15.08.2014

Fleischkonsum 

Auch wo »?Bio?« draufsteht, ist der Tod drin

Hilal Sezgin

Jedes Jahr werden in Deutschland und Österreich Millionen Schweine, Hühner, Enten und sonstige sogenannte Nutztiere gehalten und geschlachtet. Die dabei herrschenden Bedingungen wurden bis dato kaum diskutiert. Doch in jüngster Zeit rücken Tierhaltung und Tierschutz verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit. Nachdem Mitte Juli eine Fernsehdokumentation enthüllte, wie dramatisch die Zustände in manchen Massentierhaltungsbetrieben sind, wurde das Thema zum Politikum. Die Beiträge des August-Titelthemas widmen sich den Lebensbedingungen der Vierbeiner in unseren Ställen – und diskutieren dabei auch, ob Tiere eigene Grundrechte haben.

Das Wort „Massentierhaltung“ hat für die meisten Verbraucher einen schlechten Klang. Schließlich gibt es kaum jemanden, der noch keine Zeitungsberichte über die Missstände in unseren Ställen gelesen hat; kaum jemanden, der nicht die Fernsehaufnahmen kennt von Hühnern, die einander die Federn ausreißen (Federpicken); von Puten, die sich wegen des schnellen Wachstums nicht mehr auf den eigenen Beinen halten können und vornüberkippen (Brustblasenentzündung); von Kälbern, die fernab ihrer Mütter in Plastikboxen stehen (Kälberiglu); von Sauen, die sich nicht einmal um die eigene Achse drehen können (Ferkelschutzkorb), und „überzähligen“ Ferkeln, die in den ersten Lebenstagen erschlagen werden. Von den brachialen Schlachtszenen ganz zu schweigen.

Und es gibt auch kaum jemanden, der dann nicht versucht ist, den TV-Sender zu wechseln, weil man solche Bilder schwer ertragen kann. Man muss kein ausgesprochener Tierfreund sein, man muss Tiere nicht generell „lieben“, um zu merken, dass da entsetzlich viel menschengemachtes Leid ist. Irgendwie ist das doch nicht in Ordnung, oder?

Doch wir ziehen erstaunlich wenige Konsequenzen aus dem, was wir ja längst über die industrielle Tierhaltung wissen. Manchmal wechseln wir die Marke, kaufen Eier von anderen, „glücklicheren“ Hühnern als von denen, deren Unglück im jüngsten Skandal enthüllt wurde – wohlwissend, dass auch diese in Wahrheit unglückliche Tiere sind. Manche nehmen sich vor, nur noch Produkte aus Bio-Tierhaltung zu kaufen. Doch mal ehrlich: Wer praktiziert das wirklich konsequent? Auch bei Wurst und Schinken, bei jedem Joghurt, jeder Käsepizza, im Restaurant und in der Kantine? Und wer hat jemals die Bestimmungen zur Bio-Haltung durchgelesen? Auch bei „Bio“ steht den Tieren nur geringfügig mehr Platz zu als in der konventionellen Tierhaltung. Das sind nicht idyllische kleine Bauernhöfe mit einer Großmutter, die Körner in ihrer Schürze trägt und an fröhlich herumwuselnde Hühner verfüttert. Auch „Bio“ wird in Massen produziert; die Züchtungen sind meist dieselben, die Produktionsschritte, die Transportwege und der Tod ebenfalls.

DIE KONSEQUENZ DER MASSENPRODUKTION

Und egal, wie viele Label für „Tierwohl“ oder „Bio“ und „Freiland“ wir noch entwickeln werden, um unser Gewissen zu beruhigen, die unangenehme Wahrheit bleibt bestehen: Die einzige Möglichkeit, um alle Mitglieder einer Industriegesellschaft mit Fleisch, Milch und Eiern zu versorgen, ist eben industrielle Tierhaltung. Die Industriegesellschaft ist stark arbeitsteilig organisiert; waren in früheren Zeiten der Menschheit und noch bis in die frühe Neuzeit 95 Prozent der Bevölkerung Bauern, so müssen in den Industrieländern heute 1,6 Prozent der Erwerbstätigen die gesamte Nahrung für alle herstellen. Noch 1900 erzeugte ein Landwirt mit seiner Arbeit Nahrungsmittel für etwa vier Menschen, 1960 waren es 17 und heute sind es sogar 133. Diese Leistungssteigerung ließ sich nur durch den technologischen Umbau und die Industrialisierung der Landwirtschaft erreichen – das geht auch zu Lasten der Tiere.

Massentierhaltung ist daher nicht das Böse außer der Reihe, nicht ein Ausrutscher, nicht ein Produkt einiger gewinnsüchtiger Landwirte; Massentierhaltung ist einfach die Konsequenz daraus, dass wir massenhaft Menschen sind, die massenhafte tierische Produkte verzehren wollen. Der Fehler steckt sozusagen im System.

Dieses System kann man zum Beispiel Speziesismus nennen oder Karnismus; es ist jedenfalls die festgefügte Vorstellung oder gar Weltanschauung, dass wir Menschen befugt wären, andere Tiere ganz zu unseren Zwecken zu nutzen, nach unserem Geschmack und für unser Amüsement einzusetzen. Obwohl wir wissen, dass auch sie empfindungsfähige, leidfähige Wesen sind, oft intelligent wie kleine Menschenkinder und mit einem Sozialverhalten, das dem menschlichen vergleichbar ist. Trotzdem können wir gleichsam einen Schalter umlegen mit der zweifelhaften Begründung, Tiere seien „weniger wert“ als wir (wer entscheidet das?), wir seien „die Krone der Schöpfung“ (das steht übrigens gar nicht wirklich in der Bibel – und vertreten wir nicht eigentlich die Evolutionslehre?) oder es sei „schon immer so gewesen“ (früher haben allerdings Menschen auch andere Menschen versklavt oder gar gegessen… Und überhaupt: Seit wann ist die Feststellung, dass etwas immer schon so war, ein gültiges moralisches oder politisches Argument?). Bei jedem Interessenkonflikt zwischen Tieren und uns entscheiden wir dann unbekümmert parteiisch für uns, auch wenn für uns nur der traditionelle Sonntagsbraten auf dem Spiel steht und für die Tiere das ganze Leben.

AUCH TIERE WOLLEN NICHT STERBEN

Wir nehmen Kühen nach der Geburt die Kälber weg und ziehen diesen „Antisaugringe“ durch die Nase, damit sie nicht versuchen, überall an etwas zu saugen; wir sperren die Sauen so ein, dass sie sich nicht mal nach ihren Ferkeln umdrehen können, und nehmen auch diese schon nach drei bis vier Wochen von der Zitze. Wir machen es Hühnern unmöglich, nach Futter zu scharren und Sandbäder zu nehmen, Schweinen, sich im Matsch zu suhlen und die Erde umzuwühlen. Wir besamen sämtliche Rinder, Schweine, Hühner und Puten künstlich; stimulieren ihre Empfängnisbereitschaft und Geburt oft mit Hormonen; züchten sie so, dass ihre Körper mit dem überproportionalen Wachstum und der unfreiwilligen „Leistung“ nicht mitkommen. Etwa 30 Prozent der Milchkühe leiden unter chronischer Mastitis und etwa ebenso viele unter dem sogenannten Milchfieber, nach der Geburt des Kalbes. Sie müssen heute ja bis zu fünf Mal mehr Milch pro Tag geben, als ein Kalb benötigen würde; so viel Calcium und Phosphor und Eiweiß zu produzieren, überlastet Skelett und Stoffwechsel der Kuh.

Am Ende dieser industriell geregelten und genutzten Leben steht der industrielle Tod, dem in vielen Fällen eine Betäubung vorausgeht, die nicht wirklich betäubt, so dass diese Tiere bei vollem Bewusstsein die Schlachtung erleben; doch auch diese Handgriffe „sitzen“ oft nicht, die unterbezahlten Arbeiter der Schlachtfabriken arbeiten wie im Akkord; weswegen rund 500.000 Schweine nicht richtig abgestochen sind und dann im siedend heißen Brühbad wieder aufwachen und qualvoll ertrinken.

Glaubt wirklich irgendjemand, den Tieren mache der Tod nichts aus? Auch, wenn sie ihn nicht so qualvoll mitbekämen, und auch, wenn sie bis dahin wirklich „glücklich“ gelebt hätten? Selbst wenn man davon ausgeht, dass Tiere nicht ihre Zukunft planen, und dass sie Begriffe wie „morgen“ oder „nächstes Jahr“ nicht kennen – was der Tod ist, wissen sie. Sie scheuen ihn. Eine Schlachtung ist schlicht und einfach eine gewaltsame Tötung. Noch im Schlachthof kämpfen Tiere bis zum letzten Atemzug mit aller Kraft und voller Angst gegen den Tod an. Mit Kunststoffbrettern und Elektropaddeln müssen Schweine in die Transporter getrieben werden; noch in der Betäubungsgondel springen sie panisch auf und ab, wenn sie spüren, wie das Kohlendioxid ihre Lungen flutet.

Die Evolution hat schon dafür gesorgt, dass der (Über)lebensimpuls so stark ist. Tiere fürchten und fliehen kaum etwas so wie den Tod. Das Leben ist ein essentielles Gut aller empfindungsfähigen Lebewesen. Ebenso wie wir Menschen hängen Tiere an ihrem Leben. Und wenn uns Moral über eines sicher belehren kann, dann darüber: Wir dürfen Leben nicht ohne Not nehmen.

DIE GESELLSCHAFT KÖNNTE ES BESSER WISSEN

Und bei Tieren, die wir nicht von vornherein als „Nutztiere“, sondern als „Haustiere“ rubrizieren, wissen wir das ja auch. Jeder, der schon einmal einen Hund jahrelang wie ein Familienmitglied behandelt und sein Herz an ihn gehängt hat und dann eines Tages vor der Entscheidung stand, ob er das alte, stark leidende Tier einschläfern lassen solle, weiß, welche Verantwortung man da übernimmt. Man wägt gründlich ab. Man entscheidet nicht leichtherzig, weil man weiß: Dieser Hund ist ein Individuum, und dieses Leben wird dann ausgelöscht. Wenn wir also bei einem alten Tier zu Recht so lange überlegen, wie viel schwerer wiegt es dann, ein Tier zu töten, das ja noch am Anfang seines Lebens steht (ein Kalb, ein Lamm oder ein Schlachtschwein im üblichen Alter von sieben Monaten)? Dass wir letztere „Nutztiere“ nennen und damit ganz gut aus unserem Gewissen ausblenden, dürfte die Tiere selbst kaum trösten. Denn „Nutztier“ und „Haustier“ sind rein menschliche Kategorien, sie haben nichts zu tun mit dem realen Empfinden der Tiere, ihrem Bewegungsdrang, ihrem Sozialverhalten, ihrer Physiologie, ihrem Wunsch zu leben. Wir nennen sie bloß „Nutztiere“, damit das, was wir ihnen antun, weniger schlimm scheint. Und dann erklären wir das, was wir ihnen antun, unter Rekurs auf diese Kategorie – dieser Zirkelschluss sucht seinesgleichen!

Dabei sind wir heute in einer einmaligen Lage: Die breite Gesellschaft weiß mehr über die Tierhaltung als in früheren Jahrzehnten. Trotzdem nutzen und töten wir mehr Tiere als je zuvor (etwa 800 Millionen in Deutschland jedes Jahr und 65 Milliarden jährlich weltweit). Gleichzeitig brauchen wir tierische Nahrung nicht (mehr). Unsere menschlichen Vorfahren hatten weder denselben hocheffizienten Ackerbau, noch den globalen Handel, noch solche Vorratshaltung; sie waren auf Jagd und Tierhaltung angewiesen. Heute hingegen bescheinigen etliche staatliche Ernährungsinstitute der Welt (zum Beispiel die von Kanada, Australien und den USA), dass die rein pflanzliche (vegane) Ernährung für sämtliche menschliche Lebensphasen geeignet ist. Umgekehrt mahnen die meisten Umweltorganisationen der Welt, dass die Tierhaltung zu den stärksten und negativsten Klimafaktoren gehört; dass Wasser- und Bodenqualität dadurch weltweit bedroht sind. Antibiotikaresistenzen haben ihren Ursprung oft in der Tierhaltung, ebenso wie viele Influenzaviren und Zoonosen. Unmengen von Getreide und Soja landen in den Futtertrögen eingepferchter Tiere statt auf den Tellern hungriger Menschen.

Heute eröffnen sich uns ganz andere Spielräume als früheren Generationen. Die Menschheit braucht keine Tiere mehr zum Verzehr, im Gegenteil: Sie braucht den Ausstieg aus der Tiernutzung. So viele Menschen spenden gerne für WWF oder Tierheime, weil sie wollen, dass es Tieren nicht schlecht geht; gleichzeitig geben sie Hunderte von Euro im Monat für Produkte aus, die doch genau zur Voraussetzung haben, dass Tiere leiden. Viele Menschen, die bei den eingangs erwähnten Bildern den Fernsehkanal wechseln, haben genau dieselben unglückseligen Tiere, bloß tot, im eigenen Kühlschrank! Auf das eigene Gewissen zu hören und Tieren mehr Rechte zuzugestehen bedeutet, unsere moralische Einsichtsfähigkeit und damit letztlich auch uns selbst ernst zu nehmen. Also worauf warten wir noch?

Debatte: Ein Recht für Tiere?

Massentierhaltung, Fleischskandale, Tierversuche – der Umgang des Menschen mit Tieren ist längst kein Nischenthema mehr, für das sich lediglich Aktivisten oder Ethiker interessieren. Allerdings liegt der Fokus der öffentlichen Debatten bis dato zumeist auf Fragen der Moral, zum Beispiel darauf, welche moralischen Rechte und Interessen wir Tieren aufgrund ihrer Eigenschaften und Fähigkeiten, Schmerzen zu empfi nden zuschreiben müssen, und welche moralischen Pfl ichten sich daraus für uns ergeben. Sue Donaldson und Will Kymlicka gehen in ihrem Buch „Zoopolis“ darüber hinaus und behaupten, dass Tiere auch politische Rechte haben. Im Rückgriff auf Theorien der Staatsbürgerschaft argumentieren sie dafür, auch den Vierbeinern neben unverletzlichen Grundrechten einen je gruppenspezifi schen politischen Status zuzusprechen. „Zoopolis“ diskutiert auf eindringliche Weise, wie stark wir Menschen mit den Tieren verbunden sind. Die Autoren entwerfen eine neue und folgenreiche Agenda für das künftige Zusammenleben mit diesen Geschöpfen.

Sue Donaldson und Will Kymlicka
Zoopolis. Eine politische Theorie der Tierrechte
Suhrkamp 2013, 608 Seiten,
ISBN 3-518-58600-9
36,00 Euro

Erschienen in Rotary Magazin 8/2014

Hilal Sezgin
Hilal Sezgin ist freie Autorin und schreibt u.a. für „Die Zeit“ und die „taz“. Zuletzt erschien „Artgerecht ist nur die Freiheit. Eine Ethik für Tiere oder Warum wir umdenken müssen“. In Kürze erscheint „Hilal Sezgins Tierleben. Von Schweinen und anderen Zeitgenossen“ (beide C.H.Beck).

hilalsezgin.de

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