Interview - »Sind wir relevant?«

Zur Person: Als Generalsekretär von Rotary International und der Rotary Foundation ist John Hewko verantwortlich für fast 800 RI-Mitarbeiter in Evanston und den internationalen Büros. Bis 2009 diente Hewko als Vice President der Millenium Challenge Corporation, einer Einrichtung der US-Regierung, die Hilfe in den ärmsten Ländern der Welt leistet. Bei MCC war Hewko zudem Hauptverhandlungsführer der USA für Auslandshilfeabkommen für 26 Länder. © Illustrationen: Sascha Westphal

15.09.2014

Interview

»Sind wir relevant?«

Seit 2011 ist John Hewko Generalsekretär von Rotary International. Im Gespräch mit René Nehring zieht er eine Bilanz der vergangenen drei Jahre, beschreibt den Zustand der Organisation und nennt Ziele für die Zukunft.

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René Nehring: Mr. Hewko, in Deutschland haben wir das Sprichwort „Neue Besen kehren gut“. Sie sind jetzt seit etwa drei Jahren RI-Generalsekretär. Was haben Sie in dieser Zeit erreicht?

Hewko: Das waren sehr interessante drei Jahre für mich. Zum einen, weil ich die Rotary-Welt kennengelernt habe. Ich hatte die Möglichkeit, viele Zonen-Institute zu besuchen, Distriktkonferenzen und Projekte auf der ganzen Welt zu sehen. Dies ist eine außergewöhnliche Organisation, die außergewöhnliche Arbeit auf der Welt leistet. Zum anderen waren wir in den letzten drei Jahren als Organisation in der Lage, einige sehr, sehr wichtige Dinge zu erreichen. So ist etwa das neue Grant-Modell für Projekte, früher Future Vision, ein ganz wichtiger Schritt nach vorn für unsere Rotary Foundation. Zum anderen haben wir unsere Webseite „rotary.org“ komplett überarbeitet, die übersichtlicher und leichter zu navigieren ist als die alte. Wir haben das neue Markenbild mit einer visuellen Identität unserer Organisation versehen und eine signifikante Reorganisation in der Verwaltung erzielt, um die Dienste für die Rotarier noch effektiver zu gestalten.

Welche akuten Herausforderungen oder Probleme gibt es?
Ein Hauptproblem, das wir meiner Meinung nach global haben, ist die Mitgliedschaft. In einigen Teilen der Welt wachsen die Mitgliedszahlen sehr schnell und stetig an, woanders dagegen stagnieren sie. Es gibt auch Teile der Welt, wo die Zahlen sogar sinken. In den letzten zehn Jahren lagen wir stetig bei 1,2 Millionen. Doch wir müssen wachsen, unsere Mitgliedsbasis erweitern.

Haben Sie Gründe für diese Stagnation analysiert?
Unser Board of Directors denkt sehr viel darüber nach. Wir erkennen, dass wir nicht alle Rotarier unter einen Hut bringen können. Der Vorstand hat daraufhin die Schaffung regionaler Mitgliedschaftspläne genehmigt und über einen Zeitraum von drei Jahren drei Millionen Dollar zugewiesen, um unseren Bemühungen um Mitgliedschaften mehr Inhalte zu verleihen und die Pläne umzusetzen.

Wie sieht das aus?
Die fundamentalen Fragen lauten: Bieten wir ein Produkt an, das auf dem heutigen Markt relevant ist? Ist unser Produkt eines, das für potenzielle Neumitglieder in der heutigen Zeit attraktiv ist? Auf vielerlei Weise versuchen wir, dazu Daten aller demografischen Gruppen zu berücksichtigen. Eine Gruppe, die sehr wichtig für uns ist, sind die vor Kurzem in den Ruhestand getretenen Leute. Sie haben das Geld, die Erfahrung, die Zeit und die Energie, großartige Rotarier zu sein. Aber auf der anderen Seite versuchen wir auch junge Berufstätige mit jungen Kindern zu werben. Wie findet man also ein Modell, das für beide Gruppen attraktiv ist? Wir haben somit die Clubs gebeten, kreativ und experimentierfreudig zu sein, zum Beispiel über Satelliten-Clubs oder E-Clubs nachzudenken.

In Deutschland sagen insbesondere die älteren Rotarier, mit einem leeren Stuhl kann man keine Freundschaft schließen. Wie sehen Sie das?
Ich meine, dass die Schönheit von Rotary darin liegt, dass es keine allein gültige Zauberlösung gibt. Wenn es also Rotarier gibt, die einen Club einrichten wollen, der sich persönlich trifft, weil sie so ihre Freundschaften pflegen, ist das prima. Aber wenn es einen Club gibt, der sich als E-Club entwickeln möchte, ist das auch toll. Es gibt zum Beispiel mehrere Clubs in Washington und New York, die „Happy Hour Clubs“ sind. Sie treffen sich nach der Arbeit auf ein paar Drinks und Snacks und wachsen sehr schnell, weil es das ist, was dieser Gruppe gefällt. Und bei jedem vierten Treffen gibt es ein Service-Projekt. Die Faszination von Rotary liegt also in der Individualität der Clubs. Ich bin für so viele Optionen wie möglich, denn wir müssen ein Produkt haben, das für viele Typen von Menschen attraktiv ist.

Bedeutet das, dass jedes Modell das richtige ist, solange ein Club wächst?
Nein, nicht unbedingt. Wenn es funktioniert, soll man es machen, ohne jedoch in Hinsicht auf unsere Kernwerte Kompromisse einzugehen. Ich persönlich mag auch lieber einen Club, in dem man sich persönlich treffen kann. Aber meine Tochter, die 20 Jahre alt ist, lebt in einer digitalen Welt. Sie hat Freunde auf dem ganzen Erdball, und deren Art von Freundschaft erfolgt über Facebook, durch soziale Medien. Es ist eine andere Generation, und wir müssen willens sein, die neue Realität zu akzeptieren.

Ist Rotary auf das bereits vorhandene digitale Zeitalter vorbereitet?
Nun, wir sind auf dem Weg. Die Website ist ein erster Schritt. Wir haben auch etwas lanciert, das sich „Rotary Showcase“ nennt, wo ein Rotarier seine Projekte veröffentlichen kann. Und wir versuchen, die Macht der sozialen Medien zu nutzen, um unsere Botschaft zu verbreiten. Wir haben mit „ideas.rotary.org“ auch eine Plattform geschaffen, wo Rotarier ihre Ideen veröffentlichen und sich mit anderen verbinden können. Ich denke an die Regionalmagazine; wir halten sie dazu an, auf ein digitales Format zu gehen. Wir sind also auf dem Weg. Aber Rotary ist ein großes Schiff, und es lässt sich nicht sehr schnell lenken, und das ist wahrscheinlich gut so.

Sie haben gerade von Ihrer Tochter gesprochen. Können Sie ihr Rotary empfehlen?
Es ist eine fantastische Organisation, und ich würde ihr wärmstens empfehlen, sich hier einzubringen. Aber ich wünsche mir auch, dass sie einen Club finden kann, der zu ihren Bedürfnissen passt. Lassen Sie uns annehmen, sie wäre schon Mitte Zwanzig und ginge zu einem Club, der ein zweistündiges Mittagsmeeting hat. Als junge Berufstätige wäre das für sie nicht interessant. Sie fände aber vielleicht einen E-Club passend, oder sie könnte einen Club finden, der sich zur „Happy Hour“ trifft oder alle zwei Wochen. Wir müssen eine Art „Produktlinie“ von Clubs entwickeln, die sowohl für ältere als auch für jüngere Menschen attraktiv ist, und das ist oft nicht leicht.

Welches besondere Angebot hat Rotary für eine jüngere Führungsperson, damit sie sagt: Ja, das ist meine Organisation, da muss ich dabei sein?
Sie haben da eine Schlüsselfrage gestellt: Sind wir relevant? Ist das Produkt, das wir anbieten, für junge Berufstätige relevant? Wir müssen flexibel und kreativ sein, wir müssen sicherstellen, dass wir Möglichkeiten für alle demografischen Gruppen anbieten, aber insbesondere für junge Berufstätige. Es gibt Tausende von Organisationen, denen man einfach online beitreten und Geld spenden kann. Und es gibt viele soziale Netzwerkorganisationen. Aber was wir machen, ist etwas Einzigartiges, wir machen beides. Das ist auch Teil unserer neuen Markeninitiative. Wenn man Rotary beitritt, kann man in der eigenen Gemeinde Gutes tun und sich gleichzeitig vernetzen.

Sie haben eben erwähnt, dass es Gegenden auf der Welt gibt, wo Rotary stagniert, bzw. noch etwas schwach ist. Wie kann Rotary den Clubs in diesen Regionen helfen?
Zunächst denke ich, dass Rotary für diese Länder extrem wichtig ist, denn um eine funktionierende Demokratie zu haben, muss man eine starke Zivilgesellschaft haben. Und Rotary kann Teil der Bildung einer starken zivilen Gesellschaft sein. Es ist sehr wichtig, dass es dort so viele Kontakte wie möglich unter den Rotary Clubs außerhalb dieser Länder und den Clubs in diesen Ländern gibt. Ich bin Mitglied des Rotary Clubs in Kiew in der Ukraine. Meiner Meinung nach würde es Rotary in der Ukraine helfen zu wachsen, indem man so viel Kontakt wie möglich mit der übrigen rotarischen Welt hat.

Sie sagten bereits, dass Rotary eine neue visuelle Identität bekommen hat. Was ist der Sinn dahinter?
Die Idee war, ein konsistenteres Erscheinungsbild zu haben. Außerdem versuchen wir, uns auf das Wort Rotary zu fokussieren, als Ganzes, als Familie. Und wir wollen auch mehr Konsistenz dahingehend haben, wie Rotarier das Wort und das Rad rund um die Welt verwenden. Dafür haben wir auf unserer Website ein Brand Center eingerichtet. Dort können Rotarier die korrekten Vorlagen mit den richtigen Farben für das Logo etc. herunterladen – für Visitenkarten, Poster und Digitales. Wir hoffen, dass die Rotarier die neue Identität ansprechend und hilfreich finden.

Bedeutet die Vorgabe einer einheitlichen visuellen Identität, dass Rotary auch in seinem Charakter einheitlicher oder gar zentralistischer wird?
Nein, ich denke ganz im Gegenteil. Wenn man ein einheitliches Erscheinungsbild hat, aber der Inhalt lokal ist, ist das meiner Meinung nach der Idealzustand. Wenn man das Wort Rotary mit dem Rad daneben sieht, weiß man überall auf der Welt genau, was es bedeutet. Es gibt aber auch ausreichend Spielraum für den lokalen Fokus der Clubs und Distrikte. Und wenn man sich die neue visuelle Identität ansieht, gibt es viele verschiedene Optionen, unter denen man wählen kann. Unterschiedliche Farben, unterschiedliche Kombinationen. Wir haben versucht, flexibel zu sein und den Clubs und Distrikten ein gutes Stück Autonomie zu geben.

Was liegt Ihnen als Rotarier und Generalsekretär besonders am Herzen?
Zwei Dinge. Mein Wunsch Nummer eins ist, dass wir Polio ausrotten und damit Geschichte schreiben und zukünftige Generationen vor dieser schrecklichen Krankheit schützen. Mein zweiter Wunsch ist, dass Rotary weiter wächst und prosperiert. Ich möchte, dass die Mitgliedszahlen deutlich ansteigen. Wir haben mit 1,2 Millionen Mitgliedern Großes geleistet, man stelle sich also vor, was wir mit zwei oder drei Millionen erreichen könnten. Das ist mein Traum.

Erschienen in Rotary Magazin 9/2014

Rotary Magazin 9/2016

Rotary Magazin Heft 9/2016

Titelthema

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