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Birgi in der Türkei

Osmanische Zeitreise

Zu Besuch in dem prächtigen Landhaus Cakırağa Konağı in Birgi, in dem sich ein wohlhabender Kaufmann sein Refugium schuf

Iris Alanyali01.07.2016

Es ist kein Vergnügen, im Hochsommer ins Hinterland der türkischen Ägäis zu fahren. Die Temperaturen sind so siedend wie die Landschaft langweilig ist, weshalb ich inzwischen auf Ephesus & Co. verzichte, antikes Weltwunder hin oder her. Aber einen Besuch beim alten Osmanen Cakır Ağa richte ich immer ein.

Wenn man Izmir in südöstlicher Richtung verlässt und die endlosen Reihen von Kartoffelfeldern und Gärtnereien hinter sich gelassen hat, nähert man sich den Ausläufern der Boz-Berge. Nach etwa 120 Kilometern geht es hoch in das Dörfchen Birgi, das ab dem 13. Jahrhundert ein kulturelles Zentrum der Region war und wo Cakır Ağa 1761 seine Villa errichten ließ, das Cakırağa Konağı.

Spiegel osmanischer Kultiviertheit
Der Kaufmann Mehmet Cakıroğlu, „Mehmet, Sohn des Braunäugigen“, wie sein eigentlicher Name lautete, hatte es mit dem Handel von Leder zu Macht und Reichtum gebracht. Der Ehrentitel Ağa kann so ziemlich alles bedeuten, von „älterer Bruder“ über „Dorfältester“ und „Offizier“ bis hin zu „großer Bestimmer“, der entscheidet, was auf den Feldern angebaut oder mit welchem Cousin die Dorfjüngste verheiratet werden darf. In Cakır Ağas Fall gebührt ihm der Titel schon allein wegen seines architektonischen Geschmacks, und weil er so nett zu seinen zwei Frauen war.

Drei Stockwerke hat sein am Hang liegendes Konak, seine Villa. An der Vorderseite kann man von einer Gasse aus die Erker im obersten Stock betrachten. Hier lebten Cakır Ağas Frauen, hinter Fensterläden aus hellem Holz und einem mit Blumenvasen und Girlanden hübsch bemalten Fries. Heute verbergen die vergleichsweise schlichten Außenwände nur noch, was für einen atemraubenden Einblick das Cakırağa Konağı in das Leben eines wohlhabenden und kultivierten osmanischen Haushalts ermöglicht.

Man muss Cakır Ağas Anwesen quasi durch den Hintereingang betreten, durch eine unscheinbare Gartenpforte, an der man dem Wärter ein paar Euro Eintrittsgeld überreicht. Wenn nicht viel los ist – und es ist nie viel los – lasse ich mich auf einen Plausch übers Wetter und den Ağa ein. Cakır Ağas Handelsgeschäfte hätten ihn bis nach Venedig geführt, hat mir der Museumswächter einmal erzählt, wo es ihm die Rennaissancearchitektur angetan habe.

Die Villa ist wie ein rechtwinkliges U gebaut, und ihre drei Seiten fassen den hübschen Garten ein, in dem wir jetzt stehen und auf die offene Rückseite der Villa blicken. Auf den stufig angelegten Steinterrassen spenden Palmen, Zypressen und silbergrüne Platanen dringend benötigten Schatten. Rhododendron und Rosensträucher setzen Farbtupfer gegen die türkisgrünen Geländer des Hauses im Hintergrund, dessen Flure durch die fehlende Rückwand zu Balkonen werden.

Zum aus Stein ummauerten Erdgeschoss müssen wir ein paar Treppenstufen hinuntersteigen, das macht die Hanglage und sorgt für angenehme Kühle, was bestimmt auch die Pferde (rechts ist ein großer Stall) und die Bediensteten (links liegt die Küche) zu schätzen wussten. In dem mannshohen Tonkrug neben den Ställen wurde Olivenöl gelagert. Hier ist auch das eigentliche Eingangstor, durch das Gäste mitsamt Pferd eingeritten kommen konnten, und ein Warteraum, in dem sie sich aufhielten, bevor der Ağa sie zu empfangen geruhte.

Kunstwerk aus Holz
Eine Treppe führt in das Stockwerk darüber, und ab hier ist das Fachwerkhaus ein Holzkunstwerk. An den prächtig verzierten Decken verschachteln sich blassgrün und rostrot angemalte Rauten erst ineinander und bilden dann Sterne, die sich in der Mitte an Stuckrosetten treffen und nach außen zu Fächern öffnen. Da formen filigrane Holzleisten ein Karomuster, das sich über die ganze Decke zieht und mit goldenen Mondsicheln und Sternen gefüllt ist. Blumenmuster harmonieren mit Obstmalerei, elegant gebogene Zierleisten bilden eine Sonne, deren Strahlen bis zu den Girlanden der Friese über den Fenstern reicht. An den Seiten täuschen Wandmalereien Seidenvorhänge und Blümchentapeten vor. Hier lebte Cakır Ağas Familie im Winter, alle Räume, der als „Kinderzimmer“ deklarierte Raum ebenso wie das Gästezimmer, verfügen nicht nur über einen steinernen Kamin, sondern auch in Wandschränke eingelassene Waschgelegenheiten – schließlich müssen sich gläubige Muslime vor jedem Gebet mit fließendem Wasser reinigen können.

Und dann kommt die Sommer-Etage. Sie wird von zwei geräumigen Zimmern hinter den beiden Erkern bestimmt, die einen weiten Blick übers Land erlauben. Der eine Raum ist das Istanbul-, der andere das Izmir-Zimmer. Der Grund, weshalb die Räume so heißen, ist die vielleicht schönste Anekdote des Cakırağa Konağı: Des Ağas erste Ehefrau stammte aus Izmir, und damit sie ihre Heimatstadt in den Bergen nicht zu sehr vermisste, ließ er die Wände mit einem Panorama bemalen, das die Bucht von Izmir mitsamt Schiffen, Moscheen, Fort und niedlichen Häuschen zeigt. Entsprechend bekam die Gattin aus Istanbul ein so lebendiges Bild des blauen Bosporus an ihre Wände gemalt.

Am Cakırağa Konağı wird seit 1977 herumgewerkelt, seit 1993 gibt es intensive Restaurationsarbeiten, und 2012 schlug die Türkei Birgi für die Liste der Unesco-Weltkulturerbestätten vor. Die Informationen sind trotzdem spärlich. Aber bei meinem Besuch im vergangenen Jahr erzählte mir der Wärter, dass bald eine Diashow und lebensgroße Puppen den Alltag in der Villa anschaulich machen sollen. Seitdem bin ich noch fester entschlossen, wann immer es geht, auf eigene Faust durch meine Osmanische Oase zu schlendern und meine eigene Zeitreise ins Osmanische Reich des 18. Jahrhunderts anzutreten.

Iris  Alanyali
Iris Alanyali ist freie Journalistin und regelmäßige Autorin der „Welt“. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Pennsylvania und Berlin. Zuletzt erschien von ihr die erweiterte und überarbeitete Neuauflage der „Gebrauchsanweisung für die Türkei“ (Piper Verlag, München 2015) . www.piper.de

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