Meinung & debatte - Sind wir

16.02.2015

Meinung & debatte

Sind wir "Charlie"?

Klaus Willimczik

Die Entwicklungen rund um den Angriff auf die Redaktion des Satiremagazins fordern auch uns Rotarier, sagt Klaus Willimczik

Der Angriff von Terroristen auf das Büro und die Mitarbeiter des Satiremagazins Charlie Hebdo beherrscht die Medien und hat bei der Politik Aktionen bewirkt, die als außergewöhnlich einzuordnen sind. In der Folge ist es zu einer Flut von Nachdrucken von Karikaturen des Propheten Mohamed gekommen. Das Argument für die Welle dieser Veröffentlichungen ist: Die Pressefreiheit garantiert die Demokratie und darf nicht gefährdet
werden: Mit den Waffen des Zeichenstifts wird und muss dem Terrorismus der Kampf angesagt werden!
Es steht vollkommen außer Frage, dass der Anschlag zu verurteilen, dass er unentschuldbar ist und dass eine
erhöhte Terrorvorbeugung erforderlich ist. Aber ist diese Konsequenz ausreichend? Ist sie nicht nur ein Handeln an Symptomen? Angegriffen gefühlt haben sich ja keineswegs nur die Terroristen, sondern eine große Anzahl von Muslimen. Die weltweiten Proteste und Demonstrationen zeigen, dass die Handlungen der westlichen Pressevertreter und Politiker als Islam-Feindlichkeit verstanden werden.


Passt die Absolutsetzung der Pressefreiheit noch in unsere Zeit der Globalisierung? Es spricht vieles dagegen!
Die Gründe, die dafür sprechen, das Postulat zu hinterfragen, sind vielfältig. Als Ausgangspunkt ist zu sehen, dass die Verantwortungsethik kein „Naturrecht“ der Werte kennt. Das gilt auch für die Pressefreiheit. Jeder Wert – und das gilt für alle Gesellschaften – geht auf Konvention zurück, und diese Konventionen variieren von Gesellschaft zu Gesellschaft, von Kulturkreis zu Kulturkreis.


Verantwortungsethik
Um zu verstehen, welche Werte heute anzuerkennen sind, ist ein Blick in die Verantwortungsethik hilfreich: Bis zu Beginn des vorigen Jahrhunderts galt im „Abendland“ die „Gesinnungs­ethik“, ein festgefügtes System von Normen (etwa die Zehn Gebote). „Der Christ tut recht und stellt den Erfolg Gott anheim.“ Seit Anfang des vorigen Jahrhunderts hat sich die „Verantwortungsethik“ (Weber) durchgesetzt, in der neben der Gesinnungs- die Folgen­ethik einen unaustauschbaren Platz innehat. Bei Letzterer wird zum Beispiel vom Wissenschaftler gefordert, dass er eine Verantwortung auch für die Folgen seiner Forschung trägt – wie schwierig das auch sein mag. Das zentrale Problem der Verantwortungsethik wird im „Dilemma des Mordes an einem Tyrannen“ ausgedrückt: Darf man einen Tyrannen töten, wenn dadurch Menschenleben gerettet werden? Der Gesinnungsethiker würde Ja, der
Folgenethiker Nein sagen. Und der Verantwortungsethiker? Wenn ethische Normen kulturkreis-spezifisch sind, verbietet es sich, die abendländisch-christliche Ethik für die ganze Welt als verbindlich zu erklären. Anschließend stellt sich die Frage, welche Instanz setzt dann die Normen? In der Ethikdiskussion wird gefordert, dass ethische Normen nur durch die UNO festgesetzt werden können. Das bedeutet aber, dass auch eine Konkretisierung der Pressefreiheit, die weltweit anerkannt werden will und soll, von den Staaten der UNO getragen sein muss, bevor sie möglicherweise in nationales Recht umgesetzt wird.


Wen betrifft das? Bieber hat darauf hingewiesen und ausführlich begründet, dass nicht die Naturwissenschaftler die schwerstwiegenden Folgen (Tote) verursacht haben (Konstruktion der Atombombe), sondern Sozialwissenschaftler (bes. Historiker), die allein durch ihre Themenwahl weltweit Kriege (besonders vor und nach dem Ersten Weltkrieg durch die Wahl nationalistischer Aspekte – und das weltweit!) vorbereitet haben. Und welche Verantwortung hatte und hat dabei die Presse auf sich geladen? Wie kommt die Presse heute ihrer Verantwortung nach? Müssen wir nicht auch die Folgen der Karikaturen bedenken, etwa Tote bei Demonstrationen in den arabischen Ländern oder die wachsende Feindseligkeit gegenüber der westlichen Welt, zum Beispiel in Ländern, die wir zu befrieden vorgeben?


Vor dem Hintergrund aller dieser Aspekte von Verantwortung innerhalb der Ethik muss die Frage erlaubt sein:
Gefährdet eine Pressefreiheit, die eine Verletzung religiöser Gefühle nicht zulässt, die Pressefreiheit allgemein? Steht gar die Demokratie auf dem Spiel? – Die Antwort lautet Nein!


Nun könnte eingewendet werden, dass wir im sogenannten „christlichen Abendland“ auch bösartige
Karikaturen über Gott oder Christus zulassen (es geht nicht um Personen der Kirche oder die Institution Kirche!). Doch dies spricht nicht gegen die Sicht der Muslime, die durch eine Individualisierung der Wertvorstellungen und deren Verabsolutierung gekennzeichnet ist.


Rotarier im Blick
Was geht uns Rotarier das an? – Sehr viel! Rotary ist überparteilich und
religionsunabhängig. Rotarier gehören den unterschiedlichen Religionen (oder keiner) an. Es spricht alles dafür, dass die Karikaturen, die nun zur Diskussion stehen, auch Rotarier – weltweit – verletzen. Wollen wir das? „Ist das fair?“ „Dient es der Freundschaft?“ „Fördert es den guten Willen?“ Und wenn wir als Rotarier diese Verletzungen unserer Freunde nicht wollen, dürfen wir es dann allgemein zulassen? „Dient es dann dem Wohl aller Beteiligten? Der in der Philosophie vorgetragene Vorschlag, einen verbindlichen Wertekanon über die UNO zu erreichen, müsste den Rotariern eigentlich sehr gelegen sein. Hatten nicht überproportional viele Rotarier an der Charta der Vereinten Nationen mitgearbeitet?  Enthält die Charta nicht Passagen aus Grundsatzpapieren von Rotary? Warum sollten wir dann nicht dafür eintreten, dass die gemeinsamen Werte von Rotary und der UNO offensiv vertreten werden?  Es bleibt als zentrale Frage: Was verlieren wir, wenn wir uns für Pressefreiheit einsetzen, die auf religiöse Befindlichkeiten Rücksicht nimmt, und was verlieren wir, wenn wir das nicht tun?

Erschienen in Rotary Magazin 2/2015

Klaus Willimczik
Klaus Willimczik (1983–2005 RC Bielefeld-Süd; seit 2005 RC Darmstadt-Kranichstein) war 2013/14 Governor (D 1860). Er hat in Geschichtsphilosophie promoviert, war bis 2005 Professor für Sportwissenschaft an der Universität Bielefeld. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die Wissenschaftstheorie einschließlich der Verantwortung. Seinen bevorzugten Wahlspruch hat er von einem (wie er) Königsberger, dem Dompfarrer Julius Rupp, übernommen: „Wer die Wahrheit, die er bekennt, nicht lebt, ist der größte Feind der Wahrheit selbst.“

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