Lindau am Bodensee - Nobelpreisträger treffen aufeinander

Das Treffen junger Forscher mit Nobelpreisträgern – wie hier James Cronin – ist ein wichtiger Bestandteil der Tagung. © Ch. Flemming / Lindau Nobel Laureate Meetings

14.06.2013

Lindau am Bodensee

Nobelpreisträger treffen aufeinander

Michael Feld

In der ersten Juliwoche dieses Jahres ist es wieder soweit: Über 30 Nobelpreisträger aus allen Teilen der Erde kommen nach Lindau am Bodensee und treffen eine Woche lang aufeinander

Auch diverse geladene internationale Gäste und vor allem auf über 600 nach einem komplexen Verfahren ausgewählte Studenten aus aller Welt, mit jeweils weit überdurchschnittlichen wissenschaftlichen Fähigkeiten, werden vor Ort sein. Vorträge, Panel-Diskussionen, „Master Classes“, formelle und informelle Meetings, Eröffnungsveranstaltung, Get-together-Party, Pressekonferenzen und eine traditionelle Bootsfahrt von Lindau zur Insel Mainau am letzten Tag der Woche bilden das strukturelle Rückgrat dieser seit 1951 jährlich im Sommer stattfindenden sehr besonderen Veranstaltung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Deutschland wissenschaftlich ausgeblutet und -gebrannt. Jüdische und nichtjüdische Dichter, Denker, Physiker, Chemiker, Biologen, Ärzte und andere Geistesgrößen waren ermordet, vertrieben, emigriert, verbannt oder traumatisiert. Faszinierende Jahrzehnte explosiver Intellektualität hatten zuvor ein jähes oder zähes Ende gefunden. Allein das „Göttinger Nobelpreiswunder“ (zwischen 1905 und 2000 gingen insgesamt 44 Nobelpreise an Wissenschaftler der Universität Göttingen) wurde im Kern bis 1945 durch Nobelpreise in Physik oder Chemie begründet: Max von Laue (1914), Max Planck (1918), James Franck und Gustav Hertz (1925), Werner Heisenberg (1932), Paul Dirac (1933), Enrico Fermi (1938), Adolf Butenandt (1939), Otto Hahn (1944), Wolfgang Pauli (1945). Weder die bemannte Raumfahrt, noch die moderne Molekularbiologie, sowie die gesamte Kerntechnologie und Quantenphysik wären denkbar ohne die Leistungen deutscher Wissenschaftler vor dem Zweiten Weltkrieg.

Wiederbelebung des Geistes

Es war daher eine folgerichtige und kluge Idee, die die beiden Lindauer Ärzte Gustav Parade und Franz Karl-Hein 1950 dem Grafen Lennart Bernadotte (1909–2004) auf der Insel Mainau vorschlugen, nämlich Deutschland durch eine jährlich stattfindende Tagung mit Nobelpreisträgern wieder Anschluss an die wissenschaftliche Welt zu ermöglichen. Graf Lennart, Enkel des schwedischen Königs Gustavs V., machte diese Idee durch seine Kontakte zum Stockholmer Nobelkomitee möglich und baute – später gemeinsam mit seiner zweiten Frau Gräfin Sonja (1944–2008) und einem Stab fleißiger Helfer (dem Kuratorium) die Tagung zu einer Veranstaltung von Weltruf auf. Kamen in den ersten Jahren vornehmlich deutsche Ärzte und Medizinstudenten als Zuhörer nach Lindau, erweiterte sich der Kreis der geladenen Laureaten und des anwesenden Auditoriums über die Jahrzehnte immer mehr und entwickelte sich zu einer Keimzelle transgenerationalen wissenschaftlichen Austauschs internationaler Präsenz. Seit Mitte der 50er Jahre wechseln sich die naturwissenschaftlichen Disziplinen Physik, Chemie und Medizin im jährlichen Turnus ab. Seit der 50. Jubiläumstagung im Jahr 2000 gibt es alle fünf Jahre eine interdisziplinäre Tagung und seit 2004 auch eine zusätzliche Tagung der Wirtschaftswissenschaften, deren Preis von der schwedischen Reichsbank in Erinnerung an Alfred Nobel ebenfalls jährlich in Stockholm vergeben wird. Die Tagung der Ökonomen fand bisher 2004, 2006, 2008 und zuletzt 2011 statt und soll 2014 wieder erneut stattfinden.

In den 90er Jahren plagten Geldsorgen die Tagung und man konstatierte, dass sowohl eine kontinuierliche stabile Finanzierung sowie auch eine stärkere Internationalisierung und gezieltere Auswahl der Tagungsteilnehmer der globalen Entwicklung der makrokosmischen Scientific Community und ihrem analogischen mikrokosmischen Pendant, der Tagung selbst, Rechnung tragen müsse. So gründete man nach vielen Gesprächen und Reisen – neben dem Kuratorium als inhaltlichem Planungsstab und der akademischen Verbindung zu Stockholm – im Jahr 2000 zusätzlich eine Stiftung, die die Finanzierung und Internationalisierung der Tagung vorantreiben sollte und dies bis zum heutigen Tage auch in beachtenswerter Weise schaffte. War es zu Beginn vor allem der Initiative der ihrem Gatten nachgefolgten Kuratoriumspräsidentin Gräfin Sonja Bernadotte (1987) und den weitreichenden internationalen Kontakten des damaligen Vizepräsidenten, Ludwig Feinendegen (heute RC Lindau/Westallgäu) zu verdanken, dass die Stiftung ihre erfolgreiche Arbeit aufnehmen konnte, so war es danach vor allem die außergewöhnliche Initiative des Stiftungspräsidenten Wolfgang Schürer aus St. Gallen und seinem Team (u.a. Nikolaus Turner, RC Lindau/Westallgäu, Schatzmeister der Stiftung und Mitglied des Kuratoriums) sowie Thomas Ellerbeck, die die Lindauer Nobelpreisträgertagung zu einer weltweit anerkannten und überaus erfolgreichen Wissenschaftstagung gemacht haben. Der Gründungsversammlung der „Stiftung Lindauer Nobelpreisträgertreffen am Bodensee“ gehören insgesamt 247 Nobelpreisträger an. Im Ehrensenat der Stiftung sitzen zahlreiche Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft: von der Bundeskanzlerin bis zum Präsidenten der EU-Kommission, vom Microsoft-Gründer bis zum Volkswagen-Chef.

Tagung im Netz

Vom 30. Juni bis 5. Juli werden diesmal 34 Nobelpreisträger – turnusmäßig vornehmlich aus der Chemie – erwartet sowie 625 Studierende aus aller Welt, dazu Dutzende Ehrengäste, Industrielle, Politiker und Journalisten. Die Studenten müssen alle ein mehrstufiges Auswahlverfahren durchlaufen, das nur die hellsten Köpfe der Nationen nach Lindau und in die unmittelbare und ungezwungene Nähe der Wissenschaftskoryphäen lässt. Hier werden neuronale und soziale, berufliche und private Bindungen fürs Leben geschlossen, die irgendwann auch wieder neue Nobelpreise generieren. So war z.B. Bert Sakmann, Nobelpreis für Medizin 1991 (zusammen mit Erwin Neher für die Technik der intrazellulären Signalmessung z.B. an Ionenkanälen), bereits als Student in Lindau und kehrt seit seiner Nobelpreisverleihung immer wieder gerne – nun als Preisträger – zur Tagung am Bodensee zurück.

Seit dem Jahr 2000 wurde die Konferenz stärker der Öffentlichkeit bekannt gemacht. So findet sich in der Mediathek der Tagungswebsite ein wahrer Goldschatz an „Bright-Mindness“. Hier sind inzwischen 174 Video-Vorträge, 288 Abstracts und 279 Lebensläufe von insgesamt 428 Nobelpreisträgern online einsehbar, die im Moment 65 Tagungen abdecken.

Tradition und Moderne, Altes und Junges, Reiches und Armes, Konservatives, Evolutives und Revolutionäres, Akademisches, Soziales, Politisches, Wirtschaftliches und Mediales haben sich immer wieder in Lindau neu zusammengefunden. Das feinsinnige Austarieren und Abwägen von Struktur und Inhalt einer solch großen jährlichen Tagung ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, die seit nunmehr sechs Jahrzehnten in den hauptsächlich ehrenamtlichen Gremien geleistet wird. Auch den Bund mit dem renommierten aber anfangs der Tagung auch durchaus kritisch gegenüberstehenden Nobelpreiskomitee in Stockholm zu festigen und zu pflegen war eine nicht immer leichte Aufgabe, die heute aber als definitiv erfolgreich erledigt bezeichnet werden darf. Mitglieder der Nobelpreiskomitees für Physik, Chemie und Medizin sowie auch für die Wirtschaftswissenschaften sind seit Jahren ständige Mitglieder im Lindauer Kuratorium.

Hier spielt nun auch Gräfin Bettina Bernadotte (RC Konstanz-Mainau) als Nachfolgerin ihres Vaters Graf Lennart und Ihrer Mutter Gräfin Sonja als engagierte Präsidentin des Kuratoriums (seit 2008) und als traditionsbewusstes familiäres Bindeglied zum schwedischen Königshaus eine entscheidende Rolle. Ohne die Familie Bernadotte und den seit über 60 Jahren anhaltenden Einsatz ihrer Vorreiter wäre diese Tagung niemals zu einem solchen nachhaltigen, substantiellen, interkulturellen, internationalen und transgenerationalen Erfolg geworden, wie sie heute ist.

Erschienen in Rotary Magazin 6/2013

Michael Feld

Dr. Michael Feld (RC Bergheim/Erft) ist Allgemeinarzt, Somnologe (DGSM), Schlafmediziner und Wissenschaftspublizist. Zuletzt erschien „Schlafen für Aufgeweckte“ (Südwest-Verlag 2012).

www.praxis-dr-feld.de

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