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Buch des Monats

Zwischen Recht und Anstand

Buch des Monats - Zwischen Recht und Anstand

Spätestens seit der Pleite der US-Bank Lehman und angesichts der Steuertricks internationaler Konzerne drängt sich die Frage auf: Ethisch wirtschaften - geht das? Und wie geht das? Nils Ole Oermann (RC Stendal) stellt Konzepte vor

Hermann Olbermann02.02.2016

Iist es verwerflich, ein T-Shirt für drei Euro zu kaufen, wenn man weiß, unter welchen Bedingungen die Arbeiter in der asiatischen Textilfabrik schuften?  Handelt unethisch, wer statt Fair-Trade-Kaffee die herkömmliche Marke nimmt, weil sie billiger ist? Was Wirtschaftsethik ist, zeigt sich auf dem Fußballplatz. Beim Spiel des dänischen Vereins Nordsjaeland gegen den ukrainischen Klub Schatar Donezk im November 2012. Als sich ein Däne ohne Foul des Gegners veletzt, unterbricht der Schiedsrichter die Partie. Kaum hat er den Ball wieder freigegeben, schnappt sich der Donezk-Stürmer Luiz Adriano das Leder und schießt es ins Tor. Zuschauer und Spieler sind entsetzt. Sie hatten erwartet, dass Adriano den Ball den Dänen überlässt, weil die ihn vor dem Abpfiff hatten. Der Stürmer verstieß zwar gegen keine Regel, wohl aber gegen das Fair-Play-Empfinden.


Mit dem Beispiel leitet Nils Ole Oermann sein neues Buch ein: Wirtschafts-
ethik. Eine Disziplin, die seit der Jahrhundertpleite der US-Bank Lehman Brothers 2008 und angesichts der Winkelzüge internationaler Konzerne zur Steuervermeidung wichtiger denn je wäre -wenn sie denn gelehrt würde.
In Deutschland beschäftigen sich nur wenige Universitäten damit, obwohl schon Adam Smith, der Urvater der Ökonomie, wirtschaftsethischen Fragen nachging. Heute steht Oermann hierzulande fast alleine da. Er lehrt Wirtschaftsethik in Lüneburg und leitet an der Berliner Humboldt-Universität den Bereich „Relgion, Politics and Economics“. Außerdem berät der Finanzminister Wolfgang Schäuble.


Nun will Oermann auch „Leser außerhalb der Fachwelt“ erreichen. Aber nicht nur deshalb steigt er mit dem Fußball ein. Der Fall zeige vielmehr, schreibt Oermann, dass Legalität und Legitimität, also gesetzestreues und gehöriges Verhalten, „in der Wahrnehmung der verschiedenen Betrachter auseinanderfallen“. Um das zu verdeutlichen, lässt er nach dem Fußballstar Adriano Karl Marx aufmarschieren, Joseph Schumpeter, John Maynard Keynes und Milton Friedman. Aber keine Angst vor Wort- und Ideenakrobatik, auch „Leser außerhalb der Fachwelt“ können Oermann folgen - und nicht nur der „kurzen Ideengeschichte zu Markt, Reichtum und Gerechtigkeit“, sondern auch der Erklärung der „Schlüsselbegriffe und Grundpositionen“ der Wirtschaftsethik.


Noch mehr Klarheit schaffen seine aktuellen Fälle, an denen er die Theorien überprüft. Welches Verhalten empfehlen sie bei Themen wie Steueroasen, Fair Tarde oder Kinderarbeit? Sollen die Verbraucher Produkte boykottieren, die aus Kinderarbeit stammen? Mit der Folge, dass die Kinder dann ihre Arbeit verlieren, hungern, verwahrlosen oder sich sogar prostituieren müssen?
„Ein Studium der Wirtschaftsethik lehrt keine letzten Gewissheiten“, warnt Oermann. Aber es weckt Zeifel und Interessen.  Sie „sind nicht die schlechtesten Begleiter" auf dem Weg in eine bessere Welt, schreibt Oermann. Schade nur, dass er sich mit seiner Meinung sehr zurückhält.