Schlaglichter einer wenig bekannten Geschichte - Friedrich der Große im Westen

„Kronprinz Friedrich mit Schwarzem und Weißem Adlerorden“, Gemälde von Georg Lisiewski, um 1729

25.09.2012

Schlaglichter einer wenig bekannten Geschichte

Friedrich der Große im Westen

Veit Veltzke

Die Leistungen Friedrichs des Großen sind legendär. Als erster europäischer Monarch rechtfertigt er seine Herrschaft nicht mehr mit religiösen Gründen, sondern allein aus der Erfüllung seiner Pflichten als „erster Diener“ von Staat und Volk. Er reformiert das Rechtswesen, schafft früher als andere die Folter ab und verbietet das barbarische „Säcken“ bei Kindstötung (Abtreibung). Gleichzeitig versucht er die gesellschaftliche Ausgrenzung von Frauen mit unehelichen Kindern aufzuheben und sie so vor derartigen Verzweiflungsschritten zu bewahren. Friedrich sorgt für ein Maß an religiöser und geistiger Freiheit, das in Europa einzigartig ist.

Gleichzeitig verhält er sich so, wie es das Selbstverständnis des barocken Monarchen verlangt. Er ist bestrebt, Kriegsruhm zu erwerben und Mehrer des Reiches zu sein. Und doch führt er Kriege anders, als gekrönte Häupter es sonst zu tun pflegen: Als militärischer Führer steht er im Felde und teilt die Strapazen seiner Soldaten.

Kaum bekannt ist meistens Friedrichs Beziehung zu den rheinisch-westfälischen Provinzen Preußens, die mitunter gar eine besondere Bedeutung für die persönliche Entwicklung des Kronprinzen und späteren Königs haben. Deshalb widmet sich in Nordrhein-Westfalen das Preußen-Museum in Minden und Wesel zum Jubiläumsjahr (Rotary Magazin 1/2012) dem König unter dem Titel „Friedrich der Große. Mensch und Monarch“ in einer Ausstellung, die seine historische Leistung und Persönlichkeit lebendig werden lässt.
Die Bedeutung des preußischen Westens für die Entwicklung des Monarchen ist kaum zu überschätzen. So tritt im Vater-Sohn-Konflikt zwischen dem strengen Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. und seinem Sohn Fritz 1730 in Wesel die entscheidende Wende ein. Nach dem gescheiterten Fluchtversuch Friedrichs in Steinsfurt, nahe Sinzheim – auf einer Reise des preußischen Hofes nach Süddeutschland – begibt sich der König mit seiner Entourage wieder auf preußischen Boden. Friedrich Wilhelm I., der vorerst noch bereit ist, „Gnade vor Recht“ ergehen zu lassen, erfährt nun in Geldern von der Desertion des Weseler Leutnants und Kronprinzengefährten Peter von Keith. Dieser verlässt Wesel mit der Absicht, den Kronprinzen in Den Haag zu treffen und nimmt dann den Weg nach England. Dem König öffnet die Desertion seines Leutnants die Augen. Er begreift, dass hinter dem Familienzwist eine Offiziersverschwörung steckt, die den Konflikt zu einer Staatsaffäre macht. Nun erst wird der Kronprinz in Wesel in Haft gesetzt und einem harten persönlichen Verhör durch den König unterzogen. Friedrich gesteht in seiner Not die Beteiligung seines anderen Vertrauten Hans Hermann von Katte an seinem Fluchtversuch ein, und der König erlässt am gleichen Tage, von Wesel aus, den Haftbefehl gegen Katte, der später zu dessen Enthauptung in Küstrin führen wird.
Die traumatische Schulderfahrung Friedrichs, die sich mit seiner Katte belastenden Aussage in Wesel verbindet, dürfte ihn zeitlebens geprägt haben. Vielleicht ist im nachherigen Einschwenken des Prinzen auf den Kurs des Vaters auch ein psychologischer Mechanismus verborgen, der die Schuld an Katte erträglich machen sollte. Denn waren die Prinzipien des Vaters richtig, dann hatten Fritz und Katte unrecht und dieser hatte seine Strafe selbst zu verantworten.

Zwei weitere für Friedrichs Biographie bedeutsame Ereignisse im Westen seien kurz hervorgehoben. Als Kronprinz erlebt er in Minden 1738 die beherzte Verteidigung des Freimaurertums durch Graf Albrecht Wolfgang zu Schaumburg-Lippe gegenüber dem König und bittet den Grafen später, seine Aufnahme in den Freimaurerbund vorzubereiten, die wenig später heimlich in Braunschweig vollzogen wird. Das Beispiel des königlichen Freimaurers Friedrich wird nach seinem Regierungsantritt  Schule machen und eine Vielzahl von Logengründungen  initiieren, die die Ideale von Aufklärung und Humanität pflegen und in die Gesellschaft vermitteln.

Kurz nach Friedrichs Thronbesteigung 1740 findet auf Schloss Moyland, unweit Kleves, die erste Begegnung zwischen dem jungen König und Voltaire statt, die später den Aufenthalt Voltaires in Rheinsberg und Potsdam nach sich ziehen wird. Mitunter wird übersehen, dass in die Tage der Zusammenkunft von Moyland auch die erste auswärtige Militäraktion des neuen Königs fällt: eine Strafexpedition von zwölf Grenadierkompanien in das Bistum Lüttich, um Forderungen gegenüber der auf lüttichschem Gebiete liegenden preußischen Herrschaft Herstal einzutreiben. Voltaire wird die preußischen Ansprüche in einem Manifest verteidigen, in Europa nimmt man das militärische Eingreifen des „Antimachiavell“-Autors mit Staunen zur Kenntnis.

Gegenseitiger Vorteil

Worin liegt nun die Bedeutung Friedrichs für die rheinisch-westfälischen Regionen seines Reiches? Allgemein ist festzuhalten, dass spätestens mit dem Erwerb Schlesiens 1740 die rheinisch-westfälischen Gebiete zu Nebenlanden herabsanken. Besonders galt dies für die rheinischen Gebiete des Herzogtums Kleve, des Fürstentums Moers mit Krefeld und des preußischen Anteils des Oberquartiers Geldern. Das preußische Herrschafts- und Sozialmodell erwuchs, bildlich gesprochen, nicht aus der klevischen Gartenlandschaft, sondern aus dem Sandboden Brandenburgs. Die rigorose Disziplinierung und Arbeitsverpflichtung, die den Staatsdienern und Untertanen abverlangt wurden, wirkten am beschaulich-bürgerlich geprägten Niederrhein eher fremdartig, und auch der ansässige Adel verspürte häufig wenig Neigung, sich in das enge Korsett des preußischen Dienstes zu begeben. Die Lücke füllten hier bürgerliche Juristenfamilien, die in Spitzenpositionen aufrücken konnten, die andernorts dem Adel vorbehalten waren. So sorgte die am Niederrhein weitverbreitete Adelsverweigerung gegen des Königs Dienst für den sozialen Aufstieg bürgerlicher Kreise. Umgekehrt erhielt der König auf diese Weise eine hochprofessionelle Verwaltungselite, die als Aufsteigerschicht des königlichen Schutzes besonders bedürftig war und dem Landesherrn starken Diensteifer und große Loyalität entgegenbrachte.

Nach dem Siebenjährigen Kriege tat der König sein Bestes für den Wiederaufbau. Er kümmerte sich um Melioration (Gewinnung von Anbauflächen), Peuplierung (Ansiedlungen), Gewerbeförderung, Ausbau der Infrastruktur, Schuldentilgung. Der persönlich inspizierende König, der auf einem Bild Albert Baurs das Haus von der Leyen in Krefeld besucht, wurde in jenen Jahren zur legendären Figur. Der Betrieb der Seidenverleger von der Leyen entwickelte sich damals zum größten privaten Unternehmen auf preußischem Boden. In manchem beschritt Preußens Westen hier einen Sonderweg, den der König gestattete oder sogar ebnete. So setzte Friedrich bei der Tilgung der Kriegsschulden am Niederrhein und der westfälischen Grafschaft Mark auf die Mitarbeit der Landstände. Das preußische Geldern wurde 1770 praktisch in die ständische Selbstverwaltung entlassen: ein absoluter Sonderfall im absolutistischen Preußen. Den Freiherrn vom Stein inspirierten diese Enklaven ständischer Selbstverwaltung später zu seinen Reformideen, die dem preußischen Staat nach der Niederlage gegen Napoleon 1806/07 ein neues Gesicht geben werden.

Verkehrswege

Unter den zahlreichen Infrastrukturverbesserungen ist die Schiffbarmachung der Ruhr unter Friedrich dem Großen ein besonders bemerkenswertes Beispiel. Zwischen 1776 und 1780 ließ die preußische Verwaltung zwischen Wetter und Ruhrort 16 Schleusen anlegen, die nun den schnellen und kostengünstigen Transport von Steinkohle, Salz und Eisenwaren ermöglichten. So leitete die friderizianische Verwaltung den ersten großen Aufstieg des Ruhrgebiets ein.

Das Beispiel des aufgeklärten Monarchen strahlte auch in die Provinz. So kam es auch in Preußens Westen zur Gründung zahlreicher Freimaurerlogen. In Kleve erschien der „Courier du bas Rhin“, die einzige französischsprachige Zeitschrift im Königreich Preußen, die rasch überregionale Bedeutung erlangte.
Umgekehrt strahlte auch die Provinz manchmal bis nach Berlin, wenn die Landschulordnung von Minden-Ravensberg aus dem Jahre 1754 das Vorbild für Friedrichs General-Landschul-Reglement von 1763 abgab, in dem die generelle Schulpflicht vom 5. bis zum 13. Lebensjahr festgeschrieben wurde.
Zum Teil gingen die geistigen Entwicklungen, die Friedrich mit anstieß, weit über ihn hinaus. Mit der ihm eigenen Gelassenheit schrieb er  am 26. Oktober 1776 an d`Alembert: „Jedes Zeitalter hat seine eigene Art und Bildung, man muss sich an seine Zeitgenossen halten, und wenn diese Abschied nehmen, muss man hurtig Anstalten machen, ihnen zu folgen.“

Erschienen in Rotary Magazin 10/2012

Veit Veltzke
Dr. Veit Veltzke (RC Wesel-Dinslaken) ist Direktor des Preußen-Museums NRW. Zu seinen Schriften gehören u.a. „Rheinland, Westfalen und Preußen. Eine Beziehungsgeschichte“ (Aschendorff 2009) und „Für die Freiheit – gegen Napoleon. Ferdinand von Schill, Preußen und die deutsche Nation“  (Böhlau 2009). www.preussenmuseum.de

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