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Kindheitserinnerungen

Mythologie der Kindheit

Erinnerungen an Ferientage in Gdingen, das neben Danzig und Zoppot kaum bekannt ist

Antoni Libera01.07.2016

In der Dreistadt an der Ostsee habe ich als Kind meine Ferien verbracht. Das erste Mal war ich 1957 dort, als ich acht Jahre alt war. Mit meinen Eltern wohnte ich bei Bekannten in Gdingen-Adlershorst (Gdynia-Orłowo). Das Familienoberhaupt hieß Władysław. Er war ein Kenner der Seefahrt und der Ortsgeschichte.
Die Dreistadt erschien mir als riesiger und abwechslungsreicher Ballungsraum. Das alte zerstörte Danzig (Gdańsk) bildete die eine Welt. Zoppot (Sopot) mit dem prächtigen Grand Hotel, der Seebrücke und der Villenbebauung eine andere. Schließlich gab es noch Gdingen (Gdynia) mit seinen Fischersiedlungen und halbwilden Randbereichen. Das war die dritte Welt. Diese drei Welten verband eine elektrifizierte Bahnstrecke, die noch vor dem Krieg erbaut worden war und mit deutschen Schienenfahrzeugen betrieben wurde. Diese unterschiedlichen Landschaften schufen eine kindliche Mythologie.

Danziger Dreifaltigkeit
Danzig kam mir vor wie ein strenger, schwermütiger Vater mit einer tragischen Vergangenheit. Zoppot erinnerte an einen dandyhaften Sohn, der ein selbstgefälliges und dekadentes Leben führt. Schließlich gab es noch Gdingen, die „gesunde“ und sparsame Schwester, die ruhig und tüchtig, aber auch traurig darüber war, dass ihr das Schicksal nicht gewogener gewesen war. Ohne diesen poetischen Filter war die umgebende Welt grau und gewöhnlich: Die Gassen von Adlershorst, die Promenade und die kleine Seebrücke, der Strand, die Fischbraterei, der Eisstand und der Kiosk. In der Bucht verkehrten die kleinen Schiffe der Küstenschifffahrt, die noch in den dreißiger Jahren gebaut worden waren.

Władysław machte sich über meine Begeisterung lustig: „Das sind keine Schiffe, sondern Wassertaxis.“ Überhaupt gefiel ihm gar nicht, wie ich meine Ferien verbrachte. „Strand und Eis! Strand und Eis!“, wiederholte er ironisch. „Fehlt nur noch der Rummelplatz!“ – „Für Sehenswürdigkeiten ist er noch zu klein“, rechtfertigte meine Mutter ihm gegenüber meine Begeisterung. „Und überhaupt, wozu braucht er diese ganze Geschichte?“

Ich stand auf dem Balkon des alten Hauses ganz am Ende dieser Straße, der Ulica Przebendowskich, in dem während der Besatzungszeit, so erzählte Władysław, ein hoher SS-Offizier gewohnt hatte, blickte aufs Meer und hoffte darauf, dass am Horizont aus Richtung Gdingen irgendein mächtiger Frachter erscheint. Irgendwann würde ich mein Abitur machen. Irgendwann würde ich studieren. Irgendwann würde ich auf Reisen gehen. Zunächst aber stand ich einfach dort, schaute und träumte. Eines Tages, als meine Eltern für einen ganzen Tag nach Karthaus (Kartuzy) gefahren waren, holte Władysław sein altes Motorrad aus der Garage und bot mir eine Spritztour an. Natürlich war ich sofort einverstanden.

Ich dachte, dass wir nur die Umgebung abfahren und dann zurückkehren würden. Władysław bog jedoch in die Durchgangsstraße, die Aleja Zwycięstwa, ein und fuhr mit Vollgas Richtung Gdingen. Wir überholten Pferdewagen, Radfahrer und sogar Oberleitungsbusse. Bald darauf erreichten wir die Hauptstraße Gdingens, die Ulica Świętojańska, die ich vom Einkaufen kannte. Władysław bog zum Skwer Kościuszki genannten Platz ab, fuhr um ihn herum und blieb vor dem Museumsschiff „Błyskawica” stehen. „Hier warst Du sicherlich schon?“, fragte er. Ich nickte zustimmend. Hier, rings um den Skwer Kościuszki, ging man sonntags spazieren.

„Und?“, fragte Władysław spöttisch. „Der Kai, Wassertaxis und sicherlich ein Eis, richtig?” Ich konnte nicht widersprechen. „Dann komm‘ mal mit“, befahl er. „Ich zeige Dir etwas Richtiges, das bedeutender ist als dieser Jahrmarkt für Sommergäste.“ Wir fuhren in Richtung Bahnhof und weiter auf den Hafen zu. Ich verlor die Orientierung. Wir rasten durch ein Labyrinth aus schmalen Straßen, an denen verschiedene Lager, Werkstätten und Industrieobjekte standen. Ab und an kreuzten wir Gleise. Die Gegend war faszinierend: zivilisiert und zugleich wild; modern, aber dennoch heruntergekommen. Wir erreichten schließlich einen Kai und fuhren an mehreren Hafenbecken entlang, in denen Schiffe festgemacht hatten. Riesige Kräne beförderten langsam die Ladungen vom Ufer aufs Schiff oder umgekehrt.

Tor zur Welt
Mir brummte der Kopf – vom Wind, dem Brummen des Motors und den dumpfen Geräuschen des Hafens. Wir standen schließlich vor der Fassade eines Gebäudes, das an eine breite Kommandobrücke erinnerte. „Das ist der Seebahnhof“, sagte Władysław. „Hier ist der echte Hafen“, fügte er hinzu. Er nahm ein Fotoalbum aus der Tasche, zeigte mir die Bilder und erläuterte sie. „Schau, wie das früher ausgesehen hat“, blätterte er langsam die Seiten des Albums um. Am Kai lagen die legendären Überseeschiffe „Batory” und „Puławski”, aber auch andere – ausländische. Vor dem Gebäude war immer eine Menge Menschen. Auf beiden Seiten verliefen Gleise, auf denen Güterzüge mit großen Dampflokomotiven Halt machten. Das Leben pulsierte. Man hörte Stimmengewirr, Rufe, das Pfeifen der Lokomotiven und Schiffssirenen.

„Die dreißiger Jahre“, erklärte Władysław. „Das war hier eine blühende Zeit. Das Bauwerk wurde 1933 fertiggestellt. Ich erinnere mich an die feierliche Eröffnung. Eine Gedenktafel für Piłsudski, eine weitere für den Präsidenten. Es gab die berühmte „Gdynia America Line“. Und hier die „Versandgesellschaft Warta“. Eine Fläche von über fünftausend Quadratmetern. Sonntags wurde eine Messe für die Hafenarbeiter gelesen und für die Elite wurden Silvesterbälle veranstaltet! Hier verließ Witold Gombrowicz 1939 für immer sein Heimatland. Das war ein Schriftsteller, von dem Du sicherlich nie gehört hast, denn er ist in der Emigration geblieben. Jetzt sieh‘ Dir an, was davon übrig ist, was sie daraus gemacht haben...“

Ich schaute und nickte dabei mit dem Kopf, als ob ich verstanden hätte. „Obwohl jetzt zumindest“, setzte Władysław fort, „hier etwas los ist! Aber zu Beginn der fünfziger Jahre? Eine reine Wüste mit Stacheldrahtverhau und Wachposten mit geladener Waffe. Einmal im Monat gab es eine gespenstische Szene, als das Schiff „Batory” in See stach: ein Orchester spielte, es wurde eine Menschenmenge gebildet und Würdenträger hielten Ansprachen. Aber an Bord war kein einziger Mensch! Denn wer sollte in den Westen reisen und wozu? Passagiere betraten erst in Kopenhagen und Southampton das Schiff. So viele Plätze!“ Er schwieg und machte ein seltsam trauriges Gesicht.

So standen wir dort noch eine Weile. Schließlich gingen wir ohne ein Wort langsam zum Motorrad, das an irgendein Geländer angeschlossen war. Am Maschendrahtzaun bemerkte ich ein schief hängendes Schild mit dem Straßennamen und der Hausnummer. Es besagte stolz: „Polska 1”.

Antoni Libera
Antoni Libera ist einer der bekanntesten Schriftsteller, Übersetzer und Literaturkritiker Polens. Sein Roman „Madame“ wurde in 20 Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschien er zuletzt im dtv. www.antoni-libera.pl

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