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Buch der Woche

Die Wölfe kehren zurück

Buch der Woche  - Die Wölfe kehren zurück

17.10.2014

150 Jahre lang waren Wölfe in Mitteleuropa ausgerottet. Doch seit der Jahrtausendwende ist Deutschland wieder Wolfsland, und in ganz Europa erobern Wölfe mit stürmischem Elan angestammte Lebensräume zurück. Der Wolf ist zum politischen und medialen Mega-Star geworden.

Eckhard Fuhr berichtet über die neue Konkurrenz für die Jäger und die Not der Schäfer, ihre Herde zu schützen, ebenso wie über das mythologisch gegründete Bild des Wolfs in der Volksseele. So entsteht ein umfassendes Bild des Problems, und es wird deutlich, dass wir uns nicht nur mit der physischen Präsenz der Wölfe auseinandersetzen müssen. Die größere Herausforderung ist die mentale: zuzulassen, dass in unserem durchorganisierten und gut kontrollierten mitteleuropäischen Biotop die wilde Natur immer noch mächtig ist. Eine Leseprobe:

 

Letzte Wölfe

 

»Seine Vorsicht und Schnelligkeit spotteten allen Nachstellungen «, heißt es in einem Zeitungsbericht über die Erlegung des »Tigers von Sabrodt« vom 28. Februar 1904. Jahrelang hatte dieser Wolf in der Lausitz seine Verfolger genarrt. Doch nun zog sich die Schlinge zu: »Nachdem er in letzter Zeit wiederholt gespürt worden war«, fährt der Bericht fort, »meldete am Sonnabend Herr Revierförster Dommel in Neustadt der Königlichen Oberförsterei sichere Anzeichen seiner Anwesenheit, worauf sofort eine große polizeiliche Jagd veranstaltet wurde. Der frisch gefallene Spurschnee ermöglichte es, der Fährte des Tieres zu folgen, zahlreiche aufgebotene Wagen brachten Schützen und Treiber schnell der Spur nach, sodass es am Nachmittag gelang, das Raubtier auf Revier Tschelln einzukreisen. Herr Oberförster Dutmer-Bohla kam zum Schuss und verwundete es, jedoch wohl nicht tödlich, weil er auf eine große Entfernung schoss. Die verwundete Bestie wandte sich nach einer off enen Fläche, wo Herr Förster Brehmer-Weißkollm auf etwa 30 Meter sie glücklich traf. Das Tier flüchtete noch bis zu einem nahen Dickicht, wo man es bald verendet fand.« Die Jagdzeitschrift Wild und Hund kommentierte diese erfolgreiche Wolfsjagd mit Genugtuung: »Seit nunmehr 100 Jahren ist in der Lausitz im Herzen Deutschlands kein Wolf mehr geschossen worden, und heute, oder vielmehr am 27.2.1904, wird eine solche Bestie, die nachweislich fünf Jahre ihr Dasein gestiftet hat, ebendort zur Strecke gebracht. Dass vier Jahre vergehen mussten, ehe man dem Satan das Handwerk legte, das ist unverzeihlich. Nun ist Gott sei Dank Ruhe, und den Erfolg werden wir recht bald an unserem Wildstand merken.«

Der als »Tiger von Sabrodt« berühmt und berüchtigt gewordene Wolf war eine Wölfin, eine recht kräftige, wenn man den zeitgenössischen Berichten glaubt. Ihre Körperlänge betrug 160 Zentimeter, die Schulterhöhe 80 Zentimeter. Sie wog 41 Kilogramm. Ihr Kadaver wurde im Schützenhaus von Hoyerswerda ausgestellt. Förster Brehmer aus Weißkollm erhielt eine Abschussprämie von 100 Mark. Über das Revier Tschelln, in dem dieser – vorerst – letzte deutsche Wolf zur Strecke kam, ist der Nochtener Braunkohletagebau hinweggegangen, in dessen Nachfolgelandschaften längst wieder Wölfe heimisch sind. Der »Tiger« steht heute noch ausgestopft im Stadtmuseum von Hoyerswerda, das im Schloss untergebracht ist. Das etwas abgenutzt wirkende Präparat tritt dem auf Wolfsspuren Reisenden – die Lausitz erhofft sich manches von solchem Tourismus – heute als eine Art Memento Lupi entgegen. »Bedenke, Mensch«, sagt es, »dass auf die letzten Wölfe die ersten Wölfe folgen, die wiederkommen. « Hundert Jahre Abwesenheit sind nichts in der langen gemeinsamen Geschichte von Mensch und Wolf.

Weil die Wiederbesiedlung Deutschlands durch die Wölfe in der Lausitz begann, gewann die 1904 dort erlegte Wölfi n als »letzter deutscher Wolf« einen etwas überhöhten Status. Es war eben eine zufällige symbolische Fügung, dass die wölfi sche Renaissance genau dort ihren Ausgang nahm, wo der Ausrottungsschlusspunkt gesetzt worden war. In der Sache muss man die Aussage, bei Hoyerswerda sei 1904 der letzte deutsche Wolf geschossen worden, jedoch relativieren. Sie trifft nur für das Territorium der heutigen Bundesrepublik zu. Im Elsass, damals dem Deutschen Reich zugehörig, wurden 1911 die letzten Wölfe geschossen. Und aus Ostpreußen konnten sie wie gesagt trotz heftigster Bekämpfung nie völlig verdrängt werden.

Die zweite Einschränkung, die gemacht werden muss, ist zeitlicher Natur. Das heutige Deutschland war nach den Schüssen des Försters Brehmer im Revier Tschelln nur bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wolfsfrei. Nachkriegszeiten waren immer Wolfszeiten. Und so tauchten nach 1945 Wölfe, wenn auch nur vereinzelt, in Deutschland westlich von Oder und Neiße auf. Sie wurden alle erlegt. Die Szenen wiederholen sich. Wie ein halbes Jahrhundert zuvor in der Lausitz versetzen einzelne Tiere ganze Regionen in Aufregung. Wilde Spekulationen und martialische Namen für die »Untiere« machen die Runde. Dass ein umherziehender Wolf etwas Normales ist, passt nicht in die Vorstellungswelt der Deutschen im 20. Jahrhundert. Auf groß angelegten Jagden rückt man den Wanderwölfen aus dem Osten zu Leibe. Mit dem Tod des Wolfes sind Ordnung und Normalität wiederhergestellt. Aufbewahrt sind die Erinnerungen an solche Ereignisse in Heimatmuseen und den Schriften von Lokalhistorikern. Oft künden auch Erinnerungssteine von diesen Wolfsjagden.

Einer der jüngsten steht nahe bei dem Fläming-Ort Mehlsdorf im südlichen Brandenburg. Hier erlegte am 24. März 1961 der Genossenschaftsbauer Werner Schmidt, Mitglied des Jagdkollektivs, den »Würger von Ihlow«, benannt nach einer benachbarten Ortschaft. Ausführlich geschildert werden diese und andere Wolfsjagden in der vom brandenburgischen Umweltministerium herausgegebenen Broschüre Wölfe in Brandenburg – Spuren im märkischen Sand. Der »Würger« hatte im Winter 1960/61 die ländliche Bevölkerung in den Kreisen Herzberg, Jessen, Luckau, Liebenwerda und Jüterbog beunruhigt. Es machte das Gerücht die Runde, ein entlaufener Zirkuslöwe vergreife sich am Weidevieh. Man zog Professor Wolfgang Ullrich, den prominenten Direktor des Dresdner Zoos, zurate, der die Spuren und Risse einem Wolf oder wildernden Hund zuordnete. Am 24. März schließlich wurde das Tier im Mehlsdorfer Busch gesichtet. Jäger, Volkspolizisten und Treiber umstellten das mit viel Schilf bewachsene Gebiet. Werner Schmidt traf auf den Wolf und tötete ihn mit mehreren Schüssen aus seiner Schrotfl inte, einen stattlichen Rüden von 85 Zentimeter Schulterhöhe und 70 Kilogramm Gewicht. Kaum passte er in den Koff erraum des Trabis. Die Bevölkerung feierte den Jagderfolg. In Ihlow wurde ein Wolfsball gegeben. Der »Würger« kam ausgestopft ins Heimatmuseum von Jüterbog.

Nicht nur der Osten, auch der Westen hatte nach dem Zweiten Weltkrieg seine Wolfsgeschichten. Die bekannteste ist die des »Würgers vom Lichtenmoor«, der 1947/48 in der Lüneburger Heide um Fallingbostel hundert Schafe und 58 Rinder riss, wobei nicht ganz klar ist, ob die wirklich alle auf sein Konto gingen. Es könnte sich zum Teil auch um makabre Formen von Schwarzschlachtung gehandelt haben, wie Utz Anhalt in seinem Buch Wolf und Mensch andeutet. Auch hier dachte man zunächst nicht an einen Wolf. Ein Bauer wollte einen Löwen gesehen haben, worauf der Tierpark Hagenbeck einen erfahrenen Großwildjäger in die Heide schickte, was im besetzten Deutschland so kurz nach dem Krieg ein durchaus bizarrer Vorgang gewesen sein muss. In der von dem Großwildjäger gestellten Falle fi ng sich allerdings nur ein Dachs, was die Gemüter nicht beruhigen konnte. Eine Lokalzeitung schrieb: »Der Würger ist überall. Mägde weigern sich, allein auf die Weiden zu gehen, die Bauern bewaffnen sich mit Knüppeln.« Schließlich ordnete die britische Militärregierung eine Treibjagd an, für die deutschen Jägern drei Jahre nach Kriegsende sogar wieder Schusswaff en ausgehändigt wurden. Das Aufgebot von 1500 Treibern war gewaltig. In einem Getreidefeld trafen britische Soldaten auf das Untier und eröffneten das Feuer. Obwohl von Kugeln durchsiebt, brach es nicht zusammen.

Es handelte sich um einen ausgestopften Löwen, den zwei Reporter aus Hannover aufgestellt hatten. Die niedersächsische Landeshauptstadt war damals eine deutsche Zeitungsmetropole. Die neu gegründeten Magazine Spiegel und Stern hatten hier ihren Sitz. Aggressiven Boulevardjournalismus bot das Wochenblatt Die Straße. Man war nicht zimperlich, wenn es darum ging, die britische Militärregierung vorzuführen. Das für die Briten peinliche Detail mit dem ausgestopften Zirkuslöwen wurde damals in der umfangreichen Berichterstattung über die größte Treibjagd, die Niedersachsen bis heute erlebt hat, jedoch nicht erwähnt. So weit reichte der Journalistenmut vor Besatzerthronen denn doch nicht. Erst die Wochenzeitung Die Zeit deckte den bösen Löwenscherz sechzig Jahre nach dem Geschehen auf. Am 27. August 1948 schoss dann ein Jäger ganz unspektakulär vom Hochsitz aus einen großen Wolfsrüden. Danach hörten die Viehrisse auf. Sie hatten allerdings schon nach der Währungsreform nachgelassen, als man Fleisch wieder kaufen konnte. Möglicherweise richtete der Wolf, der zwanzig Jahre später einmal für kurze Zeit durch die Lüneburger Heide streifte, größeren Schaden an. Wie Wolf Herre im Wolfskapitel von Grzimeks Tierleben berichtet, hatte die Nachricht vom Auftauchen dieses Wolfes gravierende Folgen für das Gastgewerbe. Tausende Feriengäste bestellten ihre Zimmer ab.

Im Jargon der Mediengesellschaft könnte man sagen, dass die Zeugen solcher Wolfsepisoden des 20. Jahrhunderts sich vorkamen, als seien sie »im falschen Film«. Diese späten Wolfsjagden waren gewissermaßen Nachhutgefechte eines Krieges, der eigentlich schon seit einem Jahrhundert beendet war. Den Zeitgenossen war der Zusammenhang mit diesem Hauptgeschehen nur noch schemenhaft klar. Sie empfanden das Auftauchen von Wölfen ganz einfach als unzeitgemäß, als einen Rückfall in eine längst überwundene Vergangenheit, an die es im kollektiven Bewusstsein höchstens noch undeutliche Erinnerungen gab. Dass Wölfe zum harten Alltag des bäuerlichen Lebens gehörten, war seit drei, vier Generationen vergessen. Denn der finale Ausrottungskrieg gegen die Wölfe in Mitteleuropa war letztlich schon durch die Französische Revolution eingeläutet worden. Die in ihrem Gefolge entstehenden modernen Staaten verfügten zum ersten Mal in der Geschichte über die technischen und administrativen Mittel, den Wölfen wirklich nachhaltig zu Leibe zu rücken. Der französische Kaiser Napoleon modernisierte die mit tausendjähriger Geschichte auf Karl den Großen zurückgehende Institution der louveterie, eines flächendeckenden Netzes von Wolfsjägern. Der fränkisch-römische Kaiser hatte im Jahre 813 seine Grafen angewiesen, Wolfsjäger, luparii, zu bestellen, um die Wölfe systematisch zu bekämpfen. Die louveterie hatte unter den französischen Königen jahrhundertelang Bestand und entwickelte sich zu einer Art Orden. Napoleon erneuerte nach tausend Jahren ihren operativen Auftrag und wies die Präfekten an, in jedem Département zwei professionelle Wolfsjäger zu ernennen. Wenige Jahre später, Napoleon war geschlagen, setzte auch Preußen zum Vernichtungsschlag gegen die Wölfe an. Den aus Russland zurückfl utenden napoleonischen Truppen waren Wölfe gefolgt, und in deutschen Landen hatten sich in einem kriegerischen Jahrzehnt die Wölfe kräftig vermehrt, sodass, ein letztes Mal in der mitteleuropäischen Geschichte, von einer »Wolfsplage« die Rede war. Der Preußenkönig Friedrich Wilhelm III. erhob mit dem Jagdregal vom 4. Januar 1814 die Wolfsjagd zur Staatsbürgerpfl icht: »Wir geben kund: Es sollen alle ackerbautreibenden Einsassen, desgleichen diejenigen, welche gar keinen Acker besitzen, jedoch Pferde, Rindvieh und Schafe halten, zu den Wolfsjagden Hülfe leisten, und die davon nach Provinzial-Verfassungen statt gehabten Befreiungen gänzlich aufhören.«

Dreißig Jahre später war es in Deutschland mit den Wölfen im Großen und Ganzen vorbei. Die meisten Gedenksteine, die an letzte erlegte Wölfe erinnern, wurden zwischen 1840 und 1850 gesetzt. 1841 fi el der letzte Wolf im Taunus bei Camberg, 1845 im Westerwald, 1847 im Bayerischen Wald. In der Schorfheide, einem der Hofjagdreviere der Hohenzollern, war der »letzte Wolf« schon 1809 erlegt worden. Im märkischen Blumenthalwald bei Prötzel kam 1823 Bürgermeister Fubel erfolgreich zu Schuss, und im südbrandenburgischen Doberluger Forst brachten der Jägerbursche Schumann, Bäckermeister Berger und Stadtbrauer Kother 1846 einen letzten Wolf zur Strecke, wie der Inschrift einer Gedenksäule zu entnehmen ist, die vom Heimatverein Doberlug-Kirchhain 1995 erneuert wurde, nachdem die Originalsäule längst verrottet war.

Beim Blick auf dieses kurze und heftige Finale der Ausrottungsgeschichte darf man jedoch nicht aus den Augen verlieren, dass sich Wolfspopulationen an der westlichen und östlichen Peripherie des preußisch-deutschen Reiches hartnäckig noch über Jahrzehnte hielten. Das ist ein Hinweis darauf, dass die Grenzen ihres Lebensraums stark davon bestimmt waren, wie weit die Staatsmacht reichte. Noch 1871 wurden von der linksrheinischen preußischen Provinzregierung in Koblenz 23 Schussgelder für erlegte Wölfe ausgezahlt. In der Eifel kam der letzte Wolf erst 1888 zur Strecke, im Saarland 1891.

Ambivalent ist denn auch die Bilanz, die in der 1890 erschienenen Ausgabe von Brehms Tierleben gezogen wird. Die Passage sei etwas ausführlicher zitiert, weil sie viele interessante Details enthält, aber auch einen Eindruck von dem »Sound« des Wolfsdiskurses an der Schwelle zum 20. Jahrhundert gibt. Der Verweis auf menschliche Todesopfer gehört selbstverständlich dazu. Auf dieses Thema werden wir noch gesondert eingehen. Nun also Brehm, 1890:

»Der Wolf wird zwar allmählich mehr und mehr zurückgedrängt; doch ist der letzte Tag seines Auftretens im gesitteten Europa anscheinend noch fern. Im vorigen Jahrhunderte fehlte das schädliche Raubtier keinem größeren Waldgebiete unseres Vaterlandes, und auch in diesem Jahrhunderte sind hier nach amtlichen Angaben immerhin noch Tausende erlegt worden. Innerhalb der Grenzen Preußens wurden im Jahre 1817 noch 1080 Stück geschossen. In Pommern allein wurden erlegt im Jahre 1800: 118, 1801: 109, 1802: 102, 1803: 186, 1804: 112, 1805: 85, 1806: 76, 1807: 12, 1808: 37, 1809: 43 Stück. Dann wurden sie seltener, kamen aber wieder in großer Menge aus dem aus Russland fl iehenden französischen Heere, das ihnen Leichen genug zum Fraße lieferte, ins Land. Im Posenschen wurden von ihnen 1814–15 wieder 28 Kinder und 1820 noch 19 Kinder und Erwachsene zerrissen. Gegenwärtig sind Wölfe in unserem Vaterlande sehr selten geworden; doch verlaufen sich alljährlich noch welche aus Russland, Frankreich und Belgien nach Ostund Westpreußen, Posen, den Rheinlanden, in strengen Wintern auch nach Oberschlesien, unter Umständen bis tief in das Land … In den elf Jahren 1872–82 wurden in den Reichslanden [Elsass und Lothringen] 459 Wölfe getötet, und noch 1885–86 wurden in Lothringen 32, im Elsass 7, in den Rheinlanden 2, in Ostpreußen und Brandenburg je 1 Stück zur Strecke gebracht, und Ende 1886 trieb sich an der Seester Höhe in Ostpreußen (bei Goldap) ein sehr starkes Rudel Wölfe umher.«

Die »letzten Wölfe« Deutschlands kamen mit Pulver und Blei zur Strecke. Zur staatlichen Organisation der Wolfsjagd trat im 19. Jahrhundert die rasante technische Verbesserung der Feuerwaff en und ihre breitere Verfügbarkeit in der Bevölkerung. Im Zuge der Französischen Revolution wurden die adeligen Jagdprivilegien mehr und mehr aufgeweicht und in den deutschen Staaten von der Frankfurter Nationalversammlung 1848 gänzlich aufgehoben, ein revolutionärer Schritt der bürgerlichen Revolution, der im Gegensatz zu vielen anderen Errungenschaften bei politischen und wirtschaftlichen Freiheiten nie revidiert wurde. Die bürgerliche und bäuerliche Jagd hat die Effi zienz der Wolfsbekämpfung sicherlich gesteigert. In feudalen Zeiten dagegen war die als Fron erzwungene Beteiligung an der Wolfsjagd, das sogenannte »Wolfslaufen«, eine Pflicht, die Bürger- und Bauersleute am liebsten umgingen, obwohl diese Jagd auch in ihrem und nicht nur im Interesse des fürstlichen Jagdherren lag. Solche Jagden, meist im tiefen Winter abgehalten, dauerten tage-, manchmal wochenlang. Riesige Gebiete wurden »eingelappt«; das heißt, es wurden Schnüre, an denen Stoff fetzen befestigt waren, von Baum zu Baum gespannt. »Durch die Lappen« gehen Wölfe nur sehr ungern. Ein Riesenaufgebot an Treibern hatte sie dann in dem eingelappten Gebiet aufzuscheuchen und in Netze zu treiben. Hatten sie sich dort gefangen, wurden sie mit Spießen, Knüppeln und Äxten getötet.

Die Chroniken und Akten sind voll von Streitigkeiten über dieses »Wolfslaufen«. So befahl etwa der brandenburgische Kurfürst Johann Sigismund 1613 den Bürgern der Stadt Prenzlau, Jagdgehilfen für eine Wolfsjagd im 50 Kilometer entfernten Groß Schönebeck in der Schorfheide zu stellen. Das bedeutete zehn Stunden Fußmarsch und mehrtätige Abwesenheit von den eigenen Geschäften. Es wird berichtet, dass die kurfürstlichen Jagd- und Forstbeamten rüden Zwang ausübten und rücksichtslos rekrutierten. Sie klagten aber auch darüber, dass die Städte untaugliches Personal – »Weibspersonen« und Kinder – stellten, das den Strapazen einer solchen Jagd nicht gewachsen sei. Außerdem erschienen viele Jagdgehilfen betrunken zum Dienst. Ein märkischer Lokalhistoriker schreibt im Oberbarnimer Kreiskalender 1930: »Die Leute für dieses Wolfsjagdlaufen mussten sich auf mindestens drei Tage mit Mundvorrat versorgen und häufig mit dem elendesten Nachtquartier vorliebnehmen. Ja, es wird berichtet, dass viele Menschen bei diesem Jagdlaufen erfroren sind.«

Es scheint so zu sein, dass erst die bürgerliche Gesellschaft und der moderne Staat jene Vernichtungseffi zienz erzeugten, der die Wölfe schließlich unterlagen. Nicht umsonst war Britannien, Vorreiter der industriellen Moderne, als erstes europäisches Land schon Mitte des 18. Jahrhunderts völlig wolfsfrei. Die riesigen Wolfshunde, die an den Adelshöfen gehalten wurden, hatten nichts mehr zu tun. Fortan widmete sich die ländliche Aristokratie sportlich der Fuchsjagd. Auf dem europäischen Kontinent ist der politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Modernisierungsprozess allerdings von großen Ungleichzeitigkeiten geprägt. Er ließ räumliche und zeitliche Nischen off en, in denen Wölfe überleben konnten, etwa in den italienischen Abruzzen, in Portugal und im Nordwesten Spaniens, in Südosteuropa und in Russland ohnehin. Auf den gesamten Kontinent bezogen, war der Wolf in Europa nie am Rande des Aussterbens.

Nur auf den ersten Blick überraschend ist es, dass die Alpen nicht zu den europäischen Wolfsrefugien zählen. Sosehr sie kulturell eine Landschaft romantischer Projektionen waren, erhabenes Gegenbild einer zunehmend urbanen und städtischen Moderne, so unmittelbar und brutal wurden sie vom industriellen Modernisierungsprozess getroff en, wie Hansjakob Baumgartner und seine Mitautoren in ihrem Schweizer Wolfsbuch Der Wolf. Ein Raubtier in unserer Nähe anschaulich darstellen. Im 19. Jahrhundert habe die Nutzung der Alpen ihren Höhepunkt erreicht, schreiben sie. Um den schnell wachsenden europäischen Markt für Hartkäse zu bedienen, brauchte die Berglandwirtschaft immer mehr Weidefl ächen und Brennholz. Die Alpen wurden radikal entwaldet und den natürlichen Beutetieren des Wolfes, vor allem Rotwild und Reh, die Lebensgrundlage genommen. Zudem wurden sie rücksichtslos gejagt. Mitte des 19. Jahrhunderts war der Rothirsch in den Schweizer Alpen ausgerottet, die Gams hielt sich in Restvorkommen, das Reh war eine Seltenheit. Dafür, dass sich die letzten Wölfe nicht am Weidevieh vergriff en, sorgten die freien bewaff - neten Bauern der Eidgenossenschaft mit Nachdruck. Das machte den Wölfen den Garaus und ist ein weiteres Beispiel dafür, wie sehr das Schicksal der Wölfe von Fragen der politischen und gesellschaftlichen Verfassung bestimmt wird.

Der europäische Krieg gegen die Wölfe, der seit Karl dem Großen tausend Jahre gedauert hatte, wiederholte sich in Nordamerika im Zeitraff er. In den Vereinigten Staaten gelang den europäischen Kolonisten die Ausrottung fast vollständig. Selbst im Yellowstone-Nationalpark, schon 1872 in einem Moment des Erschreckens über die Dynamik der Zivilisation gegründet als Monument ursprünglicher Wildnis, wurden Wölfe bis zum Ende des 20. Jahrhunderts bekämpft. Erst in den Neunzigerjahren dachte man um und siedelte kanadische Wölfe dort wieder an. In Kanada mit seinen riesigen unbewohnten Wildnisgebieten war der Wolf nie in seinem Bestand gefährdet. In den Vereinigten Staaten aber, schreibt Erik Zimen in Der Wolf. Verhalten, Ökologie und Mythos, teilten die Wölfe das Schicksal der Indianer und Büff el. Erst verschwanden sie östlich des Mississippi. Bei der Eroberung des Westens folgten den Bisonjägern die »Wolfers«, die riesige Strecken strychningetränkter Kadaver legten. So verschwand eine Unterart des Wolfes, der hellmähnige Büff elwolf, ganz von der Erde, und die Kultur der Prärieindianer, die wesentlich vom Dreieck Mensch–Büff el–Wolf geprägt war, ging unter.

Kehren wir noch einmal zum »Tiger von Sabrodt« zurück. Wo diese Wölfin Anfang des 20. Jahrhunderts einsam umherstreifte, nachdem dort hundert Jahre kein Wolf seine Fährte gezogen hatte, brachte wiederum ein Jahrhundert später »Einauge«, eine der Urmütter der neuen deutschen Wolfspopulation, von 2005 an Jahr für Jahr Junge zur Welt, bis sie im Frühjahr 2013 off enbar bei Revierkämpfen mit einem Nachbarrudel ums Leben kam. Sie gehörte zur ersten Generation in Deutschland geborener Wölfe und verbrachte ihr langes und produktives Wolfsleben in der Lausitz. Wer hätte damit gerechnet, dass in diesem Landstrich, der vor hundert Jahren »im Herzen unseres Vaterlandes«, heute aber sehr an dessen Rand liegt, einmal Wolfsgeschichte geschrieben werden würde?

 

Eckhard Fuhr: Rückkehr der Wölfe. Wie ein Heimkehrer unser Leben verändert. Riemann Verlag, München 2014. 224 Seiten, 19,99 Euro. Mehr zum Buch.