30.09.2015

Miteinander verschiedener Kulturen 

Lob der Parallel­gesellschaft

Iris Alanyali

Gedanken zur Identität unserer Gesellschaft, die sich nicht nur in diesen Tagen auf dramatische Weise verändert, sondern auch in der Vergangenheit immer wieder fundamentalen Wandlungen unterlag.

Als kleines Mädchen habe ich viele Wochenenden in einem gefährlichen Soziotop verbracht. Regelmäßig schoben mich meine verantwortungslosen Eltern in eine Zwei-Zimmer-Wohnung in Maichingen ab. Maichingen ist ein beschaulicher Stadtteil meines Geburtsortes, der schwäbischen Mercedes-Stadt Sindelfingen. Freitags nach der Schule stand ich in einem düsteren Treppenhaus, in dem es anders als zuhause nach Essen roch und vielen Kindern klang. Wenn ich den Klingelknopf drückte, verdunkelte sich das Gucklock im Holzfurnier der Eingangstür. Dann drehte sich ein Schlüssel, eine Tür öffnete sich, und meine türkische Großmutter schloss mich begeistert in die Arme, kurz darauf zur Seite geschoben von ihrer Schwester.

Unter der Woche war ich ein ganz normales Sindelfinger Schulkind. Mit Hausaufgaben, schwäbischen Freundinnen, deutscher Hausfrau und Mutter, Kassler zu Mittag und „Ein Colt für alle Fälle“ im Vorabendprogramm. In Maichingen aber war ich „unser Augenstern“, war die Tochter des einzigen Sohnes, den Oma und Großtante in Izmir gemeinsam aufgezogen hatten. Zur Begrüßung gab es sirupgetränktes Gebäck mit Mandeln und Pistazien, manchmal durfte ich dazu vom stark gesüßten türkischen Kaffee schlürfen, den meine Großtante mir in ihre goldverzierte Untertasse schüttete, damit er schneller abkühlte. Danach würde ich vielleicht rausgehen und mit den kurdischen Nachbarskindern spielen. Und später spielte ich drinnen auf dem Wohnzimmerteppich, wo ich mein halbes Kinderzimmer ausbreiten durfte, das ich mitgeschleppt hatte. Nur eine Ecke ließ ich frei – dort breitete meine Großmutter fünf Mal am Tag ihren Gebetsteppich aus und neigte sich fremde Worte murmelnd gen Mekka.

Zwei Welten in einer

Manchmal fuhr ich mit Oma und Großtante einkaufen, der Maichinger Edeka machte Spaß, weil ich dort übersetzen konnte und mir ungeheuer wichtig vorkam. Aber manchmal fuhren wir auch zum türkischen Metzger nach Sindelfingen. Stundenlang saßen die beiden dann auf den vor der Theke bereitstehenden Stühlen, tauschten mit Metzgermeister Süleyman Neuigkeiten aus, während er ihnen von der am Haken baumelnden Kuh die gewünschten Fleischstücke absäbelte und ich mich schrecklich langweilte. Abends guckten wir dann jugendfreie Liebesfilme aus der türkischen Videothek. Oma summte selig die Melodien der zahlreichen Gesangseinlagen mit, und meine nie verheiratete Großtante pries die schüchterne Keuschheit der blonden Heldin.

Viel später bekam das, was ich mangels treffender Beispiele in der Literatur mein „Türkisches Bullerbü“ nennen würde, ein Fachwort: Parallelgesellschaft. Politikwissenschaftlich bezeichnet der Begriff den freiwilligen, auch räumlichen Rückzug einer ethnisch homogenen Minderheit aus der sozialen und kulturellen Lebenswelt der Mehrheit. Im Volksmund bedeutet Parallelgesellschaft bekanntlich: Ehrenmord, Zwangsheirat, Fundamentalismus, Fanatismus – die Totalverweigerung undankbarer Neuzugänge gegenüber den Regeln der Alteingesessenen. Das Wort ist längst zum popsoziologischen Kampfbegriff geworden.

Vielleicht aber ist es Zeit, Parallelgesellschaften nicht als Bedrohung, sondern als Chance zu begreifen. Ich hatte das Glück, nur an einer Türe klingeln zu müssen, um erleben zu dürfen, dass die Welt nicht nur aus dem winzigen Aktionsradius meines Alltags besteht. Dass Menschen, deren Gewohnheiten mir sehr fremd sind, mir doch ganz nahe stehen können. Es ist mir ganz selbstverständlich, dass man wie meine Großmutter fünf Mal am Tag beten kann und deshalb kein verknöcherter Moralapostel sein muss, und dass man wie meine Mutter eine Kirche aus Prinzip nicht betreten wollen und trotzdem ein anständiger Mensch sein kann. Und natürlich weiß ich, dass Lammkoteletts und gefüllte Auberginen ein genauso normales Mittagessen sind wie Kassler. Ja, die Küche fremder Länder wissen wir alle zu schätzen. Und wenn die Parallelgesellschaft als Touris-tenattraktion daherkommt, in Gestalt von Chinatown in New York oder Kreuzberg in Berlin, dann wollen wir sie unbedingt bewahren. Wieso fällt es uns so schwer, sie als fruchtbares Biotop zu begreifen, die auch das Miteinander unseres multinationalen Alltags erleichtern kann?

Anforderungen an die Einwanderer

Den transzendentalen Rahmen hat der moderne Mensch längst verloren. Unter dem Druck der Globalisierung, aufgrund wirtschaftlicher Zwänge oder kriegerischer Auseinandersetzungen kommt immer mehr Menschen auch die Heimat immer weiter abhanden. Doch ist in einer Welt, die mit dem Argument der globalen Wettbewerbsfähigkeit eine an Selbstverleugnung grenzende Flexibilität ihrer Bewohner verlangt, Nivellierung als ultimative Demokratisierung feiert und Rituale nur begreift, wenn sie als Fitness-App daherkommen, ist in einer solchen Welt die Errichtung einer Oase der Vertrautheit, die Identität und Kontinuität vermittelt, nicht ein zutiefst menschliches Bedürfnis?

Irgendwann habe ich natürlich auch erkannt, dass das türkische Fernsehen und der türkische Metzger und die türkische Zeitung meinen Märchentanten, unterstützt vom vollassimilierten Sohn und seiner Familie, ein sehr bequemes Leben ermöglichten. Die paar Brocken Deutsch, die sie gelernt hatten, verkümmerten. Und das, obwohl es meine Oma war, die immer ein türkisches Sprichwort zitierte, wenn sie mich mit meinen beiden Sprachen jonglieren sah: „Her lisan bir insan!“, pflegte sie verzückt zu rufen – „jede Sprache ein Mensch“. Jede Fremdsprache bedeute nicht nur das Erlernen fremder Wörter, sondern ermögliche Einblicke, die aus dem Schüler einen neuen Menschen machten.

Ich halte deshalb aber nicht nur das Erlernen der Sprache des Landes, in dem man lebt, für eine Selbstverständlichkeit. Es gibt auch keinen vernünftigen Grund, seine Muttersprache aufzugeben, nur weil man seine Heimat verlassen hat. Niemand kommt auf die Idee, Amerika für ein Land unpatriotischer Weicheier zu halten, weil dort Spanisch erste Fremdsprache ist. Wenn Deutschland Türkischunterricht anbietet, bedeutet das entsprechend kein Einknicken vor der ignoranten Selbstherrlichkeit der Eindringlinge. Es bedeutet vielmehr, dass man die lebendige Präsenz einer Fremdsprache im eigenen Land als Inspirationsquelle begreift. Dass man die Wände zwischen Parallel- und Kerngesellschaft durchlässiger macht.

Parallelgesellschaften sind neben identitätsstiftenden Refugien oft auch die Reaktion auf die misstrauische Abwehrhaltung der anderen. Schon deshalb ist deren Interesse an der Lebenswelt der Zugezogenen ebenso wichtig wie die Anpassungsbereitschaft der Neuankömmlinge. Dass eine Heimat fern der Heimat oft strikter, starrer und einförmiger ist als das Original, liegt in der Natur einer aus tiefer Sehnsucht erstellten Kopie. Natürlich rechtfertigt Heimweh keine Kriminalität. Doch dafür müssen keine migrationswissenschaftlichen Schreckensszenarien entworfen werden. Dafür gibt es die Gesetze. Es ist nie „die Parallelgesellschaft“, die den Sozialfrieden bedroht – es sind einzelne Rechtsbrecher, die eine Straftat begehen.

Identität in einer globalisierten Welt

Meine Großmutter und Großtante sind längst gestorben. Aber ihr Bedürfnis nach Heimat ist mir vertrauter denn je. Denn seit einiger Zeit lebe ich mit meinem amerikanischen Mann in den USA. Aber was bedeutet so ein Umzug heutzutage schon: Im Internet lese ich deutsche Zeitungen, höre weiterhin meinen Berliner Lieblingsradiosender, meine Söhne schauen deutsches Kinderfernsehen, und wenn mir nach einem deutschen Roman ist, landet er innerhalb weniger Sekunden auf meinem E-Book-Reader. Doch ich werde immer ein wenig wehmütig, wenn ich den Berliner Verkehrsmeldungen lausche. Und wenn meine Jungs „Wickie und die starken Männer“ nicht mit der gleichen Begeisterung gucken wie ich früher, dann nehme ich das persönlich. „Wickie“ ist jetzt nicht einfach nur eine Zeichentrickserie von vielen – sie ist ein kulturelles Erbgut, das die Söhne mit den Wurzeln ihrer Mutter verbindet.

Und dann ist da noch Aldi. Der Supermarkt sieht genauso aus wie in Deutschland. Eine überschaubare Auswahl, die sich in schmucklosen Regalen stapelt. Aber wenn ich hier einkaufe, könnte man meinen, ich flanierte durchs Schlaraffenland. So glückselig ist mein Grinsen, so groß meine Begeisterung für Bratwurst zum Oktoberfest und Adventskalender vor Weihnachten. Dabei mag ich keine Bratwurst und rümpfe in Deutschland über Aldi-Schokolade die Nase. Es ist nur so beruhigend, beides in der Nähe zu wissen. Natürlich ist der gelegentliche Einkauf beim Discounter noch kein Rückzug in die Parallelgesellschaft. Wofür er vielmehr steht – und das unterscheidet ihn kaum vom Besuch eines Gesangsvereins oder Heimatabends, ist das Gefühl der Vertrautheit, und das verstärkte Bedürfnis danach in der Fremde. Ein Aldi in einer amerikanischen Kleinstadt oder ein Lidl auf Zypern ist nicht einfach nur ein Supermarkt, sondern ein kleiner Heimatausflug an einen Ort, der ausschließlich dadurch, dass er sich eben nicht in der Heimat befindet, seine hohe Symbolkraft gewinnt.

Als Kind der achtziger Jahre hat das Wort „Multikulturalismus“ für mich einen unauslöschlich albernen Beiklang. Es klingt nach Straßenfesten und Anti-Atomkraft-Buttons und den Jutetaschen der Friedensbewegung – er ist die unreflektierte Begeisterung der einen Parallelgesellschaft für eine andere. Ich mag dagegen den Begriff der „Multioptionsgesellschaft“, die der Soziologe Peter Gross Mitte der Neunziger einführte, um die Überforderung des Individuums angesichts der Verheißungen der Moderne und ihres Fortschrittswahns zu beschreiben. Der von ihm durchaus kritisch gebrauchte Begriff lässt sich leicht positiv besetzen. Ohne die Schwierigkeiten zu verleugnen, die die erforderliche hohe „Differenzakzeptanz“ mit sich bringt, sieht Gross im Geltenlassen des Anderen die Chance, vom „Primat der Zukunft auf das Primat der Gegenwart“ umzustellen – ein konstruktives Innhalten, das sich an die Stelle der lähmenden Angst vor der Zukunft setzt.

Optionen statt Multikulti

Vor allem aber impliziert das Element der Option neben dem multikulturellen Nebeneinander eine Durchlässigkeit der Grenzen, eine Wahlmöglichkeit sowohl der Mitglieder der Parallel- als auch der Aufnahmegesellschaft. Die hybride Identität vieler Einwanderer zweiter oder dritter Generation, die sich selbstbewusst zwischen den kulturellen Räumen ihrer Vorfahren und ihrer Mitbürger bewegen, wird dann zum Vorbild für das Miteinander aller in der Multioptionsgesellschaft des 21. Jahrhunderts. 

Erschienen in Rotary Magazin 10/2015

Iris  Alanyali
Iris Alanyali ist freie Journalistin und regelmäßige Autorin der „Welt“. Sie lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Pennsylvania und Berlin. Zuletzt erschien von ihr die erweiterte und überarbeitete Neuauflage der „Gebrauchsanweisung für die Türkei“ (Piper Verlag, München 2015) . www.piper.de

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