15.09.2014

Die Geschichte einer schwierigen Beziehung 

Polen und Westeuropa

Antoni Libera

Vom Westen Europas oftmals ignoriert, hat sich unser östlicher Nachbar in den vergangenen Jahren beachtenswert entwickelt. Vor allem die Hauptstadt Warschau ist längst eine pulsierende Metropole. Die Beiträge des Titelthemas der September-Ausgabe widmen sich einem Land und einer Gesellschaft, über die die Deutschen immer noch zu wenig wissen – obwohl deren Schicksal ganz wesentlich mit dem unsrigen verbunden ist.

Die Stellung Polens in Europa war seit Bestehen des Landes zwiespältig. Auf der einen Seite entstand es als eine Nation, die 966 die Taufe von Rom empfing und organisch zum lateinischen Westen gehörte und nicht, wie andere slawische Völker, zum orthodoxen Osten. Andererseits wurde das am östlichen Rande des Westens gelegene Land dadurch, dass die Taufe aus Tschechien und nicht aus Deutschland kam, langsamer in die Mitte integriert. Diese Sachlage wird in der polnischen Historiographie als die Vorsehung des Schicksals dargestellt: „Rom hat uns vor dem russisch-orthodoxen Osten geschützt, das slawische Tschechien hingegen – als Vermittler und Verbündeter – unterstützte uns bei dem Widerstand gegen die damals starke germanische Dominanz“, heißt es.

Im Mittelalter, als die europäischen Völker ihre Identitäten gestalteten und ihre staatlichen Strukturen stärkten, war diese doppelte Verankerung sicherlich günstig. Seit dem Ende des 16. Jahrhunderts, als Europa, der Reformation folgend, vom Feudalismus zum Kapitalismus überzugehen begann, wurde dies dann nicht mehr so selbstverständlich. Damals fehlte es nicht nur an einer Kraft, die Polen in den Lauf des gesellschaftlichen und strukturellen Wandels ähnlich eingebunden hätte, wie es 600 Jahre zuvor der erste König Mieszko I. getan hatte. Es kam auch hinzu, dass die Reformation nicht angenommen und sogar abgelehnt wurde. Polen blieb ein anachronistischer, feudalistischer Moloch. Und gerade dies bewirkte eine langsame, doch stetige Regression, die zusammen mit anderen Problemen das Land in eine zivilisationstechnische Ineffizienz führte und mit der Zeit dann zum politischen Kollaps.

Als Westeuropa Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts in die Phase des dynamischen Kapitalismus eintrat, nahm das damals nicht existente Polen an diesen Wandlungen nicht mehr als Subjekt, sondern als ein ausgebeuteter Vasall teil. Der Westen erlebte währenddessen seine aus dem Geist der Renaissance und anschließend der Aufklärung rührende Großreform. Anfangs bestand sie, trotz diverser Widerstände und blutiger Konflikte, aus einer Reihe von Erfolgen. Zeitgleich reifte mit der fortschreitenden Säkularisierung die szientistische Weltanschauung, und auf dieser Grundlage entwickelten sich unterschiedliche Theorien und Utopien, die das Bild des Universums und des Lebens auf der Erde radikal änderten. Letztendlich wurde dieser Prozess durch vier wissenschaftliche Konzepte vom Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts ergänzt: Darwinismus, Marxismus, Psychoanalyse und die Relativitätstheorie. Sie markieren einen Wendepunkt im Denken des Menschen über sich selbst. In dieser geistigen Sphäre nahm eine metaphysische Mutation ihren Anfang, die wir metaphorisch als „Entzauberung der Welt“ bezeichnen oder einfach Entsakralisierung. Damals hat sich der Mensch gewissermaßen mit eigenen Händen in der Ordnung der Natur entmachtet, indem er sich von der Krone der Schöpfung auf eine zufällige und absurde materielle Hybris herabsetzte.

Die Spuren des 20. Jahrhunderts

Der Höhepunkt dieses Denkens wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreicht. Westeuropa kam aus den historischen Katastrophen, die die totalitären Systeme und Weltkriege mit sich brachten und zweifelsohne die Ursache dieser metaphysischen Mutation waren, benommen, entsetzt und moralisch hilflos heraus. Es war bereits klar, dass man auf dem Szientismus kein sicheres Königreich des Menschen aufbauen kann, da diese Möglichkeit keinen absoluten Sinn garantiert, der mit dem religiösen im Wettbewerb stehen könnte. Da die Nazis besiegt und ihre Verbrechen offenkundig wurden, sind sie zum Hauptschuldigen und -angeklagten in der enormen Gewissenserforschung geworden, die das verletzte Europa nach dem Zweiten Weltkrieg gemacht hat.

Der Kommunismus hingegen, das andere Monstrum, das aus dem Baum der Aufklärung erwuchs, hatte nicht nur verloren, sondern breitete sich in außergewöhnlichem Maße unter der Schirmherrschaft des dreisten Kremls aus und wurde zu einem relevanten Bezugspunkt, der einige Funktionen zeitgleich erfüllte. Vor allem als eine Macht, die zur Bekämpfung des Faschismus beitrug, wurde es durch den Westen als ein gesunder Ast betrachtet, den es zu pflegen wert war. Doch während die westlichen Regierungen den Kalten Krieg mit dem „sozialistischen Lager“ führten, zeigten sich die westlichen Gesellschaften, vielfach dominiert durch linke Tendenzen, überwiegend wohlwollend gegenüber der UdSSR.

Dort, im „sozialistischen Lager“, war die Heuchelei des Westens, der einerseits das eigene geistige Elend, den Fetisch des Konsums und den Verfall der Phantasie beklagte und von einer Wiedergeburt durch eine Revolution träumte, sich andererseits aber mit der Freiheit und dem Wohlstand brüstete, besonders groß. Offiziell unterstützte man oppositionelle Bewegungen, bewunderte Freiheitsauflehnungen, sprach den Dissidenten Mut zu – und erklärte zugleich, dass die Gesellschaften hinter dem Eisernen Vorhang möglicherweise noch nicht perfekt seien, aber dennoch bereits das erreicht hätten, was es im Westen immer noch nicht gab: die sozialistische Demokratie. Über viele Jahre wollte man gar nicht, dass sich die von Sowjetrussland unterworfenen Länder von dieser Dominanz befreiten, da man vorausahnte, zu welcher Belastung sie nach der Befreiung geworden wären.

Kräfte des Aufbegehrens

Man muss betonen, dass zum Fall des Kommunismus im Westen nicht die linken Mächte, sondern die konservativen beigetragen haben: Auf der einen Seite war das die Regierung von Ronald Reagan, der pausenlos von unterschiedlichen „fortschrittlichen“ Milieus wegen seines Kampfes mit dem „Imperium des Bösen“ angeprangert wurde, und auf der anderen die für ihren Konservatismus kritisierte katholische Kirche, die 1978 einen Polen zum Papst gewählt hatte. Damals begann das interessanteste Kapitel der hier geschilderten Geschichte. Das gegen das totalitäre Regime immer kühner rebellierende Polen erweckte am Anfang eine enorme Sympathie und Bewunderung in den Augen des Westens. Sein Kampf wurde natürlich als Erfüllung der Freiheits- und Unabhängigkeitsbestrebungen angesehen. Als „Revolution der neuen Generation“ wurde der Massenwiderstand in Polen von den intellektuellen Eliten im Westen interpretiert – eine Revolution, die sich im Schoß des zwar entarteten, dennoch „fortschrittlichen Lagers“ abspielte und lediglich gegen die erstarrte und korrupte Nomenklatura gerichtet war und nicht gegen die aus Prinzip richtigen Grundsätze des wissenschaftlichen Sozialismus.

Dieses Bild änderte sich jedoch allmählich, und zwar spätestens mit der ersten Pilgerfahrt des Papstes nach Polen und sicherlich mit der Entstehung von Solidarno?? im August 1980. Der Westen war über die im Gebet vertieften Menschenmassen während der von dem Papst abgehaltenen Messen verwundert und konnte nicht begreifen, dass der Anführer der streikenden Werftmitarbeiter, der Proletarier Wa??sa, anstatt eines klassischen Symbols des Arbeiterkampfes am Revers seiner Jacke ein Bild der Muttergottes stecken hatte, von dem er sich nie trennte. Nach der Verhängung des Kriegsrechts erweckte das Phänomen der polnischen Religiosität durchaus Interesse und sogar eine gewisse Faszination. Doch allmählich und immer öfter wurde darin vor allem ein Fundamentalismus gesehen.

EINe UNVERSÖHNTE GESELLSCHAFT

Nach der Wende 1989 und einer kurzen damit verbundenen Euphorie kam im Westen schnell wieder das alte Vorkriegsstereotyp von Polen zum Tragen – das eines rückständigen und dabei noch hinterwäldlerischen und klerikal geprägten Landes mit nationalistischen Ambitionen. So wie man vor dem Krieg den Sieg von Josef Pi?sudski über die Bolschewisten hartnäckig überging, seine Aufrufe zum präventiven Krieg gegen Hitler unterschätzte und ihm stattdessen gern seine autoritäre Herrschaft, seine Sehnsucht nach der Großmacht und den Antikommunismus vorhielt, so wurde Polen jetzt einer antirussischen Phobie und des Traditionalismus bezichtigt. Lob gab es ausschließlich für die einen oder anderen Linken, wobei es keine Rolle spielte, dass es Pseudolinke waren – umgefärbte Kommunisten wie auch Liberale haben doch mit den traditionellen Linken wenig gemeinsam.

Dieses schematische Bild des Westens von Polen wurde im Lande selbst von denjenigen Milieus aufgegriffen, die in der ersten Umwandlungsphase an die Macht kamen. Über die Medien, die ihnen zur Verfügung standen und die sie beinahe restlos beherrschten, haben sie eine schwarz-weiße Propaganda betrieben: Alles, was mit der gegenwärtigen politischen Linie nicht deckungsgleich war, wurde als „reaktionäre Mächte“, „Hinterwäldlertum“, „Nationalismus“ und ähnliches angeprangert. Die Folgen waren kontraproduktiv.

Denn die wirklich obstruktiven, frustrierten und xenophoben Kräfte wurden dadurch nicht eliminiert oder mindestens geschwächt, sondern wurden in Reaktion auf die Arroganz und Demütigungen gestärkt und haben sich stabilisiert. Die linksliberale Macht hat, anstatt die unterschiedlichen Teile der pluralistischen Gesellschaft auszusöhnen und zu vereinen, anstatt solide Kompromisse im Geiste der besungenen Toleranz vorzuschlagen, die Antagonismen gestärkt und negative Emotionen entfacht. Die schlechteste Folge dieses Spiels, das hauptsächlich den Interessen des Machtlagers diente, war die Verächtlichmachung jener Modernisierungsideen und -praktiken, die Polen braucht.

Heute, im Lichte der Reaktivierung der imperialistischen Politik Russlands und angesichts seiner militärischen Aggression gegen die Ukraine und einer forcierten antiwestlichen Propaganda, sieht man die geistigen Schwächen und die Naivität der Europäischen Union, die die wirklich großen Gefahren für die Demokratie aus den Augen verloren hat, indem sie über Jahre hinweg die Ideologie der politischen Korrektheit kultivierte. Es stellt sich heraus, dass die immer wieder aus Polen geschickten Warnungen vor dem imperialistischen Begehren Russlands durchaus kein Ausdruck der berüchtigten polnischen „Russophobie“ waren, sondern ein berechtigter Aufruf zur Besinnung und zur Rückkehr zum gesunden Menschenverstand.

Erschienen in Rotary Magazin 9/2014

Antoni Libera
Antoni Libera ist einer der bekanntesten Schriftsteller, Übersetzer und Literaturkritiker Polens. Sein Roman „Madame“ wurde in 20 Sprachen übersetzt. Auf Deutsch erschien er zuletzt im dtv. www.antoni-libera.pl

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