Entscheider - »Einzelne machen stark in Alarmismus«

Monika Breuch-Moritz wurde 1953 in Andernach in Rheinland-Pfalz geboren. Seit 2008 leitet die Meteorologin das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie in Hamburg, das rund 800 Mitarbeiter beschäftigt. Sie ist Mitglied des RC Hamburg-HafenCity. © Fabian Bimmer

31.01.2016

Entscheider 

»Einzelne machen stark in Alarmismus«

Hermann Olbermann

Im Gespräch mit Monika Breuch-Moritz, Präsidentin des Bundesamtes für Seeschifffahrt, über Klimawandel, Wetterberichte und Wracks

Rund 2500 grüne Punkte weist die Seekarte im Foyer auf. Jeder Punkt zeigt an, wo auf dem Grund von Nord- und Ostsee ein Wrack liegt, ein Container oder ein abgebrochenes Schiffs­­teil. „Unterwasserhindernisse“, sagt
Monika Breuch-Moritz dazu, die Präsidentin des Bundesamtes für Seeschifffahrt und Hydrographie. Sie muss dafür sorgen, dass die Schiffe ohne Gefahr vor Deutschlands Küsten fahren können. Eine Art See­straßenwacht.

Breuch-Moritz’ Büro liegt im vierten Stock in Hamburg-St.Pauli.Vom Balkon ihres Arbeitszimmers aus blickt sie auf den Hafen, sieht, ob die Unternehmen dort viel oder wenig zu tun haben und welches Schiff in der Werft von Blohm + Voss liegt. Auf dem Sideboard im Büro steht das Modell des Vermessungsschiffes Capella, eines von fünf Schiffen, die das Amt bereedert. Deutschlands oberste maritime Behörde kümmert sich nicht nur um die Sicherheit auf den Seestraßen. Sie entscheidet auch über die Genehmigung von Off­shore-Anlagen wie Windparks, Pipelines und Seekabel, muss Gezeiten und Sturmfluten voraussagen, registriert die Zeugnisse von Seeleuten und wacht über den ökologischen Zustand von Nord- und Ostsee.

Frau Breuch-Moritz, wie geht es der Nordsee?
Der Klimawandel verändert die Nordsee. In den letzten 50 Jahren ist sie um 1,4 Grad wärmer geworden; das ist eine ganze Menge. Eingeschleppte Arten haben jetzt in der Nordsee eine Überlebenschance,
dabei handelt es sich oft um Wärme liebende Tiere aus anderen Zonen. Gleichzeitig wandern Kälte liebende Tiere nach Norden ab. Die Veränderung kann im Einzelfall positiv sein, aber in der Regel bringt sie das natürliche System durcheinander.

Sie untersuchen auch die Schadstoffe in der Nordsee. Was tut sich hier?
Die meisten Schadstoffe gelangen über die Flüsse ins Meer. Viele kommen allerdings seltener vor als früher. Vor allem die, für die es Regulierungen gibt. Andererseits finden wir neue Schadstoffe, für die es noch keine Regulierung gibt. Von einigen wissen wir nicht einmal, wie sie sich auf die Nordsee auswirken. Deutlich zurückgegangen ist die Öl­verschmutzung durch Schiffe. Großes Thema für die Schifffahrt ist jetzt die Reduzierung der Schiffsemissionen. Anfang 2015 ist ein Abkommen in Kraft getreten, das den Ausstoß von Schwefel auf zehn Prozent der ursprünglichen Werte senkt. Wichtig ist mir, dass wir den Umweltschutz ausbalanciert mit den Erfordernissen der Wirtschaft vorantreiben.

Die Energiewende treibt den Ausbau von Windkraftanlagen auf See voran. Wie wirken sich diese Offshore-Anlagen aus?
Wir haben in den letzten Jahren eine umfangreiche Begleitforschung im Auftrag des Bundesumweltministeriums durchgeführt. Negative Folgen durch Windräder konnten wir bisher nicht beobachten. Es ist sogar so, dass sich an den Fundamenten der Anlagen neue Lebewesen ansiedeln, Muscheln, Kleintiere. Damit wächst das Nahrungsangebot für Fische, und wir finden tatsächlich größere Ansammlungen von Fischen und mehr Artenvielfalt vor als früher.

Trotzdem klagen Fischer über wirtschaftliche Nachteile.
Durch die Windparks verkleinern sich die Fanggründe. Auch können die Fischer durch das Verlegen von Kabeln behindert werden.

Vertreiben die Windräder durch ihre Geräusche nicht die Meeressäuger?
Die Anlagen machen im Betrieb nicht mehr Geräusche als der Schiffsverkehr. Nur das Rammen bei der Gründung der Anlagen erzeugt enormen Lärm. Deutschland ist das erste Land, das einen Grenzwert festgelegt hat für den Rammschall bei Offshore- Windparks. Andere Länder folgen.

Sie sind in Andernach in Rheinland-Pfalz aufgewachsen. Wie kamen Sie zur Schifffahrt und zur Nordsee?
Mein Vater war als junger Mann bei der Marine, hatte ein Faible für die Schifffahrt und Seemannslieder gesungen. Ich fand die toll. Außerdem verbrachten wir die Sommerferien immer auf dem Sportboot meines Vaters auf der Mosel. Er redete mit uns dann immer in der Seemannssprache, brachte Sprüche wie: Jeder weckt den Nebenmann, der Letzte stößt sich selber an. Und in meinem Meteorologie-Studium konnte ich auf einem Forschungsschiff mitfahren.

Aber ursprünglich wollten Sie Astronomie studieren.
Ich war auf einer reinen Mädchenschule, da gab es keine typischen Jungs- und Mädchenfächer. Allein in meiner Klasse war ein Viertel der Schülerinnen von den Naturwissenschaften begeistert. Dazu gehörte ich. Schon als Jugendliche habe ich Sterne beobachtet, etwa nachts im Zeltlager, da habe ich den Kindern meiner Jugendgruppe die Sterne erklärt. Ich habe damals alles verschlungen, was mit Himmel, Sternen und dem Welt-all zu tun hatte.

Machen Sie das heute auch noch? Haben Sie zu Hause ein Teleskop?
Nein, aber ich besitze immer noch eine Sternkarte, in die ich hin und wieder gucke. Hier in Hamburg kann man kaum Sterne sehen. Aber ich bin immer fasziniert, wenn ich in die Tropen komme oder in die Berge. Da könnte ich die ganze Nacht in den Himmel schauen. In der Schulzeit wollte ich tatsächlich Astronomin werden. Das habe ich auch dem Mathematiklehrer gesagt, als der uns nach unseren Berufswünschen fragte. Seine Antwort: Astronomie? Als Mädchen? Das kannst du vergessen. Eine Klassenkameradin hat mich dann auf die Meteorologie gebracht. Aber ich bin nicht so eine Theoretikerin. Ich beobachte lieber in der Natur. Und im Urlaub fotografiere ich vor allem Wolken.

Sie sind Meteorologin, haben beim Deutschen Wetterdienst gearbeitet. Verlassen Sie sich auf Wetterprognosen?
Ja, natürlich. Ich habe viele Wetter-Apps, darunter die App des Deutschen Wetterdienstes. Als ich nach dem Studium in der agrarmeteorologischen Abteilung des Deutschen Wetterdienstes in Weihenstephan anfing, begann man international damit, Vorhersagen für eine Woche im Voraus zu errechnen. Sie wurden damals aber nicht veröffentlicht, weil die Unsicherheit noch zu groß war. Zuverlässige Prognosen gab es damals nur für einen Tag oder für zwei Tage, mitunter auch mal für drei Tage. Das hat sich komplett geändert.

Wie zuverlässig sind denn heute die Wochenprognosen?
Heute ist es so: Wenn für das Wochen­ende schlechtes Wetter vorausgesagt wird, habe ich nicht einmal mehr die Hoffnung, dass es noch anders wird. Wenn ein Meteorologe auch die Region gut kennt, kann er inzwischen
sogar speziell für diese Region eine Prognose abgeben.

Auch für einzelne Stadtteile oder einzelne Straßenzüge?
Das kommt darauf an, wie viel Erfahrung jemand hat. Die Vorhersage kann sich auch auf einen einzelnen Stadtteil beziehen.

Sie waren auch mal in der Politik. Warum haben Sie da nicht weitergemacht?
In den zehn Jahren, in denen ich in Freising gewohnt habe, war ich in der FDP aktiv, war in der Bundeskommission für Gleichberechtigung und im Landesausschuss für Wirtschaft und Soziales. Zudem war ich als Delegierte auf Parteitagen. Als ich jung war, hatte ich auch Interesse, Abgeordnete zu werden. Aber ich habe schnell gemerkt: Das ist nicht meine Welt.

Trotzdem haben Sie zwischenzeitlich ja auch im Bundesverkehrsministerium gearbeitet.
In einem Ministerium zu arbeiten fand ich sehr spannend, an der Schnittstelle zwischen Verwaltung und Politik. Dort war ich anfangs für den Wetterdienst zuständig. Aber mein allgemeines politisches Interesse ist durch die Arbeit im Ministerium voll befriedigt worden.

Inwiefern hilft Ihnen die Erfahrung aus dem Ministerium bei Ihrer Arbeit heute als Präsidentin des Bundesamtes, das direkt dem Bundesverkehrsministerium unterstellt ist?
Die Erfahrung ist für meine Arbeit hier enorm hilfreich. Wenn meine Kollegen Berichte oder Konzepte vorlegen, die ans Ministerium gehen, sage ich oft: Ihr wisst als Fachmenschen unheimlich gut Bescheid, aber im Ministerium lesen das Papier viele, die weniger Ahnung vom Fach haben, die aber hinterher überzeugt sein müssen, dass sie für das Vorhaben Geld geben oder Stellen bewilligen oder es sonst wie unterstützen sollen. Da muss man anders formulieren. Wenn ich Berichte ans Ministerium lese, lese ich sie mit der Brille einer Ministerialen.

Was ändert sich für Sie und das Amt, wenn der Verkehrsminister wechselt?
Grundsätzlich nichts. Aber jeder Minister setzt seinen eigenen Schwerpunkt. Der aktuelle Minister Alexander Dobrindt hat das Thema digitale Infrastruktur besetzt.

Die Regierungen haben die Klimakon­ferenz in Paris im Dezember als Erfolg gefeiert. Trotzdem gibt es noch Menschen, die daran zweifeln, dass menschliches Handeln die Ursache des Klimawandels ist. Irren die?
Der Klimawandel läuft. Es ist absolut unstrittig, dass wir seit 150 Jahren eine deutliche Erwärmung des Klimas haben. Sie verläuft nicht gleichförmig, sondern in Schüben. Die Klimaforschung hat alle bekannten Effekte, die die Klimaveränderung auslösen könnten, berechnet und modelliert und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass die aktuelle Erwärmung seit 150 Jahren eindeutig an den CO2-Gehalt in der Atmosphäre gekoppelt ist und dass ein großer Teil des zusätzlichen CO2-Gehalts aus den fossilen Brennstoffen kommt. Deshalb geht die große Mehrheit der Klimaforscher davon aus, dass der jetzige Klimawandel sehr stark vom Menschen beeinflusst ist. Klar, es gab immer schon Klimaveränderungen, es wird sie immer geben, aber die aktuelle ist auf die fossilen Brennstoffe zurückzuführen.

Betreiben manche Forscher nicht auch Alarmismus?
Es gibt an Universitäten und in Instituten natürlich auch Einzelne, die sehr stark in Alarmismus machen.
Einige sehen es auch als Fehler, dass man seit 30 Jahren Dramatisches vorhersagt, was bis heute nicht eingetroffen ist. Aber Klimaveränderungen sind eine langfristige Geschichte, die Menschen reagieren aber kurzzeitig. Wenn nicht am nächsten Tag die Welt untergeht, wirft man den Wissenschaftlern vor: Ihr hattet ja unrecht. Diese langfristige Denke, die die Wissenschaft hat, ins alltägliche Leben zu überführen, ist schwierig. Manches haben einzelne Wissenschaftler auch mit sehr dramatischen Worten geschildert, die vielleicht nicht ganz
angemessen waren. Aber der Klimawandel läuft. Szenarien und Berechnungen, die man vor 20 Jahren gemacht hat, fangen an, sich zu bestätigen.

Sie erstellen auch Seekarten für die Schiffe in Nord- und Ostsee. Wie oft erneuern Sie die Karten?
Wo sich der Meeresboden häufiger verändert, überprüfen wir die Fahrstrecken gegebenenfalls alle paar Monate, in anderen Regionen wesentlich seltener. Es gibt viele Unterwasser-Hindernisse in Nord- und Ostsee: Wracks, Container oder auch mal eine abgebrochene Stütze von einem Offshore-Schiff. Wenn sie auf dem Meeresgrund liegen, kann sich ihre Lage durch die Bewegung des Sandes verändern. Deshalb werden sie regelmäßig untersucht.

Juristen sind die natürlichen Feinde der Naturwissenschaftler, haben Sie einmal gesagt. Warum?
Das sind zwei Welten, zwei Sprachen. Naturwissenschaftler leben stärker in Zahlen und Bildern, Juristen haben eine andere Denke. Die fragen, was gesetzlich geht und was nicht. Die Naturwissenschaftler fragen: Was geht physikalisch? Aber es gibt zwei Arten von Juristen: Mit den Bedenkenträgern können wir Naturwissenschaftler naturgemäß wenig anfangen, aber natürlich sind die meisten Juristen hilfreich und sehr wichtig.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2016

Rotary Magazin 12/2016

Rotary Magazin Heft 12/2016

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