Buch der Woche  - Geschichte einer schonungslosen Freundschaft

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10.10.2014

Buch der Woche

Geschichte einer schonungslosen Freundschaft

Rosa Liksom erzählt in diesem Kammerspiel die Geschichte einer schonungslosen Freundschaft – ein preisgekrönter Roman, der wie russische Spezialitäten das Süße, Saure und Salzige kombiniert.

Moskau kauerte im trocken-kalten Märzabend, schützte sich vor der Berührung durch die eisige, rot sinkende Sonne. Die junge Frau stieg in den letzten Schlafwagen am Schluss des Zuges, suchte ihr Abteil, Abteil Nr. 6, und atmete tief durch. Das Abteil hatte vier Betten, die beiden oberen waren an die Wand geklappt, zwischen den unteren befand sich ein kleiner Tisch, auf dem ein weißes Tuch lag und eine Blumenvase aus Plastik stand, darin eine von der Zeit gebleichte rosa Papiernelke. Die Ablage am Kopfende der Betten steckte voller großer, dürftig verschnürter Kolli. Sie stopfte den bescheidenen alten Koffer, den sie von Zachar bekommen hatte, unter das schmale, harte Bett, in die dort eingebaute Metallablage, den kleinen Rucksack warf sie auf das Bett. Als die Bahnhofsglocke zum ersten Mal schlug, stellte sich die junge Frau im Gang ans Fenster. Sie atmete den Geruch des Zuges ein, den Geruch, den Eisen, Kohlestaub, zig Städte und Tausende Menschen hinterlassen hatten. Reisende und ihre Begleiter drängten an ihr vorbei, stießen sie mit ihren Taschen und Kolli an. Sie berührte mit der Hand das kalte Fenster und blickte auf den Bahnsteig. Dieser Zug würde sie durch Dörfer bringen, die von Verbannten bewohnt wurden, durch die offenen und gesperrten Städte Sibiriens bis in die mongolische Hauptstadt Ulan-Bator.

Als die Bahnhofsglocke zum zweiten Mal schlug, sah sie einen kräftigen Mann mit Kohlblattohren, der die schwarze 10 Steppjacke der Arbeiter und eine weiße Hermelinpelzmütze trug. Er wurde von einer dunkelhaarigen, schönen Frau und einem Jungen im Teenageralter, der sich dicht an seine Mutter hielt, begleitet. Die Frau und der Junge verabschiedeten den Mann und gingen untergehakt zum Bahnhofsgebäude zurück. Der Mann starrte zu Boden, kehrte dem kalten Wind den Rücken zu, kniff eine Belomorkanal zusammen, steckte sie zwischen die Lippen und zündete sie an, rauchte eine Weile, sog gierig, drückte die Zigarette an der Schuhsohle aus und blieb dann schlotternd auf der Stelle stehen. Als die Bahnhofsglocke zum dritten Mal schlug, sprang er in den Zug. Die junge Frau sah, wie er mit wiegenden Schritten den Gang entlangging, und hoffte, er würde nicht ausgerech net ihr Abteil betreten. Sie hoffte vergebens.

Nach kurzem Zögern begab sie sich ebenfalls ins Abteil und setzte sich dem Mann gegenüber auf ihr Bett. Er dünstete Kälte aus. Sie schwiegen. Der Mann starrte unwillig auf die junge Frau, die junge Frau unsicher auf die Papiernelke. Als der Zug mit einem Ruck anfuhr, brach in Gang und Abteil Schostakowitschs achtes Streichquartett aus den Plastiklautsprechern.

Und so bleibt es zurück, das winterliche Moskau, die stahlblaue Stadt, wie die Abendsonne sie wärmt. Zurück bleibt Moskau, mit seinen Lichtern und dem lautstarken Verkehr, dem Reigen der Kirchen, mit dem Jungen im Teenageralter und der schönen dunkelhaarigen Frau, deren eine Gesichtshälfte geschwollen ist. Zurück bleiben die spärlichen Neonreklamen vor dem pechschwarzen, mürrischen Himmel, die Rubinsterne auf den Türmen des Kreml, die einbalsamierten Leichen des guten Lenin und des bösen Stalin und Mitka; zurück bleiben der Rote Platz und das Leninmausoleum, die Geländer aus eiserner Spitze an den Wendeltreppen des Kaufhauses Gum, das internationale Intourist-Hotel mit seinen Valuta-Bars, mit seinen düsteren, an westlichem Make-up, Parfüm und Rasierapparaten interessierten Etagenaufsichten, die sich heimlich die Besenkammern des Hotels als Wohnfläche erobern. Zurück bleiben Moskau, Irina, das Puschkin-Denkmal, die Ringstra ßen und Ringlinien, Stalins Prachtstraßen, der mehrspurige Nowy Arbat im westlichen Stil, die Jaroslaw-Hauptverkehrsstraße und die mit Holzschnitzereien verzierten Reihen der Datschas; müdes, vielfach umgearbeitetes, glitschiges Land. Vor dem Fenster rauscht ein hundert Meter langer Güterzug vorbei. Das ist noch Moskau: ein Haufen neunzehnstöckiger Plattenbauten inmitten einer Schlammgrube, wo auf eisigen Fenstern mattes, scheues Licht zittert, Baustellen, halb fertige Wohnblocks, klaffende Löcher in den Wänden. Bald bleiben auch sie als Silhouetten in der Ferne zurück. Das ist nicht mehr Moskau: ein Haus, zusammen gebrochen unterm Schnee, wild schwankender, vereister Kiefernwald, von Schneewehen überzogene Ebenen, unter den Verwehungen eingefrorener Dampf, Dunkelheit, ein einsames kleines Holzhaus, von weißer Weite umgeben, davor ein ungestutzter Apfelbaum, Mischwald in steifem Schnee, Bretterzäune vor Landhäusern, ein verfallener Holzschuppen. Vorne dehnt sich das unbekannte, im Eis erstarrte Russland aus, der Zug rast dahin, am erschöpften Himmel zeichnen sich hell leuchtende Sterne ab, der Zug schießt in die Natur hinein, in die drückende Finsternis unter dem Schein des sternenlosen Wolkenhimmels. Alles ist in Bewegung: der Schnee, das Wasser, die Luft, die Bäume, die Wolken, der Wind, die Städte, die Dörfer, die m enschen und die Gedanken. Der Zug stampft durch das verschneite Land.

Die junge Frau hörte den schweren, ruhigen Atem des Mannes. Der Mann betrachtete seine Handflächen – sie waren breit und kräftig. In Bodenhöhe flitzten Weichenlichter vorbei. Bisweilen verdeckten stehende Waggons die Sicht, dann wieder entfaltete sich vor dem Fenster die nächtliche Finsternis Russlands, hier und da huschte ein blass erleuchtetes Haus vorüber. Der Mann blickte auf, musterte die junge Frau lange und durchdringend und stellte dann erleichtert fest: »Wir sind also zu zweit. Die glänzenden Gleise werden uns in Gottes Kühlschrank bringen.« An der Abteiltür erschien eine gleichmäßig kräftig gebaute Schaffnerin und reichte beiden Reisenden sauberes Bettzeug und ein Handtuch. »Dass mir keiner auf den Boden spuckt! Der Gang wird zweimal am Tag geputzt. Und jetzt, bitte, die Pässe her!« Sobald sie die Dokumente erhalten hatte, entfernte sich die Schaffnerin mit spöttischem Lächeln. Der Mann nickte ihr hinterher. »Die alte Arisa hat hier Vollmachten wie die Miliz. Das hält die Säufer und Huren in Zucht und Ordnung. Besser, man regt sich über sie nicht unnötig auf. Arisa ist nämlich auch die Göttin der Zugheizung. Das sollte man nicht vergessen.« Er nahm ein Messer mit schwarzem Griff aus der Tasche, entfernte die Sicherung und drückte auf den Knopf am Griff. Ein metallisches Geräusch erklang, die Messerklinge schnappte mit kräftigem Federsprung auf.

 

Rosa Liksom: Abteil Nr. 6. DVA, München, 2013. 224 Seiten, 14,99 Euro.

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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