Entwicklungen in der Digitalen Wissensallmende - Der Commons Turn

02.04.2012

Entwicklungen in der Digitalen Wissensallmende

Der Commons Turn

Volker Grassmuck

Hardin vs. Ostrom war die zentrale Allmende-Debatte des 20. Jahrhunderts, soviel lässt sich sagen, ohne die komplexe Literatur mit teils sehr verschiedenen Allmend-Begriffen über Gebühr zu vereinfachen. Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert drehte sich die Debatte um die Einhegung der mittelalterlichen sozial-ökonomische Institution der Allmende und ihre Auflösung in öffentliches oder Privateigentum. Karl Marx analysierte sie als „ursprüngliche Akkumulation“, die mit der gewaltsamen Trennung von Produzent und Produktionsmittel den Beginn der kapitalistischen Produktionsweise einläutete.

„Freiheit in einer Allmende bringt den Ruin für alle.“ Als der Humanökologe Garrett Hardin 1968 diesen folgenschweren Satz schrieb, lag die Auflösung der Allmenden im globalen Nord-Westen so lange zurück, dass eine differenzierte Wahrnehmung in Vergessenheit geraten war. Im Angelsächsischen hat sich „Commons“ in den Namen von öffentlichen Parks und Wäldern erhalten. Daran bildet Hardin seinen Allmende-Begriff: eine begrenzte Ressource mit freiem Zugang und Nutzen für alle. Die mag so unerschöpflich scheinen wie der Yosemite-Nationalpark oder die Ozeane mit ihren Fischbeständen, doch wird der Nutzenegoismus der Einzelnen industriell betrieben, führe er auch hier unweigerlich zur „Tragik der Allmende“ und zu ihrem Untergang. Hardin sieht hier, in einem der am häufigsten zitierten Aufsätze der Wissenschaftsgeschichte nur zwei mögliche Strategien gegen das „Grauen der Allmende“: Privatisierung oder staatliche Zugangs- und Nutzungsregulierung: „wechselseitig vereinbarter wechselseitiger Zwang“.

Unter den Allmendgenossen vereinbarte Regeln für ihre nachhaltige produktive Nutzung, das genau ist aber der Schlüssel für alle realexistierenden Allmenden. Die – im Sinne einer sozial-ökonomischen Institution, nicht im Sinne eines „free for all“ – tut Hardin aber als ein weitgehend überwundenes Relikt aus unterbevölkerten Zeiten ab. Die Politikwissenschaftlerin Elinor Ostrom hat ihr Lebenswerk daran gesetzt, Hardins Diskreditierung der Allmende zu widerlegen. An zahlreichen Beispielen wie Hochgebirgsalmen, Wasserbewirtschaften und Fischgründen zeigt sie empirisch auf, dass lokale Allmendgemeinschaften sowohl öffentlicher Kontrolle wie Privatisierung überlegen sei können, keineswegs nur im globalen Süden. Mehr noch entwickelt sie Begriffe für eine Theorie des kollektiven Handelns. Zunächst unterscheidet Ostrom „öffentliche Güter“ (nicht ausschließbar, nicht rival), von dem, was Hardin und die Wirtschaftswissenschaften unter einem „Allmendgut“ verstehen (nicht ausschließbar, rival) und dem, was sie als ihren eigentlichen Gegenstand definiert: „Common-Pool Resources“. CPRs sind natürliche oder menschengemachte, erschöpfliche, also rivale Ressourcen, die von einer klar definierten Gruppe von Mitgliedern unter Ausschluss Externer genutzt werden. Ferner führt sie eine Unterscheidung ein in das Ressourcensystem, dessen nachhaltiger Organisation ihr Hauptinteresse gilt, und den Ressourceneinheiten, die ihm entnommen werden können.

Globale Güter
Heute findet sich der Begriff vor allem im Zusammenhang globaler Rohstoff- und Umweltfragen, aber auch die NATO hat die „Sicherstellung des Zugangs zur globalen Allmende“ zu ihrer Sache gemacht, worunter sie die Verkehrswege für Güter, Personen und Informationen versteht, die die Welt zusammenhalten: die Hochsee, den internationalen Luftraum, das All und das Internet. In allen diesen Fällen handelt es sich um Regime des offenen Zugangs, nicht aber um Allmenden im Sinne Ostroms oder des römischen Rechts. Das bezeichnet die Allmende als res universitatis, Gemeinschaftsgüter einer Produzentengruppe, Kommune oder anderen Körperschaft. Dazu gehörten Land und andere Produktionsressourcen und öffentliche Einrichtungen wie Theater und Rennbahnen, die eine Stadt für ihre Bürger unterhält. Veröffentlichte immaterielle Güter wie Texte oder Lieder sind weder ausschließbar noch rival und wurden im alten Rom nicht als Eigentum aufgefasst.

Wissensallmende
Aus diesem Körperschaftskonzept der Allmende entsteht im europäischen Mittelalter die
universitas magistrorum et scholarium, die „Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden“ – die Universität, mit ihrem Recht zur Selbstverwaltung, der Freiheit von Lehre und Forschung und dem Privileg der Verleihung akademischer Grade.

Die akademische Wissensallmende geht somit einem besonderen Urheberschutz um fast 700 Jahre voraus. Gut 300 Jahre nach dessen Einführung wies der Wissenschaftssoziologe Robert Merton für die Wissenschaft fast alle Urheberrechte zurück, mit Ausnahme des Rechts auf Namensnennung. Unter den vier Säulen, auf die er 1942 die Ethik der Wissenschaft stellte, war „Kommunismus“ sicher die provokativste. Damit meint er ein gemeinschaftliches Eigentum an Wissensgütern: „Die Erkenntnisse der Wissenschaft sind Produkt der sozialen Kooperation und werden der Gemeinschaft zugewiesen. Der Anspruch des Wissenschaftlers auf ‚sein‘ geistiges ‚Eigentum‘ ist beschränkt auf Anerkennung und Wertschätzung. ... Newtons Bemerkung: ‚Wenn ich weiter gesehen habe, dann weil ich auf den Schultern von Riesen stand‘ drückt zugleich ein Gefühl aus, in der Schuld eines gemeinsamen Erbes zu stehen, wie eine Anerkennung der im Wesentlichen kooperativen und selektiv kumulativen Qualität der wissenschaftlichen Leistung.“

In genau diesem Geist ist das Internet – seine Protokolle, die soziale Struktur seiner Weiterentwicklung, seine Nutzungskulturen – von und für die Wissenschaft entwickelt worden. Auch Software war anfangs eine Zugabe zur Hardware, die von der Informatikergemeinschaft weiterentwickelt wurde. In den 1970ern bildete sich daraus ein eigenständiger Markt, und Software wurde in das Urheberrecht aufgenommen.
Gegen diese Schließung organisierten sich Informatiker, die sich der kooperativen und kumulativen Qualität von Software bewusst waren. Vorreiter war Richard Stallman, der 1983 am MIT das GNU-Projekt für eine freies Betriebssystem startete. Mit der GNU-General Public License (GPL) kodifizierte er die Regeln dieser Wissensallmende, ähnliche wie Merton, aber nicht als Ethik, sondern als urheberrechtliche Lizenz. Die Ressourceneinheiten – eine weitere Kopie von GNU/Linux – können frei entnommen und genutzt werden. Für den Erhalt des Ressourcensystems muss jedoch die Bereitschaft der Programmierer sichergestellt werden, weiter zur Entwicklung beizutragen. Die ist gefährdet, wenn freie Software proprietarisiert wird. Die GPL sichert daher die Nutzungsfreiheiten, schreibt aber auch vor, dass Modifikationen nur unter derselben Lizenz veröffentlich werden dürfen.

Paradigmenwechsel
Anhand der freien Software formulierte Yochai Benkler sein Konzept der „Allmende-basierten Peer-Produktion“. Zusammen mit Ostroms Arbeiten markiert Benklers Begriff einen Paradigmenwechsel, der sich seit Ende der 1990er durch eine Vielfalt von Praktiken des Teilens und Kooperierens manifestiert. Open Access in den Wissenschaften gehört ebenso dazu wie Wikipedia, die Entwicklung von Software und zunehmend von Hardware. Millionen kreativer Werke stehen unter einer Creative Commons Lizenz. Auf die Frage, wie frei zugängliche Werke bezahlt werden können, bietet Peer-Finanzierung eine neue Antwort. Die US-Plattform Kickstarter erwartet, 2012 mehr Geld zu mobilisieren als die öffentliche Kulturförderung in den USA. Nicht nur Geld, sondern materielle Ressourcen gehen durch Couch-Surfing und Car-Sharing in eine globale Allmende ein. Der „Commons Turn“ inspiriert nicht zuletzt immer mehr wissenschaftliche Disziplinen, nach Ursprung und Natur von Tauschen und Kooperation zu forschen. Jeremy Rifkin versucht in seinem neuesten Buch nichts weniger als eine „vollständige neue Interpretation der Zivilisationsgeschichte“ unter dem Leitmotiv der Empathie.

Das Urheberrecht ist kein Hindernis für die neue Generation von Allmendgenossen, solange sie die vereinbarten Regeln in Form von Freilizenzen ausdrücken können. Umgekehrt erscheint ihnen eine weitere Verschärfung von Rechten als abwegig, was Hunderttausende motiviert hat, gegen ACTA auf die Straße zu gehen. Ein aus Sicht der Allmende ideales Urheberrecht würde statt der entstehenden Artefakte den kreativen Prozess schützen und fördern. Doch der wichtigste Wandel findet nicht in Paragraphen, sondern in Köpfen statt. Der Commons-Turn gibt Hoffnung, dass es uns gelingt, die nicht rivale Ressource Wissen einzusetzen, um die Nutzung rivaler Naturressourcen nachhaltig zu machen. Ein weiteres Indiz für den Umbruch: Aktuell findet Google zu „Garrett Hardin“ 192.000 Treffer, zu „Elinor Ostrom“ 536.000.

Erschienen in Rotary Magazin 4/2012

Volker Grassmuck
Dr. Volker Grassmuck ist Publizist, Sozial- und Medienwissenschaftler. Zuletzt erschien „Freie Software. Zwischen Privat- und Gemeineigentum“ (BpB, Bundeszentrale für Politische Bildung 2004).

www.vgrass.de

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