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RI Convention 2014

Auf nach Sydney

RI Convention 2014 - Auf nach SydneyFotostrecke: Auf nach Sydney
Dieses Känguru hat in der nächsten Zeit keine großen Sprünge geplant © RI

22.11.2013

„Darf ich mitkommen?“ Das war die erste Frage aus Georges Mund, als ich ihm erzählte, dass ich nach Australien reisen würde. Mein 14-jähriger Sohn ist voller Enthusiasmus – und ein exzellenter Reisekumpan. Wir waren bereits einige Male in Europa zusammen, er kann schweres Gepäck schleppen, findet sich in Airports schneller zurecht als ich und er ist ein Bluthund am Gepäckband. Er ist Gaumenabenteuern nicht abgeneigt, macht Tausende von Fotos, und ist manchmal einfach unglaublich witzig.

Doch ich warne ihn vor dem langen Flug. Ich nehme ein Buch mit, ist seine Antwort. Länger als die 10 Stunden von Zürich nach Chicago. „Ok, ich nehme zwei Bücher mit“. Ich wusste ja, wie das enden würde. Er hatte schone eine Antwort auf jede meiner Bedenken parat. So ist er halt. Also sagte ich ja.

Das letzte Mal war ich vor 25 Jahren in Sydney. Ich fand die Stadt wunderschön. Dieses Mal, mit George, erlebte ich sie aber anders. Die Stadt war nicht nur weiter gewachsen und gediehen, ich wollte sie auch mit den Augen eines Erstbesuchers sehen. Was George bemerkte, drückte er mit dem Understatement eines Teenagers aus. Für so lange Reisen kann ich nur empfehlen, Familie mitzunehmen.

Wir verließen Chicago am Samstag um 17.00  und kamen am Montag um 6.30 Uhr morgens an (den Satz muss ich mir erst einmal vergegenwärtigen). Wir erhielten unser Gepäck und machten uns auf zu unserem Hotel. Zum Glück durften wir im Four Seasons absteigen. Was in bequemer Nähe zum Circular Quay, zum Zentrum, zu den Rocks und zu allen Museen und Sehenswürdigkeiten liegt. Zunächst wollten wir erst mal unseren Tagesrhytmus anpassen. Eigenartigerweise verursachte die Reise eine ganz besondere Art von Jetlag, anders als etwa eine Reise nach Europa. Vielleicht liegt es daran, dass man auf dem 19-stündigen Flug die Datumsgrenze überfliegt. Jedenfalls ist eine subtilere Art von Zeitverwirrung. So verbrachten wir den Morgen damit, im ältesten Viertel Sydneys mit Namen The Rock herumzuschlendern und uns zu orientieren. Das half auch gegen den steifen Nacken vom Flug. Dann machten wir eine Captain Cook Hafenrundfahrt, bei der es auch Mittagessen gab. Ich glaube, es gibt keine bessere Art, sich einen Überblick über die Stadt zu verschaffen, mit der Oper, der Harbour Bridge, Fort Denison und den anderen Inseln, den Residenzen von Generalgouverneur und Premierminister, den prunkvollen Häusern am Steilufer des Hafens. Und es gibt bestimmt keinen besseren Weg gegen Reisekater, als draußen auf dem Wasser zu sein.

Außerhalb von Sydneys Geschäftszentrum lernt man die verschiedenen Nachbarschaften am besten mit einem Stadtführer kennen. Am besten mit einem Reiseführer. Unserer hieß Richard Graham und fuhr uns in einem 1964er Holden (dem klassischen australischen Auto) herum, während er uns die Feinheiten der Umgebung erklärte. Seine Firma, My Sydney Detour, bietet drei-, vier- und fünfstündige Stadtrundfahrten an, die durch das Künstlerviertel Redfern und die Südküste, Bondi Beach, Bronte Beach, Dover Heights und Watsons Bay führen. Wir blieben etwas in Redfern, das so etwas ist wie Brooklyn für Manhattan, wenn der Vergleich gestattet ist. Richard scheint alles und jeden zu kennen. Dabei bleibt er aber sehr gelassen und nur seine Begeisterung für Stadt, Strand und Busch ist ansteckend. Auch verfügt er über die Begabung, Vorlieben seiner Tourgäste aufzuspüren und die Route danach zu bestimmen.  Die Zeit mit ihm lohnt sich, nicht nur wegen der Ausblicke auf die Stadt, die man wahrscheinlich selbst nie gefunden hätte.

Die Rocks Dreaming Aboriginal Heritage Tour ist eine faszinierende 90-minütige Einführung in die Geschichte der australischen Ureinwohner, den Aborigines. Hier lernt man, die Natur mit den Augen der ersten Bewohner des australischen Kontinents zu sehen, und erfährt über Naturmedizin, Werkzeuge, die Jagd und die Lebensstrategien der Menschen, bevor die Europäer kamen. Am Eingang zu Cadmans Cottage, dem ältesten Gebäude Sydneys, wird man von einem eingeborenen Führer begrüßt. Dann zeigt er uns die Vegetation. Ein langes dünnes Blatt einer Pflanze wird zu einem Pinsel. Er zerdrückt ein anderes Blatt, das gegen Magenbeschwerden hilft. Und etwas schnell von ihm pulverisiertes Harz dient als Antiseptikum (und als Klebstoff, wenn ich mich recht erinnere!). Aus Spinnweben wird ein Notverband und ein anderes Blatt wird zu einer Flöte, um Schlangen zu vertreiben. Bei dem Rundgang weist er auch auf die ältesten Teile der Sandsteingebäude hin, und wie die ersten Siedler ihren Mörtel aus zerstoßenen Muscheln machten. Manche sind noch fossilisiert ganz im Gestein zu sehen. Wir erhalten auch eine Lektion in Ocker als Grundfarbe für alle Aborigine Kunst, bei der Farbtöne zum Teil auch mit Blut fixiert wurden. Und er zeigt uns, wie sich die Werkzeuge, Jagdtechniken und Überlebensstrategien alles der natürlichen Umwelt zunutze machen. Es ist ein wunderbarer, leichter Rundgang, und er verändert die Perspektive – und den Blickwinkel auf die Stadt. 

Boote und Fähren gehören unvermeidlich zum Transportnetz von Sydney, versuchen Sie daher auch einen Vor- oder Nachmittag an Bord eines der Segelschiffe, die hier Touren anbieten. Bei manchen können Sie sogar in den Mast klettern. Oder sie lassen einfach die Skyline an sich vorbei gleiten, mit einem kühlen Drink in der Hand. So kann man die City genießen und zugleich mehr über die Geschichte der Stadt erfahren. Unser Schiff legte zum Mittagessen an Goat Island an, wo im 18. und 19. Jahrhundert das harte Leben einer Sträflingskolonie regierte.  

The Opera House

George fand, dass das Operngebäude das „coolste“ war, das er je gesehen hätte. Und wir sahen erst, wie cool es wirklich war, nachdem wir darum herumgingen. Fast erkennt man das Design der berühmten Oper auf den ersten Blick nicht. 1957 gewann der junge dänische Architekt Jørn Utzon eine internationale Ausschreibung mit seinem Entwurf einer kühnen Struktur, die wie Segel anmuteten und „Segmente aus einer Sphäre“ sein sollten. Die Bauarbeiten gestalteten sich ungeheuer schwierig, da das Design fast nicht realisierbar war. Es waren zum Teil nie dagewesene Ingenieursleistungen notwendig, um seine Vision realisieren zu können. Heute enthält das Gebäude über 1000 Räume, darunter sechs Theatersäle mit Bühnenräumen, Probenräume, Garderoben, und vieles mehr. Wir buchten die Frühtour um 7 Uhr durch die Bühnenräume, und erfuhren über all die Probleme und Triumphe des Gebäudes, das ursprünglich in vier Jahren für 7 Millionen australische Dollar gebaut werden sollte (es dauerte schließlich 14 Jahre und verschlang 102 Millionen!) Architekt Utzon zerstritt sich darüber auch mit dem Management und verließ das Projekt vor seiner Fertigstellung. Und er sah nie sein vollendetes Werk. Sein Sohn ist jedoch an heute notwendig werdenden Renovierungsarbeiten beteiligt. Man erzählt uns, dass diese notwendig würden, weil viele räumliche Entscheidungen kurzsichtig waren oder schlecht ausgeführt wurden. Der Hauptorchestersaal sollte der Opernsaal sein und umgekehrt. Die Orchesterdecke ist so majestätisch hoch, dass das Sekundenecho den Musikern eine akustische „Ohrfeige“ verpasst. Eine Reihe von Akustikplattformen und Leiterplatten helfen nun dem Problem ab. Dafür hat die Opernhalle eine nur flache Proszeniumsbühne, die den Orchestergraben überragt. Es ist mit Fernsehkameras ausgestattet, damit die Musiker in der letzten Reihe auch den Dirigenten sehen können. Die Horngruppe muss separat hinter Plexiglas sitzen, damit sie nicht den Rest des Orchesters übertönt. Meine Kinder haben Opern besucht, seit sie fünf sind. Sie mögen sie jetzt sogar! George und ich sahen in Sydney Tosca, in der siebten Reihe Mitte, und Yonghoon Lee als Mario Cavaradossi war dröhnend großartig. Ich weiß jedoch nicht, wie der Klang auf den entfernteren Sitzen war. Übrigens gibt es in keinem der Räume Gänge, so dass man über viel mehr Beine steigen und sehr viel öfter „Excuse me“ sagen muss als in anderen Häusern.

Sydney Harbour Bridge

Bei unserer Hafentour bemerkten wir winzige Figuren an den mächtigen Brückenpfeilern. Es waren einige der drei Millionen Besucher, die den berühmte Sydney Harbour Bridge Climb mitmachten.  Man kann diese Brücke nämlich besteigen, allerdings ist der Aufstieg nicht für jedermann. Der Reiseführer Loneley Planet stuft das Abenteuer als eines der Top-10-Adrenalin-Schübe der Welt ein. Am höchsten Punkt, 140 Meter über dem Hafen, bietet sich ein einmaliges Rundumpanorama. Zuvor muss man seine Kamera abgeben, einen speziellen Kletteranzug anziehen, einen Alkoholtest machen, durch einen Metalldetektor gehen und einen Versicherungsverzicht unterzeichnen. Was könnte also schon schiefgehen. George und ich verzichteten jedoch. Höhen machen uns nichts aus. Nur das Runterschauen! Als Alternative für die Kletterei kann man aber auch die beiden Türme an den Brückenenden besteigen – und fast den gleichen Ausblick genießen. Ohne Sicherheitsmaßnahmen – und mit der eigenen Kamera.

Taronga Zoo

Schneeleoparden sind Georges Lieblingstiere. Australiens berühmter Taronga Zoo hat ein Paar. Aber noch mehr wollten wir die ganz besondere australische Tierwelt aus der Nähe sehen. Auch der Weg dahin macht Spaß: mit einer Fähre vom Circular Quay und dann der Sky Safari gelangt man zu Australiens berühmtem Zoo, der 4,000 Tiere beheimatet. Besonders zu empfehlen ist die Wild Australia Experience, die einem Koalas, Kängurus und Emus nahebringt. Letztere nahmen auch Futter aus der Hand an, wobei zu bemerken ist, dass Emus bemerkenswert weiche Schnabellippen haben. In der Nightlife Ausstellung durften wir hinter die Kulissen und in die Küche schauen, mit der Käferkiste und den aufgetauten Mäusen, die die Eule entzückten. Wir können das bestätigen, und auch, dass die Eule sehr gute Umgangsformen zeigte.


Essen

Sydney nennt eine Unzahl wunderbarer Restaurants sein eigen, aber man sollte unbedingt eines der Fischrestaurants besuchen, die alle die reiche lokale Küche der Küste anbieten: die Riesengarnelen haben mit Sicherheit eine unvermeidliche Verbindung mit dem Barbie, wie der Grill auf australisch heißt. Man findet auch Muscheln, Rotbarbe, Hummer und Barramundi-Barsche auf dem Speiseplan. Und auf dieser Reise versuchte George auch seine erste Auster. Es war eine dunkle, salzige, streng im Geschmack und doppelschalig. Ich riet ihm, es mit einer leichteren zu versuchen, die mehr denen aus Neuengland entsprechen. Später sagte er dazu: „Ich kann es nicht fassen, dass ich sogar die zweite gegessen habe.“ Und noch später fasste er das Erlebnis mit der Ehrlichkeit der jungen Jahre so zusammen, das es so gewesen wäre, wie wenn man bei einer Erkältung schwer schlucken muss.  Aber er mochte alles andere auf dem Teller.

Blue Mountains

Wenn Sie einen kleinen Ausflug außerhalb von Sydney machen wollen, schlagen wir unbedingt die „Blauen Berge” vor. Diese Kette liegt ungefähr 100 km westlich und ist eine der schönsten Landschaften, die wir je gesehen haben. Die Berge, die als Welterbe deklariert wurden, tragen ihren Namen wegen des „blauen“ Dunstes, der sie oft umgibt, und der zum Teil von den Eukalyptusölanteilen in der Luft herrührt. Es ist, als wäre die ganze Region wunderbar parfümiert.  Mark Wardrop, der Direktor der Mount`N’Beach Safaris, zeigt uns die ökologische Notwendigkeit der Brandrodung, die natürlichen Sammelplätze der Kängurus, und spektakuläre, unbesuchte Ausblicke, von denen man diese herrliche Landschaft betrachten kann. Jemand hatte diesen Kommentar: es ist wie der Grand Canyon, nur mit Bäumen und Regenwald auf dem Grund. Und es ist wahr. Man sieht wunderbar formierte Sandsteinfelsen, an denen sich Eukalyptusbäume auf schier unmögliche Weise festklammern, und schillernde Klippen, die hunderte von Metern tief in den Dschungel abfallen. Eines Morgens wachten wir auf, als gerade der Nebel aus den Tälern aufstieg wie ein Wolkenbett. Es war wunderbar. Vergessen Sie nicht die Extra-Speicherkarte für die Kamera!

Der Hauptort in den Blue Mountains ist Katoomba, den man von Sydney bequem mit dem Zug erreichen kann. In zahllosen Broschüren wird angepriesen, was Sie hier alles unternehmen können, doch ein Muss ist unserer Meinung nach die Scenic World, allerdings früh morgens, BEVOR die Busladungen mit Touristen ankommen. Hier war ehemals ein Kohlenbergwerk, und man hat von hier den atemberaubenden Ausblick auf die berühmten Drei Schwestern, eine Felsenformation am Echo Point. Hier finden Sie auch die steilste Bergbahn der Welt (52 Grad Neigung), eine Reise am Stahlkabel durch den Regenwald und den Scenic Skyway, bei dem Sie durch Cliffs und Canyons gleiten – Mutige können auch durch den Glasboden nach unten schauen (wie gesagt, nichts für uns). Unser Bahnführer sagte, es würde 6,2 Sekunden dauern, bis man unten aufschlägt … Die Orte Katoomba und Leura bemühen sich, dass man sich hier zuhause fühlt und es sich gut gehen lässt. Für Übernachter gibt es Hotels und Resorts bis zu fünf Sternen.

Noch ein letzter Gedanke: Rotarische Besucher des Jahreskongresses 2014 sind wahrscheinlich nicht darauf vorbereitet, wie nett die Australier sind. Daran gewöhnt man sich viel zu schnell – wir jedenfalls. Daher war ich auch nicht überrascht, dass George eine Zeit lang seine Sätze mit „Wenn wir wieder zurückfahren, …“ begann.

John Rezek, Chefredakteur "The Rotarian"

Melden Sie sich für die RI Convention vom 1. – 4. Juni 2014 an, bei Anmeldung bis 15.12. gibt es Sonderrabatte: rotary.de/convention