14.05.2013

Expertenanalyse

Ein Gespräch mit Jessica Tuchman Mathews

Jessica Tuchman Mathews ist die Präsidentin des Carnegie Endowment for International Peace, eines globalen Thinktanks. Sie ist eine einflussreiche Stimme in internationalen Angelegenheiten und ihr Rat wird oft von Weltpolitikern gesucht. Vor diesem Amt war sie Direktorin des Washingtoner Programms des Council on Foreign Relations und Mitbegründerin des World Resources Institute. Als Direktorin im Nationalen Sicherheitsrat befasste sie sich mit Fragen konventioneller und nuklearer Abrüstung und den Menschenrechten. Dr. Mathews sprach mit THE ROTARIAN zu Weltfriedensfragen – und welche Rolle Rotary dabei spielt.

 

Sie leiten seit über 15 Jahren die Stiftung Carnegie Endowment for International Peace. Was war für Sie in dieser Zeit der größte Fortschritt zu einem Weltfrieden?

Diese letzten 15 Jahre waren eine merkwürdige Zeit. Es gab einige stete Fortschritte hin zu einer friedlicheren Welt, doch es ist nicht gerade eine Periode gewesen, in der sich dramatische geopolitische Umwälzungen ergaben. Die wahrscheinlich wichtigste Veränderung waren die wachsenden Einkommen in Entwicklungsländern. Im Zuge dieses Wachstums ergaben sich auch mehr Stabilität und weniger Konfliktpotenzial.

 

Was machen Sie als das größte Hindernis für den Frieden aus?

Das variiert von Region zu Region, doch wenn ich eines besonders nennen sollte, dann sind das schlechte Regierungsstrukturen und fehlende Governance, also fehlende staatliche Steuerung. Eine Regierung, der das Wohl der Bürger egal ist. Das kann sich in nach außen gerichteter Aggression äußern, oder auch nur einfach durch interne Unzufriedenheit, durch Wut und Enttäuschung, die sich dann leicht von Nationalisten oder religiösen Fanatikern anfachen und zu Konflikten ausweiten lässt.

 

Welche Rolle spielen Fragen wie Hunger, Krankheiten, Wassermangel, fehlende Bildung bei der Destabilisierung und dem Entstehen von Konflikten?

Wenn Menschen das Gefühl haben, dass ihre Bedürfnisse nicht gehört, ihre Nöte nicht beantwortet werden, wenn ihnen Hoffnung und Möglichkeiten fehlen, dann handeln sie. Dieses Handeln muss nicht ihren Interessen dienen, doch sie werden handeln.

 

Sprechen wir über Krankheiten als Destabilisator: Rotary und seine Partner sind dem Ziel einer poliofreien Welt näher denn je. Wie trägt der Sieg über eine Krankheit zum Frieden bei?

Es ist ein Schlüssel für das Wohl von Menschen, und das Wohl ist der Schlüsselbegriff hier. Es geht darum, ob Menschen das Gefühl haben, dass sie auf eine Weise ihre Ziele erreichen können. In akuteren pandemischen und epidemischen Situationen können Krankheiten Flüchtlingsströme auslösen, die immer eine Destabilisierung darstellen. Menschen ballen sich dann zusammen und stellen eine Belastung für die Menschen in der jeweiligen Gegend dar, es kommt oft zu entsprechenden Konflikten.

 

Als eine globale Organisation ohne politische oder ideologische Bindung haben Rotarier Zugang zu Regionen, die anderen Hilfsorganisationen vielleicht verwehrt bleibt. Wie und wo können Rotarier am besten ihre Organisation am Boden und ihr Freiwilligennetzwerk einsetzen?

Die naheliegende Antwort wäre hier natürlich, dorthin zu gehen, wo andere nicht hingehen können. Doch Rotarier sind auch ein Schlüsselelement in einer gesunden Zivilgesellschaft, die Hebelkraft kann also dort am stärksten und nötigsten sein, wo eine Zivilgesellschaft geschwächt ist und Rotarier stärkend eingreifen können.

 

Es gibt Teile dieser Welt, die sich in endlosen Kriegszuständen befinden. Ist ein Ende der Konflikte in diesen Gebieten überhaupt jemals möglich? Oder sind manche Konflikte hoffnungslos verstrickt?

Nichts ist hoffnungslos, und ja, natürlich ist ein Ende von Konflikten möglich. Ebenso können Worte großen Schaden anrichten. Nehmen Sie zum Beispiel den Begriff Arab Spring, Arabischer Frühling. Er legte nah, dass es nun im Nahen Osten eine Periode der Veränderungen über Nacht geben würde. Wir bei Carnegie sprachen hingegen immer von einem Arab Awakening, also einem Erwachen, um damit klarzustellen, dass es sich um einen langwierigen und gerade begonnenen Prozess handelt, der sicher nicht in Monaten oder Jahren, sondern eher in Jahrzehnten zu bemessen sein wird. Das Problem für uns Außenstehende wird sein, in den Aufs und Abs den zugrunde liegenden Trend auszumachen. Wenn wir in 40 Jahren auf diese Epoche zurückschauen, bin ich sicher, dass wir sie in einem sehr positiven Licht sehen werden. Als Ende von Jahrzehnten schlechter Regierungsführung von Regierungen, die keinerlei Interesse am Wohl des Volkes hatten oder einfach nicht in der Lage waren, deren Bedürfnisse zu erfüllen. Doch um von hier nach dort zu kommen, wird es eines langen und oft konfliktgeladenen Prozesses bedürfen. Ich fürchte mich ganz besonders vor einer Periode, in der der Nahe Osten von sektiererischer und religiös motivierter Gewalt definiert wird. Diese Konflikte können ein Jahrzehnt dauern, und es wird die Herausforderung der Außenwelt sein, so zu intervenieren, dass die Spaltung heilen kann, anstatt sie zu vertiefen.

 

Wie hat sich das Gesicht von Bürgerunruhen durch das Internet und andere Technologien verändert?

Es gab eine Riesendebatte darüber, ob diese Technologien nur Mittel zum Zweck sind oder ob sie wirklich eine fundamentale Veränderung darstellen. Ich glaube, dass es zu diesem Zeitpunkt klar geworden ist, dass diese Mittel zum Zweck, die sie durchaus sind, eine Transformation bewirken. Sie informieren auf neue Weise und machen spontane Massenversammlungen möglich. Es stimmt aber auch, dass das Gute des einen das Schlechte des anderen ist. Regierungen sehen diese Technologien eher als Störung an. Es werden damit erhebliche Eingriffe in die Privatsphären von Menschen leicht gemacht. Diese Mittel können Kriminellen und Schmugglern genauso dienlich sein wie denjenigen, die für ihre Rechte kämpfen. Doch im Hinblick auf zivilen Ungehorsam wirkt die Technologie mit Sicherheit transformierend.

 

Für 2012/13 plant Rotary drei globale Friedensforen, in deren Rahmen sich Rotarier, Stipendiaten und Führungspersönlichkeiten zum Ideenaustausch treffen: Was halten Sie von der Wirkung solcher Treffen?

Solche Events vermitteln Energie und Ideen für ein aktives Engagement. Ich werde bei Konferenzen oft gefragt, was man tun kann. Es ist eine Gelegenheit, Menschen bei Planungen und Projekten behilflich zu sein. Wenn man sich erst einmal Aufgaben vornimmt, diese Person anzurufen, jene Person einzubinden, diese Organisation anzusprechen, dann kann viel erreicht werden.

 

Die Menschheit hat die Möglichkeit, mit einer einzigen Atomwaffe unglaubliches Massenleid und massive Zerstörung anzurichten. Wie real ist diese Bedrohung?

Nun, das ist nicht so einfach zu beantworten. Die unterschwelligen Spannungen, die einen nuklearen Abtausch zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion möglich machten, bestehen nicht mehr in dieser Form. Noch vor fünfzig Jahren prognostizierten Experten, dass wir bis heute zwei bis drei Dutzend Atommächte haben würden. Die Tatsache, dass wir das auf ganze neun Staaten beschränkt halten konnten, ist ein enormer Erfolg. Andererseits hat es der technologische Fortschritt sehr viel leichter gemacht, nukleare Waffen zu erlangen. Und wir leben im Zeitalter des Terrorismus. Das Risiko, dass diese Waffensysteme in die falschen Hände gelangen könnten, ist nach wie vor sehr hoch.

 

Das ist angsteinflößend.

Das stimmt, aber es ist eine Tatsache, mit der wir leben müssen. Wir können die Erfindung der Technologie nicht rückgängig machen.

 

Ihre Mutter, die Historikerin und Autorin Barbara Tuchman, führte das Prinzip „Tuchman’s Law“ ein, nach dem die Berichterstattung über schreckliche Ereignisse wie Konflikte oder Straftaten diese Ereignisse quasi aufwerte und allgegenwärtiger mache, als sie wirklich seien. Stimmen Sie dem zu? Sind wir einer friedlicheren Welt näher, als wir denken?

Ich glaube, dies ist ein Bereich, wo die Hinzufügung von neuen Medien zu alten Medien einen positiven Unterschied ausmacht. Konventionelle, „alte“ Medien berichten fast immer nur über schlimme Dinge. Gute Nachrichten werden auch behandelt, doch nicht in dem gleichen Maße wie Ereignisse mit Risiken oder bösen Entwicklungen. Durch die Vielfalt von Informationsquellen, auf die Menschen sich heutzutage beziehen können, wird das etwas relativiert, und es wird eine Balance geschaffen zwischen den guten und den schlechten Nachrichten, die mehr den realen Bedingungen in der Welt da draußen entspricht. Also, „Tuchman’s Law“ – ein Begriff, den sie übrigens nur ironisch anwendete – ist heute ein schwächeres Phänomen, als es einmal war. Noch vor 30 Jahren konnte eine einzige, auf 20 Menschen gerichtete Kamera eine Riesenprotestveranstaltung vorgaukeln. Heute sind dort zehn bis 20 Kameras vor Ort, und man bekommt einen besseren Eindruck davon, was dort wirklich vor sich geht.

 

Wie wissen wir, wenn der Frieden „ausgebrochen“ ist?

Frieden bricht leider nicht aus. Es ist auch kein Endstadium, sondern ein Prozess, genau wie die Gesundheit. Es ist eine konstante Balance der Entwicklungskräfte in ökonomischer, sozialer und politischer Hinsicht gegenüber den destabilisierenden Konfliktquellen. Frieden ist mehr als die Abwesenheit von Konflikten. Es bedeutet die Qualität der Regierungsführung, das Thema, auf das ich mehrmals zurückgekommen bin, und den Grad, in dem sich die Staatsgewalt der Bedürfnisse der Menschen annimmt. Er ist bestimmt nicht etwas, auf das wir eines Tages zurückschauen können und sagen: Da, jetzt haben wir es geschafft: Weltfrieden. Frieden ist ein Prozess, und es muss immerfort um ihn gerungen werden.

 

Wie können Rotarier den größten Beitrag zu Frieden leisten?

Ich glaube, ihre Einsätze, um das Leben von Menschen zu verbessern und um Einrichtungen in Zivilgesellschaften zu verbessern, sind ein starkes Mittel für Frieden.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2013

Rotary Magazin 10/2016

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