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Berufliche Integration hilft jungen Flüchtlingen, Fuß zu fassen

 - Berufliche Integration hilft jungen Flüchtlingen, Fuß zu fassen
© Pixabay

Über 80 Millionen Menschen waren laut der UNO Flüchtlingshilfe Mitte 2020 weltweit auf der Flucht vor Krieg, Konflikten und Verfolgung

01.07.2021

Über 80 Millionen Menschen waren laut der UNO Flüchtlingshilfe Mitte 2020 weltweit auf der Flucht vor Krieg, Konflikten und Verfolgung (https://www.unhcr.org/refugee-statistics/). 40 Prozent von ihnen waren unter 18 Jahre alt. Die Aufnahmeländer stehen vor der Aufgabe, die Flüchtlinge in ihre neue Heimat zu integrieren. Das kann besonders gut bei den jüngeren gelingen, die zum Beispiel in Europa die klaffende Nachwuchslücke im Handwerk schließen könnten. Genau an diesem Punkt setzt ROBIJ, ein Projekt von Schweizer Rotary Clubs, an.

Die Zahl der Asylsuchenden hat seit 2018 in der Schweiz stetig abgenommen, doch die Zahl der Asylgesuche von unbegleiteten Minderjährigen ist gestiegen. Deshalb hilft der Verein "Rotarier für die berufliche Integration Jugendlicher" ausschließlich jugendlichen Flüchtlingen im Kanton Zürich, mögliche Berufe vor allem im Handwerk kennenzulernen, Praktikumsplätze und Ausbildungsstellen zu finden und sich durch ihre Integration ins lokale Berufsleben langfristig auch in die neue Heimat und Gesellschaft zu integrieren.

Über acht Monate auf der Flucht

Eid ist einer von diesen Jugendlichen. Und seine Geschichte ist eine Erfolgsgeschichte im Werden. Mit 14 Jahren floh er alleine aus dem kriegsgebeutelten Afghanistan. Dazu verkaufte er seine kleine Motorradwerkstatt, die er in der Heimat betrieb, gab einen Teil des Erlöses an Eltern und Geschwister und machte sich mit dem Rest auf eine achteinhalb-monatige Odyssee gen Westen.

"Zunächst blieb ich zwei Monate im Iran und arbeitete dort als Maurer. Aber richtig sicher und besser als in Afghanistan war die Lage dort auch nicht", erzählt Eid. Deshalb versuchte er, über die Türkei nach Europa zu gelangen – mit anderen Flüchtlingen per Gummiboot. Auf halbem Weg fiel der Motor aus und der Bootsfahrer zeigte sich hilflos. "Aber dank meiner Kenntnisse als Motorradmechaniker konnte ich den Motor wieder in Gang bringen", sagt er ganz sachlich ohne zu erwähnen, dass er damit sehr wahrscheinlich allen Passagieren das Leben gerettet hat.

Über Griechenland, verschiedene Balkanländer und Deutschland kam er schließlich im Dezember 2015 in die Schweiz. Hier folgten Unterbringung in verschiedenen Flüchtlingsheimen sowie Sprach- und Schulunterricht. Und ROBIJ. 

"Unser Verein unterstützt die betreuenden Organisationen dabei, Vorbereitungsworkshops für Berufspraktika und -ausbildung durchzuführen, und organisiert Berufserkundungstage bei Firmen und Handwerksbetrieben", erläutert die Initiatorin und Mitgründerin Marianne Hopsch vom Rotary Club Zürich-City. Viele der Berufe in der Schweiz sind den Flüchtlingen unbekannt. Bei den Erkundungstagen können bis zu 50 Jugendliche einen Betrieb besuchen und deren Mitarbeiter und Ausbilder stellen ihnen dann die verschiedenen Berufe konkret vor. "Ganz wichtig ist dabei der persönliche Kontakt zu den Ausbildern und Firmenchefs. Das baut Vorurteile und Berührungsängste ab und öffnet Türen für Praktikums- und Ausbildungsplätze", so Marianne Hopsch.

Die Firmen sind dabei

Das Konzept hat Andreas Rüegg, den Inhaber einer Planungsfirma für Gebäudetechnik und Mitglied im Rotary Club Zürich-Turicum, sofort überzeugt – genau wie seine Mitarbeitenden auch. "Wir organisierten spontan einen Berufserkundungstag für vier Flüchtlinge mit Einführung in die Planungsarbeit, Mittagessen und anschließender Führung über die Baustelle durch einen Elektroinstallateur."

Beim Kennenlernen zeigt sich für die Betriebe, wer neugierig und motiviert ist und wer vielleicht sogar Talent hat. "Und mir persönlich hat es auch die Augen geöffnet", resümiert Andreas Rüegg, "welch teilweise dramatische Flucht diese jungen Menschen hinter sich haben." Einem der vier Besucher hat er dann auch zu einer Lehrstelle als Elektriker verholfen. Zwar nicht in seinem Betrieb, aber in einer Firma aus seinem beruflichen Netzwerk.

Für den heute 19-jährigen Milad aus Afghanistan ein Glücksfall. Eigentlich wollte er aufs Gymnasium, doch seine Deutschkenntnisse reichten noch nicht aus. Durch ROBIJ bot sich diese Chance in einem Zukunftsberuf, "denn mit einer guten Elektrikerausbildung kann man vieles machen", sagt Milad.  

Kultur nahebringen

"Es ist wichtig, dass die jungen Flüchtlinge die neue Kultur hier in der Schweiz kennenlernen und möglichst schnell unabhängig von Sozialleistungen werden. Meiner Meinung nach gelingt Integration am einfachsten über die Arbeit", sagt Jan Schibli, Inhaber einer Elektrotechnik-Firma und Mitglied im Rotary Club Zürich-Glattal. Auch sein Unternehmen arbeitet mit ROBIJ zusammen und hat zwei Berufserkundungstage durchgeführt. "Ich habe das Glitzern in den Augen der Jugendlichen gesehen, als wir ihnen unsere Arbeit vorgestellt haben. Das bestätigt mir, wir tun das Richtige." 

Ganz neu sind Berufsinformationsveranstaltungen natürlich nicht. ROBIJ versteht sich darum auch weniger als betreuende Organisation, sondern vielmehr als Brückenbauer. "Wir schauen, welcher Bedarf und welche Erwartungen auf allen Seiten existieren, helfen, wo etwas noch nicht richtig funktioniert oder wo Missverständnisse bestehen, und knüpfen die richtigen Kontakte", beschreibt Marianne Hopsch, die derzeit rund 70 Prozet ihrer Arbeitszeit ehrenamtlich in dieses Projekt investiert. "Die Hauptarbeit besteht darin, eine Vertrauensbasis bei den Flüchtlingsorganisationen aufzubauen, die ja besondere Verantwortung für die Minderjährigen tragen, sowie die stetige Akquise neuer Lehrbetriebe."

Der finanzielle Aufwand ist eher bescheiden, da Unterkunft, Verpflegung und schulische Ausbildung der Flüchtlinge ohnehin vom Bund und den Gemeinden finanziert werden und die Kosten für die Berufserkundungstage zum Großteil von den Betrieben übernommen werden. Seit Gründung des Vereins im April 2018 wurden insgesamt gut 3.500 Schweizer Franken ausgegeben, unter anderem für Netzwerkveranstaltungen mit Förderern, Flüchtlingsorganisationen und Betrieben sowie Fahrtkosten.

Erfolgsstatistik per Berufserkundung

Auf der Haben-Seite stehen 35 Firmen und 28 Flüchtlinge betreuende Organisationen als Partner sowie acht Rotary Clubs als Vereinsmitglieder. Bis März 2020 konnten zehn Berufserkundungstage für 190 Flüchtlinge veranstaltet werden, die zu 21 Schnupperpraktika und sechs Lehrstellen führten. Nicht mitgerechnet all jene Lehrstellen, die die Jugendlichen nach Besuch der ROBIJ-Berufserkundungstage selber gefunden haben. Kürzlich wurde außerdem ein von einem Zürcher Rotary Club großzügig mitfinanziertes Trainingsvideo erstellt, das den Lehrstellensuchenden ganz ohne Worte vermittelt, worauf Betriebe Wert legen.

Eine gute Ausbildung und Sicherheit – das ist Milad sehr wichtig und beides hat er in der Schweiz gefunden, auch wenn ihm die Familie und Freunde aus der Heimat fehlen. Für die Zukunft wünscht sich der angehende Elektriker, "dass ich meine beruflichen Ziele erreiche, vielleicht ein Geschäft aufmachen und einen Schweizer Pass bekommen kann".

Und Eid? Auch er hat sich für Elektrik entschieden und ist derzeit im zweiten Lehrjahr zum Netzelektriker – nachdem er bei drei Berufserkundungen von ROBIJ dabei war, 70 Bewerbungen geschrieben und sich bei Hospitationen gut zehn verschiedene Berufe angeschaut hat. Er hat seine Lehrstelle selber finden können. "Es ist toll, dass sich die Leute von ROBIJ wirklich Zeit nehmen, auch wenn es mal Probleme mit der Sprache gibt", meint er.

Der mittlerweile 20-Jährige hat sogar schon eine spezielle Prüfung bestanden, die es ihm erlaubt, die Arbeit auf Baustellen selbstständig durchzuführen. Und durch den Ausbildungslohn, den er erhält, ist er nun nicht mehr auf finanzielle Unterstützung vom Staat angewiesen. Auch lebt er nicht länger im Flüchtlingsheim, sondern in einer WG. "Ich möchte gern in der Schweiz bleiben", sagt er, "und mich nach Abschluss meiner Ausbildung in diesem Bereich gleich noch weiter qualifizieren."

ROBIJ hilft

Für Milad und Eid ist das Konzept von ROBIJ aufgegangen. Angesichts der weltweit steigenden Flüchtlingszahlen böte es sich sicher an, dieses Projekt auch in anderen Aufnahmeländern einmal auszuprobieren.