Sexueller Missbrauch - Oft bleibt nichts als der Freitod

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01.04.2017

Sexueller Missbrauch 

Oft bleibt nichts als der Freitod

Adrian Koerfer

Seit gut anderthalb Jahren gibt es die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die unlängst die ersten Ergebnisse ihrer Arbeit vorstellte. Ein Erfahrungsbericht über die Folgen für die Betroffenen – und das gesellschaftliche Ausmaß des Missbrauchs von Kindern in unserem Lande

Sexueller Missbrauch ist das Grundrisiko einer Kindheit in Deutschland“. Diesen harten Befund äußerte vor kurzem der Unabhängige Beauftragte der Bundesregierung für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs, Johannes-Wilhelm Rörig, in einem Interview mit dem SWR. Das hört sich nach hartem Tobak an – und ist es auch. Doch sprechen die Zahlen eine erschreckend klare Sprache. So wurden im Jahre 2015 im Zusammenhang mit sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche über 13.000 Verfahren eingeleitet.

Die Dunkelziffer im Bereich der sexuellen Gewalt – egal ob sie sich gegen Kinder, Jugendliche oder Erwachsene richtet – liegt Experten zufolge bei 80 bis 90 Prozent. Nur etwa jedes fünfte Delikt wird somit zur Anzeige gebracht. Experten gehen davon aus, dass auch heute noch etwa jedes vierte Mädchen und jeder siebte Junge im Laufe des Heranwachsens persönliche Erfahrungen im Bereich sexueller Übergriffe gegen die eigene Selbstbestimmung machen muss.

In dem Interview führte Johannes-Wilhelm Rörig weiter aus, dass die Zahlen der Landeskriminalämter seit 2010 diesbezüglich keineswegs rückläufig sind. Das ist erschreckend, denn seit damals wurden unzählige Initiativen und Kampagnen gestartet, um Aufklärung, Prävention und Interventionsmöglichkeiten voranzutreiben. Dennoch bleiben die Zahlen gleich hoch. Dies zeugt von einem flächendeckenden Gewaltphänomen in Deutschland; und mehr noch von einem flächendeckenden Unrechtsbeharren, dessen Ursachen immer noch weder genügend erforscht noch ausreichend aufgedeckt wurden.

Der große Skandal im Jahre 2010
Im Februar 2010 hörte die Öffentlichkeit zum ersten Mal vom institutionalisierten Missbrauch an einem katholischen Erziehungsinstitut, dem Canisius-Kolleg in Berlin. Mein Freund Matthias Katsch und einige andere ehemalige Zöglinge fanden den Mut, über den an ihnen begangenen sexuellen Missbrauch und die damit verbundene Gewalt öffentlich zu berichten. Die Erregung darüber war noch keineswegs abgeklungen, als sich weitere Betroffene sexueller Gewalt in diversen kirchlichen und weltlichen Einrichtungen meldeten, darunter u.a. Schutzbefohlene des Klosters Ettal in Bayern, der Odenwaldschule in Hessen, des Aloisius Kollegs in Bonn, der Regensburger Domspatzen, der Nordelbischen Kirche in Hamburg und des sogenannten „Geschlossenen Jugendwerkhofs Torgau“ in der DDR. Hinzu kamen ehemalige Patienten von medizinischen Pflegeeinrichtungen und Heimen in Ost und West sowie Mitglieder von Sportvereinen. Die jeweils erschreckenden Berichte reichten bis tief in die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts zurück. Die Aufzählung der Tatorte ist unvollständig, gleichwohl deutet sie das Ausmaß des Schreckens an.

In der Folge wurden sogenannte „Opfer- oder Betroffenenvereine“ gegründet. Die Bundesregierung errichtete einen Runden Tisch, der sich mit der auffälligen Häufung von sexuellem Missbrauch in schulischen und ähnlichen Einrichtungen beschäftigen sollte. Aus diesem Runden Tisch ging die Stelle der oder des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs hervor, dessen erste Chefin die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann war, seit 2011 hat diese Stelle der oben erwähnte Johannes-Wilhelm Rörig inne. Ohne die Arbeit des UBSKM und seines Arbeitsstabes wie auch seiner Kommissionen, Beiräte und Räte wäre das Thema Kindesmissbrauch längst schon wieder ganz unter sämtliche Teppiche gekehrt worden.

Obwohl 2010 und danach vor allem männliche Missbrauchsopfer mit ihrem Schicksal an die Öffentlichkeit gingen, wäre es falsch zu glauben, dass vorwiegend Buben, Knaben, Jungs die Opfer von sexueller Gewalt und sexuellen Kindesmissbrauchs sind. Die Expertenzahl lautet, dass etwa 75 Prozent der Opfer sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche Mädchen und junge Frauen sind. Ebenso gilt es, das falsche Bild zu korrigieren, sexueller Missbrauch sei erst seit 2010 ein Thema in der deutschen Öffentlichkeit. Hier muss zuallererst die Herausgeberin der Emma, Alice Schwarzer, erwähnt werden, die seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts immer wieder auf den sexuellen Missbrauch von Mädchen und jungen Frauen vor allem in den Familien aufmerksam gemacht hat.

Zu den weiteren Bewusstmacherinnen und Kämpferinnen für die Rechte junger weiblicher Opfer zählen auch die Gründungsfrauen solcher Vereine wie „Tauwetter“ und „Wildwasser“, die sich ebenfalls überregional für Prävention und Hilfe einsetzten und einsetzen, vornehmlich für Mädchen.

Das große Schweigen
Dennoch waren es ausschließlich Männer, die im Jahr 2010 den unfassbaren Umfang des Kindesmissbrauchs in Deutschland öffentlich machten. Auch dieser bemerkenswerte Umstand hat einen erklärbaren Hintergrund. Anlässlich einer Einladung in die TV-Sendung „Anne Will“ musste ich feststellen, dass es für die Opfer sexueller Gewalt im sogenannten institutionellen Bereich sehr viel leichter sein kann, sich zu artikulieren. Es wird ihnen sehr viel schneller geglaubt – aufgrund der Gleichheit der Geschichten und der Taten. Viel schwieriger haben es die unzähligen Opfer im familiären Bereich, der auch das größere Umfeld der Familie umfasst. Hierzu zählen neben Vätern und Müttern – ja, es gibt auch Mütter als Täterinnen! – Brüder, Onkel, Großväter und nähere Bekannte. Die Anzahl an potentiellen Gefährdern ist keineswegs gering.

Zudem haben wir es bei Institutionen wie den Familien mit geschlossenen Gesellschaften zu tun. Diese neigen per se dazu, sich gegen die Umgebung abzuschotten. Das insbesondere macht es Opfern häuslicher sexueller Gewalt schwer, den Mut zu fassen, den jeweiligen Täter anzuzeigen. Hinzu kommt sehr häufig die schützende Mitwisserschaft der potentiellen ersten Zeugin des familiären Missbrauchs – im Zweifel die eigene Mutter. Oft weigert sich diese sogar vor Gericht, gegen den „Haushaltsvorstand“ auszusagen. Und da Verbrechen im Bereich der sexuellen Gewalt fast immer in der sogenannten 1:1-Situation stattfinden, sind Zeugen sowieso rar und schwer zu finden.

Erschienen in Rotary Magazin 4/2017

Rotary Magazin 4/2017

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