Buch der Woche - Der Kampf um das Wasser

Das Cover von Terje Tevdts »Wasser. Eine Reise in die Zukunft« © Ch. Links verlag

10.01.2014

Buch der Woche

Der Kampf um das Wasser

In einer faszinierenden Reise über alle Kontinente hat der norwegische Hydrologe und Historiker Terje Tvedt sich ein Bild davon gemacht, wie die Szenarien der Zukunft für den Umgang mit dem Wasser aussehen könnten – unser »Buch der Woche«.

Das Zeitalter der Wasserfürsten

»Was löst Kriege aus? Kämpfe um das Wasser, Veränderungen bei den Niederschlagsmengen, Kämpfe um die Produktion von Lebensmitteln. Hier geht es um etwas, das den Frieden und die Sicherheit auf der ganzen Welt bedroht.« (Margaret Beckett, britische Außenministerin, 2007)

»Auf der ganzen Welt gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als das Wasser. Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt, kommt nichts ihm gleich.« (Laozi, »Tao te king«)

Seit Entstehung der ersten Gesellschaften ist Wasser ein Quell für Konflikte und Machtkämpfe. Auch in den kommenden Jahrzehnten wird die Gefahr von Auseinandersetzungen stark wachsen. Zwar ist noch nicht sicher, ob wir in einem Jahrhundert der Dürren oder der großen Überschwemmungen leben werden, aber die Frage nach der Macht über die Wasserressourcen ist bereits ins Zentrum der strategischen Erörterungen von Politikern und Ökonomen gerückt.

Wachsende Bevölkerungen und durch globale Erwärmung hervorgerufene Wasserknappheit können zu Unruhen und Kriegen führen, befürchtet die britische Regierung. Sie bereitet ihre Landsleute darauf vor, dass britische Soldaten innerhalb der nächsten 20 bis 30 Jahre überall auf der Welt an regionalen Kriegen um das Was70 ser eingesetzt sein werden. Der Klimawandel im Laufe der nächsten zwei Jahrzehnte kann zu Naturkatastrophen führen, bei denen Millionen von Menschen ihr Leben verlieren. Zahlreiche Kriege werden entstehen – um Nahrung, um Energie und nicht zuletzt um Wasser. Diese wiederum werden massive Migrationswellen hervorrufen und weitere Kriege auslösen, in denen es um das Überleben ganzer Länder gehen kann: Dies sind Aussagen von zwei Politikexperten, die in einem Geheimbericht für das Pentagon im Jahr 2004 zu finden sind. Und in Indien stellte der damalige Minister für Wasserwirtschaft, Priya Ranjan Dasmunsi, lakonisch fest: »Ich bin nicht der Minister der Wasserressourcen, aber der Minister der Wasserkonflikte.«

Gewiss hatte die britische Außenministerin Margaret Beckett recht, als sie Anfang 2007 sagte, dass der Kampf um das Wasser früher oder später zu einer Bedrohung von Frieden und Sicherheit führen werde. Allerdings drückt diese Behauptung eine vereinfachte und mechanische Sicht auf die Gesellschaft aus und unterschätzt die Erfindungsgabe und die Anpassungsfähigkeit des Menschen sowie seine Bereitschaft zu Kompromissen. Ebenfalls einseitig und oberflächlich ist auch die Gegenposition, wenn der mögliche Ausbruch von Kriegen und Konflikten, in denen Süßwasser einer von vielen relevanten Faktoren ist, abgestritten oder behauptet wird, dass es keine konfliktauslösende Dynamik zwischen Ressourcenknappheit und Migration gäbe.

In der Presse ist häufig zu lesen, dass Wasser künftig den Stellenwert des Öls als Ursache von Konflikten übernehmen werde. Doch der Vergleich hinkt. Der Kampf um die Macht über das Wasser wird sich völlig anders zu einer Frage von Leben und Tod entwickeln, er wird bis in alle Ewigkeit andauern und alle Menschen betreffen. Außerdem wird er sich ganz anders gestalten und viel subtiler verlaufen, denn die Besitzrechte an einer gemeinsam genutzten Ressource werden viel schwieriger zu klären sein. Der Kampf um die Macht über das Wasser wird sich zwischen Individuen, zwischen Gruppen, zwischen Stadt und Land, zwischen Staaten und Regionen abspielen. Es wird sich nicht nur um einen Kampf um die Macht über eine Ressource handeln, sondern zugleich um einen Kampf um zentrale religiöse Symbole und kulturelle Traditionen. Da die Hälfte der Menschheit an Wasserläufen lebt, die durch zwei oder mehr Länder fließen, kann die Macht über die Wasserressourcen kontinentale und globale Bedeutung erlangen, zumal es sich als schwierig erwiesen hat, einen verbindlichen internationalen Gesetzesrahmen zu schaffen. Darüber hinaus ist das Wasser mitunter auch in den Regionen eines Landes sehr ungleich verteilt, was dazu führen kann, dass die nationale Einheit in Frage gestellt wird. Kaum etwas kann die gravierenden sozialen Unterschiede auf der Welt unmissverständlicher ausdrücken als Wasser, da Reiche und Arme gleich viel davon haben müssen, um leben zu können.

Die 900 Millionen Menschen, die 2006 auf der Erde in Slums lebten, haben täglich nicht mehr als fünf bis zehn Liter Wasser zur Verfügung. Dieses mit Tankwagen herbeigeschaffte Wasser kostet in der Regel mehr als das fließende Wasser, das die gut situierten Einwohner derselben Stadt nutzen können. Diese Ungleichheit wird in den wachsenden Großstädten der Erde zu sozialen und politischen Konflikten führen.

Als der deutsche Philosoph Immanuel Kant vor mehr als zweihundert Jahren, 1795 in seinem Essay »Zum ewigen Frieden« optimistisch schrieb, dass die Welt zu ewigem Frieden vorbestimmt sei – entweder aufgrund weiser menschlicher Voraussicht oder durch Katastrophen, die den Menschen zu entsprechenden Verträgen zwängen –, übersah er einen fundamentalen und nachhaltigen Aspekt: Der unabdingbare und sich ständig verändernde Bedarf an Wasser steht einer permanenten Unberechenbarkeit dieses Elementes gegenüber. Die damit verbundene, extrem ungleiche Verteilung des Süßwassers, das immer flüchtig bleibt und sich über Landesgrenzen, kulturelle und soziale Schranken auf der ganzen Welt hinwegsetzt, wird kontinuierliche Reibungen hervorrufen und es ist keineswegs ausgemacht, dass sich die Beteiligten dabei stets gütlich einigen.

Keine Theorie, sei es über das Verhältnis zwischen Staat und Markt, über das Agieren der Staaten auf internationaler Ebene oder über das Verhältnis zwischen Macht und Ausnutzung von Ressourcen, hat dieses komplex globale, regionale und lokale Spiel um das Wasser bisher ausreichend darstellen können.

Sun City und Südafrikas kurzer »Wasserkrieg« mit Lesotho


Reisen sei zu einer illusorischen Flucht vor der unerträglichen Langeweile der Mittelklasse geworden, schreibt der im Jahre 2009 verstorbene britische Autor James Graham Ballard. Er trifft ins Schwarze, wenn er mit Reisen eine um der Erregung willen unternommene Jagd auf das Fremdartige, das Andere, sogar das Entwürdigte meint.

Sun City liegt nördlich von Johannesburg und Pretoria inmitten der trockenen Buschlandschaft Südafrikas. Es gilt als afrikanisches Äquivalent zu Las Vegas – eine künstliche Kitschmetropole mit Kasinos, Luxusrestaurants und Musikbühnen. Ich bin dorthin gefahren, um mir ein konkretes Beispiel für die totale Eroberung der Natur durch den Menschen anzusehen. Sun City steht im Kontrast zur Existenz all jener Frauen auf diesem Kontinent, die kilometerlange Strecken zwischen Wohnort und Wasserquelle zurücklegen müssen, um Wasser für ihre Familien zu holen und damit einen Großteil ihres Lebens verbringen.

Die Architekten haben in Sun City die natürliche Bestimmung des Ortes mithilfe von Wasser aufgehoben. Sie haben das Wasser aus dem Grund heraufgepumpt und eine neue Oase erschaffen. Das Hotel »Cascades« liegt gleich neben einem künstlichen Wasserfall. Dessen Wasserlauf hat zuvor 250 000 Quadratmeter von Menschenhand angelegten Dschungels durchflosssen, mit Scharen tropischer Vögel, die hier genauso schön und exotisch singen, als befänden sie sich im unberührten, echten Dschungel. Es gibt leuchtend grüne Golfplätze und befestigte Wege inmitten eines komplexen Systems aus künstlichen Seen, Flüssen, Wasserfällen und Stromschnellen sowie einen Strand, an dem fast zwei Meter hohe, ebenfalls künstliche Wellen Bewegung und Geräusch des Meeres initiieren. Sogar Surfer reiten über die Wogen, als befänden sie sich tatsächlich am offenen Meer.

Auch der nahe Nationalpark Pilanesberg ist um künstliche Seen und Wasserlöcher herum gebaut worden. Fast 6000 Tiere – Elefanten, Giraffen, Löwen, Nashörner und Büffel – wurden durch die sogenannte Operation Genesis, den bisher umfangreichsten Tiertransport in der Geschichte, dorthin gebracht.

Ich übernachte in einer nahe gelegenen Lodge, und als die Sonne aufgeht und ihre Strahlen auf eine scheinbar völlig gewöhnliche afrikanische Savannenlandschaft fallen, stehe ich mit anderen Touristen auf der Ladefläche eines Pick-ups, blicke auf eine Kulisse und glaube tatsächlich, dass ich auf Safari sei.

Obwohl die Landschaft und Sun City einem Bühnenbild ähneln, sind sie für die Wassersituation in Südafrika und den Großstädten der Welt durchaus von Interesse. Die Kitschmetropole demonstriert die Möglichkeiten von Geld und Technologie: Gehen diese Hand in Hand, kann die Wasserknappheit lokal überwunden werden.

Nur ein paar Autostunden von dieser Kunstwelt entfernt liegt Johannesburg, das Finanzzentrum Südafrikas, in dem sich die Wolkenkratzer wie zum Protest gegen die Elendsbilder, von denen westliche Medienberichte über das Land dominiert werden, in die Höhe recken. Im Center von Sandton City mit seinen 144 000 Quadratmetern Ladenfläche (angeblich das größte Einkaufszentrum auf der Südhalbkugel) verlaufe ich mich. Johannesburg ist eine jener Städte, welche die Theorien untergraben, nach denen sich Gesellschaften allmählich, Schritt für Schritt und in Einklang mit ihren Traditionen weiterentwickeln. Vor gut einhundert Jahren gab es hier noch gar nichts. Doch dann fand ein Mann namens George Harrison Gold, und seitdem ist keine Stadt schneller gewachsen als Johannesburg. In ihrem Einzugsgebiet leben heute acht Millionen Menschen.

Der Zufall will es, dass Johannesburg einen zentralen Platz im weltweiten Wasserdiskurs und in der globalen Wasserpolitik der Zukunft einnimmt – und das in dreifacher Hinsicht: Zunächst einmal ist es das Finanzzentrum jenes Landes, das 1996 als erstes der Welt den Zugang zu Wasser als Menschenrecht erklärte. Somit wird die Entwicklung in Johannesburg Auswirkung auf die globale Diskussion über die rechtlichen Grundlagen der Wassernutzung sowie auf die Preisermittlung des Wassers haben. Zweitens war Johannesburg der Ort, an dem die führenden Politiker der Welt im Jahr 2002 zum ersten Mal darin übereinkamen, dass die Wasserfrage an die Spitze der politisch-ökonomischen Agenda gesetzt werden müsse. Die Stadt wird daher stets mit dem Kampf um das Erreichen der UN-Entwicklungsziele (Millenniumsziele) im Wassersektor verbunden sein. Und drittens ist Johannesburg die erste Hauptstadt, die von Trinkwasser lebt, das aus einem Nachbarland importiert wird. Auch dies weist voraus auf eine Zukunft, in der Trinkwasser zu einer Handelsware zwischen verschiedenen Ländern werden kann. Die Region Johannesburg ist trocken und wasserarm, und alle Szenarien über die Zukunft des dortigen Klimas sagen voraus, dass der Niederschlag dramatisch zurückgehen und sich die Wasserkrise daher weiter verschärfen wird.

Die Kombination dieser Faktoren hat Johannesburg in ein globales Symbol für den Kampf gegen die »Privatisierung des Wassers« verwandelt, ein Kampf, der in vielen Städten rund um die Welt begonnen hat – vom bolivianischen Cochabamba über Daressalaam in Tansania und Accra in Ghana bis nach Dhaka in Bangladesch. Während die Staatenlenker 2002 über den genauen Wortlaut einer Erklärung zur Bedeutung des Wassers für die globale Entwicklung stritten, marschierten tausende Bewohner der Johannesburger Townships auf und riefen: »Wasser für die Dürstenden!« Die Demonstranten luden Journalisten und Fotografen in das Stadtviertel Alexandra ein, da sie von dort aus, inmitten von Wellblechhütten, die Wolkenkratzer und Versammlungsorte der Politiker sehen konnten – nur ein paar tausend Meter entfernt.

Die Forderung lautete: kostenloses Wasser. Die Demonstranten erklärten, dass der Rohstoff, auf den alle laut Verfassung ein Anrecht hätten, nicht bezahlt werden dürfe. Sie verlangten, dass die Behörden die Verteilung des Wassers nicht großen französischen Gesellschaften überlassen sollten, wie es einige Pläne vorsahen. Einige wollten auch eine Abschaffung der Wasseruhren durchsetzen, die den Verbrauch des Wassers messen. Die Demonstrationen zeitigten Erfolge: Die Behörden legten die Zusammenarbeit mit den internationalen Großkonzernen auf Eis und setzten durch, dass alle Haushalte eine bestimmte Menge Wasser kostenlos erhalten. Verbraucht ein Haushalt jedoch mehr als diese vorherbestimmte Quote, muss er bezahlen. Die Behörden meinen, die Bewohner so von Wasserverschwendung abhalten zu können, da die Stadt nun einmal zu wenig Wasser habe. Die Initiative wird von den Behörden als Erfolg betrachtet, als nachahmenswertes Modell, weil sich der Verbrauch dadurch reduziert hat und nun mehr Menschen als zuvor über sauberes Wasser verfügen.

Gleichwohl gibt es ein Dilemma: Der drohende Klimawandel und die breiter werdende Kluft zwischen vorhandenem Angebot und steigender Nachfrage wird in den kommenden Jahrzehnten Investitionen in Milliardenhöhe erfordern – doch wer soll diese aufbringen? Reichen die Steuereinnahmen der Staatshaushalte oder bedarf es privater Investitionen? Oder soll es hierfür eine internationale Umverteilung geben? Wie lässt sich die Idee vom Menschenrecht auf Wasser mit einem wie auch immer geordneten Tarifsystem vereinen? Wird die mitunter dogmatisch geführte Diskussion um menschliche Grundrechte die Durchführung von Reformen und die Entwicklung eines praktikablen und finanzierbaren Wassersystems eher verhindern?

Wie in vielen anderen Großstädten gehört in Johannesburg der Kampf ums Wasser zur Auseinandersetzung mit dem internationalen Großkapital. Einige der weltweit größten Unternehmen bemühen sich seit Jahren darum, die Kontrolle über die Wasserversorgung in Großstädten auf der ganzen Welt zu erlangen. Die Unternehmen heben stets hervor, dass sie eher in der Lage seien, den meisten Menschen in armen Ländern sauberes Wasser in ausreichender Menge zur Verfügung zu stellen, als bürokratische öffentliche Institutionen. Im Allgemeinen treffen diese Unternehmen jedoch auf Widerstand, besonders bei Globalisierungsgegnern. Adam Smiths Theorien über das Wasser, wie er sie in seinem Buch »Wohlstand der Nationen« im Jahre 1776 beschreibt, sind noch immer hochaktuell. Demnach ist Wasser ein Gut, das aufgrund seiner Eigenschaften nicht den prinzipiellen Gesetzen der Ökonomie – dass also Preise danach bestimmt werden, was die Konsumenten für knappe Waren zu zahlen bereit sind – unterworfen werden könne. Die Aktivisten in Soweto im südwestlichen Johannesburg werden Smith kaum gelesen haben, doch sie stehen auf seinem Standpunkt und wollen für Wasser nichts bezahlen, weil sie es nicht als Ware betrachten.

Bei allen Auseinendersetzungen genießt die Region um Johannesburg jedoch auch einen örtlichen Vorteil. Nur ein paar hundert Kilometer von Soweto, Alexandra und dem Wirtschaftszentrum des Landes entfernt liegt, inmitten von Südafrika, ein kleines Gebirgsland: Lesotho. Von hier beziehen Johannesburg und seine Randsiedlungen ihr Wasser. Lesotho ist ein armes Land, kann jedoch mit einem besonderen Reichtum aufwarten, nämlich dem »blauen Gold«.

Nie zuvor hatte ich das Gefühl, so unvermittelt die Grenze zwischen zwei Welten zu überschreiten, wie in dem Augenblick, als ich von Südafrika nach Lesotho fuhr. Auf der einen Seite Modernität, Hochtechnologie, schöne Gebäude, gepflegte Gärten und angenehme Restaurants. Auf der anderen Seite des Flusses Caledon dagegen Armut, Lehmhütten, Esel mit allzu schwerer Last und Kinder als Hirten. Die Vereinten Nationen stufen 40 Prozent der Bevölkerung des Landes als »extrem arm« ein, und nur wenige Länder auf der Welt haben mehr AIDS-Kranke. Die hier lebenden Basuto (Sotho) kamen Anfang des 19. Jahrhunderts auf der Flucht vor den Voortrekkers – Nachkommen niederländischer Siedler, die in das südafrikanische Flachland vordrangen – hierher und ließen sich bei den Maluti-Bergen nieder, die heute als »Königreich im Himmel« bezeichnet werden.

Während sich unser Wagen langsam die steil ansteigenden Haarnadelkurven hinaufmüht, schließlich das mächtige Felsplateau in 78 3000 Metern Höhe erreicht und unter uns leichte Wolken zwischen den mit Grün überzogenen Felswänden schweben, wird schnell deutlich, wieso das Land immer eng mit Südafrika verbunden war und warum Südafrika an diesem Land stets ein großes strategisches Interesse haben wird. Lesotho lässt sich am besten als Südafrikas Wasserturm begreifen, denn nur hier, in fast unmittelbarer Nähe zu dessen Finanzzentren, besteht für das große Nachbarland die Möglichkeit, sich sicher und ausreichend mit Wasser zu versorgen. Die Wassersituation Südafrikas gilt als so prekär, dass die politischen Führer des Landes inzwischen sogar erwogen haben, Wasser aus so weit entfernten Ländern wie dem Kongo oder Angola zu importieren. Mindestens die Hälfte des Wassers in den südafrikanischen Flüssen kommt allerdings aus Lesotho. Frühere Regierungen Südafrikas – insbesondere nachdem die Nationale Partei (NP) Ende der 1940er Jahre die Macht übernommen hatte – wollten Lesotho ihrem Land einverleiben. Südafrika warf den britischen Machthabern, unter deren Protektorat Lesotho stand, vor, zu wenig dagegen zu unternehmen, dass die aus den Bergen kommenden Flüsse Unmengen an Schlamm mit sich führten und so die südafrikanischen Wasseranlagen zerstörten. Damit würden sie die südafrikanischen Flüsse und mit ihnen den gesamten Industrialisierungsprozess des Landes blockieren. London wollte ursprünglich Lesothos Unabhängigkeit gegenüber Südafrika stärken, indem man auf Energieproduktion durch Wasserkraft für den Export nach Südafrika setzte, doch dieses Vorhaben misslang, sogar das Gegenteil trat ein: Ab 1968 war es Südafrika, das Energie nach Lesotho exportierte. Die großen Wasserpläne Lesothos beschränkten sich auf den Export unbehandelten Wassers in die südafrikanische Provinz Gauteng.

Das einzige Anzeichen für Modernität in dieser leuchtend grünen Felslandschaft mit ihren verstreut liegenden runden Hütten, aus denen zumeist dichter, träger Rauch aufsteigt, sind die Straßen und Staudämme, die von Südafrika erbaut wurden, um einen groß angelegten Export von Wasser zu ermöglichen. Solange Lesotho ein armes Land ist ohne die wirtschaftliche Kraft, die Nutzung des Wassers im eigenen Land voranzutreiben, und solange es davon lebt, Arbeitskräfte und Wasser in das Nachbarland zu exportieren, ist der kleine Staat ein idealer Nachbar für die regionale Großmacht Südafrika. In den 1980er Jahren schlossen beide Länder ein Abkommen, das Lesotho verpflichtet, große Teile seines Wassers in das 300 Kilometer entfernte Johannesburg zu leiten.

Die Opposition in Lesotho verurteilte das Wasser-Abkommen mit Südafrika jedoch als Ausverkauf nationaler Ressourcen und organisierte Proteste. Im September 1998 entsandte Südafrika militärische Kräfte in die Hauptstadt Maseru und an den Katse-Damm, wo 16 Wachleute getötet wurden. Die Botschaft war eindeutig: Niemand in Lesotho sollte sich einbilden, dass Südafrika eine Gefährdung des Wasserexports zuließe. Während in Lesotho der Vorgang als »Invasion« betrachtet wurde und auch eine Entschuldigung gefordert wurde, sprach die politische Führung Südafrikas von einer »Intervention« zur Verteidigung geschlossener Verträge.

Der militärische Feldzug war schnell vorbei. Die Weltöffentlichkeit nahm von den Ereignissen kaum Notiz, doch in Lesotho gehört die Episode zu den traumatischen Ereignissen in der kurzen Geschichte des Landes. »Mein Bruder wurde hier getötet«, erzählt mir der Kontaktmann am Katse-Damm, als er mir die Anlage zeigt. Der große Staudamm ist 185 Meter hoch und in einem Halbkreis erbaut, um dem massiven Druck standzuhalten.

Später am Abend, als das Licht so blau wird, dass man meinen könnte, es würde sowohl vom Himmel als auch von der Wasserfläche eingefärbt, stehe ich am Rand dieses künstlichen Sees. Was ich hier sehe, ist womöglich ein Zukunftsszenario: Trinkwasser wird zu einer internationalen Handelsware, nicht nur in Flaschen, sondern in Röhren und Kanälen, die möglicherweise von Nordnach Südeuropa, von der Türkei in den Nahen Osten oder von Kanada in die USA führen. Es scheint fast paradox, dass ausgerechnet hier, auf einer schönen, unbewohnten, in 3000 Metern über dem Meeresspiegel liegenden Hochgebirgsebene in einem kleinen, kaum bekannten afrikanischen Land diese Zukunft eingeläutet wird. Ein 80 bitterarmes Land lebt davon, eine erneuerbare Ressource in ein reiches Nachbarland zu verkaufen.

Wird Wasser erst zu einer internationalen Handelsware, dann ändern sich auch die globalen Machtverhältnisse. Die wasserreichen Länder werden ein größeres strategisches Gewicht erlangen. Jene Staaten, die am Oberlauf der Flüsse liegen und somit das Wasser kontrollieren können, werden künftig eine ganz neue geopolitische Machtposition erhalten. Sind die Wasserfürsten hingegen stromabwärts angesiedelt, werden politisch schwache »Wasserturmländer« womöglich an ihrer Entwicklung gehindert und in Abhängigkeit gehalten, was neue Konflikte heraufbeschwören dürfte.

Quelle: Terje Tvedt: Wasser. Eine Reise in die Zukunft. Ch. Links Verlag, Berlin 2013

Anm. d. Red.: Aus Gründen der Übersichtlichkeit wurde bei dieser Leseprobe auf die Angabe der Fußnoten verzichtet. 

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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