Augenblicke
Ein Backup für die Menschheit

Ein Tresor zum Schutz der biologischen Vielfalt unserer Nahrungspflanzen
Der Dokumentarfotograf Christian Clauwers (Rotary Club Antwerpen-Oost) reist seit mehr als einem Jahrzehnt um die Welt, um die Auswirkungen der globalen Erwärmung einzufangen. Seine Fotos zeigen, was verloren zu gehen droht, und sind in diesem Sinne ein großer Weckruf. Für sein neuestes Projekt gelang es ihm, exklusiven Zugang zur Weltsaatgutbank auf Spitzbergen (Svalbard) zu erhalten.
"Nur drei Personen haben einen Schlüssel zum Globalen Saatguttresor, in dem 'Reservekopien' von Saatgut für Nahrungspflanzen aus aller Welt aufbewahrt werden. Das tief im Permafrostboden liegende Depot dient als 'Backup' für die nationalen Saatgutbanken, indem es die lokalen Kulturpflanzen dokumentiert und schützt. Dadurch wird ihre biologische Vielfalt vor möglichen Katastrophen wie Naturkatastrophen, verheerenden Kriegen oder dem fortschreitenden Klimawandel geschützt", so Christian.
Auf einer seiner Expeditionen in die hohe Arktis erblickte Christian zufällig den monumentalen Eingang zur Samenbank. Er war sofort fasziniert von dem, was sich hinter dieser schweren Tür befinden würde. Man muss sich das vorstellen: Man befindet sich auf 78 Grad nördlicher Breite. 1.000 Kilometer weiter ist der Nordpol. Dazwischen gibt es praktisch nichts. Dort herrscht ein knochentrockenes Wüstenklima. Und genau hier hat die norwegische Regierung eine Anlage gebaut, die der Weltgemeinschaft dient, eine Art Sicherheitsnetz für die genetische Vielfalt unserer landwirtschaftlichen Nutzpflanzen.
Christian brauchte mehr als sechs Monate, um Zugang zum Globalen Saatgutgewölbe zu erhalten. Schließlich lenkte einer der Verantwortlichen ein. Er erkannte, dass der Fotograf nicht aus Spaß an der Freude oder um daraus beruflich Kapital zu schlagen, einen Blick in die Saatgutbank werfen wollte. Es passte in die Gesamtdarstellung über die Zerbrechlichkeit der Erde und den Schutz, den sie verdient. Einige Monate später traf sich Christian Clauwers mit Verantwortlichen auf dem Flughafen von Longyearbyen. Er wurde abgeholt und während eine neue Lieferung von Saatgut eingelagert wurde, konnte er sich in der Saatgutbank umsehen. Auch Cary Fowler, der amerikanische Landwirtschaftsexperte und Mitbegründer der Weltsaatgutbank, war anwesend. Das war die Chance für ein Interview – für das Buch, das Christian verfassen wollte.
Unter dem Eis lagern Duplikate von 1.301.397 Saatgutproben aus fast allen Ländern der Welt. Die gesamte Lagerkapazität umfasst etwa 4,5 Millionen Exemplare. Die Samen befinden sich in luftdichten Behältern, bei einer konstanten Temperatur von etwa -18 Grad Celsius. So bleiben sie lange lagerfähig. Als die dortige nationale Saatgutbank während des Bürgerkriegs in Syrien schwer beschädigt wurde, bewies der Global Seed Vault bereits seinen Wert. Syrische Wissenschaftler kamen bereits nach Norwegen, um ihre Samensammlung wieder aufzufüllen.
Das Saatgut befindet sich am Ende eines 130 Meter langen Tunnels, der zu drei Gefrierkammern führt und dafür ausgelegt ist, jeder Katastrophe standzuhalten. Ironischerweise macht sich auch hier der Klimawandel bemerkbar: 2017 drang Schmelzwasser in den Bunker ein und überflutete den Zugangstunnel. Glücklicherweise blieben die Lagerräume selbst geschützt.
Holzkisten
Christian konnte auch einen Blick auf den "Vorläufer“ der Weltsaatgutbank werfen. In einem stillgelegten Kohlebergwerk, ebenfalls auf Svalbard, lagerte das Nordic Genetic Resource Centre (Nordgen) bereits 1986 zwanzig Holzkisten mit Samen skandinavischer Pflanzensorten. Jede Kiste enthält das gleiche Saatgut. Alle fünf Jahre wird eine geöffnet, um die Lebensfähigkeit der Samen und eventuelle Krankheitserreger zu überprüfen. Das Experiment wird fortgesetzt, bis die letzten Proben im Jahr 2086 analysiert worden sind.
Übrigens gibt es auf Svalbard noch ein drittes internationales Speicherzentrum, wenn auch in einer anderen Größenordnung. Das Arctic World Archive (AWA) speichert Daten kultureller, historischer und wissenschaftlicher Art, die für die Menschheit von wesentlicher Bedeutung sind. Die Daten werden auf einem speziellen Pellicle gespeichert, das von der norwegischen Firma Piql entwickelt wurde. Sie ist so konzipiert, dass sie Tausende von Jahren überdauert. Die Daten werden analog und digital erfasst, so dass sie auch dann noch lesbar sind, wenn die derzeitige Technologie ausfallen sollte. Die Idee dahinter ist, wichtige Daten der Menschheit zu schützen, falls eine globale Katastrophe eintritt. Die Anlage ist so konzipiert, dass sie gegen nukleare Angriffe und elektromagnetische Impulse resistent ist.
Länder, Institutionen, Organisationen und Unternehmen können Daten in der AWA speichern. Christian selbst hat dort den ersten belgischen Beitrag geleistet: eine Reihe von Fotos, die vom aktuellen Klimawandel zeugen. Dazu gehören 26 Fotos aus einem Projekt im Pazifik, das dokumentiert, wie Inseln wie Tuvalu, Kiribati und die Marshallinseln Gefahr laufen, unter dem Meeresspiegel zu verschwinden. Auf diese Weise will er den Inselbewohnern eine Stimme geben. Außerdem hinterlegte er 27 Fotos von der TalPro22-Expedition des Forschungsschiffs Belgica. Dies wird künftigen Generationen eine gute Vorstellung von der wissenschaftlichen Methodik der ozeanographischen Forschung anno 2022 vermitteln.
Eins nach zwölf
"Die aktuelle Klimaentwicklung macht mich traurig“, gibt Christian zu. Er ist der geborene Optimist, "aber was das Klima betrifft, ist es eins nach zwölf. Es ist ein irreparabler Schaden entstanden. Die Folgen sind schwer abzuschätzen, werden aber überall sichtbar. Ich stehe in ständigem Kontakt mit führenden Wissenschaftlern und politischen Entscheidungsträgern. Wir sind jetzt in eine Phase eingetreten, in der wir den Schaden minimieren müssen. Leider scheint die Gesellschaft das Klimaproblem in letzter Zeit nicht als akut wahrzunehmen. Außerdem sind viele Fake News im Umlauf. Ich kann mich auch über extremistische Aktivisten, wie die Mitglieder der Extinction Rebellion, ärgern. Mit ihren Blockaden und ihrem Vandalismus schaden sie der Sache mehr als sie nützen. Regelmäßig halte ich Vorträge vor Schülern der Oberstufe. Ich spüre, dass sie Verantwortung übernehmen wollen, und das stimmt mich hoffnungsvoll."
Dass sich Rotary in den letzten Jahren auch die Themen Umwelt und Klima auf die Fahnen geschrieben hat, begrüßt Christian natürlich sehr. "Das war für mich sogar der ausschlaggebende Punkt, Rotarier zu werden. Rotary ermöglicht es mir auch regelmäßig, meine Botschaft zu verbreiten. Vor einiger Zeit war ich zum Beispiel auf den Philippinen, wo ich die Gelegenheit hatte, im Rotary Club Manila und im Rotary Club Cebu Vorträge zu halten. Dabei ging es um ein Fotoprojekt auf den Olango-Inseln, die aufgrund ihrer geringen Höhe ebenfalls vom Verschwinden im Wasser bedroht sind. Außerdem hielt ich 2023 einen Vortrag auf Hawaii, im Rotary Club Honolulu Sunset. Auch dort sind die Folgen der globalen Erwärmung sichtbar. Es ist immer schön, unter Rotariern zu sein. Außerdem möchte ich sie mit meinen Erkenntnissen über den Klimawandel erreichen. Letztlich beginnt alles mit Wissen – und das versuche ich mit meinen Fotos auf visuelle Weise zu vermitteln..."
Steven Vermeylen
Rotary Contact, BeLux
Interview
Die Lebensversicherung der Menschen – Tief unter dem norwegischen Eis lagern Millionen von Kulturpflanzensamen, um die Ernährung der Weltbevölkerung sicherzustellen. Björn Lange führte ein Gespräch mit Stefan Schmitz vom Global Crop Diversity.
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Lesestoff zum Thema bietet auch sein neuestes Buch
"Frozen Heritage, Arctic Vaults and the Future of Our History“ zum Preis von 145 Euro erhältlich unter clauwers. com/books/frozenheritage
Christian Clauwers hält außerdem sehr gerne Vorträge in deutschen und österreichischen Rotary Clubs.
Kontakt: christian.clauwers@gmail.com