Geistig behinderte Menschen und Sport - Wo Inklusion leicht möglich ist

Fußball war eine von 19 Sportarten bei den Special Olympics 2012 in München © 2-PIX/BInH Truong

15.06.2015

Geistig behinderte Menschen und Sport 

Wo Inklusion leicht möglich ist

Inklusion ist für die einen ein Weg in eine menschlichere Gesellschaft, für andere eine unrealistische Vision. Der Beitrag zeigt – am Beispiel von Menschen mit einer geistigen Behinderung und dem Lebensfeld „Sport“ – wie Inklusion gelingen kann

Vom 7. bis 9. Juli finden in Marburg die 1. Hessischen Landesspiele der Special Olympics (SO) statt. Das sind Sportwettkämpfe speziell für Menschen mit einer geistigen Behinderung, die in sechs Disziplinen – Fußball, Leichtathletik, Schwimmen, Tischtennis, Judo und Boccia – miteinander und mit Menschen ohne Behinderung Sport machen werden. Rund 1200 Teilnehmer werden erwartet: 700 Athletinnen und Athleten, 200 Trainer und 300 freiwillige Betreuer. Sie alle treibt der Wunsch nach körperlicher Betätigung im Sport, aber auch nach Inklusion. Das ist das besondere Merkmal der Special Olympics: Die Spiele bringen Menschen zusammen, die im Alltag sonst selten miteinander in Kontakt treten. Dazu gibt es in den SO-Disziplinen sogenannte Unified Teams, in denen Behinderte und Nichtbehinderte zusammenspielen. Als Staffel in Leichtathletik und Schwimmen oder auch als Doppel im Tischtennis. Dazu wurde gegebenenfalls das Regelwerk der Sportarten diesem speziellen Ziel angepasst: Damit die nichtbehinderten Teammitglieder nicht dominieren, wird beispielsweise im Volleyball genau darauf geachtet, dass alle Beteiligten gleiche Spielanteile haben.

Die Rotary Clubs in Marburg haben sich intensiv in die Vorbereitung der 1. Hessischen SO eingebracht und engagieren sich insbesondere in der ärztlichen Beratung und Betreuung.

...behindert wird man

Kaum eine Personengruppe ist von Vorurteilen so betroffen wie Menschen, die wir leichtfertig „geistig behindert“ nennen. Menschen mit einer geistigen Behinderung sind nicht „komplex geschädigt“, sondern nur durch einen Teil ihres So-Seins beeinträchtigt – nämlich in ihrer intellektuellen Leistungsfähigkeit. Ausgeblendet wird oft, dass sie – wie jeder von uns – Schwächen und Stärken haben, dass sie zwar krank werden können, aber nicht krank sind, und dass sie sich des Lebens freuen können, wenn die Gesellschaft dies zulässt. Etwas provokativ bringt das ein Slogan der „Aktion Mensch“ auf den Punkt: „Behindert ist man nicht, behindert wird man“.

Ein paar Fakten: Geistige Behinderung tritt in unterschiedlichen Ausprägungsformen auf, je nach Ursache: Die häufigsten sind Chromosomenabweichung (etwa Down-Syndrom), Sauerstoffmangel während der Geburt, Gehirnschädigungen – auch bei Frühgeborenen – oder frühkindliche Infektionserkrankungen wie Gehirnhautentzündung.

Etwa 0,8 Prozent eines Geburtsjahrgangs sind „geistig“ behindert. Sie stellen mit ungefähr 450.000 Menschen in Deutschland eine der großen Behindertengruppen dar. Zusammen mit ihren Eltern und Geschwistern sind deutlich über eine Million Menschen unmittelbar durch geistige Behinderung tangiert.

Zum Inklusionsparadigma

„Wir sind nicht nur behindert – wir sind zuerst Menschen. Wir erwarten Respekt, kein Mitleid!“ Mit diesen Anliegen kommen wir dem Inklusionsparadigma näher.

Die Abbildung zeigt, dass bei gelungener Inklusion jene anderen einfach mittendrin dabei sind. Und dies zum Wohle der gesamten Gesellschaft. Der barrierefreie Zugang hilft nicht nur dem Rollstuhlfahrer, sondern auch der jungen Mutter mit dem Kinderwagen. Soziale Rücksichtnahme erleichtert das Zusammenleben ungemein – nicht nur von Behinderten und Nichtbehinderten. Das werden wir alle spüren, wenn wir alt werden – „behindertengerecht“ ist „menschengerecht“.

Triebfeder des Inklusionsparadigmas ist die „Konvention der Vereinten Nationen für die Rechte behinderter Menschen“. Sie ist eine programmatische „Schatztruhe“. Ihre Artikel – seit 2009 in Deutschland mit Gesetzeskraft – betreffen etwa die Bereiche Bildung/ Schulwesen, Arbeitsleben, Wohnen, Gesundheitswesen, Freizeit und Sport.

Die größte Hürde sind Vorurteile. Gelingende Inklusion bedarf vielfältiger Veränderungen in den nachstehenden Aktionsfeldern:

· Einstellungen und Vorurteile

· Gesetzliche Rahmenbedingungen

· Institutionelle Strukturen

· Anzuwendende Methoden

· Einzusetzende Sach- und Finanzmittel.

Wenn hier die entsprechenden Anforderungen nicht erfüllt sind, kann Inklusion zum Bumerang werden.

„Drohende“ Veränderungen lösen oft Widerstände aus. Daher kommt der Bekämpfung der Vorurteile entscheidende Bedeutung zu. Wenn sich – fundiert – Einstellungen geändert haben und das Bild vom behinderten Menschen von Vorurteilen befreit ist, kann man es leichter wagen, bestehende Strukturen infrage zu stellen und hierzu notwendige finanzielle Mittel loszueisen. Wie kann das gelingen?

Freizeit gestalten

Auch bei geistig behinderten Menschen macht „Freizeit“ einen Großteil der Lebenszeit aus: Nach der täglichen Arbeit zumeist in einer Werkstatt für behinderte Menschen, an den Wochenenden, im Urlaub. Von den durchschnittlich 700.000 Stunden Lebenszeit entfallen nach Prof. Reinhard Markowetz (München) bezogen auf die Gesamtbevölkerung 30.000 Stunden auf Ausbildung, 60.000 Stunden auf Arbeit, 233.000 Stunden auf Schlafen – und mehr als die Hälfte, nämlich 369.000, auf Freizeit. An dieser Stelle kommt Sport ins Spiel: Spiel, Sport und Bewegung bieten „niedrigschwellig“ die Möglichkeit für Inklusion durch Sport und Inklusion im Sport.

Emotion pur

Das ist der ideale, weil niederschwellige Ansatz. Veränderungen von Strukturen etwa in Sportvereinen sind vergleichsweise leichter als etwa im Schulsystem zu schaffen, auch sind die hierzu notwendigen finanziellen Mittel überschaubar. Über den Weg des Sports und insbesondere auf Sportveranstaltungen können auch intellektuell beeinträchtigte Menschen beweisen, dass sie etwas leisten wollen und können. Besucher erleben zwar nicht immer die rekordverdächtige Höchstleistung, wohl aber Lebensfreude und Emotion pur. Vorurteile werden hinterfragt und damit fallen Akzeptanzhürden: Inklusion durch Sport.

Allerdings springt der Inklusionsgedanke – um im sportlichen Bild zu bleiben – zu kurz, würde man sich darauf beschränken, dass behinderte Menschen beim Sport unter sich bleiben. So ist es Ziel, dass geistig behinderte Menschen auch in regulären Sportvereinen willkommen sind. Oder: dass in Mannschaftssportarten, Staffeln und Doppel-Wettbewerben behinderte und nichtbehinderte Athletinnen und Athleten ein Team bilden: Inklusion im Sport, etwa durch die Unified Sports von Special Olympics.

Rotary plant für 2017

Im März 2017 finden die Special Olympics Welt-Winterspiele in Graz und Schladming statt. Erwartet werden 3000 Athleten aus 110 Ländern, die in Ski alpin und nordisch, Eisschnelllauf, Eiskunstlauf und anderen Wettbewerben aufeinandertreffen. Die Rotary Clubs im Distrikt 1910 werden als Gastgeber im Vorfeld den Teilnehmern österreichische Lebensart nahe bringen. Zwei Tage lang läuft ein sogenanntes Host-Town-Programm für die Sportler aus aller Welt. Gov. elect Gerhard Hellmann (RC Bruck/Mur) hofft, dass möglichst viele Clubs mitmachen, um den Delegationen einen herzlichen Empfang zu bereiten. „Rotary Österreich wird mit diesem Engagement weltweit für Schlagzeilen sorgen und nachhaltig das Leben von Menschen mit Behinderung und ihren Familien verbessern. Vor allem können wir etwas bewirken: Respekt, Toleranz und Frieden.“

Erschienen in Rotary Magazin 6/2015

Rotary Magazin 9/2016

Rotary Magazin Heft 9/2016

Titelthema

Herbst einer Volkspartei

Die deutsche Sozialdemokratie steckt in der Krise. Der Zuspruch sinkt, die Partei liegt bundesweit bei 20 Prozent. Woran liegt das? Welche Fehler wurden in den letzten Jahren gemacht? Und mit Blick auf…

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