem Urlaub in einen der weltweit über 35.000 Clubs gehen und dort Freunde treffen. Das ist ein einzigartiges Privileg. Der Aufwand für mehr Internationalität ist also gar nicht so groß.

Was Rotary in diesem Zusammenhang besonders auszeichnet, ist die persönliche Nähe. Zwar ermöglichen die sozialen Medien heutzutage auf wunderbare Weise die weltweite Kommunikation in Echtzeit. Aber ein Handschlag unter Freunden oder die gemeinsame Besichtigung eines betreuten Projektes oder auch eine leidenschaftliche Debatte unter gleichgesinnten Geistern hat dann doch noch eine andere Qualität als Likes auf Facebook oder Instagram. Wir Rotarier reden nicht nur von Freundschaft, sondern wir leben sie auf vielfältige Weise. Insofern ist persönlich gelebte Freundschaft ein aktiver Dienst für Verständigung und Frieden.

Braucht Rotary für die von Ihnen skizzierten Aufgaben andere Strukturen?

Nicht unbedingt. Die rotarische Organisationsstruktur aus Club, Distrikt und Rotary International hat sich bewährt. Wir können jedoch auf allen Ebenen über den Tellerrand hinausblicken.
So lädt der Deutsche Governorrat seit Jahren auch die Amtsträger aus der Schweiz und Österreich, aus den Niederlanden und Ungarn ein. Das fördert nicht nur den gegenseitigen Austausch und die Vernetzung untereinander, sondern stärkt auch unser Gewicht bei Rotary International, wo der Fokus eher auf große Länder wie Indien, USA, Mexiko oder Japan gerichtet ist.

In wenigen Monaten ist die rotarische Welt bei uns zu Gast. Was bedeutet die Convention in Hamburg im Hinblick auf die Internationalität?

Die Convention ist für uns die einzigartige Gelegenheit, im eigenen Land Rotary von seiner internationalen Seite zu erleben. Freunde aus aller Welt kommen zu uns nach Hamburg; Wir haben die Möglichkeit, sie kennenzulernen und uns mit ihnen darüber auszutauschen, was sie und uns bewegt. Im House of Friendship werden großartige Projekte ausgestellt; jeder Rotarier aus Deutschland oder aus Europa kann sie sich ansehen und dabei Anregungen für den eigenen Club oder Distrikt holen oder gleich direkte Kontakte anbahnen. Schließlich muss man auch das rotarische Rad nicht immer neu erfinden. Im Grunde ist dieses große Familientreffen so etwas ähnliches wie eine Weltreise im Kleinen. Ich garantiere: Wer einmal auf einer Convention war, sieht die rotarische Welt fortan mit anderen Augen.

Das Gespräch führte René Nehring.