Schlafforschung und die Schlafmedizin - Die ruhige Seite des Tages

Schlafmediziner Michael Feld passt einem seiner Patienten eine sogenannte CPAP-Maske an © Michael Feld

16.08.2013

Schlafforschung und die Schlafmedizin 

Die ruhige Seite des Tages

Michael Feld

Er schnarcht, sie ist genervt. Er schläft durch, sie gar nicht mehr. Beide sind morgens müde und gereizt. Er, weil er irgendwie nie richtig fit ist und nach dem Mittagessen und vor dem Fernseher regelmäßig ungewollt einnickt, sie, weil sie durch sein Schnarchen und ihre eigenen seit Jahren sowieso blank liegenden Nerven jede Nacht zig Mal wach wird.

Solche Szenen sind prototypisch für deutsche Schlafzimmer und können zu mannigfachen individuellen und wechselseitigen Problemen führen. Jeder 2. Mann über 40 schnarcht, und jeder fünfte Schnarcher hat zusätzlich mehr als zehn, jeweils über zehn Sekunden dauernde Atempausen pro Stunde Schlaf (Obstruktive Schlafapnoe).

 

Unbemerkt vom Schnarcher bzw. Apnoiker selbst kommt es zu ständigen Stressreaktionen im Körper durch die angestrengte und zu flache Atmung und die Sauerstoffschwankungen im Blut. Dauernde Puls- und Blutdruckanstiege sowie verkürzter oder fehlender Tiefschlaf bei Nacht sind die Folge, mit entsprechender Einschränkung der Leistungsfähigkeit, Bluthochdruck, Herzrhythmusstörungen und schlechter Laune bis hin zu depressiven Zuständen, Ängsten und Burnout-Symptomen am Tage. Hinzu kommt ein immer größer werdendes Heer an Menschen, die abends nicht mehr ein- und nachts nicht mehr durchschlafen können, weil die Überreizung durch die immer vielfältigeren, schnelleren und verdichtet in den Tag gepackten Informationen und Signale unserer Leistungsgesellschaft den hirnphysiologischen und hirnbiochemischen „Verdauungsapparat“ überlasten.

Normalerweise braucht ein Mensch abends zirka zwei Stunden „Runterkühlphase“ inbesondere für die Motoren im Hirn. Wir sollten in dieser Zeit eigentlich nichts psychisch bzw. kognitiv Anstrengendes mehr machen, damit sich unser Organismus – und hier vor allem unser dauernd rotierender Kopf auf die Nachtruhe vorbereiten kann. Tatsächlich ist die abendliche Absenkung unserer Körperkerntemperatur ein wesentliches Signal, um Schlaf einzuleiten. Ab etwa 20 Uhr sinkt unsere Körperkerntemperatur bis zur Nachtmitte zwischen zwei und vier Uhr um bis zu 1.5 Grad Celsius, um wieder langsam bis zum Aufstehen am Morgen anzusteigen.

Funktion des Biorhythmus

Nach dem Einschlafen durchlaufen wir idealerweise vier bis fünf etwa 90-minütige Schlafzyklen, die einen rhythmischen Wechsel aus Tief-, REM- und Leichtschlaf zeigen. Eine gesunde Nacht sollte je etwa 20 Prozent Tief- und REM-Schlaf (hier träumen wir am meisten, bildhaftesten und intensivsten) sowie 60 Prozent Leichtschlaf aufweisen. In der ersten Nachthälfte „holt“ sich der Körper den meisten Tiefschlaf, in der zweiten Nachthälfte dominieren REM und Leichtschlafphasen. Das ist der Grund, warum man ab der Nachtmitte leichter wach wird und wach bleibt, als am Anfang der Nacht. Der Schlaf der zweiten Nachthälfte ist schon naturgemäß leichter und daher auch leichter störbar, als in der ersten Nachthälfte. Auch ist der Schlaf von Frauen genetisch und epigenetisch bedingt leichter, siemüssen/sollen nachts die Kinder hören. Auch schnarchen Frauen bis zu den Wechseljahren aufgrund einer hormonbedingten besseren Gewebespannung im Rachen weniger als Männer. Ab etwa 65 Jahren schnarchen beide Parteien gleich laut.

Diverse Hormone weisen eine ausgeprägte Nacht-Aktivität auf, die an das Funktionieren eines halbwegs gesunden Schlafs gekoppelt ist. So wird fast nur in den Tiefschlafphasen der ersten Nachthälfte ausreichend sogenanntes Wachstumshormon (STH) ausgeschüttet, das u. a. für Aufbau, Reparatur und Regeneration von Muskeln, Knochen, Haut und Bindegwebe nötig ist. In den gleichen Tiefschlafphasen schickt das Immunsystem seine zellulären und flüssigen Abwehrsoldaten aus den diversen lymphatischen Organen in die Blutbahn. Hindert man Menschen selektiv am Tiefschlaf, fällt z. B. die Immunantwort auf eine Impfung deutlich schlechter aus. Melatonin ist der Dirigent des nächtlichen Stoffwechselorchesters und ist sozusagen Dunkelheit in Hormon verpackt. Melatonin dringt als kleines lipophiles Molekül in so gut wie alle Zellen ein und „sagt“ ihnen etwa: „Jetzt ist es draußen dunkel. Macht das, was ihr bei Dunkelheit am besten könnt.“ Melatonin koordiniert etliche Regenerations- und Reparaturprozesse im Körper. Gehen wir immer wieder zu spät oder zum (aufgrund unserer individuellen Chronobiologie) falschen Zeitpunkt zu Bett, kann sich eine Störung der Melatoninachse ausbilden, die wiederum komplexe andere hormonelle, physiologische und biochemische Phasenverschiebungen mit sich bringen kann. Insbesondere Personen, die in wechselnder Schichtfolge Nachtdienst verrichten müssen leiden häufig unter Entkopplungen ihrer inneren Uhren mit den äußeren Taktgebern und Rhythmen. Als Taktgeber gut sind ausreichend helles Licht am Morgen (30 min 10.000 Lux) und ausreichende Dunkelheit am Abend (kein zu helles Licht mehr und Herausfilterung des blauen Wellenanteils des sichtbaren Lichts). Um Schlafstörungen auf den Grund zu gehen, gibt es neben ausführlichen Arztgesprächen und einigen standardisierten Fragebögen vor allem die sogenannte „Polysomnographie“ (Große Schlafverkabelung) als sehr genaue und effektive schlafmedizinische Untersuchungsmethode. Hier werden Patienten oder Probanden abends vor dem Schlafengehen mit allerlei bunten Elektroden, Kabeln, Gurten und Sensoren bespickt, und schlafen dann entweder in einem Schlaflabor oder auch zu Hause im eigenen Bett.

Am nächsten Morgen werden alle Daten ausgelesen und ausgewertet (Hirnströme, Muskelspannung, Körperlage, Sauerstoff, EKG, Puls, Atmung, Schnarchgeräusche uvm.). Handelt es sich eher um eine schlafbezogene Atmungsstörung wie Schnarchen und/oder Schlafapnoe oder sehen die schlafbiologischen Parameter normal aus, aber das Schlafprofil ist trotzdem ständig unterbrochen, der Patient lag lange wach, bis er einschlief und kommt in der zweiten Nachthälfte nun gar nicht mehr zur Ruhe, wie bei einer primären oder klassischen oder psychophysiologisch genannten Insomnie. Als Therapieoptionen fürs Schnarchen hat sich das Anfertigen einer Unterkiefervorschubschiene durchgesetzt. Diese Schienen, einfach und problemlos auf die Zahnreihen von Ober- und Unterkiefer zu setzen –, ziehen bzw. schieben den Unterkiefer um maximal 0,7cm gegenüber dem Oberkiefer nach vorne, so dass ein leichter Unterbiss entsteht. Dadurch, dass der Zungengrundmuskel, dessen nächtliches Erschlaffen der Hauptgrund fürs Schnarchen und die Schlafpanoe ist, am Unterkieferknochen festgemacht ist, kann das Vorschieben des Unterkiefers das Zurückfallen des Zungengrundmuskels effektiv und effizient verhindert. Schnarchen bis hin zu leichter bis manchmal auch mittelschwerer Schlafapnoe kann mit den Schienen suffizient behandelt werden. Eine Hals-Nasen-Ohren-ärztliche Operation ist beim Schnarchen nur in 10-20 Prozent erfolgreich, nämlich im Prinzip nur dann, wenn wirklich eine arg verengte Nase (durch Nasenscheidewandverkrümmung oder zu dicke Nasenmuscheln) das Problem ist. In schwereren Fällen einer schlafbezogenen Atmungsstörung ist die „CPAP“-Therapie (Luftzufuhr über Nasen- oder Mund-Nasen-Maske) sinnvoll. Auch Gewichtsreduktion stellt für übergewichtige Schnarcher und Apnoiker eine sinnvolle Maßnahme dar und inzwischen testen wir auch recht vielversprechende Ansätze für ein aktives Atemmuskeltraining, um ggf. auf die nächtlichen Schienen und Luftprothesen teilweise verzichten zu können.

Ein- und Durchschlafstörungen brauchen eine gute und differenzierte Einsicht in die Lebens- und Rhythmus-Zusammenhänge des Patienten, brauchen oft länger in der Behandlung und verlangen meist ein multidimensionales Herangehen über chronobiologische und schlafhygienische Beratung, verhaltenstherapeutisch-kognitive und/oder Entspannungsfördernde Maßnahmen. Eine zeitweise oder auch längere medikamentöse Unterstützung rundet die Behandlung ab. Manchmal reicht aber auch „einfach“ nur das Auflösen falscher Annahmen und Glaubenssätze rund um den Schlaf. Nicht jeder Mensch braucht nämlich unbedingt volle acht Stunden Dauerschlaf, es ist völlig normal, mehrfach nachts wach zu werden, und man wird auch nicht so schnell ernsthaft krank, nur weil man mal eine Zeit lang nicht so gut schläft. Als Faustformel kann die sogenannte „Dreierregel“ gelten: Wenn eine Schlafstörung länger anhält als drei Wochen, sie öfter als dreimal pro Woche auftritt und man dann jeweils länger als drei Stunden pro Nacht wach liegt, dann sollte man zum Schlafmediziner gehen.n

Erschienen in Rotary Magazin 8/2013

Michael Feld

Dr. Michael Feld (RC Bergheim/Erft) ist Allgemeinarzt, Somnologe (DGSM), Schlafmediziner und Wissenschaftspublizist. Zuletzt erschien „Schlafen für Aufgeweckte“ (Südwest-Verlag 2012).

www.praxis-dr-feld.de

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