01.03.2018

Forum 

Borussia – Heimat zwischen Polen und Deutschland

Kornelia Kurowska

In Heft 2/2018 widmete sich das Rotary Magazin dem „langen Weg nach Osten“. Der folgende Beitrag zeigt beispielhaft, wie die heutige polnische Bevölkerung mit der Geschichte alter preußischer Provinzen umgeht.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das alte Ostpreußen dreigeteilt: Der südlichste Teil davon wurde Polen zugewiesen und heißt heute Ermland und Masuren. Die alte deutsche Bevölkerung wurde nach 1945 durch Grenzverschiebungen, Flucht und Zwangsumsiedlungen fast komplett ausgetauscht. In deutschen Häusern aus rotem Backstein ließen sich Familien aus den polnischen Ostgebieten und Zentralpolen nieder. 1947 kamen große Gruppen von Ukrainern, die im Rahmen der Aktion Weichsel aus dem Süden Polens zwangsumgesiedelt worden waren, hinzu.

Die Vergangenheit der Region und Geschichte(n) ihrer Bewohner wurden in den Nachkriegsjahren tabuisiert, verdrängt und verschwiegen. Die offizielle Propaganda des polnischen Staates suchte die Urr echte Polens an diesen Gebieten zu legitimieren. Diese wurden als sogenannte „Wiedergewonnene Gebiete“ bezeichnet – die Spuren der deutschen Kultur wurden verwischt und nicht selten planmäßig zerstört.

Entdeckung fremder Geschichte
Erst die Wendezeit in Polen 1989/1990 machte es möglich, sich mit der Geschichte der Gebiete zwischen Weichsel und Memel ause inanderzusetzen. Die demokratischen Veränderungen mobilisierten auch eine Gruppe von polnischen Historikern, Kunsthistorikern, Literaten und Lehrern, in Olsztyn/Allenstein die Kulturgemeinschaft „Borussia“ zu gründen. Der Verein war eine der ersten freien und abhängigen Nichtregierungsorganisationen, die damals in Ermland-Masuren ähnlich wie in anderen Teilen Polens wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.

Doch die „Borussia“ war von Anfang an eine Initiative, die aus dem Rahmen fiel. Allein der Name der Organisation rief Verwunderung oder Unverständnis hervor, noch mehr das Leitbild und die Zielsetzung der Bürgerinitiative: Die „Borussia“ stieß eine intensive Auseinandersetzung mit dem multikulturellen, vor allem deutschen Kul turerbe der Region an und suchte dabei auch den Kontakt mit alten und neuen Nachbarn. Die in den 50er, 60er und 70er Jahren geborenen „Borussen“ nannten die Region „ihre Heimat“ – dieses Zugehörigkeits- und Identifikationsgefühl war in der Generation ihrer Eltern und Großeltern noch lange nicht vorhanden. Die „Borussen“ wollten für die Zukunft der Region Verantwortung übernehmen. Stolz und selbstbewusst betonten sie, dass Ermland und Masuren eine europäische Region ist. 

Inspiriert von dem „Genius Loci“ und den Schicksalen der Menschen begaben wir uns auf die Suche nach Spuren des materiellen und immateriellen Kulturerbes der Region zwischen Weichsel und Memel, in der über Jahrhunderte unterschiedliche Kulturen, Völker und Religionen aufeinandergetroffen waren, und dokumentierten diese mühsam und sorgfältig. So entstanden damals die ersten Fotodokumentatio nen und Publikationen zu den Besonderheiten der regionalen Architektur und Kulturlandschaft: zu Landschlössern und Gutshäusern, masurischen Dörfern, evangelischen Kirchen, ermländischen Straßenk apellen, malerischen Alleen. In der Zeitschrift Borussia. Kultur. Geschichte. Literatur erschienen literarische Texte und historische Essays von Autoren aus Deutschland, dem Kaliningrader Gebiet und Litauen sowie von polnischen Wissenschaftlern. Die Zeitschrift entwickelte sich nach und nach zu einem überregionalen Forum, um Geschichte und Gegenwart der historischen deutsch-polnischen Grenzgebiete zu erörtern sowie literarische und kulturellen Phänomene darzustellen.

Historische Dokumentationen
Schnell hat sich die „Borussia“ weit über die Grenzen Olsztyns/Allensteins einen Namen gemacht; nicht nur durch die Zeitschrift (deren Herausgabe nach dem 60. Heft leider im Dezember 2017 eingestellt wurde) sondern auch ihre verlegerische Tätigkeit. Im Verlag der „Borussia“ sind (nicht selten zum ersten Mal in polnischer Sprache) Bücher solch namhafter Autoren wie Max Toeppen („Geschichte Masurens“), Marion Gräfin Döhnhoff („Namen, die keiner mehr nennt“), Siegfried Lenz („Heimatmuseum“, „So zärtlich war Suleyken“), Ernst Wiechert („Jahre und Zeiten“) erschienen, um nur einige Beispiele von mehreren Dutzend Titeln zu nennen. So konnten für die Region wichtige historische und literarische Werke einem interessierten Lesepublikum zur Verfügung gestellt werden.

Die individuelle Erinnerung der Menschen, die sich in Gesprächen mit Zeitzeugen und ihren Berichten äußert, war für uns nicht minder wichtig als wissenschaftliche Studien. Bei „Borussia“ erschienen zweisprachige Bände wie „Vertreibung aus dem Osten. Deutsche und Polen erinnern sich“ (2001), „Nachkriegsalltag in Ostp reußen. Erinnerungen von Deutschen, Polen und Ukrainern“. Sie enthielten autobiographische Berichte, gesammelt in speziellen Ausschreibungen der Borussia und des Zentrums KARTA. Es wäre allerdings irreführend, die Borussia nur mit der Erkundung des reichhaltigen Kulturerbes der Region zu assoziieren. Der Ansatz der Allensteiner Vereinigung, die schon nach den ersten Jahren Mitglieder in Deutschland, Russland und Litauen gefunden hat, war von Anfang an viel anspruchsvoller.

Professor Robert Traba, Mitbegründer und langjähriger Vorsitzender der Organisation, formulierte Anfang der 1990er Jahre das Postulat des „offenen Regionalismus“, das seitdem konsequent und kontinuierlich von den „Borussen“ umgesetzt wird: Durch authentische Beziehungen und Kontakte zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturkreisen nehmen wir Bezug auf unsere eigenen Erfahrungen und lernen die Verschiedenheit anderer durch Wertschätzung zu verstehen. 

Gemeinsam Geschichte entdecken
Eine zentrale Rolle in der Tätigkeit dieses Vereins und der Stiftung „Borussia“ (die 2006 zur Unterstützung der Kulturgemeinschaft gegründet wurde), spielen interkulturelle Bildungsprogramme für Erwachsene und Jugendliche sowie die Vermittlung von Lokal- und Regionalgeschichte an junge Menschen im Sinne und im Geiste des offenen Regionalismus.

Auch wenn die Themen, die wir uns aufoktroyiert haben, nicht immer die einfachsten waren und sind (das Schicksal der einstigen Einwohner der Region, deutsch-polnische oder polnisch-litauische Bezieh ungen oder der Umgang mit dem jüdischen Erbe), sind die Begegnungen und Diskussionen immer bereichernde Erfahrungen für alle Beteiligten. Jedes Jahr organisieren wir internationale Workcamps zu historischen Themen (zum Beispiel 2018 die Restaurierung verfallener evangelischer Friedhöfe in der Johannisburger Heide und die Instandsetzung von Friedhofsanlagen aus dem I. Weltkrieg), aber auch interkulturelle Theater-, Musik- und Kunstworkshops. Der gesellschaftliche Nutzen solcher Initiativen ist nicht zu überschätzen.

Ein Haus für die Borussen
Die Verkörperung der Borussia-Ideen und -Programme ist letztlich im Mendelsohn- Haus eindrucksvoll zu Tage getreten: das ehemalige Bet Tahara, ein jüdisches Aussegnungshaus, das Erich Mendelsohn (1887–1953), der bekannte Architekt der Moderne, in seiner Heimatstadt Allenstein gebaut hatte, und das nach dem Krieg stark umgebaut wurde, verfiel seit dem Ende der 90er Jahre, nachdem der bisherige Nutzer, das Staatsarchiv, es verlassen hatte. Für uns, Mitglieder der Borussia und Einwohner Olsztyns/Allensteins, hatte dieser Ort aus vielerlei Gründen eine symbolische Bedeutung. Es ist das letzte erhaltene materielle Zeugnis der Jüdischen Gemeinde aus dem Allenstein der Vorkriegszeit, ein Objekt von großem kulturellen und historischen Wert. Sein Schicksal spiegelt die Geschichte der deutschen Juden wider – einer Gemeinschaft, die in den 1930er und 1940er Jahre ihre Heimat verlassen musste oder aus ihr vertrieben wurde.

Über acht Jahre hat die Borussia gebraucht, um Spenden und Zuschüsse in Polen und Deutschland zu sammeln, bis das Gebäude 2012 vollständig saniert werden konnte. Das Bet Tahara – in seiner neuen Funktion „Mendelsohn-Haus“ genannt, entworf en von einem deutsch-jüdischen Architekten im vormals deutschen Allenstein – ist ein Symbol der multikulturellen und -konfessionellen Tradition und dient heute den Bewohnern der Stadt und Reg ion als Ort der Begegnung und des kreativen Austausches zwischen Menschen ver schie dener Nationen und mit unterschiedlichen kulturellen und religiösen Hintergründen. Neben der Borussia sind in der Region Ermland-Masuren inzwischen unzählige kleine Vereine tätig, die sich mit der A ufa rbeitung der lokalen Geschichte beschäftigen. Auch viele Lehrer/-innen sehen darin eine Chance für die Schüler, Jugendarbeit mit historischem Lernen vor Ort zu verbinden.

Gerade in den letzten 15 Jahren erschienen zudem interessante Editionen von Bilddokumentationen und geschichtlichen Aufarbeitungen, die sich mit dem Kulturerbe Ostpreußens befassen. Auch polnische Dichter und Autoren lassen sich von der Vergangenheit der Region inspirieren und schöpfen für ihre Werke aus der Geschichte. Dieser Einsatz kleiner Vereine und lokal tätiger Bürgerinitiativen ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil die staatlichen Museen und sonstigen kulturellen Einrichtungen sich dieser Herausforderung bisher nicht angenommen haben. Auch das wissenschaftliche und akademische Umfeld hat sich bisher schwer damit getan. Nach wie vor gibt es viel zu wenige Forschungsprojekte zu regionalen Themen an der hiesigen Universität zu Ermland und Masuren. So ist es trotz einiger Versuche bisher leider nicht gelungen, ein gutes Geschichtsbuch zur regionalen Geschichte unserer Region zu publizieren.

Eine neue Regionalidentität?
Ist es trotzdem gelungen, das historische Bewusstsein der heutigen Bewohner der Region Ermland und Masuren zu verä ndern? Kann man von einer regionalen Identität sprechen, die sich aus der Geschichte definiert, 28–29 Jahre seit der Wende, als der Prozess ihrer Bildung angestoßen worden war? Im Jahre 2016 wagte die Borussia den Versuch, eine Antw ort auf diese Frage zu finden, indem sie die Bürger dazu a ufforderte, in einer Online-A bstimmung kulturelle Symbole und gem einsame Bezugspunkte einer regionalen Identität zu nennen, die in den regionalen Kanon aufgenommen werden sollten. Die Teilnehmenden hatten die Möglichkeit, zwischen 240 aufgelisteten Vorschlägen in vier Kategorien zu wählen. Das Interesse an der Aktion war sehr groß, hochinteressant waren auch die Ergebnisse.

Diese zeugen davon, dass Ermland und Masuren von den heutigen Bewohnern als ein vielschichtiges geschichtliches und kulturelles Konstrukt wahrgenommen wird. Die Bewohner erkunden den Heimatraum, kennen ihn und identifizieren sich mit konkreten histor ischen Objekten, Persönlichkeiten und Elementen der Kulturlandschaft. Robert Traba, der Initiator der Umfrage, betonte in einem Kommentar zu den Ergebn issen, dass die Suche nach einem kult urellen Kanon notwendig sei, um ein Gleichgewicht zwischen den Leistungen und Traditionen der Vergangenheit sowie der Öffnung hin zur Gegenwart und Zukunft herzustellen. Wir in Ermland und Masuren sind gerade auf dem Weg dahin. 


Heimatliche Bekenntnisse
Auszüge aus dem „Borussia“-Manifest von 1990

Ermland und Masuren, Teile des alten Ostpreußens, die heute unsere Heimat sind, haben eine wechselhafte und abwechslungsreiche Geschichte, die sich schon allein in der Vielfalt seiner  Namen widerspiegelt – es war einmal der Ordensstaat, dann das Herzogtum Preußen und das Ermland, später Preußen und Ostpreußen. Durch seine Vergangenheit sehr stark mit der Geschichte des Deutschen Ordens und des preußischen Staates verbunden, war es immer und ist bis heute ein Beispiel für eine Koexistenz mehrerer sich ethnisch und kulturell voneinander unterscheidender Volksgruppen, nicht nur der deutschen und polnischen, sondern auch der litauischen, ukrainischen, weißrussischen und russischen.

„Borussia“ ist eine latinisierte Form eines der ursprünglichen Namen dieses Landes.  Im Laufe der Jahrhunderte wurde dieser Landesname auf verschiedene Art und Weise benutzt, oft missbraucht. Der Name „Borussia“, den wir uns zugelegt haben, ist  unsere trotzige Antwort auf die aus der Geschichte herrührenden Klischees. (…) Unsere Eltern und Großeltern stammen überwiegend aus den ehemaligen polnischen Ostgebieten. Nach dem II. Weltkrieg haben sie sich hier niedergelassen. Wir,  die Generation der 50er, 60er, 70er Jahre sind schon fest mit diesem Land verbunden, das seit 1945 Ermland und Masuren heißt. (…) 

Bis in die 80er Jahre wurde die Geschichte dieser multikulturellen und multinationalen Region oft verschwiegen. Erst seit 1989 kann ganz offen über vorher gemiedene Fragen gesprochen werden, auch über Einflüsse aller Kulturen, die sich hier begegneten. Alle hier vorgefundenen Kulturgüter betrachten wir als gemeinsames Erbe, als Elemente einer historischen Landschaft, die uns – die heutigen Bewohner von Ermland und von Masuren – bereichert. Wir streben danach, durch ein vollständiges Kennenlernen der Vergangenheit unserer Region, ihrer politischen und nationalen Beziehungen, ihrer kulturellen, künstlerischen und materiellen Errungenschaften kritisch und kreativ an einem neuen Wissen und Kulturgefühl, einer neuen Lebenseinstellung der hier lebenden Menschen zu bauen.

Wir möchten ihnen bei ihrer Identitätssuche helfen und dabei, ein neues Ich-Gefühl zu entwickeln. (…) Die Aufnahme eines Dialogs zwischen denjenigen, die hier jetzt leben, und den früheren Bewohnern von Ermland und Masuren, sowie mit allen jetzt hier lebenden nationalen Minderheiten soll ebenfalls zu diesem Ziel führen. Nicht nur durch Erforschung und Vermittlung der jahrhundertealten Kultur des Landes wollen wir unsere Ziele erreichen, sondern auch durch die Absage an alle Neonationalismen und Intoleranz.


 

Kornelia Kurowska
Kornelia Kurowska ist Vorsitzende der Stiftung „Borussia“ in Allenstein/Olsztyn. borussia.pl

Rotary Magazin 4/2018

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