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60 Jahre Malteser Hilfsdienst in Deutschland

»Demenz ist ein großes Thema«

60 Jahre Malteser Hilfsdienst in Deutschland - »Demenz ist ein großes Thema«
Constantin von Brandenstein-Zeppelin beim letzten Bundeswettbewerb der Sanitätsdienste 2010 in Trier. © Wolf Lux

Anlässlich des Jubiläums sprach Rotary Magazin Online mit Constantin von Brandenstein-Zeppelin, seit 1992 ehrenamtlicher Präsident des Malteser Hilfsdienstes über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft des Hilfsdienstes

20.09.2013

Wie haben Sie den Geburtstag gefeiert?

Constantin Brandenstein-Zeppelin: Mit einem Bundeswettbewerb der Sanitätsdienstgruppen der Malteser Jugend in Aachen. Zum ersten Mal waren auch die Schulsanitätsdienstgruppen dabei. Das Ganze wurde kombiniert mit unserer jährlichen Bundesversammlung sowie einem großen Fest, das mit einer großen Messe im Hohen Dom  seinen Abschluss fand.

Wie hat sich der Hilfsdienst im Laufe der Zeit gewandelt?

Von einem Auftrag der Bundesregierung zum Erste-Hilfe-Angebot nach dem Krieg über einen Schwerpunkt in den klassischen Diensten, Ausbildung, Sanitätsdienst und Katastrophenhilfe bis hin zu einem breiten Sortiment an Diensten im sozialen Bereich mit Schwerpunkt in der Ambulanz. Wir wollen es Menschen heute ermöglichen, so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben. Darüber hinaus haben wir zum Beispiel 8000 Mitglieder beim Jugenddienst, führen jedes Jahr 300 bis 600 Transporte ins Ausland durch und haben an die 200 Patenschaften zwischen deutschen und osteuropäischen Gruppen.

Was waren die prägendsten Erlebnisse in der Geschichte des Malteser Hilfsdienstes?

Es gab einige Höhepunkte. Der Einsatz der Malteser im Ungarnaufstand 1956 oder der Vietnameinsatz. Absoluter Höhepunkt war das Jahr 1989. Da gab es die Situation in Budapest, in der immer mehr DDR-Flüchtlinge in die Deutsche Botschaft gekommen sind, bis irgendwann Zeltlager mit 40.000 Flüchtlingen existierte – mit der Folge, dass diese große Zahl nur noch politisch zu lösen war und nicht mehr unter der Hand laufen konnte. Die Flüchtlingssituation wurde zu einem Politikum, das mit der Freigabe der Flüchtlinge endete. Es war das erste große Loch im Eisernen Vorhang. Da haben die Malteser Weltpolitik gemacht.

Was macht den Malteser Hilfsdienst heute aus?

Wir sind eine 900 Jahre alte Organisation mit einer Tradition, die „Glaube und Helfen“ heißt. Wir haben etwa 48.000 aktive ehrenamtliche Helfer in Deutschland. Unser Ziel ist es, die attraktivste Ehrenamtsorganisation in Deutschland zu werden. Dazu gehört natürlich auch etwas wie die große Messe zu Geburtstag, damit wir den Blick gen Himmel nicht verlieren. Ein kleines Manko bei uns ist das bunt gemischte Sortiment. Ein SOS-Kinderdorf kriegt viele Spenden, weil alle wissen, was dahinter steckt. Unsere Vielfalt ist für die Entwicklung eines Profils katastrophal, für die Angepasstheit an örtliche Nöte fantastisch.

Zu wenig Nachwuchs, zu wenig Freiwillige – es ist immer wieder zu hören, dass das Ehrenamt in Deutschland in einer Krise stecke. Die Zahlen, die Sie veröffentlicht haben, zeigen etwas anderes: 48.700 Ehrenamtliche engagieren sich bei Ihnen, 1.700 mehr als im Vorjahr: Spüren Sie nichts von der allseits immer wieder erwähnten Ehrenamtskrise?

Nein. Weil wir hart dagegen arbeiten. Man muss die Leute ansprechen. Ich selbst habe so im letzten Jahr 52 neue Mitglieder geworben. Zudem wird die Arbeit bei uns in Kleingruppen um die 15 Leute erbracht – ob das nun der Behindertendienst, der Fahrdient, der Jugenddienst oder der Auslandsdienst ist. Es sind immer kleine überschaubare Gruppen, die eine hohe Selbstständigkeit haben. Das schafft ein sympathisches und attraktives Klima.

Welche großen Aufgaben wollen die Malteser angehen?

Demenz ist ein großes Thema. Es gibt 1,2 Millionen Menschen mit Demenz in Deutschland.

Was sind Ihre Lösungen?

Wir bemühen uns, die Nummer eins in der Betreuung dieser Menschen zu werden – indem wir fünf Millionen Euro in die Hand nehmen, um unsere Leute zu schulen – und zwar in allen Bereichen.

Es gibt immer wieder Kooperationen zwischen Rotary und Malteser Hilfsdienst – wann sind solche sinnvoll?
Immer. Und zwar entweder dadurch, dass ein Rotarier sich bei uns ehrenamtlich engagiert, dass Rotarier an uns spenden oder dass ein Rotary Club die Schirmherrschaft für eines unserer Projekte übernimmt, sei es ein Café Malta (Anm. d. Red.: Betreute Treffpunkte für Menschen mit Demenz) oder ein Schulsanitätsdienst. Mir fallen viele Beispiele ein, bei denen uns Rotarier hervorragend unterstützt haben. Und: Sie sind gut vernetzt und auf der ganzen Welt zu Haus. Wir auch. Das passt doch.

Abschließend noch ein Blick in die Zukunft: Der Malteser-Hilfsdienst in 50 Jahren – wie sieht die Situation aus?
Das ist schwer zu sagen. Allein in den letzten Jahren haben wir sehr viele Projekte entwickelt und realisiert, die es vorher noch nicht gab. Zum Beispiel die Malteser Migranten Medizin, die ärztliche Versorgung für Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus und Menschen ohne Krankenversicherung. Da haben wir gerade die 12. Station in Deutschland eröffnet. Die Nachfrage ist enorm. Oder der Hospizdienst. Wir sind schon jetzt die Nummer eins, was den ambulanten Hospizdienst anbelangt und bauen vor allem den Kinder- und Jugendhospizdienst weiter aus. Generell wird der Trend zur Subsidiarität weitergehen. Und unser Anspruch wird bleiben, anderen zu helfen.



Zur Sache: Der Malteser Hilfsdienst
ist mit über einer Million Mitgliedern und Förderern einer der großen karitativen Dienstleister in Deutschland. Die katholische Hilfsorganisation ist als eingetragener Verein (e.V.) und gemeinnützige Gesellschaft mit beschränkter Haftung (gGmbH) bundesweit an mehr als 700 Orten vertreten. 1953 durch den Malteserorden und den Deutschen Caritasverband gegründet, steht der christliche Dienst am Bedürftigen im Mittelpunkt der Arbeit.  Zum Internetauftritt der Malteser in Deutschland kommen Sie hier.